Vor ein paar Jahren habe ich mir eine Wohnung gekauft. Sie ist bequem und komfortabel. Warmes Wasser kommt stets aus allen Hähnen und die Heizung ist an die Fernwärme angeschlossen. Ein Kamin für Kohleöfen ist in diesen modernen Häusern nicht mehr nötig. Doch stellen wir uns vor, unser schönes, geordnetes und bequemes Leben würde eines Tages durcheinander gebracht. Irgendetwas Unvorhergesehenes geschieht und aus dem Heizwerk kommt kein warmes Wasser mehr. Mein Keramik-Elektroherd in der Küche funktioniert ohne Strom nicht. Was dann? Soll ich vielleicht mit dem Holzkohlengrill auf der Terrasse kochen?

Unsere Zivilisation ist bequem, aber sie hat uns auch von ihr abhängig gemacht. Wie verhalten wir uns in Notzeiten? Was machen wir ohne Strom, Heizung? Was ist, wenn im Supermarkt alle Regale leer sind?

Der Gedanke vom Zusammenbruch unseres bequemen Lebens bildet die Grundlage der nun folgenden Geschichte.

 

 

 

Ein Abend im Leben des Herrn Baumann

 

Michael Baumann wohnte in U., einem kleinen Dorf mit ursprünglich fünf Bauernhöfen. Es war in den siebziger Jahren zu einem Vorort von N. herangewachsen. Zuvor hatte es geheißen, in U. sagten sich Fuchs und Hase gute Nacht. Damals war die einzige Gaststätte längst geschlossen gewesen. Der ehemalige Wirt verkaufte nur noch Flaschenbier und bot Gelegenheit zum Telefonieren, denn es fehlte eine öffentliche Fernsprechzelle im Dorf.

Vergeblich suchte man damals im Ort nach einem Kaufladen. U. war ein Eldorado für Hausierer gewesen. Um die notwendigsten Bedürfnisse der Leute von U. zu befriedigen, fuhr zweimal in der Woche der Bäcker des Nachbarortes mit einem VW‑Bus vor. Der war vollgefüllt mit Milch, Butter, Eiern, Brot und Mehl. Dazu kamen so luxuriöse Dinge wie Schokolade und Waffeln, auf die besonders die Kinder begehrlich starrten, wenn sie sich mit ihren Müttern um das kleine Einkaufsparadies drängten.

Die Grundschule war im Nachbarort gewesen, und die Schüler mussten etwa eine halbe Stunde durch den Wiesengrund laufen, um in einem großen Raum mit verschmutzten Wänden und geöltem Boden vor einem nervösen und schlagfreudigen Lehrer zu sitzen, der vier Klassen gleichzeitig unterrichtete.

U. war an drei Seiten von dichten Kiefern‑ und Laubwäldern umgeben. Die vierte Seite zum Fluss hin war offen. In den Wäldern suchten die Leute fleißig nach Pilzen. Man stand beim Morgengrauen auf, und besonders die Frauen liefen stundenlang auf der Suche nach Pfifferlingen und Steinpilzen, die man am Nachmittag mit großer Mühe putzte, bis der fahrende Händler am Abend gnädig 7 oder 8 Mark für die Tagesarbeit bezahlte. Aber Geld war damals knapp in U., Zeit dagegen reichlich vorhanden.

 

Doch in neuerer Zeit änderte sich in U. die Umstände rasch. Beinahe über Nacht wurden große Teile des Waldes gerodet und Bungalows auf die fruchtbare Erde gebaut. Töchter und Söhne der Bauern hatten geheiratet und wollten nicht mehr in den alten, ungemütlichen Häusern ihrer Eltern zu wohnen. Die neue Landjugend hatte ein anderes Bewusstsein, als ihre Vorfahren. Sie wusste, wenn man das Holz einiger Wälder verkaufte, so war genügend Geld für städtischen Luxus vorhanden.

Der Anfang war gemacht. Bald kamen Städter und kauften zu verhältnismäßig günstigen Preisen Land. Es entstanden große Bungalow‑Siedlungen mit Häusern, die sich alle glichen. Das große Wohnzimmer im Erdgeschoss war durch eine Glasfront von der gepflasterten Terrasse getrennt, an die sich der gepflegte Rasen anschloss. Die Gärten, alle gleich groß, unterschieden sich lediglich in der Anordnung derselben exotischen Büsche und Zwergbäume. Natürlich baute man kein Gemüse oder gar Kartoffeln an. Die waren im nahe gelegenen Einkaufszentrum billiger zu haben. Ein Nutzgarten kostet Zeit, und Zeit war kostbar an einem Tag, den Fernsehen und Beruf schematisch einteilten.

