Wissen Sie noch, damals im Kalten Krieg, als man ständig mit der Angst vor der Atombombe lebte, die irgend ein verrückter Staatsmann zu zünden versprach, um die Menschheit zu retten? Damals als man nur mit der ledernen Aktentasche aus dem Haus ging, damit man wenigstens etwas hatte, was man sich im Ernstfall über den Kopf ziehen konnte.

Nein, die Atombombe wurde dann doch nicht abgeworfen, um die Freiheit zu schützen und uns vor dem Kommunismus zu bewahren. Lediglich ganz weit im Osten, in Hiroschima und Nagasaki, kamen ein paar kleinere Bomben zu Einsatz, aber die Leute dort wussten ja nicht, was auf sie wartete und konnten deshalb auch keine Angst entwickeln.

Nachdem wir von der Bombe zum Glück verschont geblieben sind, wollte ich aber zumindest in der Fantasie erleben, was gewesen wäre wenn…

Und machen wir uns nichts vor, statt der berüchtigten Atombombe könnte sind durchaus andere Ereignisse vorstellbar, die uns in kurzer Zeit in existentielle Not versetzen. Wie werden Sie sich, wie werde ich mich dann verhalten?

 

 

 

Der älteste Tag

 

 

Alles kommt ganz unvorbereitet. Es ist ein schöner Tag. Schon am frühen Morgen scheint die Sonne und erfüllt den kahlen Büroraum mit warmem Licht. Der Vormittag verläuft wie all die anderen: schwacher Publikumsverkehr, der Bürobote mit neuen Akten, ein Anruf vom Abteilungsleiter.

Dann plötzlich Tumult auf dem Gang. Er steckt den Kopf neugierig durch die Tür. Menschen hasten vorüber, eine Frau weint.

Einer seiner Kollegen läuft von Zimmer zu Zimmer und ruft: „Krieg, es ist Krieg!"

Das alles kommt ihm seltsam unwirklich vor. Er kann und will es nicht glauben. Wieso sollte es so plötzlich und unvorhergesehen Krieg geben? Nicht einmal in der Tagesschau gestern Abend hat man etwas davon gehört.

Er hält Leute an, will Informationen, erhält aber keine Antwort. Dann erinnert er sich an seinen Radiowecker, den einzigen privaten Besitz in seinem Büro.

Er dreht an den Knöpfen und sagt zu sich: „So schlimm wird es wohl nicht werden. Nur keine Hysterie!"

Musik dringt aus dem kleinen Lautsprecher, klassische Musik. Der Apparat, für anspruchsvolle Wiedergabe nicht eingerichtet, scheppert und klirrt. Dann wird die Musik unterbrochen und eine Frauenstimme verliest routiniert eine Meldung.

Die Lage habe sich derart zugespitzt, dass die Maßnahme im Interesse der Freiheit unumgänglich war. Man erwarte zwar in den nächsten Stunden den Gegenschlag, aber zu Panik sei keinerlei Anlass. Die Bevölkerung werde aufgefordert, in den Häusern zu bleiben oder eventuell zur Verfügung stehende Schutzräume aufzusuchen. Vorsorglich habe die Regierung Katastrophenalarm ausgelöst und den Kriegszustand proklamiert. Wehrpflichtige und Reservisten bekämen in den nächsten Stunden genauere Anweisungen. Die Rundfunkgeräte seien eingeschaltet zu halten. Den Kindern werde schulfrei erteilt. Da sich viele der Berufstätigen bereits auf dem Nachhauseweg befänden, seien die öffentlichen Verkehrsmittel überfüllt. Im Interesse des Allgemeinwohls sei es deshalb ratsam, weiterhin am Arbeitsplatz zu verweilen und seine Pflicht zu tun. Besorgnis sei keinesfalls nötig. Das Land sei für alles gerüstet, auf den Ernstfall bestens vorbereitet. Regierung und Krisenstab hätten sich bereits in den Katastrophenbunker zurückgezogen und Maßnahmen für alle Eventualitäten ergriffen. Die Lage sei zwar ernst, aber man habe sie völlig im Griff.

Abrupt verstummt die Stimme, und Musik setzt wieder ein. Es ist die „Eroica“.

 

Während er noch darüber nachdenkt, wie beherrscht die Sprecherin diesen Text vorgelesen hat, wird ihm sein unbändiges Verlangen nach einer Zigarette bewusst. Dies erstaunt ihn, denn bereits vor Jahren hat er mit dem Rauchen aufgehört.

„Ich muss meine Frau anrufen", fällt ihm ein.

Er greift zum Telefon und verspürt im gleichen Augenblick einen mächtigen Harndrang. Er ist unschlüssig, ob er zuerst telefonieren oder seine Blase entleeren soll. Nach einigem Zögern entschließt er sich für den Gang zur Toilette. Auf dem Gang stehen Kollegen und sehen ihm nach.

