Dies ist eine Geschichte von einem gütigen Herrscher, der für sein Volk
nur das Beste will. Die zentrale Idee hat mir dabei Heinrich IV geliefert, der
wohl beliebtesten König der Franzosen. Er soll gesagt haben: „Wenn mir Gott zu leben erlaubt, werde ich dafür sorgen, dass es in meinem
Land keinen Bauern gibt, der sonntags nicht sein Huhn im Topf hat!" ("Si Dieu me prête
vie, je ferai qu’il n’y aura point de laboureur en mon royaume qui n’ait
les moyens d’avoir le dimanche une poule
dans son pot!")
Er wird von den Historikern durchaus als Reformer und weitsichtiger
Herrscher gerühmt. Vielleicht, weil ihm der Plan mit dem Huhn nicht so ganz
gelungen ist?
Der König in dieser Geschichte übertreibt es aber auch: Er verordnet
seinem Volk nämlich täglich das berühmte Huhn im Topf. Aber vielleicht braucht
man einen derart konsequenten Herrscher damit die Verführbarkeit der Völker
und die Entstehung des Kapitalismus aus der Gunst der Stunde ein wenig
deutlicher werden.
Das Märchen vom Volk, dem König
und dem Huhn im Topf
Es war einmal ein Volk, dem ging es zu Zeiten besser und
zu anderen Zeiten schlechter. An vielen Tagen im Jahr hatte es nur Grütze zu
essen, aber manchmal gab es auch ein fettes Huhn, oder es stand, wenn die Jäger
erfolgreich waren und man bei Hofe nicht alles Fleisch brauchte, ein
schmackhafter Wildbraten, gespickt mit weißem Speck auf dem Tisch.
Da waren aber auch Zeiten, in denen Schmalhans als
Küchenmeister regierte. Dann ging man in den Wald, um Beeren zu suchen und
freute sich über eine große fette Kohlrübe, die noch irgendwo verlassen und
vergessen auf einem Feld stand. Sie wurde mit Sorgfalt gekocht und auf mehrere
Tage verteilt.
Doch die Zeiten des Darbens gingen auch wieder vorüber,
und die Menschen hatten darüber ihre Fröhlichkeit nicht verloren. Weil man den
Hunger kannte, wusste man einen gedeckten Tisch umso mehr zu schätzen.
Im Feiern waren alle ganz groß. Wenn die Musik zum Tanz
aufspielte, drehten sich die Mädchen, dass die Röcke flogen, und die Burschen
hüpften, dass es eine Freude war. Alt und Jung schmauste, und schon allein das
Zusehen war eine Lust.
Die Frauen galten landauf und landab als besonders gute
Köchinnen. Sie wälzten die Täubchen in Honig und spickten die Hühner vor dem
Braten mit süßen Mandeln. Für die Forellen gab es einen wohlschmeckenden und
gut riechenden Sud aus Kräutern, bei dem sich besonders die Pfefferminze
hervortat. Getrunken wurde Hollunder‑ und
Erdbeerwein, Limonade und gegorene Ziegenmilch.
Das Volk hatte auch einen König. Der lebte in einem
Schloss, umgeben von seinen Hofleuten.
Mit seinem Volk hatte der König nur wenig zu tun. Er
wusste, dass es da war, und das genügte ihm. Zwar war er sehr stolz auf sein
Volk, aber den Umgang mit ihm überließ er lieber seinen Hofleuten, den Beamten
und Ministern. Die sagten ihm, was das Volk dachte, wollte und brauchte.
Der König fuhr auch manchmal zu seinem Volk. Er saß dann
in der goldenen Staatskarosse, die von acht Pferden gezogen wurde, und winkte
seinen Untertanen huldvoll zu. Die standen am Straßenrand, verbeugten sich und
jubilierten. Wenn er von einer solchen Ausfahrt zurückkam, fragte sich der König
im Stillen oft, ob es wohl noch einen anderen Herrscher gab, der sich so treu
wie er um sein Volk bemühte, und der dafür so heiß geliebt wurde?
Eines Tages saß der König an der Mittagstafel. Er hatte
bereits die gerösteten Taubenaugen und den Salat aus Nachtigallenzungen hinter
sich und freute sich auf die dritte Vorspeise, kandierten Auerhahn.
Plötzlich erhob sich wütendes Gezeter auf dem Hof.
„Du Diebin", scholl es durch das offene Fenster und
„du Verbrecherin".
Gewöhnlich hörte der König nicht auf solch gewöhnliche Worte
und nichts hasste er mehr, als Probleme zur Essenszeit. Deshalb versuchte er anfangs,
das Geschrei zu überhören. Doch der nächste Gang ließ auf sich warten, und der
erste Hunger war bereits gestillt, und auch das beste Essen verträgt hin und
wieder eine kleine Abwechslung. Deshalb lehnte er sich zurück, rülpste ein
wenig und spitzte die Ohren. Und was musste er da hören?
„Erbarmen, Erbarmen, so habt doch Erbarmen!" schrie
eine zarte Mädchenstimme.
Sie klang so flehentlich, dass es dem König richtig warm
ums Herz wurde.
Sein Haushofmeister aber antwortete barsch: „Mit frechen
Dieben machen wir kurzen Prozess. An den Galgen mit dir!"
Der König war ganz und gar nicht gegen das Hängen
eingestellt. Moral muss sein, sagte er immer, und das Aufhängen von Missetätern
hat der Moral noch nie geschadet. Ganz im Gegenteil, es führt andere, die im
Herzen Untaten begehen wollen, auf den rechten Weg. Aufhängen war also zum
Besten aller. So gesehen war der Galgen sogar eine moralische Institution.
Aber im Augenblick befand sich der König in einer milden
Stimmung, und drakonische Strafen belasteten sein gutmütiges Herz. Nein,
Aufhängen passte einfach nicht zu einem guten Essen. Das war degoutant.
Ärgerlich winkte er einem Pagen und befahl ihm, sich um
den Lärm zu kümmern, der inzwischen an Lautstärke noch beträchtlich zugenommen
hatte. Der Page kam voller Eifer zurück und berichtete, man habe ein junges
Mädchen beim Stehlen erwischt. In seiner Schürze wären ein paar von den runden
Knollen versteckt gewesen, die Forschungsreisende aus Amerika mitgebracht
hätten.