Bald griff Kahlschlag um sich. Noch in den fünfziger Jahren hatte man am Abend eine der wenigen Familien besucht, die eines dieser faszinierenden Fernsehgeräte besaßen. In den fremden Wohnzimmern hielt man dann ein Schwätzchen, während man auf die flimmernde Scheibe sah. Doch bald war jeder saß vor seinem eigenen Apparat gesessen. In U. War der Fortschritt eingekehrt, und das Dorf hatte Anschluss an das übrige Leben in Westeuropa gefunden.

Die Wochenenden gehörten bald darauf dem Wagenwaschen und der Gartenpflege. Das ganze Dorf dröhnte an den Samstagen vom Geknatter der Rasenmäher. Verstummte endlich der Lärm, krochen die Bungalow‑Bewohner auf den Knien die Rasenkanten entlang, um die übrig gebliebenen Grashalme mit einer Spezialschere abzuschneiden. Danach besprühten sie die Terassenplatten mit einer chemischen Lösung gegen Unkraut. Absolute Sauberkeit war Trumpf. Wagte es ein einziges Kraut oder gar eine Wildblume in dem gepflegten Rasen zu sprießen, kamen Unkrautvernichtungsmittel zum Zug.

Früher waren die Menschen von U. auf Personenzüge angewiesen gewesen, wenn sie ihr Dorf verlassen wollten. Die Züge fuhren damals stündlich. Doch in der neuen Zeit hielt nur noch zweimal täglich ein Triebwagen auf dem kleinen Bahnhof. Aber dafür wurden alle Straßen geteert und neue Verkehrsschneisen durch die Wälder geschlagen. Die Orte wurden verbunden durch Autobahnen, Bundesstraßen, Landstraßen erster und zweiter Ordnung, landwirtschaftliche Wege, ja selbst die Pfade an den Wiesenrändern wurden betoniert.

Man war jetzt viel unterwegs, damals in der neuen Zeit. Die Männer mussten täglich zu ihren Arbeitsplätze in der entfernten Stadt und die Kinder in die großen Schulzentren. Na und? Entfernungen spielten doch keine Rolle!

Doch auch die neue Zeit war inzwischen Vergangenheit. Das Leben in U. hatte sich wieder einmal radikal geändert.

 

U. war die Heimat von Michael Baumann, der an jenem Mittwochabend kurz nach sieben Uhr wütend die Hauptstraße entlang lief. Sein Zug war aus Gründen, die man den Pendlern nicht mitgeteilt hatte, auf dem vorletzten Bahnhof in R. stehen geblieben. Deshalb hatte Baumann sechs lange Kilometer auf ungepflegter Landstraße in der hereinbrechenden Dunkelheit nach Hause laufen müssen. Außer ihm waren noch sechs andere Männer schweigend durch die Finsternis getappt. Sie hatten kein Wort miteinander gewechselt. Baumann hatte seine Fahrradkette, die er in der Manteltasche mit sich trug, umklammerte. Eine wirksame Waffe bei Überfällen, sie verlieh ihm Zuversicht.

Endlich zu Hause angelangt, tastete sich Baumann in der Dunkelheit um sein Haus in der Neubausiedlung herum. Die Straßenbeleuchtung funktionierte schon lange nicht mehr. Er klopfte an das Holz der Verandatür. Die große Glasscheibe war im vergangenen Jahr heraus gefallen und durch eine Sperrholzplatte ersetzt worden.

Seine Tochter Gabriele öffnete. Erschöpft trat er ein und ließ sich auf die lederne Couch sinken. Dort ruhte er ein paar Minuten aus, bevor er sich aufraffte und seinen Mantel in den großen Kleiderschrank hängte, der vor dem Seitenfenstern stand. Da nahm er zwar Licht weg, aber sie hatten keinen anderen Platz für ihn gefunden. Außerdem diente er gleichzeitig als Schutz und Sicherung des Fensters.

 

„Du bist heute spät, Schatz. Gab es wieder Schwierigkeiten mit dem Zug?" rief Frau Baumann aus der Küche.

„Ich musste von R. aus laufen", knurrte er als Antwort.

