Vor ein paar Jahren habe ich mir eine Wohnung
gekauft. Sie ist bequem und komfortabel. Warmes Wasser kommt stets aus allen
Hähnen und die Heizung ist an die Fernwärme angeschlossen. Ein Kamin für Kohleöfen
ist in diesen modernen Häusern nicht mehr nötig. Doch stellen wir uns vor,
unser schönes, geordnetes und bequemes Leben würde eines Tages durcheinander
gebracht. Irgendetwas Unvorhergesehenes geschieht und aus dem Heizwerk kommt
kein warmes Wasser mehr. Mein Keramik-Elektroherd in der Küche funktioniert
ohne Strom nicht. Was dann? Soll ich vielleicht mit dem Holzkohlengrill auf der
Terrasse kochen?
Unsere Zivilisation ist bequem, aber sie hat uns
auch von ihr abhängig gemacht. Wie verhalten wir uns in Notzeiten? Was machen
wir ohne Strom, Heizung? Was ist, wenn im Supermarkt alle Regale leer sind?
Der Gedanke vom Zusammenbruch unseres bequemen
Lebens bildet die Grundlage der nun folgenden Geschichte.
Ein Abend im Leben des Herrn Baumann
Michael Baumann
wohnte in U., einem kleinen Dorf mit ursprünglich fünf Bauernhöfen. Es war in
den siebziger Jahren zu einem Vorort von N. herangewachsen. Zuvor hatte es
geheißen, in U. sagten sich Fuchs und Hase gute Nacht. Damals war die einzige
Gaststätte längst geschlossen gewesen. Der ehemalige Wirt verkaufte nur noch
Flaschenbier und bot Gelegenheit zum Telefonieren, denn es fehlte eine öffentliche
Fernsprechzelle im Dorf.
Vergeblich
suchte man damals im Ort nach einem Kaufladen. U. war ein Eldorado für
Hausierer gewesen. Um die notwendigsten Bedürfnisse der Leute von U. zu
befriedigen, fuhr zweimal in der Woche der Bäcker des Nachbarortes mit einem VW‑Bus
vor. Der war vollgefüllt mit Milch, Butter, Eiern, Brot und Mehl. Dazu kamen so
luxuriöse Dinge wie Schokolade und Waffeln, auf die besonders die Kinder
begehrlich starrten, wenn sie sich mit ihren Müttern um das kleine Einkaufsparadies
drängten.
Die Grundschule
war im Nachbarort gewesen, und die Schüler mussten etwa eine halbe Stunde durch
den Wiesengrund laufen, um in einem großen Raum mit verschmutzten Wänden und
geöltem Boden vor einem nervösen und schlagfreudigen Lehrer zu sitzen, der vier
Klassen gleichzeitig unterrichtete.
U. war an drei
Seiten von dichten Kiefern‑ und Laubwäldern umgeben. Die vierte Seite zum
Fluss hin war offen. In den Wäldern suchten die Leute fleißig nach Pilzen. Man
stand beim Morgengrauen auf, und besonders die Frauen liefen stundenlang auf
der Suche nach Pfifferlingen und Steinpilzen, die man am Nachmittag mit großer
Mühe putzte, bis der fahrende Händler am Abend gnädig 7 oder 8 Mark für die
Tagesarbeit bezahlte. Aber Geld war damals knapp in U., Zeit dagegen reichlich
vorhanden.
Doch in neuerer
Zeit änderte sich in U. die Umstände rasch. Beinahe über Nacht wurden große
Teile des Waldes gerodet und Bungalows auf die fruchtbare Erde gebaut. Töchter
und Söhne der Bauern hatten geheiratet und wollten nicht mehr in den alten,
ungemütlichen Häusern ihrer Eltern zu wohnen. Die neue Landjugend hatte ein
anderes Bewusstsein, als ihre Vorfahren. Sie wusste, wenn man das Holz einiger
Wälder verkaufte, so war genügend Geld für städtischen Luxus vorhanden.
