Nun folgt eine recht seltsame Erzählung, mit der die meisten Rezensenten nichts Rechtes anzufangen wussten. Aber es ist meine Lieblingsgeschichte. Ist es ein Märchen, ein Traum, eine Parabel, der Bericht von einem historischen Ereignis? Sicher von allem ein wenig. Primär geht es mir als Autor aber um die Frage: Wie würden Sie sich entscheiden?

 

 

 

 

Ein Traum

von Entscheidung

  

 

In einer stürmischen Nacht irrte ich durch einen endlosen Wald. Schon vor Stunden waren mir Weg und Richtung verloren gegangen. Zweige schlugen mir ins Gesicht, während ich mich durchs dichte Unterholz kämpfte. Tannennadeln bohrten sich durch die Kleider in meine Haut. Der Regen hatte mich völlig durchnässt. Wasser rann über mein Gesicht und in den Kragen des Hemdes. Längst hatte mir der Sturm die Mütze vom Kopf gerissen.

Mein Marsch erschien mir immer sinnloser. Dieser Wald war mein Schicksal, warum sollte ich mich länger gegen ihn auflehnen. Doch verbissen hastete ich weiter, den rechten Arm tastend vorgestreckt und den linken schützend vors Gesicht haltend. Irgendwann brach ich zusammen, kroch mit letzter Kraft unter den Ästen eines Tannenbaums ins Trockene und rollte mich zum Schutz gegen Nässe und Kälte zusammen. Meinen Kopf in die Armbeuge gebettet schlief ich ein.

Beim Erwachen hatte der Regen nachgelassen und der Mond war aufgegangen. Ich konnte meine Umgebung erkennen. Sehend geworden erhob ich mich mit neuem Mut.

 Ich kam nun rascher voran und schon bald lichtete sich das Unterholz. Der Regen hörte nun ganz auf, und nur der Sturm peitschte noch hoch oben die Baumwipfeln und jagte Wolkengebirge an der bleichen Mondscheibe vorbei. Hoffnung erfüllte mich, dass ich in der Nähe ein Dorf finden würde mit einem warmen Bett und Essen für meinen hungrigen Magen.

 Da gewahrte ich hoch über mir einen großen, drohenden Schat­ten. Es waren Türme und Mauerzin­nen. Ich stand vor einer alten Burg, deren verwittertes Gemäuer mir Ge­borgenheit versprach. Auch wenn sie keine Menschen mehr beherber­gen sollte. so würde ich doch einen trockenen und windgeschützten Un­terschlupf für die Nacht finden.

Ungeduldig lief ich an den Mauern ent­lang auf der Suche nach einem Einlass. Brombeersträucher und Disteln waren bis an die Burgmauern herangewachsen. Ihre Dornen bohrten sich in meine Beine und rissen mir ins Fleisch.

Als ich endlich erschöpft den Eingang erreicht hatte, blutete ich. Es gab keinen Graben und keine Zugbrücke, nur ein mächtiges Tor aus Eichen­bohlen, das mit Eisen beschlagen war. Dieses Tor war fest verschlossen und all mein Rütteln vergeblich.

Ich trommelte gegen das Holz, riss mir Splitter in die Handballen, trat mit den Füßen dagegen und erreichte nichts. Zu­letzt warf ich mich mit den Schultern gegen das Hindernis. Doch müde und zerschlagen musste ich schließlich die Arme sinken lassen.

 Es hatte wieder zu regnen begonnen. Verzweifelt und mit einem Gefühl von unendlicher Verlassenheit wandte ich mich ab, um meinen aussichtslosen Weg fortzusetzen.

Da sah ich im Mondlicht etwas blitzen und entdeckte ein mit Silber beschlagenes Horn an einer Kette. Ohne lange nachzudenken, setzte ich es an die Lippen und blies mit meiner ganzen Kraft. Ein klagender Laut durchdrang den Wald. In diesem Augenblick verstummte der Sturm, die Tiere und die Bäume, sogar das Gemäuer selbst schienen dem Ruf des Horns zu lauschen.

Ich blies und blies und nahm mir kaum Zeit zum Luftholen. Ich blies um mein Leben, und das Horn schrie meinen Schmerz und meine Einsamkeit in die Welt.

 

Mit einem Mal hörte ich eine Stimme: „Ist ja gut, ich komme doch schon. Es ist mitten in der Nacht. Keine Geduld haben die Leute heute mehr."