„Als Trost habe ich weiße Bohnen und etwas Suppengemüse aufgetrieben", fuhr sie fröhlich fort, „und zur Feier des Tages noch einen Fleischbrühwürfel geopfert. Ich hoffe, du würdigst das Festmahl gebührend.

Auf dem Dauerbrandofen in der Ecke stand ein Kochtopf, aus dem es verführerisch duftete. Baumann war hungrig und ihm war nicht nach Reden zu Mute. Seine Familie kannte ihn in dieser Stimmung und ließ ihn in Ruhe. Frau Baumann blieb in der Küche unsichtbar, und die fünfjährige Gabriele saß auf ihrem Bett und lutschte hingebungsvoll am Daumen.

Der Mann fröstelte und stand auf, um ein Holzscheit nachzulegen. Die Ölheizung war außer Betrieb. Diesen Brennstoff konnte sich in U. niemand mehr leisten. Überall hatte man alte Kohleöfen aufgestellt, sammelte Holz und war froh, wenn man für teures Geld einige Zentner Briketts geliefert bekam. Michael Baumann hatte im Herbst an jedem Wochenende zusammen mit seiner Frau Holz gesammelt, gehackt und es auf der Terrasse unter dem Balkon gestapelt. Die Kohlen waren im Keller in einem Verschlag mit einem großen Vorhängeschloss gesichert. Auf Brennmaterial musste man gut aufpassen. Zu groß war die Versuchung für die übrigen Hausbewohner, etwas für sich abzuzweigen.

 

Gerade als Baumann zur Toilette gehen wollte, fiel der Strom aus. Er war dergleichen gewohnt und tastete nach der Petroleumlampe.

„Das passiert heute schon zum dritten Mal", kommentierte seine Frau aus der Küche, „ich habe deshalb die Bohnen gleich auf den Ofen gesetzt und mir den Ärger mit dem elektrischen Herd erspart. Bringst du mir bitte Streichhölzer für meine Kerze?"

Der Mann kam sich mit der brennenden Lampe in die Küche und sah, dass seine Frau in den beiden Becken der Edelstahlspüle Wäsche wusch. Er zündete den Kerzenstummel an, der auf der Fensterbank klebte, und sah sich zufrieden um. Sie hatten das Beste aus den Verhältnissen gemacht und es sich gemütlich eingerichtet. Die Spülmaschine war zwar außer Betrieb und stand, mit einer Plane sorgfältig abgedeckt, auf der Terrasse, aber der Kühlschrank funktionierte zumindest noch zeitweise. Allerdings verdarben die kostbaren Essenvorräte, wenn man bei Stromausfall nicht aufpasste. Er wurde deshalb nur noch sehr selten benutzt. Die Tiefkühltruhe hatte Baumann zur Werkzeugkiste umfunktioniert. Jedes Mal, wenn er sie sah, ärgerte er sich, dass er nicht alle elektrischen Geräte damals an einen Gutgläubigen verkauft hatte. Er kannte Leute, die durch das nutzlose Zeug zu ansehnlichen Summen gekommen waren. Doch wer hätte damals gedacht, dass es so lange andauern würde?

In die Geschirrschränke hatten sie Löcher zur Luftzirkulation gebohrt und lagerten dort das Wenige, was sie an Nahrung im Haus hatten. Quer durch die Küche waren Leinen gespannt, auf denen Wäsche zum Trocknen hing. Michael Baumann kannte diese Hindernisse und bückte sich rechtzeitig und geschickt. Sein Wegtauchen unter Handtüchern, Unterhosen und Socken hatte einen Hauch von Eleganz. Die Einbauküche im altdeutschen Stil war ehemals mit Holz verkleidet gewesen. Doch die meisten der angeklebten Platten hatten sich inzwischen gelöst und waren erbarmungslos verfeuert worden.

Zurück im Wohnzimmer machte der Mann einen Bogen um den großen Esstisch und wäre beinahe über das Telefonkabel gestolpert. Natürlich war das Telefon außer Betrieb, aber seine Frau hatte sich bisher standhaft geweigert, den Apparat entfernen zu lassen. Er war für sie noch immer der Garant für eine bessere Zukunft.

 

„Wenn alles vorbei ist", sagte sie immer, „bekommt man so schnell keine Telefonmonteure. Die haben dann genügend zu tun, und wir sitzen ohne Anschluss da. Und auf die Handys kann man sich schon gar nicht verlassen. Sie hat man sogar zuerst abgeschaltet."