Der Anfang war
gemacht. Bald kamen Städter und kauften zu verhältnismäßig günstigen Preisen
Land. Es entstanden große Bungalow‑Siedlungen mit Häusern, die sich alle
glichen. Das große Wohnzimmer im Erdgeschoss war durch eine Glasfront von der
gepflasterten Terrasse getrennt, an die sich der gepflegte Rasen anschloss. Die
Gärten, alle gleich groß, unterschieden sich lediglich in der Anordnung derselben
exotischen Büsche und Zwergbäume. Natürlich baute man kein Gemüse oder gar
Kartoffeln an. Die waren im nahe gelegenen Einkaufszentrum billiger zu haben.
Ein Nutzgarten kostet Zeit, und Zeit war kostbar an einem Tag, den Fernsehen
und Beruf schematisch einteilten.
Bald griff
Kahlschlag um sich. Noch in den fünfziger Jahren hatte man am Abend eine der
wenigen Familien besucht, die eines dieser faszinierenden Fernsehgeräte
besaßen. In den fremden Wohnzimmern hielt man dann ein Schwätzchen, während man
auf die flimmernde Scheibe sah. Doch bald war jeder saß vor seinem eigenen
Apparat gesessen. In U. War der Fortschritt eingekehrt, und das Dorf hatte
Anschluss an das übrige Leben in Westeuropa gefunden.
Die Wochenenden
gehörten bald darauf dem Wagenwaschen und der Gartenpflege. Das ganze Dorf
dröhnte an den Samstagen vom Geknatter der Rasenmäher. Verstummte endlich der
Lärm, krochen die Bungalow‑Bewohner auf den Knien die Rasenkanten
entlang, um die übrig gebliebenen Grashalme mit einer Spezialschere
abzuschneiden. Danach besprühten sie die Terassenplatten mit einer chemischen Lösung
gegen Unkraut. Absolute Sauberkeit war Trumpf. Wagte es ein einziges Kraut oder
gar eine Wildblume in dem gepflegten Rasen zu sprießen, kamen
Unkrautvernichtungsmittel zum Zug.
Früher waren
die Menschen von U. auf Personenzüge angewiesen gewesen, wenn sie ihr Dorf
verlassen wollten. Die Züge fuhren damals stündlich. Doch in der neuen Zeit
hielt nur noch zweimal täglich ein Triebwagen auf dem kleinen Bahnhof. Aber
dafür wurden alle Straßen geteert und neue Verkehrsschneisen durch die Wälder
geschlagen. Die Orte wurden verbunden durch Autobahnen, Bundesstraßen, Landstraßen
erster und zweiter Ordnung, landwirtschaftliche Wege, ja selbst die Pfade an
den Wiesenrändern wurden betoniert.
Man war jetzt
viel unterwegs, damals in der neuen Zeit. Die Männer mussten täglich zu ihren
Arbeitsplätze in der entfernten Stadt und die Kinder in die großen
Schulzentren. Na und? Entfernungen spielten doch keine Rolle!
Doch auch die
neue Zeit war inzwischen Vergangenheit. Das Leben in U. hatte sich wieder
einmal radikal geändert.
U. war die
Heimat von Michael Baumann, der an jenem Mittwochabend kurz nach sieben Uhr
wütend die Hauptstraße entlang lief. Sein Zug war aus Gründen, die man den
Pendlern nicht mitgeteilt hatte, auf dem vorletzten Bahnhof in R. stehen
geblieben. Deshalb hatte Baumann sechs lange Kilometer auf ungepflegter
Landstraße in der hereinbrechenden Dunkelheit nach Hause laufen müssen. Außer
ihm waren noch sechs andere Männer schweigend durch die Finsternis getappt. Sie
hatten kein Wort miteinander gewechselt. Baumann hatte seine Fahrradkette, die
er in der Manteltasche mit sich trug, umklammerte. Eine wirksame Waffe bei
Überfällen, sie verlieh ihm Zuversicht.