Zurück im Zimmer wirft er sich wieder auf seinen Schreibtischstuhl und wählt. Aber er hört nur das Besetztzeichen. Ärgerlich legt er den Hörer auf. Nach mehrmaligen Versuchen, wobei er immer wütender wird, greift er nach dem Handy. Seine Frau meldet sich.

Noch bevor sie etwas sagen kann, beschwert er sich: „Ich habe dir schon tausend mal gesagt, du sollst nicht dauernd telefonieren. Man kann dich bei wichtigen Angelegenheiten einfach nicht erreichen."

„Die ganze Zeit habe ich doch nur versucht, dich anzurufen. Bei dir war aber immer besetzt", ist die empörte Antwort.

Es entsteht eine Pause. Trotz der Komik der Situation lachen sie nicht, sondern reden Sätze wie: „hast du schon gehört?" und „jetzt ist es soweit" und „ich habe dir schon immer gesagt, dass es so kommen wird".

Wie auf ein geheimes Kommando verstummen sie plötzlich, und sie fragt leise: „Was sollen wir jetzt tun?"

Er wird ganz ruhig. Der Ernst der Lage ist eine Herausforderung: „Wir brauchen Vorräte. Aber ich komme hier nicht weg. Deshalb musst du einkaufen. Am nötigsten sind Essen und Wasser. Kaufe so viele Kästen Sprudelwasser, wie du bekommen kannst. Im Keller ist genügend Platz. Wir müssen ein Getränkedepot anlegen!"

„Aber, wie soll ich die alle tragen?" entgegnet sie zaghaft.

„Mein Gott, stell' dich doch nicht so zimperlich an. Hier geht es ums Überleben, mach' dir das klar", fährt er ihr empört über den Mund.

Dann plant er weiter: „Wir brauchen auch Konserven, Mehl und Kaffee."

„An Kerzen sollten wir auch denken", ergänzt sie ihn eifrig.

„Wie willst du das alles nach Hause tragen", gibt nun er zu bedenken und hat sofort die Lösung, „du musst eben mehrmals gehen."

An dieser Stelle des Disputes wird ihm klar, wie kurz die verbleibende Zeit ist: „Schluss mit der Diskussion! Nimm dir einen Zettel und schreib auf, was zu besorgen ist! Hörst du? Erst einmal Konserven! Viele Konserven! Zehn Kästen Sprudelwasser, Mehl, Käse, Kerzen, Nudeln. Nudeln sind nicht schlecht."

Dann fügt er etwas ruhiger hinzu: „Und Zigaretten brauchen wir noch. Zigaretten als Schwarzmarktwährung und Streichhölzer. Vergiss bitte die Zigaretten nicht! Ich komme, so schnell ich kann, zu dir."

Nachdem er eingehängt hat, umklammert er mit beiden Händen die Tischplatte. Dann steht er auf und geht zum Fenster. Es ist alles wie sonst auch.

„Man soll dem Radio nicht alles glauben", denkt er, „der Wetterbericht stimmt doch meistens auch nicht."

In diesem Augenblick wird die Musik unterbrochen, und die beherrschte Frauenstimme verliest aufs Neue die ihm schon bekannte Meldung. Unwirsch schaltet er ab und will sich auf den Heimweg machen.

Da fällt ihm ein: „Geld! Wir brauchen Geld. Die Banken werden in den nächsten Tagen geschlossen sein."

Er tastet in seiner Brusttasche nach der Bankcard und eilt los. Auf der Treppe springt er über mehrere Stufen gleichzeitig und stolpert auf der letzten.

„Das hätte gerade noch gefehlt, dass ich mir in dieser Situation ein Bein breche", sagt er laut vor sich hin.

Die Bank ist eine Straße weiter. Er drängt sich durch die eiligen Menschen, die ihm im Wege stehen, stößt mit seinem Ellenbogen einen Mann und hört ihn schimpfen. Er stürmt zum Bankportal. Seine gesamte Barschaft will er abheben und noch dazu seinen Überziehungskredit voll ausschöpfen. Er wirft sich gegen die mächtige Glastür, aber sie ist verschlossen. Die Bank ist nicht geöffnet. Ein Mann kommt hinzu. Auch er rüttelt vergeblich am Eingang. Wütend, bestürzt und hoffnungslos sehen sie sich an.

„Es ist eine Unverschämtheit", beginnt der andere plötzlich, „ausgerechnet jetzt zu schließen. Stets werben sie um Kunden. Aber wenn man sie braucht, haben sie zu. Verdammt noch mal, in einer Situation wie dieser muss jeder seine Pflicht tun."

Sie versuchen es am Geldautomaten. Doch der ist außer Betrieb.

 

Vor einem Lebensmittelladen haben sich Menschen angesammelt, die empört schreien und gegen die Scheiben der Auslage schlagen.

„Unverschämtheit", hört er, „man müsste einfach einbrechen."

„Mundraub!"

„Notsituation!"