Der Haushofmeister vertrete die Auffassung, gestohlen sei
gestohlen. Am Hofe des hohen Herrn könne man keine Diebe dulden. Deshalb werde
das junge Ding eingesperrt und am nächsten Tag in aller Früh zum Galgen
geführt. Der König war mit der Auskunft zufrieden und wollte sich dem Auerhahn
zuwenden, den die Diener gerade hereinbrachten.
Doch welche Ungehörigkeit! Das Mädchen schrie schon
wieder „Erbarmen!", und diesmal klang es noch flehentlicher, aber
gleichzeitig auch süßer als zuvor.
Neugierde erfüllte das Herz des Königs. Er wollte das
Geschöpf, das zu dieser Stimme gehörte, sehen. Deshalb ließ er alle Beteiligten
der Schandtat zu sich rufen, bevor er den Auerhahn mit einem Ruck seiner gepflegten
Hände auseinanderbrach.
Das Mädchen, das bald darauf in den prächtigen
Speisesaal gezerrt wurde, war barfuss und in Lumpen gekleidet. Es schluchzte
jämmerlich und warf sich vor dem reich gedeckten Tisch auf den Boden.
Der Haushofmeister hatte das helle, lange Haar seiner
Gefangenen wie einen Strick um seine Hand geschlungen und zog, während er
sprach, wie um seine Worte zu unterstreichen, kräftig daran. Dann flog jedes
Mal der Kopf des Mädchens zurück und die Augen traten ihr aus den Höhlen.
Kartoffeln habe das unverschämte Ding gestohlen, erklärte
der Bediente auf einen Wink seines Herrn. Zwar seien diese hässlichen Knollen
nichts wert und so gut wie ungenießbar, nur die Säue hätten ihre Freude an
ihnen, aber auch die Kartoffeln gehörten schließlich dem durchlauchtigsten und
erhabensten Herrscher, deshalb dürfe sich keine Bauerngöre an ihnen vergreifen.
Der Haushofmeister hatte recht und der König nickte
bekräftigend.
Das Mädchen wurde nun barsch gefragt, was es zu seiner
Verteidigung vorzubringen habe. Anfangs konnte es nicht antworten, sondern
schluchzte still vor sich hin.
„Warum hast du gestohlen?" wurde drohend wiederholt.
Die Gefangene wimmerte.
„Wenn du nicht reden willst, so müssen wir dich peinlich
befragen."
Bei der Androhung der Folter warf sich die Kleine wieder
auf den Boden, rang die Hände und rief kläglich: „So habt doch Mitleid mit
meiner armen Seele!"
Doch sie bekam barsch zu hören: „Dann rede!"
Daraufhin stammelte das Mädchen: „Aber wir haben doch
Hunger."
Dieser Unsinn konnte natürlich nur eine Lüge sein, das
wusste der König. In seinem Land hungerte kein Mensch. Schließlich hungerte er
selbst auch nicht. Lügen langweilten den Herrscher. Er befahl deshalb mit
einem Fingerzeig, die Gefangene abzuführen. Er war wirklich ein gutmütiger
Mensch, doch es grenzte schon an Majestätsbeleidigung, ihn mit haarsträubenden
Unwahrheiten beim Essen zu stören.
Als das junge Ding merkte, dass alles verloren war,
schrie es voller Verzweiflung. Der raue Haushofmeister riss wütend an dem
zarten Haar, der kleine Kopf flog zurück, und in diesem Moment blitzten in dem
verschmierten Gesicht zwei strahlend blaue Augen auf.
Der König sah nicht mehr die zerlumpten Kleider, die
nackten, schmutzigen Füße. Er beachtete nicht mehr den vor Zorn schnaubenden Haushofmeister,
ihn interessierten nicht einmal mehr der herrliche Auerhahn und die köstlichen
Soßen. Er blickte nur noch in die hellen Augen, und die Gestalt vor ihm
verwandelte sich wie durch Zauberkraft.
Das gelbe, strähnige Haar, das um die Hand seines Büttels
gewickelt war, verwandelte sich in goldenes Geflecht. Die schmutzige Haut wurde
zart und milchig‑weiß und hätte einer Königin wohl angestanden. Eine
entzückende Stupsnase ragte aus dem hilflosen Gesichtchen und wurde umrahmt von
Sommersprossen, die wie Sterne blitzten.
Erregt rief der König, man möge dieses wunderbare
Geschöpf sofort loslassen und klatschte in die Hände, um den Schinder, der
dieses zarte Wesen quälte, zu verjagen. Dieser starrte seinen wild
gestikulierenden Herrn verwirrt an und lief dann ängstlich aus dem Zimmer. Der
König winkte nun seinem Gast. Das Mädchen rutschte zögernd und schüchtern auf
den Knien näher. Das genügte dem Mann aber nicht. Er winkte und winkte und
schließlich hatte die Kleine den Tisch erreicht und schielte furchtsam über die
Kante.
„Wie heißt du denn?" flüsterte der gütige König.
„Ich bin die Froni,
Majestät", war die Antwort.
„Und warum hast du wirklich gestohlen?"
„Weil ich Hunger habe, und weil die Meuder
Hunger hat, und der Knan hungert, und der kleine Simpl auch."
„Aber wenn ihr alle Hunger habt", fragte der König
erstaunt und ungläubig, „warum esst ihr dann nicht?"
„Wir haben doch nichts zum Essen!"
In diesem Augenblick erinnerte sich der König seines
edlen Vogels, der allmählich kalt zu werden drohte.
Er riss mit seinen kühlen, gepflegten Händen einen
zweiten Schenkel ab und fuhr auf beiden Backen kauend fort: „Ihr müsst ja
nicht gleich so etwas Edles wie einen Goldfasan essen. Ein Hühnchen werdet
ihr doch haben. Wenn euch ein Hühnchen aber nicht gut genug ist, dann dürft ihr
euch nicht bei mir beschweren."
Leise kam darauf die Antwort: „Wir haben kein Huhn, wir
haben kein Brot. Wir finden nicht einmal mehr Bucheckern im Wald, die wir essen
könnten."
