Wer wäre nicht gern Superman? Unsere Medien sind voll mit Gestalten, die diesem verständlichen Wunsch scheinbar nahe kommen, von James Bond bis Batman. Und für alle, die über keine übermenschlichen Fähigkeiten verfügen, gibt es schließlich noch die Technik, mit deren Hilfe auch normale Menschen wie Sie und ich ein Gefühl der Überlegenheit erlangen können. Haben Sie nicht auch schon einmal gedacht: „Wenn die im Mittelalter gewusst hätten, was ich heute weiß ...“, „Wenn die damals im Mittelalter über unsere technischen Möglichkeiten verfügt hätten...“.
Der Protagonist dieser Geschichte ist ein Junge in der Pubertät mit dem ganz natürlichen Wunsch endlich einmal wichtig zu sein, als Anführer anerkannt zu werden. Und so träumt er sich zurück ins Mittelalter und nimmt in seine Träume die Technik der Gegenwart mit. Technik? Na, hauptsächlich Waffen. Mit entsprechender Ausrüstung kann eigentlich nichts mehr schief gehen – glaubt er! Doch einmal mit dem zivilisatorischen Sündenfall begonnen, ist ein Ende nicht mehr abzusehen...
Overkill
Der Zug war voll besetzt. Es gab keinen einzigen freien Sitzplatz mehr. Ralph hatte zwar eine Reservierung am Fenster, aber mit dem Rücken zur Fahrtrichtung. So hatte er sich diese Reise nicht vorgestellt. Das Rockkonzert im Kölner Fußballstadion war diese Tortour nicht wert. Schon längst hatte er den Ausflug bereut und im Geist seinen Freund verfluchte, der ihm die Eintrittskarte angedreht hatte.
Der Zug schlängelte sich schon seit geraumer Zeit auf dem linken Rheinufer entlang, als Ralph die Burgen entdeckte! Sie krönten auf der anderen Seite des Flusses die Bergkuppen und schroffen Felszacken mit ihren zinnenbewehrten Mauern und hohen Türmen, Relikte aus vergangenen Zeiten. Umgeben von Wäldern schienen sie auf ihren Felsen unverrückbar festgewachsen. Die Zeitläufe waren an ihnen vorübergegangen.
Fasziniert betrachtete Ralph die Gemäuer und klammerte sich mit seinen Blicken an jede einzelne Burg. Mehr und mehr versuchte er sich im Geist in die Zeit zu versetzen, als noch Ritter das große Rheintal beherrschten. Er stellte sich die Recken in ihre blitzenden Rüstungen vor, wie sie auf ihren mächtigen Schlachtrössern vor das Burgtor ritten, um den Gegner mit der Lanze aus dem Sattel zu stechen.
Er sah Wächter auf den trutzigen Bergfrieden stehen und mit lauten Hornrufen ein riesiges Feindesheer melden. Eilig wurden die Zinnen und Schießscharten bemannt. Die Bauern trieben das Vieh in den Burghof, die Frauen und Kinder eilten mit ihren zusammengerafften Habseligkeiten hinterher. Dann schloss sich krachend das schwere Tor, und die Zugbrücke wurde hochgezogen. Mit Angst in der Seele und Trotz auf den zusammengekniffenen Lippen erwartete man die Angreifer.
„Damals konnte man noch etwas erleben. Da galten mutige junge Leute noch etwas", fuhr es Ralph durch den Kopf. „Jemand wie ich konnte Initiative zeigen und seinen Wagemut unter Beweis stellen. Die alten Leute hatten die Welt noch nicht so total im Griff wie heute. Sie drücken uns ihren Willen auf und legen uns aufs Kreuz. In der Zeit der Ritter hätte man leben sollen. Auf einer Burg würde ich mich zu Hause fühlen!"
Der Gedanke an das Mittelalter faszinierte Ralph mehr und mehr. Irgendwann begann er nach einer Festungen zu suchen, in die er sich träumen konnte. Schließlich entdeckte er ein schmuckes Gemäuer auf einem steilen Felsgrat. Es thronte hoch über allen anderen. Nur ein schmaler Pfad schlängelte sich durch den Wald zum Fuß der Wehranlage. Außerhalb der Mauern waren Ställe gebaut, in denen man die Pferde zurücklassen musste. Den eigentlichen Eingang zur Burg erreichte man nur über eine in den Fels gehauene Treppe. Ein Abgrund umgab die Burg.
„Diese Festung ist uneinnehmbar", dachte sich Ralph.
Hier wollte er wohnen. Die Feinde sollten nur kommen und versuchen, seine Burg zu erobern. Sie würden schon beim Anmarsch mit einem Pfeilhagel überschüttet werden. Sollten sie es aber dennoch wagen, noch näher zu kommen, so warteten Steinlawinen auf sie. Und für den unwahrscheinlichen Fall, dass sie gar den Fels erklimmen wollten, so würden sie mit kochendem Pech übergossen.