Kurz darauf klirrt die Scheibe. Jemand hat einen Pflasterstein geworfen. Die Menge dringt ein, und er schließt sich ohne nachzudenken an. Wie von Sinnen laufen die Menschen durch die Regale und stecken in ihre Taschen, was sie greifen können. Einige füllen Einkaufskörbe voll. Er trägt einen Stapel Bohnendosen im Arm. Da rempelt ihn jemand an und die Konserven purzeln auf den Boden. In dem Gedränge kann er sich nicht nach ihnen bücken. In Panik eilt er weiter durch das Halbdunkel des unbeleuchteten Ladens. Die Menschen fegen wahllos die Waren aus den Regalen.

Immer mehr Menschen strömen in das geplünderte Geschäft, stolpern über die auf dem Boden verstreuten Lebensmittel und kämpfen um einzelne Stücke. Hinter der Fleischtheke ist eine Prügelei im Gange.

In diesem Durcheinander fühlt er sich hilflos und fehl am Platz. Er drängt sich hinaus ins Licht und sieht im letzten Moment einige Beutel Puddingpulver. Die reißt er an sich und birgt sie wie einen Schatz in seinen Taschen.

Zurück an seinem Schreibtisch klingelt das Telefon. Er hebt ab. Es ist seine Frau. Sie ist sehr erregt, weil sie keine Vorräte besorgen konnte. Mit leeren Händen und müde ist sie von den Einkaufsversuchen zurück.

Er hört sie weinen und beruhigt sie: „Mach' dir nichts daraus! Ich komme nun, so rasch ich kann, und werde das Nötige in die Hand nehmen."

In diese Worte legt er seine ganze Stärke. Er spürt die Last der Verantwortung und weiß, dass er sie für beide tragen kann. Dieses Gefühl, endlich einmal bis in die letzte Faser seiner Existenz gefordert zu sein, zeigen zu können, was in ihm steckt, verlässt ihn auch im Auto auf der Heimfahrt nicht.

Der Verkehr fließt nur stockend, Sirenen heulen, blaues Licht blitzt durch die Scheiben. Krankenwagen fahren an den Autokolonnen vorbei, Polizeifahrzeuge jagen über die Kreuzungen. Die Stadt ist in hellem Aufruhr.

Während er bremst, kuppelt, schaltet, Gas gibt, spürt er mit einem Mal einen kaum zu unterdrückenden Stuhldrang. Sein Bauch zieht sich kolikartig zusammen, er kann kaum noch sitzen. Der Wunsch nach einer Toilette wird zur Sehnsucht. Um sich abzulenken überlegt er, warum die Polizisten und Sanitäter nicht nach Hause fahren'? Haben sie keine Familie? Keine Angst?

Plötzlich geht es gar nicht mehr vorwärts, er steht in einem Stau. Feuerwehr‑ und Polizeiautos, quergestellte Krankenwagen versperren die Straße. Immer neue Einsatzfahrzeuge rasen mit heulenden Sirenen heran.

Da er das Gefühl hat, dass sein Darm zu platzen droht und das Sitzen den Schmerz noch verstärkt, stellt er den Motor ab und steigt aus. Scheinbar gelangweilt zwängt er sich durch den Wagenpulk zum Ort des Geschehens. Beamte der Polizei haben in einem Halbkreis ein Haus abgesperrt. Als er sich durch die Gaffenden nach vorne drängt, angewidert von der Sensationsgier der Menschen, hört er, ein Mann aus den oberen Stockwerken habe zuerst seine Familie umgebracht, dann die Wohnung angezündet und schließlich seinem eigenen Leben ein Ende gesetzt.

Erschrocken schaut er nach oben und sieht lange Flammenzungen aus den Fenstern und dem Dachstuhl schlagen. Eine schwarz‑graue Qualmwolke zieht in den Himmel. Es sollen noch Menschen in dem Haus sein, tuschelt man aufgeregt. Feuerwehrmänner in silbernen Schutzanzügen mit Masken vor dem Gesicht dringen in das Haus ein.

,,Ob die wohl wieder herauskommen?" fragt jemand trocken und ein anderer antwortet fachmännisch: „Viel Zeit gebe ich dem Dachstuhl nicht mehr, bis er bricht. Dann möchte ich da nicht drin sein!"

Sein Blick bleibt an der Türöffnung haften, in der die Feuerwehrleute verschwunden sind, und wendet sich dann den Polizisten zu, von denen die Menge zurückgehalten wird.

Sein Stuhldrang reißt ihn aus seinen Gedanken, und er besinnt sich auf seine Pflicht. Er muss für sich und seine Frau sorgen. Viel Zeit bleibt ihm nicht mehr, und dennoch steht er hier herum, als wäre es ein ganz normaler Tag.

Bis der Brand gelöscht ist und man weiterfahren kann, wird es Abend werden, und in ein paar Stunden wird alles vorbei sein. Nein, es bleibt keine Zeit zum Warten.

Hastig ruft er sich zur Ordnung und kehrt zu seinem Wagen zurück. Er lässt den Motor an, rangiert geschickt hin und her und parkt das Auto schließlich auf dem Bürgersteig. Hier würde es dem Verkehr nicht im Wege sein, nicht abgeschleppt und auch nicht beschädigt werden.