Schwere Riegel wurden zurückgeschoben, und die großen Torflügel schlugen auf. Vor mir stand ein gebückter alter Mann, der mir mit einer Windlaterne ins Gesicht leuchtete und mich kritisch musterte. Er ließ mich eintreten, verriegelte den Eingang wieder sorgfältig und leuchtete mir dann einige Steinstufen hinauf. Wir gelangten in die Kü­che mit der großen Feuerstelle in der Mitte. Er bedeckte die noch vorhandene Glut mit Holzspänen und nach sanftem Blasen flackerte das Feuer wieder auf. Dann setzte er einen Topf mit Was­ser auf und legte Brombeerblätter für einen Tee bereit.

Plötzlich dröhnte eine herrische Stimme durch die Tür. Der Alte ließ sofort alles liegen und hinkte eilends in den dunklen Gang. Als er zurückkehrte, fand er mich mit dem Rücken zum Feuer stehend. Ich genoss die Wärme. Meine Kleider begannen zu trocknen, das Zittern meiner Glieder ließ nach.

Der alte Mann eilte auf mich zu, fasste mich unter dem Arm und zerrte mich zur Tür. Wortlos folgte ich ihm durch düstere Gänge. Wir stiegen über steile Treppen, vorbei an verschlosse­nen Türen und gelangten schließlich in einen kalten Raum. Dort entzün­dete mein Führer die sechs Kerzen eines Leuchters, und ich sah ein großes Zimmer mit einem offenen Kamin und einem Bett in der Ecke. Um einen massiven Eichentisch waren grobe Stühle postiert.

 

Während sich der Alte am Kamin zu schaffen machte, begann ich wieder zu zitterte. Wie vermisste ich die Wärme der Küche! Als die ersten Flammen aufflackerten, verschwand mein Betreuer, um kurz darauf mit einer gestrickten Wolldecke, zwei Fellen und einem gewebten langen Hemd zurückzukehren.

Er bedeutete mir mich auszuziehen und half mir in das warme Hemd. Dann führte er mich zum Lehnstuhl am Feuer, wickelte mich in Fell und Decke. Zufrieden betrachtete er sein Werk und zog er sich dann zurück.

Das Kaminfeuer loderte mit Kraft, die Kerzen flackerten, die Steifheit schwand aus meinen Gliedern, meine Wangen begannen zu glühen. Ich fühlte mich wohl und nickte ein. Ich weiß nicht, wie lange ich geschlafen hatte, aber ich schrak zusammen, als mir von hinten auf die Schulter getippt wurde.

Die Flammen schlugen inzwischen weit hinauf in den Kamin und ihre Wärme hatte sich im Zimmer ausgebreitet. Auf dem Tisch stand ein Tablett mit Brot, Schmalz, kaltem gekochten Fleisch und Salz. Als ich mich hungrig über das Essen hermachte, entdeckte ich noch eine Köstlichkeit. Vor mir stand ein großer Becher mit heißem Rotwein, der mit Honig gesüßt war. Gierig trank ich und verbrannte mir sogleich die Zunge. Behutsam legte mir der Alte die Decke wieder um die Schultern und richtete das Bett. Später kuschelte ich mich zufrieden in die Kissen. Draußen tobte noch immer ein Sturm und Regen trommelte an die Scheiben. 

 

Ich schlief lange und traumlos bis weit in den Morgen hinein. Beim Erwachen fand ich vor meinem Lager einen Krug mit Wasser und eine Schüssel. Auf einem Stuhl lagen ein Hemd, ein pelzbesetztes Wams und ein wollener Umhang, auf dem Boden standen zwei Fellschuhe.

Nachdem ich mich gewaschen und die ungewohnte Kleidung angelegt hatte, erschien auch mein schweigsamer Betreuer. Er deckte den Tisch mit Brot, Butter und Honig. Außerdem gab es wieder kaltes Fleisch, Salz und einen Becher mit dampfendem Hagebuttentee. Stumm aber sorgsam bediente er mich und beantwortete meinen Morgengruß lediglich mit einem flüchtigen Nicken des Kopfes.

„Wo bin ich?" wandte ich mich endlich an ihn.

„In Sicherheit."

„Wie weit ist es bis zur nächsten Stadt?"

„Das Dorf ist etwa eine halbe Stunde entfernt."

