Über die
Angst vor der Atombombe habe ich schon berichtet. Damals in diesen seltsamen
Zeiten soll sich sogar der von mir so hoch verehrte Physiker und Philosoph Carl
Friedrich von Weizsäcker einen Atombunker in seinen Garten haben bauen lassen.
Aber nicht
nur Wissenschaftler von Weltruf hatten Angst, auch an den kleinen Leuten, wie
dem Herrn Sirkovsky in der folgenden Geschichte ging die Furcht nicht vorüber.
Doch warum
habe ich diese Erzählung „Ein Hauch von Freiheit“ genannt?
Kennen Sie
dieses Gefühl des Ausgeliefertseins an die da oben? Die bestimmen wie wir zu
leben haben und ob wir für die Freiheit sterben sollen. Bei der Wahl alle vier
Jahre von Mitbestimmung zu sprechen, ist wohl ein Witz. Doch wie kann man sich
dem Einfluss der Regierenden entziehen? Wie kann man ein selbstbestimmtes Leben
führen?
Herr Sirkovsky
versucht es auf seine unbeholfene Art. Mit seinen abgearbeiteten Händen will er
sich eine Fluchtmöglichkeit vor den Plänen der Mächtigen schaffen, es soll ein
Hauch von Freiheit werden.
Diese Geschichte konnte ich nicht durch kleine Korrekturen der Gegenwart
anpassen, die Zeit der Atombunker ist nämlich erst einmal vorbei. Dennoch ist
dieser Text einer der aktuellsten des ganzen Buches.
Ein Hauch von Freiheit
Der Gedanke kam Alfred Sirkovski am Sonntagabend nach den
letzten Meldungen der Tagesschau. Er hatte, als seine Frau von der Toilette
zurückkam, den Apparat energisch abgeschaltet.
„Mutter", sagte er bedächtig, „Mutter, wir brauchen
einen Bunker!"
Sie war eben dabei, die Schale mit den restlichen Kartoffelchips
aufzuräumen und die Ränder der Bierflaschen von der Glasplatte des Couchtisches
wegzuputzen und sah keinen Grund, ihre Arbeit zu unterbrechen. Sie kannte ihren
Mann und war an seine seltsamen Einfälle, die er in der Regel am nächsten Tag
vergessen hatte, gewöhnt.
„Was willst du denn mit einem Bunker?" sagte sie
nur. „Du bist jetzt 62 Jahre alt und gehst in drei Jahren in Rente. Wir haben
ein Haus, das Auto ist noch neu, und die Kinder sind inzwischen selbständig. Es
gibt also keinen Grund für uns, auch noch einen Bunker anzuschaffen. Bist du
denn nie zufrieden?"
„Ein Bunker ist etwas anderes. Das kannst du nicht
vergleichen. Ich denke auch nicht an einen gewöhnlichen Bunker, sondern an
einen Atombunker."
„An was du auch immer denkst", meinte sie nur lapidar,
und damit war das Thema für sie beendet.
Sirkovski brummte vor sich hin und verzog sich dann
schmollend ins Bett. Als sie die Wohnung in Ordnung gebracht hatte und ins
Schlafzimmer kam, hatte er bereits das Licht gelöscht und schien zu schlafen.
Nachdem die Alten am Tag darauf zu Abend gegessen hatten,
fing der Mann wieder mit seiner Idee an. Er hatte sich an seinem Arbeitsplatz
umgehört, was so ein Bauwerk wohl kosten würde. Die Schätzungen seiner Kollegen
reichten von hunderttausend bis fünfhunderttausend Mark. Aber alle waren sich
einig, dass so ein Ding nur für reiche Leute in Frage käme. Seine Frau ließ
sich auf die Preisfrage erst gar nicht ein, sondern erklärte ihm, er sei zu alt
für eine derartige Anschaffung. Was ihn denn auf den verrückten Gedanken
gebracht habe?
Diese dumme Frage erboste Alfred Sirkovski.