Ralph würde die meiste Zeit vor dem Feuer im Rittersaal sitzen oder auf den Wehrgängen die Wachleute kontrollieren. Schöne Frauen würden ihn bei seinen Rundgängen begleiten, und im Sommer würden sie zusammen in rasendem Galopp durch einsame Wälder reiten.
Die Sonne scheint durch das zarte Grün der Birkenwälder, wenn sie Hirsche und Rehe jagen und manchmal einen Hasen fangen, den sie auf dem Heimweg großzügig den demütig am Wegrand stehenden Bauern schenken.
Und an den Abenden sitzen sie auf der Bank unter der großen Linde am Fuß des Felsen. Neben ihnen braust ein kalter Bach, das Wasser stürzt als glitzernder Wasserfall zu Tal. Sein Tosen erfüllt die Luft, aber das Zwitschern der Vögel in den Ästen übertönt es. Die Bienen summen und die Schmetterlinge tanzen beim Schein der untergehenden Sonne.
Ralph scherzt dann mit den Edelfrauen, die neben ihm auf der Bank und um ihn herum im Gras sitzen. Auch Männer aus seinem Tross stehen dabei. Es sind handfeste Burschen, die in ihrer plumpen Ungeschicklichkeit so manche Zote erzählen. Doch die Mädchen hören darüber hinweg, nachdem sie bemerken, dass Ralph die Krieger nicht zurechtweist und das unedle Gebaren großzügig duldet.
Nach Sonnenuntergang werden Fackeln angezündet, ein fahrender Troubadour stimmt seine Laute, und unter Gelächter und Gesängen zieht die frohe Gesellschaft durch den dunklen Wald. Erst spät in der Nacht kehrt man zum Schlafen heim.
Kein Förster verbietet offenes Feuer im Wald. Hinter den Büschen lauert kein Sittenstrolch, und kein Verbrecher hat es auf ihre Barschaft abgesehen. Diese friedliche Welt macht friedlich. Selbst am nächsten Morgen ruft kein Wecker die Gesellschaft mit schwerem Kopf aus dem Bett.
So sollte das Leben sein! Ralph war ins Träumen geraten. Durch das sanfte Rütteln des Zuges wäre er beinahe eingeschlafen. Er öffnete die Augen und konzentrierte sich wieder auf die zerfallenen Gemäuer jenseits des Flusses. Da wurde ihm plötzlich bewusst, dass es im Mittelalter natürlich die Annehmlichkeiten der Zivilisation nicht geben würde. Worauf würde er wohl verzichten können und worauf nicht?
Da war zuerst einmal der MP3-Player. Für seinen Betrieb würde er einen gehörigen Vorrat an Batterien mitnehmen. Ob er wohl Bücher brauchen würde? Doch das Leben auf der Burg würde so abwechslungsreich sein, so dass zum Lesen keine Zeit bliebe. Der Computer allerdings war eine Notwendigkeit, schon allein um bei den Computerspielen nicht aus der Übung zu kommen. Er hatte inzwischen ein hohes Level erreicht, das er nicht riskieren wollte.
Hingegen verwarf er den Gedanken an Medikamente. Sie wären völlig überflüssig. Bei dem einfachen, aber gesunden Leben konnte er doch nicht ernsthaft krank werden. Außerdem hatte es damals Kräuterweiblein gegeben, die wahrscheinlich mehr wussten, als die heutigen Ärzte. Und wenn es dann an Sterben gehen sollte, so hätte keine Angst. Ein Idiot, wer sich ans Leben klammert, sagte er sich.
Aber ein Gedanke ließ ihn nicht los: „Waffen! Ja, Waffen, die braucht man immer!“
Eine Pistole würde recht nützlich sein. Im Gegensatz zu seinen mittelalterlichen Zeitgenossen hatte er nicht von Jugend an mit Schwert und Schild trainieren können. Deshalb musste er sich einen Schutz aus der Gegenwart leisten.
Aber würde eine Pistole ausreichen? Als Handfeuerwaffe wäre sie auf die Entfernung wirkungslos. Ein Gewehr sollte sie ergänzen. Ein Gewehr leistete auch gute Dienste bei der Jagd.
Zufrieden schloss Ralph die Augen und hätte beinahe vor sich hingesummt, als er sich vorstellte, wie Angreifer siegessicher die Steintreppen empor klettern. Dann erscheint er zwischen den Zinnen über dem Tor, zielt und schießt. Der Anführer der feindlichen Horde fällt mit einem Schrei in die Tiefe. Seine Männer sind starr vor Angst. Der mutige Mann dort oben, der noch so jung ist, muss mit dem Teufel im Bunde sein. Sie denken nur noch an Flucht.