Ich hub mit Erklärungen an über den verlorenen Weg, meine Absichten und meine Not.

Er antwortete nur: „Ihr werdet schon wissen was Ihr tut, und wessen Euer Ziel ist."

Seine Einsilbigkeit ließ mich verstummen.

Nach dem Essen sagte er in barschem Ton: „Der Herr will Euch sehen."

 An der Außenseite des Gebäudes befand sich eine Stiege, die wir hinabkletterten und dann den Hof überquerten. Regen und Wind hatten sich in der Nacht gelegt. Wir traten durch eine mit Schnitzereien reich verzierte Tür in eine große Halle. Es war dämmrig. In einem hohen Kamin loderte Feuer, und in der Mitte stand eine lange Tafel. Am Ende des Raumes aber saß auf einem Podest eine gebückte Gestalt. Über ihrem Kopf war ein Baldachin gespannt, ihr zur Seite stand ein Tischchen mit einem irdenen Krug und einem hölzernen Becher.

Zögernd trat ich ein, während mein Führer rasch wieder ins Freie schlüpfte. Zuletzt hatte er mir noch zugeflüstert: „Ihr steht vor König Fortas!"

Dann war ich allein mit der zusammengesunkenen Gestalt in der großen Halle.

 Ich weiß nicht mehr, wie lange ich am Eingang verharrte, bis mir der König mit leicht erhobener Hand näher zu treten gebot. Zögernd schritt ich auf ihn zu und erkannte einen alten Mann mit schulterlangem weißem Haar, der in dunkelbraunen Pelz gehüllt war. Seine Füße standen auf einem Brokatkissen, um sie vor der Kälte des Steinfußbodens zu schützen. Ich sah seine kostbaren Ringe, die Gichtknoten an seinen Händen und den mit Diamanten besetzten Anhänger in seinem linken Ohr.

Als ich ihm endlich so nahe war, dass mir sogar der funkelnde Tropfen aus seiner Nase, der im Bart hängen geblieben war, auffiel, sagte er leise, beinahe flüsternd: „Wer bist du?"

Und als ich ihm Auskunft gegeben hatte: „Was ist dein Begehr?"

„Ich will nichts", stammelte ich, „nur diesen Wald verlassen."

„Hinter diesem Wald wird wieder ein Wald sein. Dein Wunsch ist unsinnig. Lerne stattdessen, die Bäume zu lieben."

„Aber ich habe doch nur den Weg verloren. Könnt Ihr mir nicht helfen, ihn wieder zu finden?"

„Ich kenne alle Wege in diesem Wald", keuchte er und wurde von einem mächtigen Hustenkrampf geschüttelt, „aber ich weiß nicht, welches dein Weg ist."

Er hustete lange und wurde dabei ganz blau im Gesicht. Ich stand derweilen stumm vor ihm und blickte mich verlegen in der Halle um. Sie war rußgeschwärzt. An ihren Wänden hingen alte Waffen. Unrat häufte sich in den Ecken.

Schließlich gewann der Alte seine Beherrschung wieder, richtete sich auf und klatschte in die Hände. Er war von großer Gestalt, und man ahnte die ehemalige Kraft in diesem alten Körper.

 Der Diener eilte durch eine rückwärtige Tür in den Raum. Er brachte mir einen Lehnstuhl und einen Becher. Geschäftig schenkte er mir aus dem Krug des Königs ein. Wir erhoben die Becher und tranken.

Der Wein war sauer, und weiße Schimmelpunkte schwammen auf seiner Oberfläche. Es kostete mich Überwindung davon zu nippen. Mein Gastgeber lächelte und ermunterte mich mit Gesten dem Getränk zuzusprechen. Dabei trank er selbst mit großen Schlucken, so dass der Krug bald nachgefüllt werden musste. Tapfer versuchte ich mitzuhalten. Zu allem Überfluss war der Wein auch noch sehr kalt. Frost breitete sich bei jedem Schluck in mir aus und drang durch alle Glieder. Mein Magen schmerzte.

 Der alte Mann kam in Stimmung. Er redete viel, lachte dröhnend und schlug sich mit seinen gichtigen Händen auf die Oberschenkel. Manchmal verschluckte er sich beim Trinken. Dann lief der Wein aus seinen Mundwinkeln, rann den Bart hinab und tropfte von dessen Spitzen auf den Pelzkragen. Mir wurde bei diesem Anblick übel. Angestrengt starrte ich in meinen Becher, den ich mit beiden Händen hielt, um die Flüssigkeit wenigstens ein wenig anzuwärmen.

