Ach, was sind wir Angehörige der intellektuellen Mittelschicht doch alle so gesittet und diszipliniert! Anstand und Moral haben wir bereits mit der Muttermilch eingesogen und unsere humanistische Bildung hat ein Übriges getan.

Nein, Konkurrenzdenken oder gar Handgreiflichkeiten sind uns doch fremd.

Wenn es da nicht Situationen gäbe, in denen etwas aus uns heraus bricht, von dem wir gar nicht wussten, dass es in uns steckt. Da kann uns selbst der kategorische Imperativ zum Schläger machen.

 

 

 

 

Nichts als Worte

 

Du gehst in eine Gaststätte. Weil du keine Lust hast am Tresen zu stehen, erkundigst du dich bei dem Herrn nahe am Fenster, ob an seinem Tisch noch ein Platz frei ist. Eine überflüssige Frage. Natürlich ist er allein, das hast du gleich gesehen. Wäre es nicht so, du hättest ihn gar nicht erst gefragt. Der Mann nickt und weist einladend auf den Stuhl ihm gegenüber. Während du dich setzt, hebt er sein Weinglas vorsichtig an den Mund und nippt.

 

Du bestellst auch ein Glas Rotwein und siehst dich im Lokal um. Alle Tische sind besetzt, und an der Theke drängen sich viele Menschen. Die meisten Gäste sind Männer. An den Wänden hängen Stadtansichten. Der Wirt schwitzt und zapft das Bier auf zehn Gläser gleichzeitig. Der Kellner in seiner schwarzen Jacke schwitzt auch. Du sitzt in einem sauberen, gemütlichen Lokal.

 

Der Rotwein schmeckt säuerlich und ist wie immer zu warm, aber nach dem ersten Glas hast du dich daran gewöhnt. Der Herr an deinem Tisch hat inzwischen ein weiteres Viertel Wein bestellt. Auch er sieht sich gelangweilt um. Bald ist eine halbe Stunde vergangen, und eure Blicke haben sich mehrfach getroffen. Ihr habt euch zugelächelt und ab und an sogar zugeprostet. Als sich eure Füße unter dem Tisch zufällig berühren, murmelt ihr beide eine Entschuldigung.

 

Der andere ist dir nicht unsympathisch, und später kommt ihr sogar ins Gespräch. Ihr sprecht über die Gaststätte, den Wein, den ihr gerade trinkt und den Wein im Allgemeinen. Dann diskutiert ihr den letzten Winter und anschließend den Sommer davor. Nach abfälligen Bemerkungen über den örtlichen Fußballclub und die Arbeitsmarktlage beginnt ihr die Erörterung der Situation in der Welt generell. Dann folgt ein kurzer Diskurs über die aktuelle Regierungspolitik.

 

Keiner von euch hat Lust zu dem Gespräch oder interessiert sich gar für die Themen. Aber was soll man sonst machen? Man sitzt schließlich zusammen am gleichen Tisch, und beim Reden vergeht die Zeit.

 

Der Kellner erhält hin und wieder eine neue Bestellung. Trotz der fortgeschrittenen Stunde ist euch keine Trunkenheit anzumerken. Schließlich seid ihr angenehme Gäste, Menschen, die wissen, was sich gehört, die im Leben ihren Mann stehen.

 

Mit dem Fortgang der Unterhaltung werden die Gesprächsthemen schneller gewechselt, Meinungen ungeschützter vorgetragen. Das blaue Jackett und die Wildlederjacke hängen inzwischen über den Rücklehnen der Stühle. Die Ärmel sind aufgekrempelt.

 

Jetzt sind Informationen über euere beruflichen Stellungen an der Reihe. Wie anzunehmen war, seid ihr beide in eurem Wirkungskreis von Bedeutung.

Ihr seht euch als Menschen, die verkrustete gesellschaftliche Formen überwinden wollen, denen Gerechtigkeit am Herzen liegt. Beide betonen ihr, wie wichtig es ist, dass man lerne, sich zurückzunehmen und nicht die eigene überlegene Position auszuspielen. Ihr fordert, dass Irrtümer im täglichen Leben eingestanden und Affekte kontrolliert werden. Unterlegenheit sei keine Schande, betonen ihr. Ein neues Menschen­­­­­­­­bild gelte es anzustreben. Nicht länger sollten Stärke und Gewalt dominieren, statt dessen Verstehen, Helfen und sogar Mitleiden.