Dem König blieb der Bissen im Hals stecken. Er spuckte
ihn quer durch den prächtigen Speisesaal, wo er auf dem leuchtenden Seidenteppich,
der mit echten Goldfäden durchwirkt war, liegen blieb.
Dann schrie er auf: „In meinem Reich hungert niemand!
Derartige Lügen dulde ich nicht in meinem Palast! Henker! Wo ist der Henker?
Schafft die Göre fort! Hängt die dreiste Lügnerin auf! Wachen! Henker!"
Die Froni kauerte sich noch
ängstlicher zusammen und Tränen schossen ihr wieder in die Augen. Sie konnte
sich nicht bewegen, sondern starrte nur den fürchterlichen König an. Ganz
leise wimmerte sie in sich hinein und ergab sich ihrem Schicksal.
Der Mann aber, der ihr Schicksal war, hatte wieder ihre
Augen gesehen und den Henker sofort aus dem Zimmer gescheucht. Das strahlende
Blau hatte ihn gnädig gestimmt. Nun glaubte er beinahe seinem jungen Gast.
In seiner Stimme war Mitleid, als er fragte: „Warum
habt ihr denn nichts zu essen?"
„Die Ernten der letzten Jahre waren schlecht, und die
Steuereintreiber sind unerbittlich. Mein Knan sagt
immer, wenn sie von uns nichts mehr holen können, dann werden sie uns selber
nehmen."
„Sage doch nicht solch einen Unsinn!" sagte der
König mild und fuhr fort: „Sonst seid ihr doch immer fröhlich und guter Dinge.
Ihr tanzt und singt, dass es eine Freude ist. Warum habt ihr euch so geändert
und macht mir Kummer?"
„Wir wollen ja auch lustig sein, wie es sich für ein
braves Volk gehört. Aber der Hunger hält uns davon ab."
„Das muss anders werden", rief da der gute
Herrscher. „Ihr sollt nicht mehr hungern, sondern tanzen und singen."
Voller Triumph schwenkte er seinen Fasan durch die Luft.
„Ich befehle, dass in jedem Haus meines Volkes jeden Tag
ein Huhn auf dem Tisch steht."
Schreiber und Minister wurden alsbald gerufen und in
Kürze war der königliche Wille aktenkundig. Ins ganze Land wurden Boten gesandt
und verkündigten die frohe Botschaft, die allem Volke widerfahren sollte.
Jubel erhob sich von Haus zu Haus, von Dorf zu Dorf und
von Stadt zu Stadt. Hastig wurden Feste vorbereitet und der verständnisvolle
und gütige Herrscher gepriesen. Dankgottesdienste fanden statt, Dichter
schrieben Gedichte auf den großen König und Steinmetzen machten sich ans Werk,
seine edle Gestalt noch einmal in Marmor zu verewigen.
Der Gepriesene kümmerte sich aber nicht weiter um die
Beifallsstürme. Er winkte den ihn umbrausenden Dank bescheiden mit seinen
zarten Händen ab. Dann ließ er die süße Froni baden,
mit duftendem Öl salben und zog sich mit ihr in seine Gemächer zurück.
Monate waren seit diesem denkwürdigen Tag ins Land
gegangen, und wirklich stand, getreu dem königlichen Willen, in jedem Haus jeden
Tag ein Huhn auf dem Tisch.
Um die vielen Hühner, die dazu nötig waren, zu züchten,
hatte man die ganze Landwirtschaft umstellen müssen. Riesige Hühnerfarmen waren
aus dem Boden gestampft worden. Alle wirtschaftlichen Kräfte wurden auf die
große Aufgabe konzentriert.
Die Schweine‑ und Rinderzucht war verboten worden,
denn in dieser historischen Situation von entscheidender Tragweite konnte man
keine Verzettelung der volkswirtschaftlichen Kräfte zulassen.
Im ganzen Land, wo man stand und ging, hörte man das
Gegacker von Hühnern und das Krähen stolzer Hähne. Das Königreich war über
Nacht ein Hühnerreich geworden.
Die Hühner hatten aber nicht nur den Hunger im Land
gestillt, sondern auch Glück gebracht. Im ganzen Jahr hatte es kein Unwetter
gegeben, und der Herbst brachte eine gute Ernte. Auf den Äckern standen der
Weizen und die Gerste in Fülle. Aber kein Korn wurde gemahlen und kein Brot
gebacken. Man brauchte alles Getreide, um die ungeheure Menge Hühner zu
füttern. Für Müller und Bäcker brachen schwere Zeiten an. Es gab für sie keine
Arbeit, und ohne das tägliche Gratishuhn hätten sie verhungern müssen.
Einen ungeheuren Aufschwung nahm die Zunft der
Hühnerschlachter. Sie stellten jeden Tag neue Leute ein, bauten immer größere
Hallen und schlachteten immer mehr Hühner und verdienten immer mehr Geld.
Dieses Geld wollten sie natürlich auch ausgeben.
Zuerst kauften alle Hühnerschlachter Kutschen, die mit
Silber beschlagen waren, dann welche mit Gold und schließlich fuhren sie alle
mit Diamanten besetzten Wagen durch die Gegend. Ihre Häuser waren bald
prachtvolle Paläste, und ihre Frauen trugen den Pelz seltener Tiere aus fernen
Ländern. Störend empfanden sie nur das tägliche Huhn auf dem Tisch. Sie, die
sich alle Leckerbissen dieser Erde hätten leisten können, bekamen täglich ihre
eigenen Hühner serviert und mussten sie auch noch essen. Aber sie nahmen es
hin. Der Befehl des Königs war schließlich die Quelle ihres Wohlstands.
Wenn aber alle Bürger ihr Huhn täglich umsonst bekamen,
wer bezahlte dann den Reichtum der Hühnerschlachter? Wer bezahlte all die
Hühner, die gegessen wurden? Wer bezahlte das Korn, das die Hühner fraßen? Wer
bezahlte die Fuhrleute, die die Hühner durch das Land fuhren? Von wem bekamen
die Hühnerärzte ihr Geld? Wer gab den Hühnerhändler, die für die Verteilung des
Gratisessens sorgten, ihren Lohn?