Doch immer wieder musste ich in dieses triefende Gesicht blicken mit dem riesigen schreienden Mund. Es wurde immer größer und nahm bald mein ganzes Gesichtsfeld ein.

Der König erzählte aus seinem Leben, von Tjosten und wie lächerlich sich so mancher Ritter dabei gemacht hatte. Er schwärmte von schönen Frouwen, von seinen Erfolgen auf dem Schlachtfeld und in der Minne. Nur die Maze, brüllte er unter Gelächter, die habe sich ihm entzogen. Aber man könne im Leben eben nicht alles erreichen.

Auch das Alter habe ihm seine Kraft nicht nehmen können. Die seiner Lenden könne er mir zwar nicht zeigen, aber die Kraft seiner Arme wolle er mir gern beweisen. Mit diesen Worten forderte er mich zu einem Duell im Armdrücken heraus, das ich bescheiden ablehnte. Doch meine Weigerung ließ er nicht gelten.

„Sei kein Frosch", rief er gut gelaunt, aber mit einem barschen Ton in der Stimme.

Wir begaben uns zu dem langen Eichentisch, setzten uns gegenüber, stemmten die Ellenbogen auf und fassten uns an der Hand. Sein Gesicht war direkt vor dem meinen. Der Alte keuchte mir mit vor Anstrengung weit aufgerissenen Augen einen Schwall Weindunst entgegen. Er war mir nun so nah, dass ich die Schweißtropfen auf seiner Stirn, die rötlich‑blauen Sternchen auf seinen Wangen und die Adern auf seinen Nasenflügeln erkennen konnte.

Mein Gegner kämpfte verbissen, während ich das Spiel nicht besonders ernst nahm. So war ich nach kurzem Hin und Her geschlagen. Wir wiederholten das Duell mehrmals, bis mich irgendwann der Ehrgeiz packte. Ich leistete Widerstand, hatte den Arm meines Gegners schon nach hinten gebogen, da presste dieser zwischen seinen zusammengebissenen Zähnen hervor: „Du Hundsfott wirst doch wohl nicht gewinnen wollen? Könige verlieren nicht!" und besiegte mich mit einem mächtigen Ruck seines kampferprobten Armes.

Dann wankte der geile Getteling, wie er sich nun selbst nannte, auf seinen Thron zurück, leerte noch einen Becher und rülpste tief. Sein Kopf fiel nach vorn auf die Brust, und er schlief ein. Behutsam stellte ich meinen Becher auf den Boden und schlich hinaus.

 Es war wärmer geworden, deshalb beschloss ich, einen Spaziergang zu machen. Das Tor stand offen und ich betrat den Wald, der bis zur Burg reichte. Alles war nass. Von Zweigen und Blättern tropfte Wasser, die Luft war rein und erfrischend. Mein Kopf klärte sich.

Auf einmal stand der hinkende Diener neben mir und blickte, die Augen mit der Hand beschattend, zum Himmel.

„Wir werden wieder Regen kriegen", verkündete er sicher. „Wenn Ihr aufbrechen wollt, so solltet Ihr dies bald tun."

„Aber ich muss mich doch noch von deinem Herrn verabschieden und ihm danken."

„Dann werdet Ihr noch eine Nacht mit uns verbringen. Überlegt es Euch genau."

„Hat dein Herr ein großes Reich?" wechselte ich das Thema.

„Oh, er war einst ein mächtiger König. Aber heute ist sein Reich nicht mehr von dieser Welt."

Ich fragte rasch, wie dies gemeint sei, erntete aber nur ein Schulterzucken, dann kehrte der Mann in den Hof zurück.

 Beim Umrunden des Gemäuers entdeckte ich reife Brombeeren. Ich blieb stehen, zwängte mich ins Gestrüpp, pflückte mit beiden Händen und schob mir die Früchte in den Mund. Dabei musste ich die Zeit vergessen haben, denn es dämmerte bereits, als ich mich auf den Rückweg machte. Aufziehende Regenwolken verdunkelten die Sonne.

 

In der Burg klopfte ich kurz an die Küchentür und trat ein. Ein warmer Dunst schlug mir entgegen. Es roch verführerisch nach gebratenem Fleisch. In einem großen Topf blubberte ein dicker Brei. Der ganze Raum war erfüllt vom Qualm des Herdfeuers.