Zielstrebig schiebt er sich nun durch die Menschen und eilt mit weit ausgreifenden Schritten seinem Viertel zu. Er wohnt in der Vorstadt inmitten von grünen Gärten, fernab vom Durchgangsverkehr.

Während er so dahin läuft, den schwarzen Lederaktenkoffer mit dem Nummernschloss in der linken Hand, tastet er mit der rechten Hand nach der Jackentasche und stellt befriedigt fest, dass sich die Päckchen mit dem Puddingpulver noch an ihrem Platz befinden.

 

Für einen Fußmarsch ist er nicht angezogen. Dazu läuft er schneller, als es seiner Gewohnheit entspricht. Bald ist er bei dem schwülen Wetter erschöpft und verschwitzt. Seinen schmerzenden Unterleib kann er kaum noch ertragen.

An der Tür ihres Reihenhauses presst er in Panik den Zeigefinder auf den Klingelknopf. Endlich, er will mit dem Fuß schon gegen die Tür treten, öffnet seine Frau. Sie hat ein Wurstbrot in der Hand und kaut auf beiden Backen.

Er will ihr von dem Selbstmord, dem Hausbrand, dem langen Fußmarsch berichten. Aber er hört nur ihren Seufzer: „Endlich bist du da!"

Während er zur Toilette läuft, eilt sie zurück in die Küche.

Nachdem er sich endlich erleichtern konnte, trifft er seine Frau in der Küche. Sie steht vor dem Kühlschrank und schneidet in dicken Scheiben Wurst ab. Ärgerlich und vorwurfsvoll fragt er: „Wie kannst du nur in einer derartigen Situation Hunger haben?"

Noch immer kaut sie mit vollem Mund. Deshalb ist ihre Antwort auch nur schwer zu verstehen: „Ich kann nicht anders. Seit ich es weiß, muss ich ständig essen. Als die Nachricht zum ersten Mal kam, habe ich nicht lange nachgedacht. Erst als ich am Kühlschrank stand und Brote schmierte, wurde mir klar was passiert ist, und dass ich wie eine Wilde esse."

Er lässt sie allein und geht kopfschüttelnd ins Wohnzimmer. Er öffnet den Schrank. Unschlüssig steht er vor der Batterie Flaschen und wählt dann Birnenschnaps, von dem er hastig zwei Gläser trinkt.

 

Später gehen er und die Frau in den Keller, um die Vorräte zu sichten. Sie finden sechs Flaschen Mineralwasser, einen halben Kasten Bier, fünf Gemüsedosen, drei Büchsen eingelegte Heringe, zwei Dosen Cornedbeef, zwei Tüten Mehl und noch ein paar Kleinigkeiten. Die Tiefkühltruhe ist wohlgefüllt, und er bemerkt beiläufig: „Die Tiefkühlwaren müssen wir zuerst essen, denn der Strom wird sicher bald ausfallen."

„Ja, glaubst du denn, dass wir überleben", hört er die ängstliche Antwort.

„Man hat immer eine Chance", sagt er selbstsicher, „wir werden alles Nötige in den Keller schaffen und hier in aller Ruhe abwarten. Nur keine Panik!"

„Und wenn wir verschüttet werden?"

„Das passiert schon nicht. Dazu müssten wir einen Volltreffer abbekommen, und wer sollte schon Interesse an einem reinen Wohnviertel wie dem unseren haben?"

„Aber du kannst doch nicht von normalen Bomben ausgehen. Es heißt doch, dass der Wirkungsradius viel größer ist, und die Strahlung..."

„Eben", unterbricht er sie schlau und ein wenig selbstgefällig, „eben, weil es keine herkömmlichen Bomben sind, haben wir auch keinen Volltreffer zu befürchten. Am gefährlichsten sind der Luftdruck und die Hitze. Beide können uns hier im Keller nichts anhaben."

Diese Erklärung beruhigt seine Frau ein wenig, und sie nickt eifrig und zustimmend.

 

Als nächstes müssen die Vorräte ergänzt werden. Sie machen sich gemeinsam zu dem Lebensmittelgeschäft in der Straße auf, aber es ist noch immer geschlossen. Nun hat er jedoch die Sache in die Hand genommen. Beute witternd umschleicht er die Ladenfront, die mit einem eisernen Gitter gesichert ist. Verstohlen rüttelt er daran. Doch es bewegt sich keinen Millimeter. Trotzig schüttelt er den Kopf. So leicht gibt man nicht auf. Er winkt der Frau und sie gehen zielstrebig um das Gebäude herum zum Lieferanteneingang. Der Hof ist leer. Nur auf der Rampe für die Lastwagen knien zwei Männer vor dem massiven Stahltor und versuchen, mit einfachen Werkzeugen das Schloss aufzubrechen. Sie lassen sich von dem Ehepaar, das inzwischen näher gekommen ist und aufmerksam zusieht, nicht stören.

„Die Schweine haben abgeschlossen, als wenn dahinter Diamanten wären", keucht der eine. „An diesem verdammten Schloss beißen wir uns die Zähne aus."