„Du musst doch nur die Zeitung lesen oder deine Augen
beim Fernsehen aufmachen", schimpfte er, „dann weißt du es. Ihr Frauen
denkt doch kein bisschen an die Zukunft!"
Seine Frau widersprach ihm nicht. Sein Vorwurf konnte sie
nicht treffen. Wer verschickte denn alle Jahre die Weihnachtskarten? Wer hatte
damals dafür plädiert, die Ölheizung auf Gas umzustellen, wie es alle Nachbarn
auch getan hatten, und dann war das Öl auch tatsächlich erheblich teurer
geworden? Und nicht zuletzt: wer besorgte rechtzeitig den Kasten Bier, den er
regelmäßig vergaß?
Ihr Schweigen veranlasste den Mann fortzufahren: „Vom
letzten Krieg bin ich überrascht worden. Diesmal passiert mir das nicht. Wer
sagt denn, dass wir uns einen Bunker nicht leisten können?"
Später im Wohnzimmer, nach der Heute-Sendung, kam er noch
einmal auf seinen Wunsch zurück.
„Hast du da genau zugehört, Mutter?" fragte er und
fügte hinzu, „es ist wirklich nötig, glaub mir. Ich will von meinem Leben noch
etwas haben, besonders jetzt, wo ich in Rente gehe. Die können von mir aus
machen, was sie wollen, aber nicht mit mir. Wenn wir unseren Bunker haben,
können die meinetwegen die ganze Welt anzünden."
Seine Frau nickte, und sein Wunsch kam ihr mit einem Mal
nicht mehr ganz so absurd vor. In den nächsten Tagen las auch sie regelmäßig
die erste Seite der Zeitung, holte Getränke und Knabberzeug erst nach den
Fernsehnachrichten und dachte viel nach. Ihre Nachbarinnen hielten die Weltlage
auch für bedrohlich und berichteten, dass ihre Gatten mit einem gewissen
Pessimismus in die Zukunft sahen.
Ein Hinweis, der Frau Sirkovski sehr beeindruckte, denn
der Mann der einen Frau war Abteilungsleiter in einem Kaufhaus und der andere
sogar Lehrer. Die mussten schließlich Bescheid wissen.
Frau Sirkovsky beschäftigte sich deshalb intensiver mit
dem Projekt ihres Mannes und wurde eines Tages auch fündig. Ein
Nobelpreisträger und Friedensforscher hatte sich einen Atombunker gekauft,
stand in der Zeitung, und dafür siebenhunderttausend Mark gezahlt. Sie legte
ihrem Mann die Zeitung hin und fragte halb triumphierend und halb mitleidig:
„Wie willst du denn das bezahlen?"
Er las den Text mehrmals sorgfältig, faltete das Blatt
dann zusammen und warf es auf den Tisch.
„Was geht mich an, was die schreiben? Die lügen doch alle
wie gedruckt“, knurrte er und ging, ohne den Fernsehapparat eingeschaltet zu
haben, ins Bett.
Am anderen Tag frühstückte er wie immer bei Dunkelheit.
Seine Frau stand im Morgenrock dabei und schmierte die Wurstbrote für die
Mittagspause. Er kaute das Frühstück langsam und bedächtig, wie es seine Art
war.
Plötzlich hielt er inne und meinte: „Mutter, ich hab' es
mir genau überlegt. Wer sagt denn, dass wir einen Bunker kaufen müssen. So
einer ist natürlich teuer. Aber ich weiß, wie wir es machen. Wir bauen den
Bunker genauso wie unser Haus einfach selbst."
Den nächsten Tag saß Sirkovski nach der Arbeit am Tisch
in der Küche und zeichnete. Seine Frau kümmerte dies nicht sonderlich. Sie
kannte ihn als Grübler und Tüftler und wusste, dass man als Ehefrau am besten
fährt, wenn man den Männern ihren Willen lässt, solange es nichts kostet.
Einmal versuchte er, ihr seine Pläne zu erklären, aber sie winkte nur ab:
„Vater, davon versteh' ich nichts."