Die Steuern, von denen man das alles hätte bezahlen
können, wurden täglich weniger. Durch die Hühner verloren viele Menschen ihre
Arbeit, und andere wollten wegen der kostenlosen Ernährung nicht mehr arbeiten.
Die Lage wurde immer ernster.
Man darf auch den König nicht vergessen. Der wollte
natürlich weiterhin seine Fasane, Rebhühner und Tauben, seine Hirsche und Rehe
und nicht zuletzt sein Rinderfilet essen. Man muss nämlich wissen, dass für
Könige die eigenen Gesetze nicht gelten. Sie gehören schließlich nicht zum
Volk, für das die herrschaftlichen Verordnungen gemacht werden.
Die Jäger, die das Wildbret für die königliche Tafel in
den königlichen Wäldern erlegten, wollten ihren Lohn. Das Gleiche forderten die
Hirten für ihre Arbeit auf den königlichen Weiden und die königlichen Händler,
die durch alle Lande streiften, immer auf der Suche nach neuen Leckerbissen.
Dann wollte Ihre Majestät noch einen neuen Pavillon im
königlichen Park für seine Froni bauen.
Wer sollte die Kosten tragen? Die Schatzkammern hatten
sich durch die Hühnerzucht im Lande rasch geleert.
Zum Glück war einer im Reich, der sich über diese
wichtigen Dinge Gedanken machte und an das Allgemeinwohl dachte: der königliche
Schatzmeister.
Der war zwar nicht glücklich über den Hühnerbefehl seines
Herrn, aber nach drei schlaflosen Nächten hatte er die Lösung gefunden. Er rief
vertrauenswürdige Landeskinder zu sich. Leute, für die eine Stellung bei Hofe
das höchste Ziel war. Sie unterwies der kluge Schatzmeister im Geldprägen. Er
sagte sich nämlich, wenn Geld gebraucht wird, so muss man es eben erzeugen.
Natürlich verwendeten sie für die neuen Münzen nur Eisen und Blei und sparten
das Gold und das Silber für andere königliche Zwecke.
Tag und Nacht wurde nun in der königlichen Münze
gearbeitet. Die Männer schlugen und schlugen, und ein Strom neuen Geldes
übergoss das Land. Das Volk wurde aufgerufen, die alte Gold‑ und
Silberwährung gegen das neue Zahlungsmittel umzutauschen. Und weil diese Aufforderung
nur sehr zögernd befolgt wurde, währte es nicht lange und ein neues Dekret
verbot den Besitz von Edelmetall und stellte ihn unter Strafe. Die Bevölkerung
musste das gute alte Geld abgeben, und die Schatzkammern füllten sich wieder.
Das neue Geld aber war wenig wert und keiner wollte etwas Ordentliches dafür
geben. Im Ausland konnte man schon gar nicht damit einkaufen. Reisende, die
dort mit dem neuen Geld zahlen wollten, wurden nur ausgelacht.
Und doch war damit das Problem des fehlenden Geldes
gelöst, und man war wieder zufrieden, nur die Hühnerschlachter nicht. Ihr
Schatz an wertlosem Blei und Eisen wurde zwar von Tag zu Tag größer, aber neue
Kutschen konnten sie dafür keine kaufen, und ihre Frauen bestellten im Ausland
vergeblich Geschmeide und Pelze. Die Hühnerschlachter fühlten sich deshalb um
den gerechten Lohn ihrer Arbeit betrogen.
Die erfolgreiche Sanierung der Staatsfinanzen währte
leider nicht lange. Der König dachte nämlich nicht ans Einschränken. Immer neue
Delikatessen wurden im Ausland gekauft und einen Lustpavillon und einen
Seerosenteich und einen Wintergarten nach dem anderen ließ er für Froni bauen. Außerdem kaufte er ihr noch viele Kleider und
eine große, goldene Kutsche, mit der sie gemeinsam weite Reisen in ferne Länder
unternahm.
Die Schatzkammern waren deshalb bald wieder leer, und der
Schatzmeister hatte wieder drei schlaflose Nächte. Am Morgen des dritten Tages
fand er die Lösung. Er schickte Boten zu den umliegenden Königen mit dem
Auftrag zu verhandeln. Gehandelt wurde um Landeskinder und schließlich, nach
langem Feilschen, erreichten sie einen guten Preis. Für hundert Köpfe erhielt
der König jeweils 50 Dukaten.
Der König lobte seinen weisen Schatzmeister und verlieh
ihm einen Orden. Dieser hatte mit seinen Verhandlungen sogar zwei Ziele
erreicht: Geld floss wieder in die Schatzkammern des Königs, und die hungrigen
Mäuler im Land wurden weniger.
Ein königlicher Wunsch ist ein Befehl, ja sogar eine Art
Naturgesetz, und ein König muss darauf achten, dass diese seine Befehle auch
befolgt werden. Er darf keine Nachlässigkeiten einreißen lassen, denn stets wäre
dies der Anfang vom Ende. Unser König machte deshalb von Zeit zu Zeit
Inspektionsfahrten durch sein Königreich und prüfte nach, ob auch in jedem Haus
ein Huhn auf dem Tisch stand. Wurden ihm dabei von der dankbaren Bevölkerung
die Hände geküsst, so war er es zufrieden und schenkte Froni
noch ein goldenes Armband.
Im eigenen Land war er also geehrt und geliebt, aber in
den anderen Ländern neidete man ihm die Zuneigung seines Volkes. An den angrenzenden
Königshöfen riss man Witze über ihn und nannte ihn den Hühnerkönig. Unser König
wusste zum Glück nichts von soviel Bosheit, denn sein Hofgesinde hielt
derartige abscheuliche Nachrichten von ihm fern.
Jahre gingen ins Land, und jeden Tag gab es in jedem Haus
ein Huhn auf dem Tisch. Der König war inzwischen auf einer langen Reise durch
die Welt und kaufte Froni in jeder Stadt, durch die
sie kamen, ein Kleid. Die Sache mit den Hühnern hatte er längst vergessen. Wer
denkt schon an Hühner, wenn er die Pyramiden oder die chinesische Mauer sieht!