Voller Wut fasst nun der andere nach einem mächtigen Hammer und schlägt mit aller Kraft blindlings auf das Tor ein. Dumpf und gespenstisch, wie der mahnende Hall von Glocken, schallt es über den Hof.

Fröstelnd kehrt kehren der Mann und die Frau eilig auf die Straße zurück, verfolgt von den schweren Schlägen, und macht sich auf den Weg zu den beiden anderen Geschäften des Viertels.

Das Bild, das sich ihnen dort bietet, ist noch trostloser. Die Schaufensterscheiben sind eingeschlagen, die Regale geplündert, der Boden übersät mit einem Brei aus zertretenen Lebensmittel. In diesem Abfall knien im Halbdunkel Menschen und wühlen nach etwas Brauchbarem.

Der Mann kennt das Bild schon aus der Innenstadt. Sprachlos stehen sie vor dem Chaos, unfähig sich zu bewegen.

Da schreit er plötzlich: „Mein Gott! Wir müssen nach Hause! Vielleicht brechen die auch bei uns ein und stehlen die Vorräte?"

Von Panik ergriffen rennen sie zurück. Doch ihr Haus ist so unversehrt, wie sie es verlassen haben.

„Von jetzt an muss stets einer von uns zu Hause bleiben und Wache schieben", keucht er, als sie im Wohnzimmer wieder etwas zu Atem gekommen sind.

Er trinkt noch einmal einen Schnaps und gießt auch der Frau ein. Dann stellt er fest, dass er hungrig ist.

Während sie in die Küche geht, um Essen zu richten, streift er durch den Garten, betrachtet die Sonnenblumen, den Goldregen und die gelben Veilchen. Auf dem Rasen blüht vereinzelt Löwenzahn, den er noch nicht ausgestochen hat.

„Das alles bräuchte wieder einmal Wasser", denkt er. „Aber das Gießen hat wohl Zeit bis morgen, wenn alles vorbei ist."

Bei diesem Gedanken stutzt er, irgendetwas stimmt nicht in seinen Überlegungen, und mit einem Mal bemerkt er seinen Fehler: Es wird kein Morgen geben! All das betrachtet er zum letzten Mal, vor ihm liegt der Untergang.

Tränen treten ihm in die Augen. Er setzt sich auf die Gartenbank, birgt sein Gesicht in beide Hände und schluchzt. Lange bleibt er so sitzen. Er kann sich nicht bewegen, nicht denken. Er ist ganz Verzweiflung und Schmerz. Endlich erhebt er sich und geht beinahe wie im Traum ins Haus zurück. Im Wohnzimmer schaltet er den CD-Player ein und legt die „Vier ernsten Gesänge“ von Brahms auf. Er stellt das Gerät so laut, wie er es gerade noch ertragen kann.

Eine kühle Altstimme steht im Raum: „Denn es gehet dem Menschen wie dem Vieh,

wie dies stirbt, so stirbt er auch;

und haben alle einerlei Odem;

und der Mensch hat nichts mehr denn das Vieh; denn es ist alles eitel.“

 

An dieser Stelle drückt er auf Stop, eilt in seinen Weinkeller, greift ohne lange auszuwählen nach einer Flasche und kehrt zurück.

Der Wein ist herb und seine Hände zittern, als er auf Play drückt. Er ist sehr konzentriert und hat das Cover mit dem Text vor sich gelegt.

Er fühlt sich eins mit der Kreatur, er ist Kreatur, und er hat Mitleid mit sich und den Menschen.

Dann kommt die Stelle an der die Sängerin allen Schmerz in die Worte „alles eitel“ legt, und er erkennt in plötzlicher Hellsicht den Sinn seines Lebens. Dabei zittert er so sehr, dass er den Wein verschüttet: „Es fährt alles an einen Ort; es ist alles von Staub gemacht, und wird wieder zu Staub.

Wer weiß, ob der Geist des Menschen aufwärts fahre.“

 

In das Rauschen des Klaviers, in die höchste Erregung der Sängerin hinein erscheint seine Frau in der Tür und sagt fröhlich: „Kommst du bitte? Das Essen ist fertig!"

Für einen Augenblick ist er wie gelähmt. Aus den Lautsprechern schallt es:

„Darum sah ich, dass nichts besser ist, denn dass der Mensch fröhlich sei in seiner Arbeit; denn das ist sein Teil.“

 

Da erwacht er aus seiner Erstarrung, nimmt die halb volle Flasche Wein, will sie auf die schreckensstarre Frau werfen, hält inne und schleudert sie dann mit aller Kraft in die große Schrankwand; zertrüm­mert die Glastüren, die prächtigen Kristallgläser und seinen Lieblings­bierkrug. Glassplitter sind im ganzen Zimmer verstreut, regungslos ste­hen die beide Menschen und aus den Lautsprechern brüllt es ohrenbetäubend: „Da lobte ich die Toten,

die schon gestorben waren, mehr als die Lebendigen,

die noch das Leben hatten.“

 

Tränen laufen ihm über das Gesicht. Mit hängenden Schultern steht er auf und stellt wie beiläufig den Lärm ab. Er wendet sich um und sieht, dass die Frau weint. Sie schluchzt stumm.