Dann war es soweit. Alfred Sirkovski hatte Urlaub
genommen, Arbeitskleider angezogen, die alten Schaufeln, den Pickel und die
Schubkarre aus dem Keller geholt. Ein Lastwagen brachte die bestellten Bohlen
und Pflöcke. Zuerst steckte er sorgfältig die Grundfläche seines Bunkers ab. Er
musste dafür beinahe den gesamten Garten benutzen. Ein Pfosten kam ins
Blumenbeet, einer zwischen die Küchenkräuter und die beiden anderen in den
Rasen.
Als Frau Sirkovski beim Kochen das Splittern von Holz
hörte und nach draußen eilte, war es schon zu spät. Der Kirschbaum, den sie vor
zehn Jahren gepflanzt hatten, war bereits gefällt und eben brach der
Pflaumenbaum unter den scharfen Schlägen der Axt zusammen.
„Wo gehobelt wird, da fallen Späne“, beruhigte er sie,
„wenn ich fertig bin, pflanzen wir alles neu an."
Bis zum Abend hatte er den Rasen ausgestochen und die
Soden am Zaun aufgestapelt. Die Rosen wurden mit Erde und Wurzeln ausgegraben,
an ihnen hing er sehr. Aber auf die Dahlien, Stiefmütterchen und Margeriten und
was sie sonst noch alles im Lauf der Jahre gehegt und gepflegt hatten, konnte
er keine Rücksicht nehmen.
Dann begannen die Ausschachtungsarbeiten. Tag für Tag
stand der Mann in der immer tiefer werdenden Baugrube, lockerte die Erde mit
dem Pickel, schaufelte sie in die Schubkarre, fuhr mit Schwung über die Bohlen
nach oben und kippte sie auf einen immer höher wachsenden Berg.
Seine Frau beobachtete ihn manchmal von Fenster aus und
sah, wie schwer er sich tat. Das letzte Mal hatte er so hart für das Haus
gearbeitet, und das war zwanzig Jahre her.
„Er ist ein alter Mann geworden", sagte sie bei
sich.
Aber unermüdlich arbeitete er weiter und erzählte ihr
nach Feierabend stolz, dass er besonders tief in die Erde gehen wolle, um die Sicherheit
zu erhöhen. Fernsehen fiel in dieser Zeit aus, dazu war er zu müde.
In der folgenden Woche gab es Ärger mit dem Lehrer. Die
ausgehobene Erde war durch den Zaun auf dessen Grundstück gerutscht und hatte
seine Stachelbeerbüsche zugeschüttet. Sirkovski musste hinübergehen und alles
wieder zurück schaufeln.
Ob er denn überhaupt eine Baugenehmigung habe, hatte der
Lehrer gefragt, aber Sirkovski würdigte ihn keiner Antwort, sondern baute eine
Bretterwand vor den Zaun.
An diesem Abend trank er wieder einmal viel und saß vor dem Fernsehgerät.
Politiker diskutierten über den richtigen Weg zur Sicherheit, diffamierten sich
gegenseitig der Fehleinschätzung und Torheit.
„Ich weiß zwar nicht, wer von denen Recht hat und
tatsächlich unser Bestes will", sagte der Mann nachdenklich zu seiner
Frau, „aber dass wir von denen da oben endlich unabhängig werden müssen, das
ist für mich so sicher, wie das Amen in der Kirche. Ich habe es satt, denen ausgeliefert
zu sein. Die können sogar über unser Sterben entscheiden, ohne dass wir gefragt
werden. Wir mischen uns da jetzt ein bisschen ein und nehmen unser Schicksal
selbst in die Hand. Unser Bunker ist die Freiheit von denen da."
Die nächste Schwierigkeit war das Grundwasser. Der alte
Mann kaufte zwar eine Pumpe, aber wohin sollte er das Wasser leiten? Einen halben
Tag lang floss es über den Bürgersteig in einen Gully. Bis zwei Polizisten an
der Haustür klingelten. Der Mann montierte einen längeren Schlauch und führte
diesen zum Abfluss in der Waschküche.