„Seid Ihr es“, rief der lahme Diener über die Schulter, „der Herr erwartet Euch schon. Es gibt auch bald Essen."

Ich murmelte eine Entschuldigung, schloss sachte die Tür und trat zurück auf den Hof. Da stand ich nun im Regen und wusste nicht was tun. Weiterzuziehen in der einbrechenden Dunkelheit bei dem schlechten Wetter und ohne Kenntnis des Weges verbot sich von selbst. Aber gleichzeitig graute mir vor einem erneuten Trinkgelage mit dem König.

Er saß in der Halle auf einem geschnitzten Stuhl nahe am Feuer. Die Flammen verliehen seinem Gesicht den Ausdruck von Milde. Die im Raum verteilten Kohlebecken glühten rot und warm. Respektvoll blieb ich am Eingang stehen, verbeugte mich leicht und wartete, bis er mit einer Handbewegung auf einen bereit gestellten Hocker deutete. Dabei glitzerten die Ringe an seinen Fingern.

Als ich saß, lächelte mich der Alte an und fragte, wie ich den Tag verbracht habe. Doch bevor ich zur Antwort ansetzen konnte, sprach er schon weiter. Er freue sich auf den Abend, denn er habe selten Gäste. Es werde ein vorzügliches Mahl aufgetischt werden und auch frisch gebrautes Bier stünde zur Verfügung. Einsam sei es um ihn geworden, er vermisse das Leben der Vergangenheit.

 

Während er erzählte, entstand vor meinen Augen das Bild des jungen Ritters, begleitet von seinem Knappen und Männern zu Fuß mit Hellebarden und ledernen Wämsern. Die Straßen, über die sie ritten, waren alt. Sie waren von den Römern erbaut worden, und die Zeit hatte an ihnen genagt. Allzu oft mussten die Reiter durch Flüsse und Bäche waten, während sich das Fußvolk vorsichtig über zerfallenen Brücken tastete. Verfallene Burgen und abgebrannte Dörfer kündeten von der Vergänglichkeit. Aber der Ritter war noch am Beginn seiner Tage. Er zog in die Heimat, um sein Erbe zu übernehmen, die Herrschaft über das Reich.

Sein älterer Bruder war bei einer Sauhatz vom Pferd gestürzt und nach kurzem Siechtum gestorben. Diese Nachricht hatte den Ritter im heiligen Land erreicht, wo er mit dem Kreuz auf dem Mantel das Schwert für den Jesus aus Nazareth gezogen hatte.

Er hatte die Heiden mit der Kraft seines Armes von einem Glauben überzeugt, der verehrungswürdiger war, als die Lehren ihres Propheten. Bald war der Ritter überall gefürchtet und bewundert gewesen für seinen Wagemut, seine Entschlossenheit und seine Entschiedenheit im Umgang mit dem Feind.

Aber nicht nur für seine Seele hatte er Ruhm errungen. Er gewann auch weltliche Güter und Schätze. Mit ihnen kehrte er durch die endlosen Wälder des Nordens zurück. Es gab keine Wege, umgestürzte Bäume mussten überstiegen, Dickicht bezwungen werden. An manchen Abenden hatten sie Glück und fanden eine gastliche Burg. Dort blieben sie dann einige Tage, erzählten von ihren Aventiuren, ritten mit den Gastgebern zur Jagd und scherzten mit deren Frouwen.

Es war eine Zeit des Ungestüms und der Freude, die Zeit der Jugend in einem vergehenden Land. Fremde Reiter wurden zum Kräfte messenden Kampf gefordert und zerschlagen im Gras oder im Staub zurückgelassen. Es war ein stattlicher Held, der da durch die Lande zog auf dem Weg zu seiner Pflicht.

 

„Eines Tages kamen wir in ein Dorf“, besann sich der Alte, „es hatte den ganzen Tag geregnet, wir waren müde, hungrig und froren. Mein Knappe hatte bereits am Dorfeingang ein junges Bauernweib, das uns bei der Suche nach etwas Essbarem im Wege stand, mit dem Lanzenstiel beiseite gestoßen. Da hörten wir das Meckern einer Ziege und eilten dem Geräusch entgegen. Hinter einem verkommenen Haus fanden wir das Tier. Einer der Männer durchschnitt ihm die Kehle und ließ es ausbluten.