Seine Untertanen aber konnten inzwischen keine Hühner
mehr sehen. Schon der Geruch von gekochtem oder gebratenem Federvieh verbreitete
im ganzen Land Übelkeit. Dennoch achteten die Beamten des Hofes sorgsam darauf,
dass täglich Hühner serviert wurden. Sie hatten die Anzahl der Polizisten
verdoppelt und ließen jeden Tag die Mahlzeiten kontrollieren. Wehe, wenn ein
Büttel jemanden erwischte, der keine Hühner essen wollte! Dies war eine
Subordination, eine Missachtung der Gnade des allergnädigsten Königs.
In ihrer Not erprobten die Leute allerlei
Hühnerkochrezepte. Die Hühner wurden gespickt und mariniert, sie wurden
kandiert und paniert, und einige Mutige aßen sie sogar mit süßer Schlagsahne.
Aber Huhn bleibt eben Huhn, und auch die beste Speise hängt einem, wenn man sie
täglich essen muss, zum Halse heraus. Andere Lebensmittel wiederum konnte
keiner kaufen, so war die Lage aussichtslos.
Die Leute sammelten heimlich Bucheckern in den Wäldern
und vergruben dafür die gebratenen Hühner bei dunkler Nacht im Garten, obwohl
dies ein Staatsverbrechen war und mit dem Tode
bestraft wurde. Das Wort „Huhn“ geriet allmählich zum Schimpfwort und hat sich
als solches bis auf den heutigen Tag erhalten.
Das Volk, das einst so fröhlich und zufrieden war, das
stets lachte und tanzte und sogar Hungerzeiten ergeben hinnahm, dieses Volk ächzte
unter der Last der Hühner. Die Empörung wurde immer größer, eine Revolte bahnte
sich an. Mochte der König doch machen, was er wollte, mochte er sie alle
verkaufen oder aufhängen lassen, wenn er nur den Hühnerfluch von ihnen nahm!
Aber genau dies konnte er nicht, schon allein deshalb, weil er gar nicht da
war.
Die Polizei musste immer schärfer durchgreifen und blieb
doch erfolglos. In den Nächten wurden Hühnerschlachtereien angezündet. Das
Federvieh wurde getreten, wo man es traf. Dies war natürlich ungerecht, denn
was konnten die armen Hühner dafür, dass sie keiner mehr essen wollte? Am
meisten aber hasste man die Hühnerschlachter. Keiner von denen wagte sich noch
ohne eine starke Leibwache vor die Haustür. So konnte es nicht weitergehen!
Da kam eines Tages ein junger Königssohn aus einem weit
entfernten Land. Ursprünglich nur auf der Durchreise hatte er seinen Aufenthalt
verlängert, weil er so gerne Hähnchen aß.
Unser Prinz freute sich über die kostenlosen Hühner und
schlug sich Tag für Tag den Magen voll. Er war so mit Essen beschäftigt, dass
er lange Zeit nicht merkte, welche ein Groll in den Menschen um ihn war.
Eines Tages aber, er ging ruhigen Schrittes
irgendeine Straße entlang, hörte er durch das offene Fenster irgendeines Hauses
eine Frauenstimme. Schrill und hart klang es auf die Gasse: „Wenn du nicht folgst.
dann musst du heute dein Hähnchen essen!"
Da schallte ein markerschütterndes und steinerweichendes
Geheul aus dem Haus. Die fürchterliche Drohung hatte bei dem Kind ihre Wirkung
nicht verfehlt.
Dies war für den Studiosus ein Schlüsselerlebnis.
Er achtete von nun an mehr auf seine Umgebung. Dabei musste er entsetzt
feststellen, dass alle Menschen um ihn herum einen großen Ekel vor Hühnern
hatten. Das Paradies, in dem er zu leben glaubte, war doch nicht so fleckenlos.
Sein Interesse war erwacht. Er fragte nach und erfuhr die ganze tragische
Geschichte. Da er ein gutmütiger Königssohn war, dauerten ihn die Leute in diesem
Königreich und er beschloss ihnen zu helfen.
Der Studiosus grübelte und grübelte. Bei all dem
Grübeln verging ihm sogar der Appetit auf Hähnchen. Er dachte daran, die
überschüssigen Hühner ins Ausland zu exportieren und an ihrer Stelle
Runkelrüben einzuführen. Aber diesem Plan stand das Verdikt des Königs
entgegen. Er zog Radikallösungen ins Kalkül, wie zum Beispiel alle Hühner mit
Hühnerpest zu infizieren, und verwarf sie wieder. Je mehr er nachdachte, desto
mehr wurde ihm bewusst, dass die Wirtschaft des ganzen Landes völlig auf die
Hühner abgestellt war, und der Ausfall dieses einzigen Produktionszweiges ein
unermessliches wirtschaftliches Chaos heraufbeschworen hätte. Der Königssohn
sah deshalb nur zwei Alternativen: entweder man aß weiter Hühner, obwohl sie
allen zum Hals heraushingen, oder man nahm den Untergang von Gesellschaft und
Staat in Kauf.
Selbstverständlich gab es noch eine dritte Möglichkeit:
Man wartete, bis alle Landeskinder an andere Königreiche verkauft waren. Dort bekamen
die Menschen zumindest keine Hühner zu essen. Aber was ist schon ein
Königreich, in dem es keine Landeskinder sondern nur Hühner und Beamte gibt?
Der Studiosus verwarf diesen Plan.
Weil ihm nun gar nichts mehr einfiel, beschloss der
Prinz, den Urheber der Hühnerplage aufzusuchen und um Abhilfe zu bitten. Er packte
sein Ränzel, steckte sich viele gebratene Hähnchen in den Sack und machte sich
auf den Weg.
Unterwegs im Wald traf er eine alte Frau und dann ein
verwunschenes Reh. Beiden gab er ein Hähnchen ab. Als er den gläsernen Berg
überquert hatte, stand da ein zerlumpter Mann und begehrte ein Huhn, das er
natürlich auch bekam. Bald war so der ganze Reiseproviant aufgebraucht.
Unser Held musste jedoch keinen Hunger leiden, denn seine
Reise führte ihn zu dem Kuchenberg, der das Schlaraffenland umgibt. Nachdem er
sich da hindurch gegessen hatte, ließ er sich gebratene Tauben so lange in den
Mund fliegen, bis er sich an den feinen Knöchelchen beinahe verschluckt hätte.