„Es ist schon gut, dass wir Grundwasser haben",
bemerkte er vor dem Einschlafen, „so kann ich unter dem Bunker einen Brunnen
anlegen, und wir haben unsere eigene Wasserversorgung."
Am Samstag kam der älteste Sohn zu Besuch. Er war
Elektroingenieur und lebte mit seiner Familie zwei Autostunden entfernt. Als er
das Chaos hinter dem Haus sah, verschlug es ihm die Sprache. Seine Mutter
erklärte ihm voll Stolz das Projekt des Vaters. Dieser holte seine Pläne und
war froh, endlich einen kompetenten Gesprächspartner zu haben. Aber der Sohn
wollte sich auf Details nicht einlassen.
„Wozu braucht ihr in eurem Alter einen Atombunker'?"
fragte er entrüstet. „Wenn ihr jünger wärt, könnte ich es vielleicht verstehen.
Aber so!"
Seine Frau, die mit zu Besuch gekommen war, pflichtete
ihm bei: „Das Ganze grenzt doch an Schwachsinn! Und was das alles kostet! Über
kurz oder lang werdet ihr doch Pflegefälle und müsst ins Altersheim. Dann nützt
euch euer Bunker nichts, und das Ungetüm ist dazu noch eine Wertminderung für
das Haus."
Dies empörte wiederum die Mutter, die den Kindern
lautstark klar machte, dass sie so alt noch nicht seien und der Vater sogar
noch arbeiten ginge. Um eine Wertminderung des Hauses brauchten sie sich keine
Sorgen zu machen, denn vielleicht würden sie es überhaupt nicht erben.
Ein Wort gab das andere, und nach kurzer Zeit brachen die
Besucher wütend wieder auf. In der Haustüre drehte sich der Sohn noch einmal um
und sagte abfällig zum Vater: „Eines will ich dir noch sagen. Dein blödsinniger
Bunker wird nichts werden! Von solchen Sachen hast du keine Ahnung. Dazu gehört
mehr, als ein Arbeiter weiß. Für ein Haus hat es gerade noch gereicht, aber ein
Atombunker mit all der nötigen Technik erfordert mehr."
Am Montag machte sich Sirkovski wieder an die Arbeit,
aber sie wollte ihm nicht mehr so recht von der Hand gehen. Immer häufiger
musste er Pausen einlegen. Dann sah ihn seine Frau auf die Schaufel gestützt in
der inzwischen mannshohen Grube stehen. Er ging nicht mehr so früh ins Bett,
sondern trank stattdessen eine Flasche Bier nach der anderen vor dem
Fernsehapparat.
Bald darauf begann es zu regnen. Große Pfützen sammelten
sich auf dem lehmigen Grund und Sirkovski musste die Grube mit Bohlen abstützen
und feste Pflöcke in das Erdreich rammen, sonst wäre sie ihm eingestürzt oder
zugeschwemmt worden.
In der Straße hatte es sich herumgesprochen, dass die
Sirkovskis nicht mehr ganz bei Trost seien und etwas völlig Verrücktes in ihrem
Garten bauten. Es wurden allerlei Vermutungen angestellt, was es wohl wäre. Die
einen meinten, es würde ein Swimmingpool, die anderen tippten auf eine
Gewächshausanlage und besonders Eingeweihte sprachen von einer Tiefgarage.
Zu diesem Zeitpunkt ging der Urlaub des alten Mannes zu
Ende. Er kehrte an seinen Arbeitsplatz zurück, während seine Frau weiterhin
beim Einkaufen Spießruten laufen musste. Aber nach einiger Zeit störte es sie
nicht mehr, dass die Leute hinter ihrem Rücken mit dem Finger gegen die Stirn
tippten. Weder die Frau noch der Mann gaben auf.
