Wären wir nicht alle zu einem Mord fähig? Kommen wir vielleicht nur nicht in die Situation, dass diese dunkle Seite in uns geweckt wird? Und wie ist es mit der Treue? Können Sie wirklich Ihrem Partner oder Ihrer Partnerin vertrauen? Ist nicht jeder von uns in Versuchung zu führen?

Die folgende Geschichte handelt von einem gut situierten Lehrerehepaar, das unvermittelt in eine Grenzsituation gerät.

Ich muss gestehen, dass meine Sympathien auf Seiten des Mannes sind – aber wahrscheinlich nur deshalb, weil ich selbst ein Mann bin.

 

 

 

 

Am Drahtseil

 

 

An einem Dienstag in den Ferien ging die Studienrätin begleitet von ih­rem Mann zur Bahn. Sie war eine attraktive Frau von fünfundvierzig Jahren, mit einem strammen, sehnigen Körper, dunklem Teint und kurz geschnitte­nem Haar. Ihr gleichaltriger Partner, der an der gleichen Schule unterrichtete wie sie, sah erheblich älter aus. Obgleich beide regelmäßig Tennis spielten, hatte er bereits einen leichten Bauchansatz, über den sie sich bei Gelegenheit mokierte.

 Bevor die Frau in den Zug stieg, küsste sich das Paar flüchtig auf die Wange. Es war eine scheue Geste, theatralische Zärtlichkeiten hatten sich beide in ihrer zwölfjährigen Ehe abgewöhnt. Weder lohnte die kurze Reise eine größere Abschiedsszene, noch hatten sie es nötig, der Welt ihre gegenseitige Zuneigung zu demonstrieren.

 

Später lehnte sich die Studienrätin noch immer kühl und beherrscht in die Polster der ersten Klasse zurück und dachte über ihre Unternehmung nach. Dem Mann hatte sie etwas von Besorgungen, Bücherkaufen und Besuch bei einer Freundin erzählt und durchblicken lassen, dass sie einfach für zwei Tage dem Kleinstadtmief entkommen wolle. Er hatte selbstverständlich keinerlei Einwände erhoben, sondern sie im Gegenteil noch in ihrem Entschluss bestärkt.

Sie hatte ihren Mann nicht angelogen, aber auch nicht die ganze Wahrheit gesagt. Mit einer Handbewegung wischte sie ihr schlechtes Gewissen beiseite. Die ganze Geheimniskrämerei war absurd. Schließlich würde sie lediglich Michael treffen. Bei diesem Gedanken bemerkte sie, dass ihr Herz schneller schlug und sie rief sich zur Ordnung.

Schließlich ging es nicht um ein Abenteuer. Dafür war sie viel zu alt. Sie verabscheute diese kleinen schmutzigen Peinlichkeiten. Diese Reise war voller Unschuld, denn Michael war ihr Schüler gewesen. Da verbot sich jegliche Art von Intimität von selbst.

 

Vor ein paar Tagen hatte sie den jungen Studenten in der einzigen Buchhandlung am Ort wieder getroffen. Ganz unbefangen und spontan war er auf sie zugegangen. Später im Cafe am Marktplatz hatte er ihr ge­standen, welch' großen Einfluss sie auf die Wahl seines Studienfaches ge­habt hatte. Nun gingen sie den gleichen wissenschaftlichen Weg.

Beide hatten sie spontan den Wunsch, sich länger zu unterhalten und tiefer in die gemeinsame Ma­terie einzudringen. Wie reizvoll müsste es sein, das Lehrer‑Schüler‑Ver­hältnis zu verlassen. Sie waren jetzt Partner und konnten als gleichbe­rechtigte Fachleute Erfahrungen austauschen. Es verband sie eine gemeinsame Liebe zur Wissenschaft.

Trotz der Unschuld derartiger Absichten eignete sich die Kleinstadt für ein längeres Treffen nicht. Nie war man dort gänzlich unbeobachtet, und rasch, das wussten beide aus Erfahrung, wurden böse Zungen gewetzt. So hatte sich die Lehrerin entschlossen, zu dem Studenten in die Stadt zu reisen. Dort, an sei­nem Studienort, würden sie gemeinsam Kaffee trinken und Besorgungen machen. Dies sollte für ein intensives Gespräch genügen. Zum Abend­essen war sie dann mit ihrer Freundin verabredet. Bei ihr würde sie auch die Nacht verbringen.