Endlich zu
Hause angelangt, tastete sich Baumann in der Dunkelheit um sein Haus in der
Neubausiedlung herum. Die Straßenbeleuchtung funktionierte schon lange nicht
mehr. Er klopfte an das Holz der Verandatür. Die große Glasscheibe war im
vergangenen Jahr heraus gefallen und durch eine Sperrholzplatte ersetzt worden.
Seine Tochter
Gabriele öffnete. Erschöpft trat er ein und ließ sich auf die lederne Couch
sinken. Dort ruhte er ein paar Minuten aus, bevor er sich aufraffte und seinen
Mantel in den großen Kleiderschrank hängte, der vor dem Seitenfenstern stand.
Da nahm er zwar Licht weg, aber sie hatten keinen anderen Platz für ihn
gefunden. Außerdem diente er gleichzeitig als Schutz und Sicherung des
Fensters.
„Du bist heute
spät, Schatz. Gab es wieder Schwierigkeiten mit dem Zug?" rief Frau
Baumann aus der Küche.
„Ich musste von
R. aus laufen", knurrte er als Antwort.
„Als Trost habe
ich weiße Bohnen und etwas Suppengemüse aufgetrieben", fuhr sie fröhlich
fort, „und zur Feier des Tages noch einen Fleischbrühwürfel geopfert. Ich
hoffe, du würdigst das Festmahl gebührend.
Auf dem
Dauerbrandofen in der Ecke stand ein Kochtopf, aus dem es verführerisch
duftete. Baumann war hungrig und ihm war nicht nach Reden zu Mute. Seine
Familie kannte ihn in dieser Stimmung und ließ ihn in Ruhe. Frau Baumann blieb
in der Küche unsichtbar, und die fünfjährige Gabriele saß auf ihrem Bett und
lutschte hingebungsvoll am Daumen.
Der Mann
fröstelte und stand auf, um ein Holzscheit nachzulegen. Die Ölheizung war außer
Betrieb. Diesen Brennstoff konnte sich in U. niemand mehr leisten. Überall
hatte man alte Kohleöfen aufgestellt, sammelte Holz und war froh, wenn man für
teures Geld einige Zentner Briketts geliefert bekam. Michael Baumann hatte im
Herbst an jedem Wochenende zusammen mit seiner Frau Holz gesammelt, gehackt und
es auf der Terrasse unter dem Balkon gestapelt. Die Kohlen waren im Keller in
einem Verschlag mit einem großen Vorhängeschloss gesichert. Auf Brennmaterial
musste man gut aufpassen. Zu groß war die Versuchung für die übrigen
Hausbewohner, etwas für sich abzuzweigen.
Gerade als
Baumann zur Toilette gehen wollte, fiel der Strom aus. Er war dergleichen
gewohnt und tastete nach der Petroleumlampe.
„Das passiert
heute schon zum dritten Mal", kommentierte seine Frau aus der Küche, „ich
habe deshalb die Bohnen gleich auf den Ofen gesetzt und mir den Ärger mit dem
elektrischen Herd erspart. Bringst du mir bitte Streichhölzer für meine
Kerze?"
Der Mann kam
sich mit der brennenden Lampe in die Küche und sah, dass seine Frau in den
beiden Becken der Edelstahlspüle Wäsche wusch. Er zündete den Kerzenstummel an,
der auf der Fensterbank klebte, und sah sich zufrieden um. Sie hatten das Beste
aus den Verhältnissen gemacht und es sich gemütlich eingerichtet. Die
Spülmaschine war zwar außer Betrieb und stand, mit einer Plane sorgfältig
abgedeckt, auf der Terrasse, aber der Kühlschrank
funktionierte zumindest noch zeitweise. Allerdings verdarben die kostbaren
Essenvorräte, wenn man bei Stromausfall nicht aufpasste. Er wurde deshalb nur
noch sehr selten benutzt. Die Tiefkühltruhe hatte Baumann zur Werkzeugkiste
umfunktioniert. Jedes Mal, wenn er sie sah, ärgerte er sich, dass er nicht alle
elektrischen Geräte damals an einen Gutgläubigen verkauft hatte. Er kannte
Leute, die durch das nutzlose Zeug zu ansehnlichen Summen gekommen waren. Doch
wer hätte damals gedacht, dass es so lange andauern würde?