Jeden Abend kletterte der alte Mann, nachdem er gegessen
und eine Flasche Bier getrunken hatte, in seine Baugrube und schaufelte sich tiefer.
Es regnete, und das Erdreich war schwer vor Nässe. Immer mühsamer quälte er
sich mit der Karre die Bohlen empor und musste dann noch einmal Anlauf nehmen,
um den Hügel mit dem Aushub zu erklimmen.
Dann kam der Tag, an dem nichts mehr ging. Verbissen
versuchte er immer wieder aus der Grube zu fahren, aber seine Kräfte reichten
nicht mehr für den Aufstieg.
Da ging seine Frau ins Schlafzimmer, zog ihre alten
Kleider an, band vorne um die Schubkarre schweigend ein Seil, schlang es sich
um die Schulter und zog aus Leibeskräften. Sie schafften es, und die beiden alten
Leute arbeiteten still und mühsam bis in die tiefe Nacht. Die Nachbarn, die
über den Zaun zusahen, schüttelten den Kopf und beklagten die Frau und die
Rücksichtslosigkeit des Mannes. Aber das Paar stand nun regelmäßig zusammen in
dem tiefen, lehmigen Loch. Sie ließ ihn nicht mehr allein.
Nachdem die Grube endlich die gewünschte Tiefe von
beinahe drei Manneslängen erreicht hatte, schien die größte Mühsal vorbei. Die
alten Leute gönnten sich eine Pause, und vor dem Zubettgehen fuhr sie ihm
zärtlich mit den schwielig gewordenen Händen durchs Haar und lächelte. Er war
schon richtig, ihr Mann! Sie wusste, was sie an ihm hatte!
Jetzt war die Zeit für das eigentliche Bauen gekommen.
Baumaterialien mussten beschafft, die Betonmischmaschine, die schon über zwei
Jahrzehnte alt war, gereinigt und in Gang gesetzt und neue Werkzeuge gekauft
werden.
Endlich begann der Mann das Fundament zu gießen, aber
nicht, ohne den geplanten Brunnen angelegt zu haben. Für die Außenmauern hatte
sich Sirkovski etwas Besonderes ausgedacht. Er mauerte im Abstand von 20
Zentimetern jeweils zwei Reihen Ziegelsteine und goss den Zwischenraum mit
Beton aus.
„Diese Wände haut so rasch nichts um", erklärte er
seiner Frau zufrieden.
Ein paar Wochen später ging das Geld aus. Die Ersparnisse
waren verbraucht, und die Bank gewährte keinen Kredit. Sie schränkten sich
deshalb ein, so gut es ging. Ein Kasten Bier musste 4 Wochen reichen, Fleisch
gab es nur noch am Sonntag, und zur Arbeit nahm er Butterbrote mit, die mit
Salz bestreut waren. Die Kollegen lachten über den Geiz, der den Mann im Alter
befallen hatte.
Dann wurde das Auto verkauft, und Alfred Sirkovski fuhr
nun jeden Tag mit dem Bus zur Arbeit, eine Stunde hin und eine Stunde zurück.
Aber der Erlös für den Wagen reichte aus, um die Schulden bei den Baufirmen zu
decken.
Eines Abends setzte sich die Mutter hin und schrieb an
ihre Kinder. Sie deutete ihre Probleme an und in den letzten Zeilen rang sie
sich zu der Frage durch, ob die beiden Söhne vorübergehend mit Geld aushelfen
könnten.
Sie hätten sehr viel Verständnis für die Mutter, lauteten
die inhaltlich gleichen Antworten, aber sie müssten schließlich für ihre
Familien sorgen und ihren Verpflichtungen nachkommen. Im Übrigen wolle man den
Wahnsinn des Vaters nicht noch unterstützen. Es tue ihnen sehr leid, so etwas
über den eigenen Vater schreiben zu müssen, aber er sei krank, und das Beste
wäre, er würde entmündigt. Wo immer sie helfen könnten, stünden sie mit Rat und
Tat zur Seite, und sie dächten in Liebe und Sorge an ihre Eltern.