 

Ihr Mann hatte inzwischen den Bahnsteig verlassen und war auf den hei­ßen Bahnhofsvorplatz geschlendert. In ihm war noch die Leere, die jedem Abschied folgt. Es ist ein Gefühl, als habe man etwas versäumt, als werde etwas ganz Wich­tiges durch die Abreise für immer verhindert. Man hatte die gemeinsame Zukunft vergeudet, und es blieb nur Wehmut und die Trauer um eine verlorene Chance.

Als er so in der flimmernden Sonne stand, überkam den Mann ein Ge­danke. Im nächsten Ort hatte der Zug sieben Minuten Aufenthalt. Dort­hin würde er mit dem Wagen fahren und dabei die Bahn überholen. Da wäre dann Gelegenheit für einen neuen, einen besseren Abschied. Die verrückte Idee reizte ihn und auch der Versuch, schneller zu sein als die Bahn.

Gewöhnlich war er eher ein bedächtiger Autofahrer. Doch nun fuhr er mit seinem Volvo wie der Teufel. Nachdem er aus der Stadt hinausgejagt war, riskierte er waghal­sige Überholmanöver, überfuhr sogar die durchgezogene weiße Linie und schnitt die Kurven der Landstraße. Zwei Kilometer vor dem Ziel geriet er ins Schleudern; nur mit Mühe konnte er den Wagen auf der Straße halten. Sein Herz schlug jetzt bis zum Hals, aber er nahm den Fuß nicht vom Gaspedal.

Vergessen waren alle Grundsätze von defensivem Fahren. Er wusste nur noch, dass er den Zug erreichen musste, ganz gleich, was es koste. So, als ginge es um Leben und Tod.

Endlich erreichte er die Ortschaft. Aber er verringerte die Geschwindigkeit nicht. Seine Hände blieben um das Lenkrad ver­krampft, während sein Wagen über eine rote Verkehrsampel schoss. Er zog den Kopf ein. Das Auto schien sich selbständig gemacht zu haben. Er steuerte es nicht mehr, sondern wurde von ihm gefahren. Wie in einem Wechselbad erlebte er Angst und Wagemut.

Dann war da plötzlich die Kreuzung. Mit quietschenden Reifen wich er einem Motorrad aus und schleuderte gegen den Bordstein. Das Schreien und Hupen verfolgte ihn bis zum Bahnhof. Dort stellte er den Wagen ab und rannte, ohne sich weiter um ihn zu kümmern, auf den Bahnsteig.

Während er wartete, versuchte er, seine zitternden Hände unter Kontrolle zu bringen. Der Irrsinn dieser Autofahrt wurde ihm mit einem Mal voll bewusst.

„Du alter Narr, führst dich auf wie einer von den Burschen, die sich mit ihrem Auto wichtig machen müssen“, sagte er sich.

 Als der Zug schließlich eingelau­fen war, klopfte er an das Abteilfenster und lächelte durch das Glas seine Frau an. Die machte ein erstauntes Gesicht, zog die Scheibe herunter und fragte, was denn geschehen sei. Darauf wusste der Mann keine Antwort.

Verlegen versuchte er sein Gefühl nach dem Abschied zu erklären. Er sprach über ihre Beziehung, die gegenseitige Kühle, die sich eingeschlichen hatte, und meinte, dieser schmerzlichen Entfrem­dung müsse ein Ende gesetzt werden.

An ihrem Gesichtsausdruck und dem verständnislosen Kopfschütteln konnte er erkennen, dass sie ihn für total übergeschnappt hielt. Dennoch sprach er weiter, während sie sich verwirrt umsah, ob wohl jemand von den an­deren Reisenden das peinliche Theater verfolgte.

Er sei gerne bereit, sagte der Mann, sie mit dem Wagen in die Haupt­stadt zu fahren. Schließlich hätte auch er Ferien, und sie könnten sich ge­meinsam eine schöne Zeit machen. Wenn sie aber gerne allein sein wolle, so werde er sie nur hinbringen und gleich wieder zurückkehren. Schon al­lein die Autofahrt mit ihr würde ihm große Freude bereiten.