Wir scherzten und freuten uns auf den Braten, bis eine traurige Stimme hinter uns sagte: „Nun haben die Kinder keine Milch mehr. Aber Ihr, oh christlichen Herren, kommt in mein Haus, mein Weib wird das Fleisch bereiten. Wir wollen das Mahl mit Euch teilen."

„Der Hund will mit uns teilen", grölten die Knechte, „wenn er schön bittet, kann er zusehen, wie uns das Essen schmeckt."

 Die Krieger hatten den zuckenden Kadaver ergriffen und trugen ihn ins Haus.

„Verschwinde", riefen sie, „ein hoher Herr wird heute hier speisen und schlafen. Treib deine Brut auf die Weide, dann hast du Ersatz für die Ziege."

Da richtete sich der Häusler hoch auf und sagte trotzig: „Hat Euch diese Unsitte das Zeichen gelehrt, das Ihr auf Euren Mänteln tragt? Ihr seid fürwahr ritterliche Christen."

Diese bitteren Worte waren böse und ungerecht. Hatten wir nicht im heiligen Land unser Blut für die christliche Sache vergossen? Hatten wir unser Leben nicht in den Dienst des Herrn Heiland gestellt?

Mein Knappe ahndete den Frevel, ohne lange zu überlegen. Mit harter Hand schleuderte er seine Lanze. Der Mann stand noch einen Augenblick still, während der Schaft aus ihm herausragte. Dann breitete er seine Arme weit aus und brach langsam in die Knie.

Sterbend hörten wir ihn sagen: „Für diese Tat wünsche ich Euch das ewige Leben!“

 

Der König hatte sich in Erregung geredet. Sein Gesicht war gerötet. Nun brüllte er nach dem Diener.

„Öffne das Loch", donnerte er, „ich will brunzen."

Der Mann hinkte in die Ecke des Zimmers und hob einen runden steinernen Deckel an einem eingelassenen Ring aus dem Boden. Der König schritt auf das schwarze unergründliche Loch zu, raffte seine Umhänge und begann sein Wasser abzuschlagen. Dabei traf er die Öffnung nicht genau, und sein Strahl stäubte über die Fliesen des Saals.

Anschließend setzte er sich an die Stirnseite des Eichentisches, winkte mir über die Schulter und rief, ohne dass klar war, wen er meinte: „Es ist Zeit zu speisen, du Hundsfott!"

Er befahl mir, mich zu seiner Rechten zu setzen. Dann sah er lange in die Flammen des Leuchters, und ich befürchtete schon, er schliefe ein. Als jedoch das Essen aufgetragen wurde, wurde er wieder lebhaft und vergnügt. Er zog die Schüssel mit dem dampfenden Hirsebrei in die Mitte, griff beherzt mit der rechten Hand hinein, schob sich eine ordentliche Portion in den Mund.

Mit vollem Mund rief er: „Bier!"

Wir tranken aus hohen irdenen Krügen.

„Nun ist er mein Knappe, mein Diener, mein Scherge, Koch und Wächter", sagte der König nachdenklich, „fürwahr eine vielseitige Profession. Doch wo sind all die anderen geblieben''"

„Die Zeit hat sie genommen", ließ sich der Hinkende aus dem Hintergrund vernehmen, „aber uns hat sie vergessen." Und nach einer nachdenklichen Pause: „Ist Vergessenwerden das ewige Leben?"

„Scher dich zum Teufel", murrte sein Herr, „und flenne vor der Tür! Hier wird gefeiert."

Er machte sich über den Braten her, schnitt große Stücke ab und gab auch mir gute Brocken. Dabei triefte ihm das Fett über den langen grauen Bart.

„Was dich betrifft", sagte er plötzlich, und seine Augen waren groß und klar, „so kann ich deinen Weg nicht erkennen. Aber ich vermute, dass auch du noch das Kreuz tragen wirst.

Doch nun Schluss mit den düsteren Gedanken, die Welt wird nicht wieder jung, und ich habe lange keine Lieder mehr gehört. Singe mir etwas, damit ich das Leben lerne. Gar fremd ist es mir schon geworden."

„Herr", antwortete ich, „ich kann nicht singen und weiß von allen Liedern nur den Anfang!"

„Hast du erst angefangen, so findet sich das Ende ganz von selbst."