 

Ja, ihr findet euch sympathisch, stellt sogar Seelenverwandtschaft fest. Irgendwann bietet ihr euch das „Du" an.

 

Nun ist man auch bereit für einen zweiten Durchgang durch die Niederungen der Politik im speziellen und allgemeinen. Da man um die Zustimmung des Gegenübers weiß, werden jetzt die wirklichen Ansichten auf den Tisch gelegt. Kritik an der Regierung wird laut, Zweifel an der Zukunft der Menschheit geäußert. Es ist eine Minute vor Zwölf!

Beide sind sich einig in der Empörung über den Umgang mit Minderheiten, über gelebte Unmenschlichkeit gegenüber Fremden. Die allgemeine Aggression wird angeprangert, das gängige Freund‑Feind‑Denken analysiert. Das übrige Lokal hat inzwischen längst nur noch Hintergrundkulisse. Lediglich der schwarzberockte Kellner dringt noch hin und wieder mit einem neuen Glas Rotwein in den Dunstkreis der Disputanten ein.

 

Die beiden Männer sind inzwischen bei den Lösungsmöglichkeiten für all die aufgeworfenen Fragen angekommen und sammeln Vorschläge. Die befreiende Wirkung der Vernunft wird betont, christliche Ethik beschworen. Schließlich fasst von beiden zusammen: „Im Prinzip ist alles ganz einfach! Alle Menschen sollten sich an den Spruch halten, den schon meine Großmutter uns Kindern sagte: Was du nicht willst, das man dir tut, das füg' auch keinem andern zu!"

 

Der andere nickt andächtig und bekräftigt dann: „Wer andern eine Grube gräbt, fällt selbst hinein."

 

Er ist ein wenig froh, nicht hinter der Spruchweisheit des neuen Duzfreundes zurückstehen zu müssen. Doch der hat inzwischen erneut ausgeholt und stellt in den Raum: „Wie man in den Wald hineinruft, so schallt es zurück."

 

Da kann der zweite nur ein wenig kläglich kontern mit: „Wie du mir, so ich dir!"

 

Damit aber ist es nicht ausgestanden, denn der erste setzt noch obendrauf: „Wer Wind sät, wird Sturm ernten."

 

Die folgende Pause ist drückend. Das breite Grinsen dessen, der das letzte Wort hatte, verrät Triumph. Der Tischnachbar trommelt nervös mit den Fingern auf die polierte Tischplatte. Augenblicke ziehen sich zur Ewigkeit.

 

Endlich entspannen sich die Züge des Schweigsamen und aufatmend sagt er: „Wer das Schwert zieht, wird durch das Schwert umkommen."

 

Nun fällt ein Schatten auf das Gesicht des bisherigen Siegers. Zu früh hat er sich gefreut. Es gilt mehr denn je, eine Entgegnung zu finden, die den vorlauten Wichtigtuer in Grund und Boden stampft. Seine Ehre steht auf dem Spiel. Wieder einmal schleicht die Zeit unerbittlich dahin. Das Schweigen wird unerträglich.

 

Da endlich stammelt er: „Wenn dich einer auf die eine Backe schlägt, so halte ihm auch die andere hin."

 

Natürlich ist er sich im Klaren, dass das Bibelzitat nicht genau passt. Aber was soll's, denkt er sich, es verhilft zum letzten Wort. Es ist schließlich gleichgültig, womit eine Schlacht gewonnen wird, ausschlaggebend ist allein der Sieg.

Aber leider währt die Freude nicht lang, und das ekelhafte Grinsen im Gesicht des Gegners verschwindet nur für kurze Zeit. Denn dieser hat die Bedenkzeit genutzt und sich eine letzte, eine tödliche Waffe zurechtgelegt. Sie wird seinen Feind in die Knie zwingen, die bedingungslose Kapitulation unvermeidlich machen.

 

Ganz ruhig, jedes Wort betonend, sagt er: „Handle so, dass die Maxime deines Willens jederzeit zugleich als Prinzip einer allgemeinen Gesetzgebung gelten könne."

 

Noch bevor ihm die Worte auf der Zunge zergangen sind, und er sich befriedigt und selbstherrlich zurücklehnen kann, trifft ihn ein Faustschlag mitten ins Gesicht und wirft ihn vom Stuhl.

 

Der Worte sind genug gewechselt!