Sie schwieg zu diesen Vorschlägen, und als nach wenigen Minuten der Lautsprecher die Abfahrt ankündigte, gab sie ihm resolut die Hand und meinte, dass ihr sein Verhalten doch etwas seltsam und exaltiert vor­komme. Er sei ganz einfach überarbeitet und bedürfe der Ruhe. Bei ihrer Rückkehr könnten sie dann alles besprechen. Auch einer gemeinsamen Reise stünde zu einem späteren Zeitpunkt nichts im Wege. Für diesmal sei aber alles anders geplant.

 Dann fuhr der Zug an. Sie drückte ihm die Hand und rief: „Bis morgen! Und mach' dir einen schönen Abend ‑ und keine Sorgen!"

 Wieder stand der Mann vor einem leeren Gleis, war noch einmal zurückgelassen worden. Doch diesmal überwog der Ärger über sein kindisches Benehmen. Er schämte sich für die Szene.

 

Michael erwartete die Frau auf dem Bahnhof mit Blumen in der Hand. Sie freute sich über den Strauß, obgleich sie diese blühende Aufmerksamkeit nun den ganzen Tag mit sich herumtragen musste. Aber wann hatte sie das letzte Mal Blumen von einem jungen Mann bekommen?

Unternehmungslustig hakte sie sich bei ihm unter, und er ergriff ihre Reisetasche. Sie verstauten sie in einem Schließfach und fuhren mit seinem Auto zu einem Café in der Innenstadt. Es war ein Studentenlokal, und sie kam sich sehr alt vor, als sie die übrigen Gäste sah. Dann aber plauderte sie mit Michael, und das Publikum wurde unwichtig.

Zuerst sprachen sie über seine Schulzeit. Dabei gestand er ihr, dass er sich schon damals für sie interessiert habe. Sie versuchte, so unbefangen wie möglich über diese Bemerkung hinwegzugehen, wurde aber dennoch rot.

Sie wusste selbst nicht, ob es der Wahrheit entsprach oder ob sie sich lediglich für sein Kompliment revanchieren wollte, als sie Michael sagte, dass er einer ihrer klügsten Schüler gewesen sei.

Das Thema Schule aber war unerschöpflich, und zuletzt lachten sie gemeinsam über all die schrulligen Lehrer, die sie beide kannten. Auch über ihren Mann wusste Michael allerlei Lustiges zu berichten. Darüber war sie so erheitert, dass ihr beinahe die Tränen kamen.

Als die Mittagshitze vorüber war, bummelten sie durch die Straßen und durchstöberten Buchhandlungen. Irgendwann stellte sie fest, dass das Zeitlimit, das sie sich selbst gesetzt hatte, weit überschritten war. Sie wies ihren Begleiter darauf hin, doch der machte ein enttäuschtes Gesicht und bat seine ehemalige Lehrerin, zum Abschluss noch ein Glas Wein mit ihm zu trinken. Diesen bescheidenen Wunsch konnte sie ihm nicht abschlagen

Wieder verplauderten sie sich in einer von Michaels Gaststätten. Es war Abend geworden, als sie endlich nach ihrer Handtasche griff und dem Kellner winkte. Sie fühlte sich beschwingt, jung und frei wie in ihrer Studentenzeit. Deshalb fiel ihr der Abschied jetzt schwer. Doch sie wusste, dies war die letzte Gelegenheit.

 

Ihr Mann war langsam und vorsichtig nach Hause gefahren und hatte sich Mittagessen gekocht. Doch er saß ohne Appetit am Tisch. Eine seltsame Traurigkeit beherrschte ihn, die er nicht abschütteln konnte.

Er versuchte sich abzulenken, las in einem Buch und hörte Musik. Doch so sehr er sich auch mühte, die Konzentration stellte sich nicht ein.

 Endlich verließ er das Haus und schlenderte durch die heißen Straßen zum Saum des angrenzenden Waldes. Dort lehnte er sich an einen Baum und sah auf das Städtchen, das in all den Jahren, die sie dort nun schon lebten, beträchtlich gewachsen war. Während er so vor sich hinstarrte, wurde ihm schmerzlich bewusst, dass sie keine Kinder hatten. Als sie beide noch studierten, kam Nachwuchs nicht in Frage, und in den ersten Berufsjahren wollte seine Frau nicht für ein Kind pausieren. Später galt es dann, das Haus zu bauen. Auch unternahmen sie weite Reisen. Jetzt waren sie beide wahrscheinlich zu alt, um noch Kinder zu bekommen.