 

So verging der Abend. Wir tranken viel von dem dunklen süßen Bier, und ich hörte viele wundersame Geschichten von kühnen hochlöblichen Helden, ihrer Mühsal, ihren Kämpfen, ihrem Weinen und Klagen.

 

Gegen Mitternacht stand der König würdevoll auf, wischte sich mit dem Handrücken den Mund und putzte seine Hände am Mantel ab. Dann schritt er zu seinem Thron. Ich war erhitzt und beinahe wie im Fieber, als ich ihm auf einen Wink folgte. Er war nun groß und aufrecht und sehr Ehrfurcht gebietend. Ich musste stehen, während er Platz nahm.

Dann sprach er: „Es ist kein Zufall, dass du den Weg zu Uns gefunden hast. Du hattest Pfad und Ziel verloren. Hier kannst du fündig werden. Wir hatten schon lange keinen Gast mehr, und du warst Uns lieb. Deshalb soll dein Wunsch Erfüllung finden.

Wir werden dich mit einer besonderen Gabe beschenken, du sollst den Gral schauen. Seit Menschengedenken haben Wir niemandem mehr diese Gnade erwiesen. Doch dich halten Wir für würdig."

 

Der Herr sprach ruhig und ernst. Von der Feierlichkeit in seiner Stimme überwältigt fiel ich auf die Knie.

„Womit habe ich verdient, so ausgezeichnet zu werden?" stammelte ich. „Ich bin nicht wert, eure Füße zu küssen!"

„Erhebe dich", lächelte der König mild, „noch kannst du gut und böse nicht unterscheiden."

Dann schritt er auf mich zu, fasste mich am Ellenbogen und führte mich hinaus in die Dunkelheit langer Gänge. Der Knappe hatte sich wortlos angeschlossen und leuchtete mit seiner Laterne vor uns her. Endlich erreichten wir einen runden Raum mit Boden und Decke aus Stein.

Wir befanden und in einem Turm, aber ich konnte keine Fenster in den Wänden entdecken. Es war kalt, und mein verschwitzter Körper begann zu zittern.

 

Der Knecht hatte die Laterne auf den Boden gestellt und eine eiserne Kette, die von der Decke herabhing, in einen großen Ring im Fußboden eingehängt. Dann zog er mit aller Kraft, und mit Hilfe einer sinnreichen Räderkonstruktion hob sich langsam eine schwere, runde, steinerne Platte aus dem Fußboden. Der König und ich waren am Eingang stehen geblieben und sahen den Mühen des Dieners zu.

Nachdem die Steinplatte etwa fünf Fuß über dem Boden schwebte, hielt der Alte inne und befestigte die Kette.

Schwer hing das riesige Gewicht in der Luft und schwang leicht hin und her. Die Kette ächzte unter der Last.

 

Der König führte mich zu dem schwarzen Loch, das sich aufgetan hatte. In ihm war nur Dunkelheit, man konnte keinen Daumen tief in sein Inneres blicken.

„Du stehst vor deinem Gral", sprach er. „Und dies ist Unsere besondere Gunst. Lege dich auf den Bauch und greife mit beiden Händen in die Finsternis. Du wirst entweder eine Truhe mit Schätzen finden, und sie sollen dir gehören. Es werden so große Reichtümer sein, dass du für dein Leben ausgesorgt hast. Oder aber", und nun wurde seine Stimme dunkel und drohend, „du wirst in eine Schlangengrube greifen und erlöst werden. Eine Gnade, die Wir bis heute nicht gefunden haben."

 

Ich stand starr und stumm. Das Schweigen der Männer und der Mauern lastete auf mir. Die grimmige Kälte biss mir ins Fleisch. Ich konnte mich nicht rühren. Meine Begleiter drängten mich nicht, und doch wusste ich, dass ich nicht alle Zeit der Welt hatte, um meine Entscheidung zu fällen.

Mein Kopf war leer, ich dachte nicht, wog kein Für und Wider ab. Ich starrte nur in die dunkle Öffnung, die mein Schicksal bedeutete.

Nach einer Ewigkeit fragte der König sanft: „Nun, sollen wir zurückgehen oder willst du dein Glück wagen?"

Ohne zu antworten, ohne nach links oder rechts zu sehen, willenlos schritt ich auf das Loch zu, fiel auf die Knie und der raue Steinboden schürfte mir die Haut auf. Dann ließ ich mich nach vorne fal­len und stieß mit beiden Händen in die furchtbare Finsternis.