Der blonde Held sieht ihnen furchtlos nach. Er ist den schwer bewaffneten Feinden ohne Rüstung entgegengetreten, nur mit einem Lederwams bekleidet. Doch dem Blick seiner kühnen Augen konnten sie nicht standhalten. Wie er so dasteht und lässig das Gewehr repetiert, könnte er eine ganze Armee in die Flucht schlagen.
Seine Männer sind stolz auf ihn. Ralph hört ihre Hoch-Rufe und winkt bescheiden ab. Die Frauen hingegen sind schweigsamer. Aber in ihren Augen sieht er Liebe, und sie wetteifern in kleinen Handreichungen, mit denen sie ihm ihre Dankbarkeit und Zuneigung zeigen.
Doch auf diesem einen Sieg darf auch ein Held sich nicht ausruhe. Die Zahl der Feinde könnte so groß werden, dass auch sein Repetiergewehr nicht ausreicht?
Ralph sieht von den Mauern seiner kleinen Burg herab und plötzlich wimmelt der ganze Berg von Gegnern. Wilde Horden stapfen durch die dichten Wälder mit dem einzigen Ziel, die Festung, von der man im ganzen Reich erzählt, zu schleifen und ihre Bewohner eines unwürdigen Todes sterben zu lassen. Voll Ingrimm und Übermut hacken sie Blumen und Sträucher auf ihrem Weg ab und besudeln die Landschaft, die bisher ein Ort des Frohsinns und der Ritterlichkeit gewesen war. Die Gefahr nimmt ihm beinahe den Atem, und es gibt niemand, den Ralph zu Hilfe rufen könnte.
Ralph ist klar, er wird sich bis zur letzten Kugel verteidigen, und schließlich zusammen mit seinen Getreuen zum Schwert greifen. Aber die Übermacht der Feinde, die wie Schlangen den Fels empor kriechen, ist zu erdrückend. Für die tapfere kleine Schar in der Festung ist der Untergang unabwendbar. Seine Pistole überlässt Ralph nun den Frauen, die sich in die Kemenate zurückziehen. Sie wollen den Barbaren nicht lebend in die Hände fallen.
Ralph ballte im Eisenbahnabteil die Fäuste. Diesen Untergang seiner Gruppe durfte er nicht zulassen. Schließlich trug er die Verantwortung für die Menschen in der Burg. Ihm war nun klar, dass Pistole und Gewehr würden für einen derartigen Angriff nicht ausreichen würden. In einer solchen Situation konnten weder Mut, noch List oder Kühnheit, sondern nur noch ein Maschinengewehr und genügend Munition helfen. Auch Handgranaten würden von großem Nutzen sein.
Schmunzelnd stellte sich der Junge vor, welche Panik unter den brutalen Rotten ausbrechen würde, die sich geifernd und siegesgewiss vor seiner Burg drängeln, wenn die erste Handgranate unter ihnen explodierte, dann eine zweite und eine dritte. Er musste lächeln.
„Sie sollen nur kommen", hätte er beinahe laut gerufen. „Ich fürchte mich nicht. Ich bin gerüstet."
Auf dem Burgfried installiert er das Maschinengewehr. Nun kann er das gesamte Gebiet rund um die Burg mit Geschossgarben abdecken. Doch vereinzelte Angreifer könnten sich zu den Pferdeställen am Fuß der Burg durchschlagen und die treuen Tiere töten. Ralph kann dies nicht zulassen. Deshalb muss er noch weiter aufrüsten. Das gesamte Gebiet um die Burg muss vermint werden. Nur ein schmaler Zugang, den er und seine Getreuen kennen, darf offen bleiben.
Das größte Problem aber ist die Wasserversorgung. Woher bekommen sie bei einer Belagerung Trinkwasser?
Ralph rückte auf seinem Sitz hin und her und suchte nach einer Lösung. Was nützte die beste Verteidigung der Burg, wenn man in ihren Mauern verdurstete? Endlich beschloss er, das Wasser nach oben pumpen!
Der kleine Bach wird nun gestaut und ein kleines Kraftwerk angelegt. Zum Schutz der Generatoren errichten sie Zäune, die unter Hochspannung stehen, legen Tellerminen und bringen Selbstschussanlagen an. Den elektrischen Strom führen sie durch unterirdische Kabel zur Burg. Das Wasser pumpen sie aber nicht direkt aus dem Bach, sondern graben einen tiefen Brunnen, dessen Öffnung sie sorgfältig wieder zubetonieren und vor dem Gegner verbergen.