Da zieht er sie an sich, umarmt sie, drückt ihr feuchtes Gesicht an seine Brust und streicht ihr sanft über das Haar. Lange sitzen sie nebeneinander auf der Couch, stumm und ängstlich wie Kinder, wischen sich hin und wieder über die Augen und schnupfen unter Tränen. Aber diesmal weint er nicht um sich, sondern um sie.

Später stehen sie schweigend auf, holen Besen und Schaufel und be­ginnen Ordnung zu machen. Er sammelt die Scherben auf und kehrt sie zusammen, sie ordnet die kläglichen Reste des Geschirr im Schrank.

 

Während sie noch damit beschäftigt sind, klingelt es am Eingang. Als hätte man sie bei einer verbotenen Tätigkeit ertappt, schrecken sie auf.

Draußen vor der Tür steht ein kleiner, dicker Mann mit roten Backen und kurzfingrigen, fleischigen Händen, in denen er eine Flasche Whisky hält.

„Hallo, Nachbarn", schmettert der Unbekannte dröhnend, „in sol­chen Zeiten muss man zusammenhalten. Darum bin ich herübergekom­men, um euch etwas aufzuheitern."

Ohne sich um ihre Verwirrung zu kümmern, drängt er sich an ihnen vorbei ins Haus.

Dabei schreit er: „Ihr wollt mich doch nicht hier draußen stehen lassen. Holt Gläser, dann kommen wir alle auf andere Gedanken."

Die beiden haben keine Kraft, um sich gegen diese Überrumpelung zu wehren. Die Frau bringt aus der Küche Wassergläser. Inzwischen be­trachtet der Dicke die zerstörte Schrankwand und meine sinnend: „Na, bei euch ist es ja hoch hergegangen. Ist die Party schon aus?"

Aber er erwartet keine Antwort, sondern erzählt Witze, die er mit meckerndem Lachen begleitet. Widerwillig stimmen sie ein, trinken aus Gläsern, die der Gast stets voll hält, und fühlen ihre Traurigkeit schwin­den.

Dann wird der lustige Kumpan ernst: „Wir gehen schweren Zeiten entgegen", seufzt er. „Schon der letzte Krieg war schlimm; aber diesmal wird nichts übrig bleiben, nur Schutt und Asche. Um euer schönes Haus tut es mir besonders leid. Man sieht, mit wieviel Liebe ihr es hergerichtet habt. Und morgen ist es nur noch ein Trümmerhaufen. "

Als die Frau zu schluchzen beginnt, legt ihr der Gast beruhigend seine dicke Pranke auf den Arm.

„Beruhige dich, Mädchen", sagt er. „Es geht ja nur um die Häuser. Die Menschen hier in der Stadt werden in den Kellern schon überleben."

Sie trinken weiter und nach längerem Schweigen, in dem jeder seinen Gedanken nachhängt, fängt der Dicke wieder an: „Habt ihr eigentlich Geld? Ich meine natürlich Bargeld! Wenn alles vorbei ist, werdet ihr viel Geld brauchen!"

Begeistert springt der Hausherr auf und schüttelt dem Besucher die Hand: „Ein paar hundert Euro dürften genügen. Ich gebe Ihnen dafür einen Scheck."

Der Hausherr stimmt ihm zu und erzählt, dass in der Stadt schon alle Banken geschlossen hatten. Da lacht der Gast wieder einmal dröhnend: „Da hast du und dein kleines Frauchen aber Glück im Unglück. Ich bin nämlich flüssig und kann euch etwas geben. Wie viel soll's denn sein?"

„Das kann ich nicht annehmen!“

Da lächelt der Gast mild und sagt: „Du bist zu bescheiden. Denkst du denn gar nicht an dein Frauchen. Ihr werdet Ausgaben haben, müsst neu anfangen. Was hältst du von zwanzigtausend Euro? Damit habt ihr fürs erste ausgesorgt."

Der Hausherr winkt ab: „Soviel Geld haben wir nicht auf dem Konto."

„Wer spricht denn vom Konto", ist die lachende Antwort. „Die Ban­ken werden so rasch doch nicht geöffnet. Ich mache euch einen ganz anderen Vorschlag, denn auf mich könnt ihr zählen, und Ideen habe ich immer. Also, ich komme euch entgegen. Morgen wird euer Haus so und so ein Trümmerhaufen sein, und ich kauf' euch die Trümmer schon heute für zwanzigtausend Euro ab. Das ist doch ein Angebot?"

Das Paar ist plötzlich regungslos und antwortet nicht. Da hebt der Gast abwehrend die Hände: „Eure Rührung überwältigt mich. Nein, ihr braucht mir nicht zu danken. Ihr könnt auch im Keller wohnen bleiben, so lange ihr wollt. Ich mache das Ganze ja nur euch zu liebe."