So vermisste er seine Hähnchen nicht. Seinen Durst aber löschte mit dem kühlen
Wein aus den Flüssen. Endlich hatte er sich auf der anderen Seite aus dem
Schlaraffenland wieder heraus gegessen, war gesättigt und konnte die Suche nach
dem König fortsetzen.
Wenn er dabei nicht mehr weiter wusste, fragte der
Prinz die Schneekönigin und manchmal einen Furcht erregenden Troll mit drei
Köpfen, und selbst Herzeleide gab ihm Auskunft. Der Held wanderte entlang an
Seen, Flüssen und Meeren. Er schlief am Herz der Welt unter den Gebirgen und in
den Spiegelsälen der Zwerge.
Lange Zeit später, sein Haar wurde schon grau, fand er
den König in Rom. Ärgerlich schalt sich der Prinz, warum er sich nicht schon
früher in die heilige Stadt aufgemacht hatte. Er hätte doch wissen müssen, dass
alle Wege nach Rom führen und man deshalb dort auch jeden treffen kann, den man
suche. Er hätte besser zuerst in Rom nachgesehen, bevor er durch die ganze Welt
gelaufen war!
Der König saß mit Froni
an einem kleinen Tisch in einem Straßencafe auf der Via Appia und schlürfte
einen Capuccino. Höflich stellte sich der Studiosus vor und nahm auf einen Wink
des Königs artig Platz. Ohne lange Umschweife begann er das Gespräch mit dem Hinweis,
dass er direkt aus dem Königreich seiner Majestät komme.
„Mein Gott", erinnerte sich da der König, „ich bin
ja König! Wie steht es denn in meinem Königreich? Ist alles bestens?"
„Prinzipiell kann man nicht klagen. Wenn nur die Hühner
nicht wären."
„Welche Hühner? Es wird doch nichts Ernstes sein?"
„Das Volk will eben keine Hühner mehr essen!"
„Dann soll das Volk dies sein lassen. Wer zwingt denn das
Volk dazu, Hühner zu essen, die es nicht mag?"
„Euer kluger Ratschluss, Majestät."
„Wie kann ich die Leute zwingen, Hühner zu essen, wenn
ich hier friedlich auf der Via Appia sitze und sogar vergessen habe, dass ich
überhaupt König bin?"
Nun erzählte der Studiosus die ganze Geschichte, und Froni bekam große Augen. Der König aber sagte nur lakonisch:
„Wenn ich wieder in meinem Reich bin, werde ich den ganzen Hofstaat aufhängen
lassen.“
Er machte eine kurze Pause und überlegte. Dann fuhr
er fort, während er sich bequem zurücklehnte, dass ihm die ganze Geschichte,
wenn er ehrlich sein sollte, völlig gleichgültig sei. Wer je den Petersdom
gesehen habe und den Koloss von Rhodos und die hängenden Gärten der Semiramis und die Golden Gate Bridge, der könne für Hühner
kein Interesse mehr aufbringen. Mögen sich doch seine Untertanen darob die
Köpfe einschlagen. Er jedenfalls werde sich nicht mehr in derartig banale
Niederungen ziehen lassen.
Dies war klug gesprochen. Der Studiosus nickte auch
bedächtig. Solchen überzeugenden Argumenten hatte er natürlich nichts entgegenzusetzen.
Aber dann erinnerte er an die Gefahr einer Revolution in der Heimat. Diese
würde bedeuten, dass der König kein Geld mehr erhielte. Wovon sollte er dann
leben und seiner Froni Schmuck kaufen? Schließlich
hatte er nichts anderes gelernt, als Geld auszugeben, und niemand gibt gern den
erlernten Beruf auf.
Dieser Einwand machte den König nachdenklich. Seine
Weisheit sagte ihm, dass nur ein zufriedenes Volk zufriedenstellend viel Geld
herbeischafft, damit sein König zufrieden ist. Er musste sich also, ob er
wollte oder nicht, mit den Schwierigkeiten in der Heimat befassen.
„Was rätst du mir?" fragte er den Sohn seines
Kollegen. „Wie kann ich meinem Volk, dessen oberster Diener ich bin, helfen?
Wie kann ich die Not lindern? Was muss ich tun, damit wieder Fröhlichkeit
einkehrt? Wie kann ich wieder positives Denken in die Welt bringen?
„Majestät", bekam er zur Antwort, „die Lage ist
ernst, aber ich hoffe, sie ist nicht hoffnungslos. Betrachten wir die
Problematik im Einzelnen. Wenn Ihr den Hühnererlass rückgängig macht, so stürzt
Ihr das Land in ein Wirtschaftschaos. Noch mehr Arbeitslosigkeit breitet sich
dann aus. Damit wächst auch die Gefahr einer Revolte. Unternehmt Ihr aber
nichts, so müsst Ihr ebenso mit einer Revolution rechnen. Die gesamte
Wirtschaft wieder umzustellen dauert Zeit, und die haben wir nicht. Auch müssen
wir an den Feind denken, der nicht ruht. Er sieht seine Chance und überschwemmt
euer Land mit Agenten, die das Volk aufwiegeln. Oder meint ihr etwa, einer Eurer
Untertanen hätte sich je über die von Euch gnädig verordneten Hühner empört,
wenn er nicht aufgewiegelt worden wäre?"
„Wie wär’s denn mit einem Krieg?" warf nun der
unglückliche König ein.
„Krieg ist im Prinzip keine schlechte Idee. Er
beschäftigt die Leute, so dass sie nicht auf dummen Gedanken kommen. Weil dann
alle zusammenstehen müssen, ist in Kriegszeiten jede Art von Kritik ein Verrat
am Allgemeinwohl. Auch Entbehrungen müssen bei bewaffneten Konflikten in Kauf
genommen werden. Jeder rechnet damit und findet sich damit ab. Ein Krieg hat
also tatsächlich vieles für sich, und wir sollten ihn als Lösungsmöglichkeit in
die engere Wahl ziehen. Das Problematische am Krieg ist nur die Gefahr, dass
man ihn eventuell auch verlieren kann. Ein derartiger Unglücksfall würde das Einkommen
Eurer Majestät erheblich schmälern. Ein Sieg würde allerdings die finanzielle
Lage erheblich verbessern. Wenn mich Majestät um meinen ehrlichen Rat fragen,
so halte ich nach Abwägung aller Fakten das Risiko bei einem Krieg für sehr
hoch. Wir sollten deshalb noch andere Rettungsaktionen ins Auge fassen."