So blieb das nutzlose Telefon stehen, und nur die kleine Gabriele führte als Spiel mit der Oma, mit Kameraden und sogar mit Jesus im Himmel lange Ferngespräche.

Der Schlüssel in der Tür zum Flur ließ sich nur schwer drehen.

„Das Schloss müsste auch einmal wieder geölt werden", dachte Baumann, „doch woher die Schmiere nehmen? Am Wochenende werde ich es mit Rizinusöl versuchen."

Im Flur war es stockdunkel. Baumanns bewohnten ihr Haus schon lange nicht mehr allein. Die Einquartierung der Fremden war zwar unangenehm gewesen, doch man hatte sich arrangiert. Um sich gegenseitig nicht mehr als nötig zu stören, betraten Baumanns das Haus nur noch durch die Verandatür und überließen Haustür und Flur den Mitbewohnern. Keller und Toilette waren aber nur über den gemeinsamen Gang zu erreichen.

Die anderen Familien im Haus beneideten Baumanns um ihre schöne Wohnung. Das große Wohnzimmer und die Küche im Parterre waren für drei Personen luxuriös, während sich im Obergeschoss sechs Leute drei Zimmer und den Speicher teilen mussten. Man hatte das Bad notdürftig zu einer gemeinsamen Küche umfunktioniert und die eingebaute Toilette stillgelegt. Alle Hausbewohner, auch die Baumanns, mussten jetzt gemeinsam das ehemalige Gästeklo neben der Haustüre benutzen. Aber Frau Baumann schwor darauf, dass sie manchmal nachts die Spülung über ihrem Kopf hörte. Jemand scheute den Weg in der Dunkelheit nach unten und ging auf die alte Toilette in der jetzigen Küche, dem ehemaligen Bad.

„In Notzeiten merkt man erst, was Anstand ist", meinte sie in diesem Zusammenhang abfällig, „und dass die da oben keinen haben, weiß ich schon lange."

Im früheren Schlafzimmer wohnte nun ein kinderloses Ehepaar, während sich die Familie mit den zwei kleinen Jungens in den ehemaligen Kinderzimmern eingerichtet hatte. Sie hatten die kleinen Räume mit den schrägen Wänden voller Möbeln gestellt.

So sehr die Baumanns auch auf ihre große Wohnung stolz waren, es gab doch Stunden, in denen sie sich die oberen Zimmer wünschten. Dann nämlich, wenn sie auf der Doppelbettcouch lagen und Herr Baumann zärtlich über die Brust seiner Frau strich und sie flüsterte: „Hör' auf! Es geht nicht! Die Kleine ist noch wach!"

Sie lagen dann erregt nebeneinander und lauschten auf die Atemzüge des Kindes. Um wie viel besser hatten es die Leute oben! Die Eltern schliefen in dem einen und die Kinder in dem anderen Zimmer; und in manchen Nächten glaubten die Baumanns, über ihnen ein Knarren und Quietschen der Betten zu hören.

 

Michael Baumann hatte nun die Toilette erreicht und schlug sein Wasser ab, was mit der Petroleumlampe in der linken Hand nicht einfach war. Wie schon so oft ärgerte er sich, dass noch keiner aus dem Haus ein Bord zum Abstellen von Lampen oder Kerzen angebracht hatte. Der Strom fiel doch immer häufiger aus, und der Tag war absehbar, an dem sie auf Elektrizität ganz verzichten mussten.

Für die Frauen war der Gang zur Toilette in der Finsternis noch unangenehmer. Sie stellten das Licht vor sich auf den Boden, aber der Raum war so eng, dass sie ständig darauf achten mussten, mit ihren Kleidern nicht in die Flammen zu geraten. Die Kinder konnte man schon gar nicht alleine gehen lassen.

Als Toilettenpapier lag passend zurecht geschnittenes altes Zeitungspapier bereit. Doch auch Zeitungen waren immer schwieriger zu beschaffen. Deshalb hing ein inzwischen vergilbter Zettel an der Wand: `Sei sparsam mit dem Klopapier!'

Dennoch ging jemand aus dem Haus noch immer verschwenderisch damit um. Man würde sich bald einigen müssen, dass jede Familie ihr Papier selbst mitbringt. Wahrscheinlich würde eines Tages sogar jemand den Zettel mit der Mahnung zur Sparsamkeit benutzen.