Da sie schon einmal beim Betonieren sind, verstärken sie die Außenmauern ihrer Festung vorsichtshalber mit Stahlbeton und wechseln das Burgtor aus Eichenbohlen gegen ein Tor aus massivem, rostfreien Stahl aus. Die Flügel werden dadurch aber trotz der Kugellager so schwer, dass man sie nicht mehr von Hand öffnen und schließen kann. Elektromotoren zur Unterstützung sind deshalb unumgänglich. Zugleich wird eine Flutlichtanlage installiert, um Nachtangriffe der Feinde zu verhindern. Ralph besteht außerdem auf einem Infrarot‑Warnsystem.
Natürlich gebietet es die Vernunft, Kühlräume für die Lebensmittelvorräte anzulegen. Mächtige Kammern werden in den Fels getrieben und mit Kühlaggregaten versehen. Nun können riesige Mengen an Fleisch für Notzeiten gehortet werden. Hasen, die Ralph bei seinen immer seltener werdenden Jagdzügen erlegt, schenkt er nicht mehr den Bauern, sondern verwahrt sie tiefgekühlt in seinen Vorratskammern.
Die Burg ist nun einigermaßen in Stand gesetzt, aber jetzt ärgert sich Ralph über das mühsame Treppensteigen. Deshalb wird eines Tages einen Schacht in den Fels gesprengt und ein Aufzug eingebaut.
Der Umbau ist gerade beendet, als der Wächter auf dem Bergfried ein großes Heer meldet. Ralph eilt mit seinem Repetiergewehr unverzüglich auf die Zinnen. Von dort gelingt es ihm, einige Späher abzuschießen, aber der größte Teil der fremden Truppen bleibt außerhalb der Reichweite seiner Waffe.
Tagelang ist es still im Wald. Selbst die Vögel schweigen. Keiner der Angreifer lässt sich sehen. Unruhig patrouilliert Ralph, den Revolver an seiner Seite, Handgranaten an seinem Gürtel, das Gewehr geschultert den Wehrgang entlang. Das Maschinengewehr steht geladen auf dem Turm. Doch nichts geschieht.
Wochen vergehen und die Sorge und die Aufmerksamkeit der Verteidiger lassen langsam nach. Die fremden Ritter werden wohl keinen Angriff wagen. Ralph bedauert dies ein wenig, denn er ist wohl gerüstet und würde gerne seine Verteidigungsanlagen erproben. Er wünscht sich eine Gelegenheit, bei der er zeigen kann, wie er als mutiger Held eine feindliche Übermacht besiegt.
Irgendwann, sie hören es mehr, als dass sie es sehen, fliegt ein großer Felsbrocken durch die Luft und stürzt krachend auf ihr Kraftwerk. Mit einem Schlag gehen in der Burg die Lichter aus, der Fahrstuhl bleibt stecken und die Torflügel lassen sich nicht mehr bewegen. Und nun beginnt ein Bombardement aus schweren Steinen, das Mauern, Türme und Gebäude zerschmettert.
In wütender Verzweiflung stürmt Ralph auf die Burgmauer und schüttelt trotzig die geballten Fäuste.
„Ihr Feiglinge, kommt heraus!" ruft er, während ihm Tränen über das Gesicht rinnen. „So lasst euch doch sehen! Kommt näher, damit ich euch abschießen kann."
Sein Brüllen zeigt jedoch keinen Erfolg. Nur ein neuer Steinhagel überschüttet das Gemäuer, und Ralph muss sich eilig zurückziehen.
Der Feind hat in der Zwischenzeit Katapulte gebaut und schießt nun stetig Tag und Nacht Felsbrocken auf die geheimnisumwitterte Burg. Mehrere Fürsten haben zu diesem Zweck ihre Heere vereint. Es sind Ritter, die sonst miteinander in Fehden liegen. Nun stehen sie Schulter an Schulter. Es gilt, den Teufel zu bannen, einen gefährlichen Zauberer zu vernichten, den Antichrist auszutilgen. Das Land muss befreit und befriedet werden.
Die einst so stolze Burg ist längst ein Trümmerhaufen und Ralph hat sich mit seinen Getreuen und den Frauen in die funktionslos gewordenen Kühlräume tief im Fels zurückgezogen. Sie sind nun die letzte Zuflucht. Dort kauert er in einer Ecke und hält sich die Ohren zu, um das Krachen und Bersten über ihm nicht zu hören.
Da erinnert er sich an den MP3-Player, den er auch in die Vergangenheit mitgebracht hat. Er setzt den Kopfhörer auf und ein uraltes Beatles‑Lied dröhnt in seinem Kopf. Er nickt und stampft den Rhythmus mit dem Fuß. Ruhe überkommt ihn, seine Tränen versiegen. Gedankenverloren summt er die Melodie mit:
All you need is love,
all you need is love,
all you need is love, love,
love is all you need