Frau Sirkovski zeigte ihrem Mann die Briefe nicht, aber
sie riet ihm, eine Hypothek auf das Haus aufzunehmen. Schulden, die sie bisher
immer als unerträgliche Bedrohung empfunden hatte. Nun wuchs der Rohbau und für
den Guss der ein Meter dicken Decke konnten sie sogar‑ eine Firma kommen
lassen.
Während die Arbeiten voran gingen, war die Frau in Keller
und Küche beschäftigt. Sie durchstreifte Vormittage lang die Geschäfte, kaufte
dort, wo es am billigsten war, Gemüse, putzte es und kochte ein. Aus ihrer
Jugend wusste sie noch, wie man Fleisch‑ und Wurstkonserven selbst
herstellt und Eier in Kalk haltbar macht. Wenn der Atombunker sinnvoll sein
sollte, so brauchten sie Vorräte.
Sie waren so beschäftigt, dass sie nicht merkten, dass
der Winter kam, und als Sirkovski sein Loch zuschütten wollte, musste er wieder
den Pickel nehmen, um das gefrorene Erdreich aufzuhacken. Im nächsten Frühjahr
wurde dann die massive Stahltür eingesetzt, die Innenräume weiß gestrichen und
notdürftig mit Gartenmöbeln ausgestattet. Vom Haus aus hatten sie ein Kabel
gelegt, mit dem sie ihren Bunker mit Strom versorgten. Für den Ernstfall waren
jedoch Petroleumlampen vorgesehen. Als letztes setzte der Mann noch eine
chemische Campingtoilette ein.
„Vorläufig reicht es", sagte er. „Das Wichtigste ist
geschafft. Man muss nicht allen Luxus haben. Filter, Geigerzähler und so Zeug
kommen später dran."
Dann legten die Alten die Grassoden im Garten wieder aus,
pflanzten Blumenbeete an und kauften neue Bäume.
Sie entschieden sich nicht noch einmal für Obstbäume,
sondern setzten japanische Kiefern, Zierkoniferen und einen hübschen Maulbeerbaum.
Die Nachbarn hatten längst mit ihnen wieder über den Zaun
zu reden begonnen, denn sie brannten darauf, das geheimnisvolle Bauwerk zu
besichtigen. Als erster wurden an einem Sonntagnachmittag der Abteilungsleiter
mit seiner Frau die schmalen Betonstufen hinunter geführt. Stolz öffnete der
Hausherr die schwere Eingangstür und schaltete das Licht an. Die kahlen Räume
mit den Vorräten und den Gartenmöbeln waren rasch besichtigt, und man stand
fröstelnd noch etwas herum.
Frau Sirkovski betonte immer wieder, wie sehr sie das
Gefühl der Sicherheit genieße. Wenn man wirklich sicher sein wolle, müsse man einen
Atombunker besitzen. Die Reichen hätten schon lange die Vorzüge eines Bunkers
entdeckt. Aber in der demokratischen Zeit, in der man lebe, sei eben die
Sicherheit nicht mehr allein einigen Wenigen vorbehalten.
„Ja“, antwortete darauf etwas kleinlaut die Nachbarin,
„wir haben auch schon daran gedacht, uns einen Bunker zuzulegen. Aber mein Mann
scheut halt noch ein wenig die Kosten."
Worauf ihr Mann sie bat, kein dummes Zeug zu reden.
Natürlich könnten sie sich einen Bunker leisten, aber er sehe keine
Notwendigkeit dafür. Die Weltlage gebe zu diesen übertriebenen Befürchtungen
keinen Anlass. Er habe Vertrauen in die Regierung.
„Es geht nicht um Vertrauen“, schaltete sich hier
Sirkovski in seiner langsamen, unbeholfenen Sprechweise ein, „man muss einfach
wissen, was man will!"
Trotz dieses kleinen Disputes war es ein sehr
harmonischer Nachmittag, der mit einem kleinen Umtrunk beschlossen wurde.