Noch unangenehmer war es, wenn die Wasserversorgung ausfiel. Das ganze Haus stank dann nach der Toilette. Zwar bestand die Regel, dass in einem solchen Fall nur noch uriniert werden durfte, aber der sich zersetzende Harn von zehn Personen verbreitete einen durch alle Ritzen dringenden bestialischen Gestank.

Das Leitungswasser musste man schon lange gründlich abkochen. Selbst das Geschirrspülen mit frischem Wasser war gefährlich. Aber die Leute in U. waren froh, wenn überhaupt Wasser floss. Mineralwasser in Flaschen wurde als Schatz für besondere Gelegenheiten gehortet und gut gehütet.

 

Wieder im Wohnzimmer machte es sich Michael Baumann auf dem Sofa bequem, legte die Beine hoch und holte sein kleines Taschenradio hervor. Auf dem Wohnzimmerschrank stand ein großer, tickender Wecker. Der hatte ihm gezeigt, dass es Zeit für die Nachrichten war.

Welche Mühe hatte es gekostet, dieses primitive Ding zu ergattern. Früher, da hatte jeder eine Armbanduhr besessen. Überall hingen und standen Uhren. Selbst in kleinen Kugelschreibern waren Digitaluhren eingebaut gewesen.

Aber alle diese Uhren wurden elektrisch betrieben. In mechanischen Uhren sah man nur noch Kinderspielzeug. Längst waren alle Batterien verbraucht, und es gab keinen Nachschub. Deshalb erlebten die alten, primitiven Zeitmesser mit Unruhe und Feder eine neue Renaissance.

Wer aber vermutet hatte, es nun würde eine zeitlose Zeit anbrechen, war im Irrtum. Noch immer musste man pünktlich zur Bahn und zur Arbeit. Auch jetzt galt es Termine einzuhalten und Absprachen zu treffen. Die Menschen entwickelten deshalb einen eigenen Zeitsinn, schauten wieder auf Kirchturmuhren und lernten sich nach der Sonne zu richten.

 

Für das kleine Taschenradio, einst für Kinder gedacht und fünf Euro teuer, hatte Baumann bisher noch immer Batterien aufgetrieben. Außerdem verbrauchte es wenig Energie, denn der Mann schaltete es in der Regel nur für die Nachrichten ein.

Um diese Zeit hatte früher die Tagesschau begonnen und damit das Abendprogramm, das die Mehrheit der Bevölkerung an die Glotze fesselte. Doch daran dachte man jetzt kaum noch. Baumanns hatten zwar ihren Großbildplasma als Erinnerungsstück aufgehoben. Ob man ihn aber je wieder in Betrieb nehmen würde? Herr und Frau Baumann waren in diesem Punkt getrennter Meinung.

Die Nachrichten brachten nichts Neues. Die Lebensmittelkarten für Fisch waren für ungültig erklärt worden und die Rationen für Fleisch verringert. Wie gut, dass er gestern dem Mann auf dem Bahnhof auf dessen geflüstertes Sonderangebot hin keine Fischmarken abgekauft hatte!

Die Mindestkalorienzahl pro Kopf musste vorläufig von 1000 auf 800 verringert werden, damit die Regierung die Versorgung zumindest halbwegs aufrecht halten konnte. Sie hatte dem Parlament zudem einen mittelfristigen Plan vorgelegt, wie die Versorgungskrise zu bewältigen wäre. Die Opposition erklärte das Papier für Augenwischerei.

Die Gewalttätigkeit nahm überall zu. Aus München wurde gemeldet. dass ein vierzigjähriger Mann von Jugendlichen wegen drei Dosen Cornedbeef zu Tode geprügelt worden war.

Die Kriminalpolizei machte darauf aufmerksam, Türen und Fenster besonders in den Nächten sorgfältig zu verschließen und zusätzliche Si­cherungen anzubringen. Besonders gefährlich waren so genannte Nachtbanden, die in der Dunkelheit von Dorf zu Dorf zogen, in Häuser einbrachen, die Bewohner erschlugen und deren Vorräte als Beute mit­nahmen. Trotz aller Schreie kam nur selten jemand zu Hilfe. Die Polizei trat schon lange nicht mehr in Erscheinung.

Baumann dachte an seine Fahrradkette, das machte ihm ein wenig Mut.