In die
Geschirrschränke hatten sie Löcher zur Luftzirkulation gebohrt und lagerten
dort das Wenige, was sie an Nahrung im Haus hatten. Quer durch die Küche waren
Leinen gespannt, auf denen Wäsche zum Trocknen hing. Michael Baumann kannte
diese Hindernisse und bückte sich rechtzeitig und geschickt. Sein Wegtauchen
unter Handtüchern, Unterhosen und Socken hatte einen Hauch von Eleganz. Die
Einbauküche im altdeutschen Stil war ehemals mit Holz verkleidet gewesen. Doch
die meisten der angeklebten Platten hatten sich inzwischen gelöst und waren
erbarmungslos verfeuert worden.
Zurück im
Wohnzimmer machte der Mann einen Bogen um den großen Esstisch und wäre beinahe
über das Telefonkabel gestolpert. Natürlich war das Telefon außer Betrieb, aber
seine Frau hatte sich bisher standhaft geweigert, den Apparat entfernen zu
lassen. Er war für sie noch immer der Garant für eine bessere Zukunft.
„Wenn alles
vorbei ist", sagte sie immer, „bekommt man so schnell keine
Telefonmonteure. Die haben dann genügend zu tun, und wir sitzen ohne Anschluss
da. Und auf die Handys kann man sich schon gar nicht verlassen. Sie hat man
sogar zuerst abgeschaltet."
So blieb das
nutzlose Telefon stehen, und nur die kleine Gabriele führte als Spiel mit der
Oma, mit Kameraden und sogar mit Jesus im Himmel lange Ferngespräche.
Der Schlüssel
in der Tür zum Flur ließ sich nur schwer drehen.
„Das Schloss
müsste auch einmal wieder geölt werden", dachte Baumann, „doch woher die
Schmiere nehmen? Am Wochenende werde ich es mit Rizinusöl versuchen."
Im Flur war es
stockdunkel. Baumanns bewohnten ihr Haus schon lange nicht mehr allein. Die
Einquartierung der Fremden war zwar unangenehm gewesen, doch man hatte sich
arrangiert. Um sich gegenseitig nicht mehr als nötig zu stören, betraten
Baumanns das Haus nur noch durch die Verandatür und überließen Haustür und Flur
den Mitbewohnern. Keller und Toilette waren aber nur über den gemeinsamen Gang
zu erreichen.
Die anderen
Familien im Haus beneideten Baumanns um ihre schöne Wohnung. Das große
Wohnzimmer und die Küche im Parterre waren für drei Personen luxuriös, während
sich im Obergeschoss sechs Leute drei Zimmer und den Speicher teilen mussten.
Man hatte das Bad notdürftig zu einer gemeinsamen Küche umfunktioniert und die
eingebaute Toilette stillgelegt. Alle Hausbewohner, auch die Baumanns, mussten
jetzt gemeinsam das ehemalige Gästeklo neben der Haustüre benutzen. Aber Frau
Baumann schwor darauf, dass sie manchmal nachts die Spülung über ihrem Kopf
hörte. Jemand scheute den Weg in der Dunkelheit nach unten und ging auf die
alte Toilette in der jetzigen Küche, dem ehemaligen Bad.
„In Notzeiten
merkt man erst, was Anstand ist", meinte sie in diesem Zusammenhang
abfällig, „und dass die da oben keinen haben, weiß ich schon lange."