 

Michael war bereitwillig aufgestanden, als sie sich zum Aufbruch anschickte. Ganz selbstverständlich begleitete er sie. Obwohl es bereits dämmerte, war es im Freien noch immer drückend heiß. Sie liefen eine Weile schweigend nebeneinander her, und die Lehrerin spürte, dass die Gefahr noch immer nicht gebannt war. Einem plötzlichen Entschluss folgend blieb sie darum stehen und streckte dem jungen Mann die Hand entgegen.

„Michael", sagte sie, „es war ein sehr schöner Tag; dafür danke ich Ihnen. Aber nun“, sie bemühte sich um Festigkeit in der Stimme, „müssen wir in Ihrem und auch in meinem Interesse Abschied nehmen."

Er antwortete nicht, ergriff auch nicht die dargebotene Hand, sondern fasste sie an beiden Schultern, zog sie an sich und küsste sie. Verwirrt und überrascht zögerte sie einen Moment, dann schlang sie ihre Arme fest um ihn und erwiderte stürmisch und verlangend seinen Kuss.

Inmitten eines Meeres von Menschen stand das Paar auf dem Bürgersteig im Herzen der Stadt. Es ließ sich von all den Menschen nicht stören. Für die Massen, die nach Hause strebten, bildeten sie ebenso wenig ein Hindernis, wie ein Brückenpfeiler im Strom. Der Strom der Passanten teilte sich vor ihnen und schloss sich sanft wieder hinter ihnen.

Diesmal kümmerte sich die Frau nicht darum, wer von all den Leuten sie wohl neugierig ansah und was man von ihr dachte. Sie fühlte nur den jungen Körper und war nicht mehr Studienrätin sondern Geliebte. Sie war wie ein junges Mädchen, das sich um die Meinung der Welt keinen Deut schert, das die Spießer, die sich der Leidenschaft nicht hingeben können, verachtet und stolz seine Liebe zur Schau stellt.

In ihr war kein Gedanke mehr an Weglaufen, die Freundin besuchen oder gar Heimreise. Es durfte nur noch ein Ziel geben.

 Michael fuhr mit dem Wagen wie ein Wilder durch die Innenstadt. Rücksichtslos wechselte er die Spuren und überfuhr gelbe Ampeln. Am Ziel ließ Michael den Wagen vor seinem Appartementhaus stehen und ver­gaß in der Eile sogar, den Zündschlüssel abzuziehen. Oben im Zimmer fielen sie sich wieder in die Arme. Er streichelte sie, wühlte unter ihren Kleidern, und sie öffnete Gürtel und Bund seiner Blue Jeans. Dabei wun­derte sie sich, wie viel Widerstand doch so eine Männerhose bietet. Und dann fühlte sie mit Schaudern, wie ihr Körper sich mit Wollust füllte. Sie erinnerte sich an etwas, das sie einmal im Frühling empfunden hatte: dieses wie für alle da zu sein und doch nur für einen. Und ganz nah hatte sie jetzt eine Vorstellung vom Wesen der Liebe.

 

 

 

Das Lehrerehepaar entschloss sich dann doch, während der letzten Ferientage gemeinsam wegzu­fahren. Es sollte keine aufwendige Reise werden. Nach kurzer Suche fand sich in Österreich ein freies Doppel­zimmer in einer ruhigen Pension. Die Unterbringung war einfach. Der Ort hatte außer einem Gasthaus, in dem man auch essen konnte, nichts zu bieten. Aber es gab einen kleinen See, und zur Pension gehörte ein ei­gener Badesteg, der über den dichten Schilfgürtel hinweg ins klare Was­ser reichte. Dort lagen sie auf dem rauen Holz, lasen, redeten nur wenig, tauchten hin und wieder in das kalte Wasser.

Es gab Legionen von Mücken und jeder Biologe hätte seine Freude über die Artenvielfalt gehabt. Die Insekten waren wild auf Menschenblut. Die Feriengäste versuchten mit allen Mitteln, der Plage Herr zu werden. Sie schlugen um sich, sprühten sich mit Giften ein, umnebelten sich mit Zigarettenrauch und mussten sich schließlich doch dem Rat der Einheimischen beugen. Das Wundermittel war, einfach abzuwarten, denn die Schnaken würden von selbst den Appetit verlieren.