Der Schwarzhandel breitete sich immer weiter aus, und die Polizei kündigte vermehrte Razzien an. Der Nachrichtensprecher zitierte den Innenminister, der erklärt hatte, Schwarzhandel sei neben Plünderungen der schlimmste Verstoß gegen das Allgemeinwohl. Alle Versorgungsschwierigkeiten seien in erster Linie darauf zurückzuführen.

Gelangweilt schaltete Baumann die monotone Stimme ab. Es gab einfach keine Neuigkeiten.

 

Es war Zeit zum Abendessen. Frau Baumann hatte den Tisch mit Sorgfalt gedeckt, um dem Festessen einen angemessenen Rahmen zu geben. Gabriele saß mit glänzenden Augen vor dem Teller mit den Bohnen und löffelte gierig. Ihre Eltern anfangs um Zurückhaltung bemüht, gaben ihrem Hunger bald nach und schlangen auch das Essen ohne Scham in sich hinein.

 

„Woher hast du denn die Bohnen?" fragte Michael Baumann, nach­dem der erste Hunger gestillt war.

„Ein Händler hat hier Halt gemacht. Da habe ich mir gedacht, man lebt nur einmal und lange kann es wohl nicht mehr dauern und habe ihm unsere letzten Plastiktüten und das alte Plastikspielzeug verkauft."

Der Mann erschrak. Die Plastiktüten, als seltener Chemiegrundstoff teuer gehandelt, waren ihre letzte Reserve für den Notfall gewesen. Doch er sagte nichts. Er wollte seine Frau nicht verletzen und sich das gute und teure Essen nicht durch einen Streit vergällen.

„Fritz hat mir eine gedeckte Häsin versprochen", antwortete er statt­dessen.

Fritz war sein Kollege. Beide Männer halfen sich, so gut sie konnten, was in diesen Zeiten nicht die Regel war.

Begeistert legte seine Frau den Löffel aus der Hand, und sie berieten, wie sie die nötigen Ställe zimmern könnten. Frau Baumann gelobte feierlich, Futter zu sammeln und aufzupassen, dass die Karnickel nicht gestohlen würden.

Dann wechselte Frau Baumann das Thema. Die Kernseife war endgültig aufgebraucht, und sie wusste nicht, womit sie nächste Woche waschen sollte.

„Aber Weichspüler hast du hoffentlich noch genügend?" neckte sie ihr Mann.

Waschen war ein Problem, bei dem Frau Baumann keinen Spaß ver­stand.

„Wie kannst du darüber nur Witze reißen?" rief sie entrüstet.

Immer noch lächelnd stand ihr Gatte auf, ging zu seinem Mantel und zog aus der Tasche ein Stück Seife, das in Zeitungspapier eingewickelt war. Die Frau lächelte glücklich, lehnte sich zurück und zog die Tochter auf den Schoß. Dann erzählte sie ihrem Mann, sie habe heute mit einem Bauern des Ortes über Arbeit verhandelt.

„Der Bachinger hat gesagt, er lässt mich rufen, wenn es auf dem Feld etwas zu tun gibt. Ich sei eine kräftige Frau, meint er, und werde ihn sicher nicht enttäuschen. Vielleicht lasse er mich auch schon früher kommen. Er habe noch andere Verwendung für mich. Dann habe ich ihn gefragt, ob er Eier hätte. Diesmal noch nicht, hat er geantwortet, aber wenn er meinen guten Willen erkenne, würden die Hühner sicher welche legen."

 

Vor dem Schlafen gehen schlenderte Michael Baumann noch ein wenig auf die Terrasse. Rechts vor ihm erhob sich als dunkler Schatten der Holzstoß, den er im Herbst gesägt und zerkleinert hatte. Er war inzwischen recht zusammengeschmolzen.

„Wie lange noch?" fragte er sich und kehrte wieder ins Haus zurück. „Hoffentlich wird der Bahnverkehr nicht eingestellt. Ich muss zur Arbeit. Hier auf dem Dorf verhungern wir."

Beim Ausziehen berichtete er seiner Frau: „In der Stadt haben sie neue Zuwanderer angekündigt."

„Aber wo sollen die denn noch untergebracht werden?" war die besorgte Antwort.

„Es wird schon gehen!"

Als sie dann im Bett lagen, kuschelten sie sich aneinander, und sie flüsterte ihm ins Ohr: „Weißt du, was mir aufgefallen ist? Die Männer sehen jetzt alle viel besser aus als früher. Die Menschen sind jetzt schlank und haben nicht mehr so dicke Bäuche. Notzeiten haben doch auch ihr Gutes.“