Im früheren
Schlafzimmer wohnte nun ein kinderloses Ehepaar, während sich die Familie mit
den zwei kleinen Jungens in den ehemaligen Kinderzimmern eingerichtet hatte.
Sie hatten die kleinen Räume mit den schrägen Wänden voller Möbeln gestellt.
So sehr die
Baumanns auch auf ihre große Wohnung stolz waren, es gab doch Stunden, in denen
sie sich die oberen Zimmer wünschten. Dann nämlich, wenn sie auf der
Doppelbettcouch lagen und Herr Baumann zärtlich über die Brust seiner Frau
strich und sie flüsterte: „Hör' auf! Es geht nicht! Die Kleine ist noch
wach!"
Sie lagen dann
erregt nebeneinander und lauschten auf die Atemzüge des Kindes. Um wie viel
besser hatten es die Leute oben! Die Eltern schliefen in dem einen und die
Kinder in dem anderen Zimmer; und in manchen Nächten glaubten die Baumanns,
über ihnen ein Knarren und Quietschen der Betten zu hören.
Michael Baumann
hatte nun die Toilette erreicht und schlug sein Wasser ab, was mit der
Petroleumlampe in der linken Hand nicht einfach war. Wie schon so oft ärgerte
er sich, dass noch keiner aus dem Haus ein Bord zum Abstellen von Lampen oder
Kerzen angebracht hatte. Der Strom fiel doch immer häufiger aus, und der Tag
war absehbar, an dem sie auf Elektrizität ganz verzichten mussten.
Für die Frauen
war der Gang zur Toilette in der Finsternis noch unangenehmer. Sie stellten das
Licht vor sich auf den Boden, aber der Raum war so eng, dass sie ständig darauf
achten mussten, mit ihren Kleidern nicht in die Flammen zu geraten. Die Kinder
konnte man schon gar nicht alleine gehen lassen.
Als
Toilettenpapier lag passend zurecht geschnittenes altes Zeitungspapier bereit.
Doch auch Zeitungen waren immer schwieriger zu beschaffen. Deshalb hing ein
inzwischen vergilbter Zettel an der Wand: `Sei sparsam mit dem Klopapier!'
Dennoch ging
jemand aus dem Haus noch immer verschwenderisch damit um. Man würde sich bald
einigen müssen, dass jede Familie ihr Papier selbst mitbringt. Wahrscheinlich
würde eines Tages sogar jemand den Zettel mit der Mahnung zur Sparsamkeit
benutzen.
Noch
unangenehmer war es, wenn die Wasserversorgung ausfiel. Das ganze Haus stank
dann nach der Toilette. Zwar bestand die Regel, dass in einem solchen Fall nur
noch uriniert werden durfte, aber der sich zersetzende Harn von zehn Personen
verbreitete einen durch alle Ritzen dringenden bestialischen Gestank.
Das Leitungswasser
musste man schon lange gründlich abkochen. Selbst das Geschirrspülen mit
frischem Wasser war gefährlich. Aber die Leute in U. waren froh, wenn überhaupt
Wasser floss. Mineralwasser in Flaschen wurde als Schatz für besondere
Gelegenheiten gehortet und gut gehütet.
Wieder im
Wohnzimmer machte es sich Michael Baumann auf dem Sofa bequem, legte die Beine
hoch und holte sein kleines Taschenradio hervor. Auf dem Wohnzimmerschrank
stand ein großer, tickender Wecker. Der hatte ihm gezeigt, dass es Zeit für die
Nachrichten war.
Welche Mühe
hatte es gekostet, dieses primitive Ding zu ergattern. Früher, da hatte jeder
eine Armbanduhr besessen. Überall hingen und standen Uhren. Selbst in kleinen
Kugelschreibern waren Digitaluhren eingebaut gewesen.