So rätselten die drei von der Verantwortung
gebeugten Menschen noch lange und fanden keine Lösung. Sie wollten nur das
Beste für alle, aber bei jedem neuen Plan tauchte auch ein neuer Haken auf.
Nach vielen Stunden intensiver Beratung und ungezählten Camparis,
Cinzanos und vini rossi gaben sie endlich auf und beschlossen, sich erst
einmal am Ort des Geschehens kundig zu machen, also ins Königreich zurückzukehren.
Dem König fiel der Abschied schwer. Er versprach seiner Froni so bald wie möglich zurückzukehren. Dann küsste er
ihr die Finger mit den goldenen Ringen, die Handrücken und die von prächtigen
Diamantbändern gesäumten Unterarme. Seine Lippen suchten ihren Hals, den eine
dreireihige Perlenkette umschlang und brachten das smaragdene
Ohrgehänge zum Klingen. Schließlich fuhren seine zarten Hände sanft durch das
diademgeschmückte Haar.
Dann kam die Zeit des Aufbruchs. Die beiden Männer
stiegen am Hotel, wo der König das Notwendigste packte, in die Kutsche und,
weil sie es eilig hatten, gingen diesmal statt der üblichen sechs Pferde zehn
Rösser im Geschirr.
Aber so sehr sie sich auch gesputet hatten, sie kamen
doch zu spät. Die Revolution hatte bei ihrer Ankunft bereits stattgefunden.
Sie fanden alle Hofbeamten eingekerkert, bis auf die Unglücklichen, die im
Verlauf der Aufstände ihr Leben hatten lassen müssen. Den König hatte man in
Abwesenheit abgesetzt und freie Wahlen ausgeschrieben. Die Lage schien
wirklich hoffnungslos.
Das Schloss durften der König und der Prinz nicht mehr
betreten. Hühnchenschlachter und Fuhrknechte hatten sich darin breit gemacht.
Aus den Fenstern der prunkvollen Räume, in denen früher niemand außer dem König
es gewagt hätte, seine Stimme zu erheben, drang Keifen und Schreien. Kinder
brüllten, Frauen beschwerten sich bei ihren Männern und forderten sie auf,
Dienstpersonal herbeizuschaffen. Schließlich müssten sie als neue
Schlossbewohner ebenso Bedienstete haben, wie ehemals der König.
Die Straßen waren unsicher, denn die Polizei hatte sich
aufgelöst. Das Land wurde von einem Revolutionsrat regiert, der in sich
zerstritten war und eigentlich nicht so recht wusste, was zu tun sei. Es
herrschten also chaotische Zustände, und der bisherige König hatte gute Gründe,
sich um seine Apanage zu sorgen.
Prinz und König hatten Quartier im besten Gasthaus
der Hauptstadt bezogen. Dort wurden sie noch immer mit Hochachtung behandelt.
Man wusste, was man blaublütigen Herrschaften schuldig war. Ein von Jugend an
geübter Respekt verliert sich nicht durch eine kleine Revolution.
Ganz anders erging es dagegen den Hofbeamten. Besonders
niedere Bedienstete bekamen den Zorn des Pöbels zu spüren, und der König
musste ohnmächtig von seinem Hotelbalkon aus zusehen, wie treue Gefolgsleute
unter dem Johlen der Menge durch die Straßen getrieben wurden.
Er beriet sich stundenlang mit dem Königssohn, was zu tun
sei. Sie überlegten, Truppen aus den Nachbarländern zu Hilfe zu rufen und
verwarfen den Plan wieder. Der König schlug vor, mit einer flammenden Ansprache
dem Volk ins Gewissen zu reden und so alle wieder zur Vernunft zu bringen.
Doch sein Berater schüttelte zweifelnd den Kopf.
Dabei drängte die Zeit, denn schon am nächsten
Morgen sollte in einer Volksabstimmung eine neue Regierung gewählt werden, die
das Vertrauen aller Bürger hätte. Wäre dies erst einmal geschehen, so war
alles zu spät. Dann wären Kultur und Sitte aus dem Königreich ein für allemal
vertrieben, und nur noch die Dummheit und die Gier der niederen Stände würden
regieren. Vorbei wären die Zeiten der schönen Künste, der prächtigen Bauwerke.
Niemand würde mehr Gnade vor Recht ergehen lassen und hin und wieder ein
gerechtes Todesurteil aufheben, wie es damals bei Froni
geschehen war.
Der König und der Prinz waren verzweifelt, und wären sie
nicht beherrschte Männer gewesen, vielleicht hätten sie sogar geweint.
Als sie in ihrer Verzweiflung nicht mehr ein noch aus
wussten, öffnete sich plötzlich die Tür. Herein traten eine alte Frau, ein
verwunschenes Reh und ein zerlumpter Mann. Sie blieben schweigend in der Mitte
des Zimmers stehen und sahen die beiden Männer von blauem Geblüt an.
„Was ist euer Begehr?" fragte der Königssohn.
Da antwortete das Reh für alle drei: „Als wir Hunger
hatten, hast du uns von deinen Hähnchen abgegeben, obwohl du dich auf einer
langen Reise befandest und hättest verhungern können. Nun sind wir gekommen,
um unsre Schuld zu begleichen. Hört auf unsere Worte, und alles wird sich zum
Besten wenden."
Und der Mann und die Frau und das Reh sprachen zusammen
wie mit einer Stimme: „Stelle dich zur Wahl, aber achte des Volkes
Stimme!"
So still, wie sie gekommen waren, verschwanden dann die
seltsamen Besucher wieder.
Der Sonntag der Wahl rückte näher, und die Spannung im
ganzen Land wuchs. Wer würde von nun an die Geschicke des Volkes bestimmen?
Niemand wusste Genaues, und alle erhofften sich das Beste. Gute Chancen gab
man den Hühnerschlachtern.