„Kalt ist es schon im Bunker, Mutter", sagte der
Mann spät in der Nacht im Bett, „wir müssen einen elektrischen Heizofen
aufstellen. Die Kälte können wir unseren Gästen nicht zumuten.
Die nächste Führung wurde für das Lehrerehepaar
unternommen. Die beiden waren sehr beeindruckt, und Frau Sirkovski glaubte
herauszuhören, dass auch sie gern einen Atombunker hätten.
„Die Räume sind größer, als man vermuten sollte",
stellte der Pädagoge fest. „Die Kapazität des Bauwerkes könnte spielend auf
vier Personen ausgeweitet werden."
Er kam später noch auf die gute Nachbarschaft, die schon immer
zwischen ihnen geherrscht hatte, zu sprechen und wie beruhigend es sei, einen
Atombunker in nächster Nähe zu wissen.
Bald hatten alle Anwohner in der Straße die geheizten
unterirdischen Räume besichtigt. Zwei Familien, die gemeinsam gekommen waren, empörten
sich, dass man den Bürger heutzutage zwinge, derart aufwendige Maßnahmen zu
seinem Schutz selbst zu ergreifen. Dies sei doch primär die Aufgabe des
Staates.
Sie gründeten zusammen mit dem Lehrerehepaar eine
Bürgerinitiative, die verlangte, dass für die Straße ein zentraler Bunker
gebaut werde, den die Anwohner zwar selbst verwalten, dessen Unterhalt aber die
Gemeinde trage.
An den Sonntagen stellten sie einen Informationsstand auf
und klebten selbst gemalte Plakate mit den Slogans: „Wir lassen nicht länger
mit unserem Leben spielen" und „Auch unsere Kinder brauchen einen Bunker".
In die ausliegenden Unterschriftenlisten trugen sich alle
fleißig ein, aber die Aktion verlief bald im Sand.
Eines Tages bekamen Sirkovkis auch wieder Besuch von
ihren Söhnen und deren Familien. Man saß im Wohnzimmer beim Kaffee, und die
Enkelkinder spielten derweilen im Bunker Atomkrieg. Dabei aßen sie, um es
wirklichkeitsgetreuer zu gestalten, von den für den Ernstfall gedachten
Vorräten.
„Es sind halt Kinder", sagte die Oma betroffen und
der älteste Sohn lachte. Dann sagte er zu seinem jüngeren Bruder grinsend: „In
dem Ding müsste man eine Party geben, das wäre ein Gag!"
„Ja", griff dieser begeistert die Idee auf, „ich
weiß auch schon das Motto: Heute Nacht pfeifen wir auf den Atomtod! "
Alle brüllten vor Lachen.
Prustend und sich die Tränen aus den Augen wischend fügte
seine Ehefrau hinzu: „An Knabberzeug wird es auch nicht mangeln, der Bunker ist
schließlich gespickt mit Vorräten."
„Wir schreiben Einladungskarten. Der Text könnte etwa
lauten: „Kommt zum Hort der letzten Hoffnung. Dort findet ihr Frieden bei Bier,
Schnaps und Musik“."
Die Jungen alberten noch eine Weile und überboten sich an
originellen Einfällen. Die Alten saßen etwas verständnislos dabei, froh über
die wiederhergestellte Harmonie und lächelten verlegen.
Drei Wochen vergingen und für die Sirkovkis begann das
alte Leben wieder. Sie mussten sich zwar noch immer sehr einschränken, um die
Schulden abzuzahlen, aber sie saßen abends wieder gemütlich vor dem Fernsehgerät,
und die Strapazen waren bald vergessen.
„Wenn wir einen Fernsehanschluss im Bunker hätten,
könnten wir erheblich mehr Zeit dort verbringen", stellte der Mann an
einem Samstag während der Abend‑Show fest, und seine Frau nickte eifrig.
„Wenn man sich schon einen Atombunker zulegt", sagte
sie, „dann will man schließlich auch etwas davon haben!"