Aber alle diese
Uhren wurden elektrisch betrieben. In mechanischen Uhren sah man nur noch
Kinderspielzeug. Längst waren alle Batterien verbraucht, und es gab keinen
Nachschub. Deshalb erlebten die alten, primitiven Zeitmesser mit Unruhe und
Feder eine neue Renaissance.
Wer aber
vermutet hatte, es nun würde eine zeitlose Zeit anbrechen, war im Irrtum. Noch
immer musste man pünktlich zur Bahn und zur Arbeit. Auch jetzt galt es Termine
einzuhalten und Absprachen zu treffen. Die Menschen entwickelten deshalb einen
eigenen Zeitsinn, schauten wieder auf Kirchturmuhren und lernten sich nach der
Sonne zu richten.
Für das kleine
Taschenradio, einst für Kinder gedacht und fünf Euro teuer, hatte Baumann
bisher noch immer Batterien aufgetrieben. Außerdem verbrauchte es wenig Energie,
denn der Mann schaltete es in der Regel nur für die Nachrichten ein.
Um diese Zeit hatte früher die
Tagesschau begonnen und damit das Abendprogramm, das die Mehrheit der
Bevölkerung an die Glotze fesselte. Doch daran dachte man jetzt kaum noch. Baumanns
hatten zwar ihren Großbildplasma als Erinnerungsstück aufgehoben. Ob man ihn
aber je wieder in Betrieb nehmen würde? Herr und Frau Baumann waren in diesem
Punkt getrennter Meinung.
Die Nachrichten brachten nichts
Neues. Die Lebensmittelkarten für Fisch waren für ungültig erklärt worden und
die Rationen für Fleisch verringert. Wie gut, dass er gestern dem Mann auf dem
Bahnhof auf dessen geflüstertes Sonderangebot hin keine Fischmarken abgekauft
hatte!
Die
Mindestkalorienzahl pro Kopf musste vorläufig von 1000 auf 800 verringert
werden, damit die Regierung die Versorgung zumindest halbwegs aufrecht halten
konnte. Sie hatte dem Parlament zudem einen mittelfristigen Plan vorgelegt, wie
die Versorgungskrise zu bewältigen wäre. Die Opposition erklärte das Papier für
Augenwischerei.
Die
Gewalttätigkeit nahm überall zu. Aus München wurde gemeldet. dass ein
vierzigjähriger Mann von Jugendlichen wegen drei Dosen Cornedbeef zu Tode
geprügelt worden war.
Die
Kriminalpolizei machte darauf aufmerksam, Türen und Fenster besonders in den
Nächten sorgfältig zu verschließen und zusätzliche Sicherungen anzubringen.
Besonders gefährlich waren so genannte Nachtbanden, die in der Dunkelheit von
Dorf zu Dorf zogen, in Häuser einbrachen, die Bewohner erschlugen und deren
Vorräte als Beute mitnahmen. Trotz aller Schreie kam nur selten jemand zu
Hilfe. Die Polizei trat schon lange nicht mehr in Erscheinung.
Baumann dachte
an seine Fahrradkette, das machte ihm ein wenig Mut.
Der
Schwarzhandel breitete sich immer weiter aus, und die Polizei kündigte
vermehrte Razzien an. Der Nachrichtensprecher zitierte den Innenminister, der
erklärt hatte, Schwarzhandel sei neben Plünderungen der schlimmste Verstoß
gegen das Allgemeinwohl. Alle Versorgungsschwierigkeiten seien in erster Linie
darauf zurückzuführen.
Gelangweilt
schaltete Baumann die monotone Stimme ab. Es gab einfach keine Neuigkeiten.
Es war Zeit zum
Abendessen. Frau Baumann hatte den Tisch mit Sorgfalt gedeckt, um dem Festessen
einen angemessenen Rahmen zu geben. Gabriele saß mit glänzenden Augen vor dem
Teller mit den Bohnen und löffelte gierig. Ihre Eltern anfangs um Zurückhaltung
bemüht, gaben ihrem Hunger bald nach und schlangen auch das Essen ohne Scham in
sich hinein.