Endlich war es soweit. Alles Volk versammelte sich auf
dem großen Platz vor dem Schloss. Eine hohe Rednertribüne war aufgestellt worden
und alle harrten der Dinge, die da kommen sollten.
Zuerst kam der Führer der Revolutionäre und wurde, noch
bevor er zu reden begann, frenetisch bejubelt. Er sprach von Freiheit und
Gleichheit und Brüderlichkeit und alle klatschten begeistert in die Hände. Bei
soviel Beifall schien der Wahlausgang sicher.
Der Vertreter der Hühnerschlachter machte nicht viel
Worte. Er betrat das Podium, und zwei seiner Mitarbeiter schleppten einen schweren
Sack hinterher. Sie traten mit ihm ganz vorn an die Rampe, griffen hinein und
schleuderten mit vollen Händen Geld unter die versammelte Menge. Die Leute
wälzten sich am Boden und schrien vor Begeisterung.
Der Schlachter aber sagte nur: „Nun wisst ihr, warum ihr
mich wählen müsst."
Dieser Auftritt war sehr wirkungsvoll und das Rennen um
die Herrschaft im Land wieder völlig unentschieden.
Der nächste Redner galt als Vertreter feindlicher Könige
und wurde, noch bevor er den Mund geöffnet hatte, ausgebuht. Er versuchte von
Frieden und Verständigung zu sprechen, aber keiner hörte zu, bis er mutlos
aufgab.
Nun stand kein Kandidat mehr auf der Rednerliste. Der
Form halber trat der Wahlleiter vor und rief: „Bewirbt sich noch jemand um das
höchste Amt, das dieser junge Staat zu vergeben hat, so trete er vor!"
Schweigen breitete sich auf dem Platz aus. Alle sahen
sich um. Plötzlich rief eine ruhige, befehlsgewohnte Stimme: „Ja, ich bewerbe
mich."
Der König trat gemessenen Schrittes aus der Menge heraus,
schritt zur Tribüne und alle machten ihm ehrfürchtig Platz.
Dann ergriff er das Wort und sprach: „Freunde,
Landsleute! Man hat euch übel mitgespielt. Zuerst zwangen euch meine ruchlosen
Beamten, täglich Hühner zu essen, bis das ganze Land vor Übelkeit ächzte. Hätte
ich es gewusst, mit dem Schwert des Henkers wäre ich drein gefahren, um euch zu
retten. Doch ihr habt euch aus eigener Kraft befreit. Ich beglückwünsche euch
zu dieser heldenhaften Tat. Nun aber steht ihr in Gefahr, euch wiederum in die
Hände von Rattenfängern zu begeben. Heute wirbt man um eure Stimme. Doch wenn
ihr sie aus der Hand gegeben habt, wird man euch wieder schamlos ausnutzen.
Bedenkt doch nur, womit man euch lockt. Der eine
verspricht euch Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit. Fürwahr hohe Ziele, es
sind wahrscheinlich die höchsten, die es für uns Menschen gibt. Aber ich weiß
es, und ihr wisst es auch, sie sind auf Erden nicht zu verwirklichen, und
deshalb bleiben sie nur leere Worte. Der andere Mitbewerber wurde schon
konkreter. Ihr habt aber sofort gemerkt, dass dieses so genannte Geld aus Blei
und Eisen geschlagen und so gut wie nichts wert ist. Mit diesem Plunder lasst
ihr euch doch nicht kaufen. Am schlimmsten aber hat es der Dritte getrieben. Er
hat versucht, euch mit seinem Gefasel vom Frieden an den Feind zu verkaufen. Nein,
ich will nicht wieder euer König werden. Die Zeit der Könige ist vorbei. Alle
Macht dem Volk ist heute die Devise, der auch ich mich gern beuge. Wenn ihr
mich wählt, will ich euer Präsident sein.
Dann aber, so verspreche ich euch, wird in diesem
Land nie wieder ein Huhn auf dem Tisch stehen. Wir werden die Hühner aus dem
Land jagen, und kein Huhn soll je wieder unsere Grenzen überschreiten. Wir werden
wachsam sein. Immer wenn der Feind versucht, Hühner ins Land zu bringen, werden
wir mit aller Macht zurückschlagen. Die Vergangenheit hat uns gelehrt, auf der
Hut zu sein, und wir vergessen die Lehren der Vergangenheit nicht.
Natürlich müssen wir, um diese hohen Ziele zu
verwirklichen, die gesamte Wirtschaft umstellen. Dies fordert Entbehrungen von
euch allen. Doch ich bin sicher, dass ihr gerne Hunger und Mühsal auf euch
nehmt, wenn ihr nur keine Hühner mehr essen müsst. Gelingt aber die große Reform, und ich zweifle keine Sekunde daran, dann
soll wieder Lachen und Spaß in unserem Lande sein. Die Schatten der
Vergangenheit werden vergehen, und glückliche Menschen sich täglich mit frohen
Gesichtern in den Häusern um die Tische versammeln. Doch was werden sie essen? Halt!
Dies ist die entscheidende Frage. Ich sehe Ungeduld in eueren Gesichtern. Ihr
wollt die Antwort wissen! Bevor ich sie euch aber gebe, stelle ich euch eine
Frage: Mögt ihr Kuchen?“
Als Antwort schallte dem ehemaligen König ein donnerndes
„Ja!" entgegen und erhob sich zum Himmel.
Der König ließ dieses „Ja" verhallen, wartete noch
einige Momente und sprach dann sehr eindringlich, aber so leise, dass die
Menschen die Ohren spitzen mussten: „So verspreche ich euch heute und hier und
ihr alle seid Zeugen meines Schwurs, dass jeden Tag in jedem Haus ein Kuchen
auf dem Tisch stehen soll."
Der Jubel, der diesen Worten folgte, war unermesslich und
dauerte noch lange an. Dann schritt man zur Wahl. Wer wohl die Wahl gewonnen
hat?
Der König wurde Präsident und der Prinz sein Kanzler. So
kam die Herrschaft des Volkes in die Welt. Und wenn sie nicht gestorben sind,
dann leben der König, will sagen der Präsident, und seine Froni
und wahrscheinlich auch der Königssohn noch heute.