Nüchtern und ganz ruhig fragt der Hausherr: „Soll das heißen, dass Sie zwanzigtausend Euro dabei haben und sie für unser Haus hier auf den Tisch legen?"

„Aber wo denkst du hin", bekommt er darauf zu hören, „soviel Geld trägt doch kein vernünftiger Mensch mit sich herum. Nein, wir machen jetzt einen Vorvertrag über Haus und Grundstück, und ich gebe dir sofort fünfhundert Euro, die ich gerade in der Tasche habe. Morgen bekommt ihr die restlichen Tausender."

„Was wollen Sie denn mit dem Trümmerhaufen?" bohrt der Hausherr beharrlich weiter.

„Ich kann damit natürlich nichts anfangen. Ich will euch nur einen Gefallen tun."

Bevor ihr Mann weiter fragen konnte, schluchzte die Frau auf: „Du willst ihm doch nicht unser Haus verkaufen?"

Sie erhält keine Antwort. Schweigend sehen sich die Männer an. Der Dicke wird unsicher.

Er lenkt ein: „Von mir aus könnt ihr mein ganzes Geld bekommen. Es sind tausend Euro. Für meine Freunde gebe ich mein letztes Hemd her."

Der Hausherr schweigt immer noch. Der andere legt dies als Zustimmung aus. Er gewinnt seine alte Sicherheit zurück, will die ganze Angelegenheit zu Ende bringen und sagt nun forsch, beinahe ein wenig unwirsch: „Jetzt holt endlich Schreibzeug, damit wir den Vertrag aufsetzen können."

Langsam erhebt sich der Mann. Er geht ruhig um den Tisch herum und auf den Eindringling zu. Dann schlägt er ihm zweimal mit aller Kraft ins Gesicht. Blut stürzt aus der Nase des Dicken. Der springt auf und wirft den Stuhl um. Einen Moment lang sieht es aus, als wolle er zurückschlagen.

Dann besinnt er sich, greift zur mitgebrachten Flasche und murmelt, während er zur Tür geht: „Das war ein Fehler, sag' ich dir, das war ein Fehler. Auf den Knien wirst du angekrochen kommen, um zu verkaufen. Aber dann ist es zu spät. Die anderen in der Siedlung haben auch verkauft und bis jetzt hat es keiner bereut. Du wirst auch noch verkaufen wollen. Alle werden verkaufen wollen."

Der Mann und die Frau antworten nicht. Sie verharren starr und unbeweglich und atmen erst auf, als die Haustür zufällt. Dann steht die Frau plötzlich auf, läuft hinaus und dreht den Haustürschlüssel energisch zweimal im Schloss.

 

Später machen sie sich an die Vorbereitungen, tragen Matratzen in den Keller, einen Tisch und Stühle. Sie suchen alle Kerzen und Streichhölzer im Haus, sammeln die herumliegenden Medikamente zusammen und packen das Silber ein. Geschirr, Töpfe, ein Campingkocher, eine Flasche Spiritus, die Lebensmittel aus der Küche folgen.

Der Mann verstaut alle wichtigen Dokumente in seinem Aktenkoffer und die Dias von ihren Urlaubsreisen.

Als sie ihr altes Brautkleid aus dem Schlafzimmer bringt, schüttelt er zwar etwas verständnislos den Kopf, lässt sie dann aber lächelnd gewähren.

Der Keller ist inzwischen so voll, dass sie sich kaum noch bewegen können. Als Letztes bringt jeder noch seine Lieblingsbücher.

So tapfer sie bisher war, jetzt bricht die Frau wieder in Schluchzen aus, und er nimmt sie tröstend in den Arm. „Wir wollen nach oben gehen und uns hinlegen", sagt er zärtlich.

 

Als sie nebeneinander auf dem kahlen Ehebett liegen, die Federbetten haben sie schon in den Keller geschafft, ist ihnen kalt, und sie kuscheln sich aneinander.

„Weißt du, dass ich dich immer geliebt habe?" flüstert sie.

Er antwortet nicht, sondern streichelt sie behutsam. Plötzlich umschlingt sie ihn fest mit ihrem Arm, zieht seinen Kopf herab und küsst ihn mit verzweifelter Leidenschaft. Dann lässt sie ihre Hände wild über seinen Körper wandern und knöpft ihm schließlich die Hose auf, eine Initiative, die sie in all den Jahren nicht von sich aus ergriffen hat. Wie im Taumel streifen sie sich gegenseitig die Kleider ab.

„Ich will ein Kind, jetzt", flüstert sie.

Er bewegt sich vorsichtig und zart. Aber sie ist ungestüm und voller Leidenschaft. Sie beißt ihm in die Schulter, gräbt ihre Nägel in seinen Rücken und zieht blutige Striemen. Ihr ungewohnter Ausbruch verwirrt ihn. Er kämpft mit ihr, stemmt sich ihr entgegen, presst sie aufs Bett. Plötzlich lässt sie sich zurücksinken, Arme und Beine weit ausgebreitet. Er bemerkt die Veränderung nicht sofort, hält aber inne, als er die Tränen auf ihrem Gesicht sieht.