Die Frau war von allen Badenden am meisten geplagt und dennoch schleppte sie täglich einen großen Stapel Bücher auf den Steg. Dort häufte sie die Lektüre neben sich auf, lag aber dennoch meist auf dem Rücken. Sie dö­ste mit geschlossenen Augen oder beobachtete im blauen Himmel wie sich die Wolkenberge auftürmten und wieder vergingen.

Am dritten Tag scheuerte sie so unglücklich über das Holz des Stegs, dass ein Splitter durch das Badetuch in ihren Rücken drang. Ihr Mann ent­fernte ihn zwar sofort, aber am nächsten Tag entzündete sich die Stelle. Ein Arzt musste aufgesucht werden.

Das Baden verbot sich nun, und sie verlegten sich aufs Wandern. Mühsam kletterten sie Bergpfade empor. Oft blieb die Frau dabei stehen und sah sehnsuchtsvoll nach fernen Berggipfeln. Er folgte dann ihrem Blick. Einmal sagte er so nebenbei, dass sie eigentlich schon zu alt und zu unerfahren wären, um derartige Höhen zu erklimmen.

 

Müde von diesen Bergtouren unternahm das Paar am letzten Tag des Urlaubs einen größeren Ausflug mit dem Auto. Nach einer beschwerlichen Fahrt über kurvige Bergstraßen, bei der sie ihn ständig rügte, weil er sich nicht daran gewöhnen konnte, vor den Kurven zu hupen, erreichten sie am frühen Nachmittag einen Kurort. Von hier ging eine Sesselliftbahn zu einer hoch in den Bergen gelegenen Gaststätte. Spontan entschlossen sich beide, auf diese bequeme Art einen Gipfel zu erklimmen.

Als sie bereits dreißig Meter auf ihrem schwankenden Doppelsitz von der Bodenstation entfernt waren, stellte die Frau bestürzt fest, dass sich ihr Sicherheitsbügel nicht schließen ließ. Umkehr war nicht möglich, und auch Hilfe konnten sie nicht herbeiru­fen. So blieb ihr nichts übrig, als sich tapfer festzuhalten und ihrem Mann zu beteuern, dass sie keine Angst habe.

 

Sie waren bereits zehn Minuten unterwegs und der Mann wies seine Frau auf die Schönheit der Landschaft hin. Doch sie schenkte ihm keine Beachtung, sondern umklammerte mit weißen Knöcheln die Lehne ihres Sitzes. Er war gerade dabei, wiederum mit weit ausgreifenden Armbewegungen das Naturschauspiel in Worte zu fassen, da blieb plötzlich der Lift stehen. Die Sitze schwangen noch eine Weile hin und her, und schließlich schwebte das Paar regungslos über einem Abgrund. Tief unter sich sahen sie einen Gebirgsbach. Er hatte ein steiles Tal in den Fels geschnitten. Sie hingen direkt über seinem steinernen Bett.

 Die Fahrt werde bald weitergehen, beruhigten er sie. Lediglich eine kleine Panne im Antrieb könne diese Störung verursacht haben. Natürlich sei auf die Sicherheitsvorkehrungen Verlass. Erforderlich sei einzig und allein Geduld, bis der Schaden behoben sei. Panik sei völlig fehl am Platz. Im Übrigen hätten die Österreicher die größte Erfahrung im Betreiben von Seilbahnen.

 Die Zeit verging, und die beschworene Geduld wurde auf eine die Nerven zermürbende Probe gestellt. Das Lehrerehepaar baumelte aus Langeweile mit den Beinen, suchte nach Gesprächsthemen und unterhielt sich in seiner Not sogar über die Ungereimtheiten des neuen Curriculums. Aber die Minuten summierten sich zu einer Stunde, und noch immer hörten und sahen sie nichts von irgendwelchen Rettern. Die Sitze vor und hinter ihnen waren leer. Hatte man sie vergessen? War vielleicht der Betrieb der Bahn wegen des schwachen Besuchs eingestellt worden? Sogar der Gedanke an Sabotage schoss ihnen durch den Kopf.