„Woher hast du
denn die Bohnen?" fragte Michael Baumann, nachdem der erste Hunger
gestillt war.
„Ein Händler
hat hier Halt gemacht. Da habe ich mir gedacht, man lebt nur einmal und lange
kann es wohl nicht mehr dauern und habe ihm unsere letzten Plastiktüten und das
alte Plastikspielzeug verkauft."
Der Mann erschrak.
Die Plastiktüten, als seltener Chemiegrundstoff teuer gehandelt, waren ihre
letzte Reserve für den Notfall gewesen. Doch er sagte nichts. Er wollte seine
Frau nicht verletzen und sich das gute und teure Essen nicht durch einen Streit
vergällen.
„Fritz hat mir
eine gedeckte Häsin versprochen", antwortete er stattdessen.
Fritz war sein
Kollege. Beide Männer halfen sich, so gut sie konnten, was in diesen Zeiten
nicht die Regel war.
Begeistert
legte seine Frau den Löffel aus der Hand, und sie berieten, wie sie die nötigen
Ställe zimmern könnten. Frau Baumann gelobte feierlich, Futter zu sammeln und
aufzupassen, dass die Karnickel nicht gestohlen würden.
Dann wechselte
Frau Baumann das Thema. Die Kernseife war endgültig aufgebraucht, und sie
wusste nicht, womit sie nächste Woche waschen sollte.
„Aber
Weichspüler hast du hoffentlich noch genügend?" neckte sie ihr Mann.
Waschen war ein
Problem, bei dem Frau Baumann keinen Spaß verstand.
„Wie kannst du
darüber nur Witze reißen?" rief sie entrüstet.
Immer noch
lächelnd stand ihr Gatte auf, ging zu seinem Mantel und zog aus der Tasche ein
Stück Seife, das in Zeitungspapier eingewickelt war. Die Frau lächelte
glücklich, lehnte sich zurück und zog die Tochter auf den Schoß. Dann erzählte
sie ihrem Mann, sie habe heute mit einem Bauern des Ortes über Arbeit
verhandelt.
„Der Bachinger
hat gesagt, er lässt mich rufen, wenn es auf dem Feld etwas zu tun gibt. Ich
sei eine kräftige Frau, meint er, und werde ihn sicher nicht enttäuschen.
Vielleicht lasse er mich auch schon früher kommen. Er habe noch andere
Verwendung für mich. Dann habe ich ihn gefragt, ob er Eier hätte. Diesmal noch
nicht, hat er geantwortet, aber wenn er meinen guten Willen erkenne, würden die
Hühner sicher welche legen."
Vor dem
Schlafen gehen schlenderte Michael Baumann noch ein wenig auf die Terrasse.
Rechts vor ihm erhob sich als dunkler Schatten der Holzstoß, den er im Herbst
gesägt und zerkleinert hatte. Er war inzwischen recht zusammengeschmolzen.
„Wie lange
noch?" fragte er sich und kehrte wieder ins Haus zurück. „Hoffentlich wird
der Bahnverkehr nicht eingestellt. Ich muss zur Arbeit. Hier auf dem Dorf
verhungern wir."
Beim Ausziehen
berichtete er seiner Frau: „In der Stadt haben sie neue Zuwanderer
angekündigt."
„Aber wo sollen
die denn noch untergebracht werden?" war die besorgte Antwort.
„Es wird schon
gehen!"
Als sie dann im
Bett lagen, kuschelten sie sich aneinander, und sie flüsterte ihm ins Ohr: „Weißt
du, was mir aufgefallen ist? Die Männer sehen jetzt alle viel besser aus als
früher. Die Menschen sind jetzt schlank und haben nicht mehr so dicke Bäuche.
Notzeiten haben doch auch ihr Gutes.“