„Es geht nicht", schluchzt sie, „ich kann nicht. Doch kümmere dich nicht um mich."

Ruhig bleibt er auf ihr liegen, streichelt ihr Haar und küsst sie leicht auf Wange und Mund. Die schmerzende Erektion lässt nach.

„Nun haben wir doch keinen Baum gepflanzt", sagt er nach einer Weile. Und dann schlafen sie ein.

 

Als die Türglocke sie aufweckt, liegen sie nebeneinander wie zwei Kinder. Sie hat ihren Kopf in seiner Armbeuge geborgen. Hastig, beinahe schuldbewusst springen beide auf und schlüpfen in ihre Kleider. Er bricht beim Aufschließen beinahe den Schlüssel ab. Vor ihm stehen zwei junge Männer in dunklen Anzügen, die ihm ein Buch entgegenhalten.

„Der Untergang ist nahe", ruft der eine. „Weißt du, was danach sein wird? Noch ist es Zeit. Noch kannst du die Weichen stellen. Du sollst wiedergeboren werden, und wir sind deine Geburtshelfer!"

Die Frau tritt hinzu. Erstaunt und misstrauisch fragt der Mann: „Wer sind Sie und was wollen Sie?"

„Wir sind eure Retter in der Not. Wir wollen, dass ihr Jesus Christus in euer Herz einlasst. Heute am jüngsten Tag sind wir gekommen, um euch bei eurem Glaubenskampf beizustehen."

Bisher hat nur der eine gesprochen, doch nun mischt sich auch der andere ins Gespräch.

„Ihr glaubt doch nicht, dass das, was heute geschieht, zufällig kommt", sagt er ruhig. „Es ist Gottes Ratschluss, dieses Sündenbabel auszutilgen, so wie er Sodom und Gomorrha vom Antlitz der Erde gefegt hat. Noch nie war sein Eingreifen so nötig wie heute. Der Antichrist muss vernichten und die Verderbtheit der Menschen bestraft werden. Die Gerechten werden das Leben haben. Kniet nieder und tut Buße, so werden wir euch segnen!"

„Ja", lässt sich nun der erste wieder vernehmen, „Bruder und Schwester, bald werdet ihr Christus in eurem Herzen fühlen. Macht euch weit auf und lasst den Erlöser ein. Denn wisset, es stehet geschrieben: Selig sind die, die den Herrn schauen. Und nun lasst uns in euer Haus eintreten. Wir werden euch taufen. Eile tut Not, zögert nicht länger."

„Wartet nicht, wir haben nicht viel Zeit", drängt der zweite. „Wir haben heute schon Hunderte Kinder Gottes gewonnen und getauft. Wie müssen weiter. Noch viele warten auf uns."

Ohne sich weiter um die beiden Männer zu kümmern, sehen sich der Mann und die Frau an, drehen sich ruhig um und schließen leise aber entschlossen die Tür.

„Die Aasgeier sind heute in Scharen unterwegs", sagt sie, während sie ins Zimmer gehen.

Sie schaltet das Radio ein, und er geht gemächlich in den Keller und holt eine neue Flasche Wein. Dann stoßen sie an.

 

Wieder einmal unterbricht der Sender die Musik. Doch statt der vertrauten Frauenstimme dröhnt ein Mann aus den Lautsprechern:

Die ganze Welt sei stolz auf die tapfere Tat, die von der Heimaterde aus vorgenommen wurde. Im Übrigen werde noch einmal betont, dass man auf alles vorbereitet sei und zu Besorgnis kein Anlass bestehe. Der Regierungschef sei glücklicherweise in Sicherheit und drücke seine Verbundenheit mit der tapferen Nation aus. Man werde alles Mögliche tun, um die Schäden so gering wie möglich zu halten. Selbstverständlich werde zum Wiederaufbau auch materieller Ausgleich gezahlt.

Dies seien die letzten Meldungen, denn aus Sicherheitsgründen werde das Elektrizitätsnetz nun abgeschaltet. Ab sofort gelte eine zwölfstündige Ausgangssperre, um weitere Plünderungen zu vermeiden.

Der Schlag zur Verteidigung der Freiheit sei ein voller Erfolg gewesen. Der Gegner sei in die Knie gezwungen. Zwar hätten nicht alle seine Abschuss-Basen vernichtet werden können, denn man habe seine Heimtücke unterschätzt, aber der Gegenschlag würde sich auf ein Land beschränken.

Der Sprecher schließt mit einem: „Auf Wiederhören bis morgen!"

Die Nationalhymne wird gespielt. Dann ist das Rundfunkgerät tot. Wenig später verlöscht auch das Licht.

„Ich glaube, wir sollten jetzt beten", sagt er.

 

Später sitzen sie nebeneinander in der Dunkelheit und halten sich an der Hand.

„Wenn wir jetzt Strom hätten", flüstert er auf einmal, „könnten wir meinen Pudding kochen."

„Du Dummer", antwortet sie zärtlich, „wir haben doch keine Milch!"