 Wolken zogen auf, und nachdem die Sonne verschwunden war, wurde es empfindlich kühl. Die Frau fror in ihrem kurzärmligen, weit ausgeschnittenen Sommerkleid und blickte neidisch auf ihren Mann, der einen weißen Wollpullover behaglich über den Kopf streifte. Er hatte ihn den ganzen Tag um die Hüfte geschlungen gehabt. Deshalb beeindruckte ihn der aufkommende Wind nicht, der ihr unter das Kleid fuhr und am ganzen Körper Gänsehaut wachsen ließ.

„In seiner Rücksichtslosigkeit", dachte sie wütend, „verschwendet er keinen Gedanken an mich."

Sie hätte ihm ins Gesicht schlagen mögen.

Der Himmel bedeckte sich mehr und mehr. Es sah nach Regen aus. Vielleicht braute sich sogar ein Gewitter zusammen? Ein fürchterlicher Gedanke in dieser Höhe, an einem Stahlseil schwebend, von Blitzen überrascht zu werden!

Die Körper der Beiden waren inzwischen verkrampft und schmerzten. Unruhig rückten die Frau und auch der Mann hin und her. Irgendwann zog er bequem die Beine neben sich auf den Sitz. Dies aber wagte sie ohne Sicherheitsbügel nicht. Zudem schaukelte in dem heftigen Wind der Lift, so dass sie sich voller Furcht an der Armlehne festkrallte. Ihr wurde übel. Lange würde sie sich nicht mehr beherrschen können.

 

„Warum unternimmt er nichts?" fragte sie sich. Warum sitzt er tatenlos da? Was muss eigentlich geschehen, damit er seine Trägheit überwindet?"

Laut sagte sie: „Meinst du. wir müssen die Nacht hier verbringen?“

„Das wäre schlimm! Ich glaube, das halten wir beide nicht durch!"

Irgendwann konnte sie sich nicht mehr zurückhalten.

„So tu' doch was!" herrschte sie ihn an und begann um Hilfe zu schreien.

Er fiel sofort in ihr Rufen mit ein. Sie brüllten, bis sie heiser waren, und dann schrie er noch ein wenig weiter. Aber es kam keine Antwort.

Aus dem Wind war nun ein ordentlicher Sturm geworden, und vereinzelt klatschten Regentropfen auf sie nieder. Der Himmel hatte sich so verdüstert, dass sie unter sich nichts mehr sehen konnten. Sie hatten den Boden endgültig verloren.

Durchnässt und vor Kälte zitternd sagte die Frau plötzlich: „Du, ich muss unbedingt auf die Toilette.

„Das dürfte hier etwas ungünstig sein."

„Es muss von der Kälte kommen. Ich halte es nicht mehr aus."

„Na, dann mach' doch", erwiderte er ruhig. „Unter uns wird sich wohl niemand aufhalten."

„Bist du verrückt? Ich kann doch nicht hier oben... wenn mich jemand sieht... wofür hältst du mich...`'

Aber er blieb gleichgültig.

„Dann musst du eben warten", war seine einzige Antwort.

Nun brauste sie auf: „Ich dulde nicht, dass du dich über mich lustig machst. Was bist du nur für ein Mann? Du bist ein Schlappschwanz! Wenn du ein Mann wärst, hättest du uns längst hier herausgeholt."

So hatten sie noch nie miteinander geredet. Er wusste nicht, was er entgegnen sollte und schwieg.

Nach einer Weile sagte sie kleinlaut: „Ich muss ganz dringend. Wie soll ich es denn machen?"

„Das musst du doch besser wissen als ich. Bin ich eine Frau?"

Er sah weg, als sie sich zitternd vor Angst und Demütigung in die heraufziehende Dunkelheit hinein erleichterte. Aber als er sie wieder anblickte, diese Frau mit den nassen, am Kopf klebenden Haaren, der das Wasser in kleinen Bächen über das Gesicht und in den Ausschnitt lief, die in ihrem durchweichten Kleid erbärmlich fror und bleich vor sich hinstarrte, da war sie eine Fremde. Er sah nicht mehr die kühle, selbstbewusste Kollegin, mit der er seit Jahren verheiratet war. Sie, die stets auf Etikette geachtet hatte, kauerte neben ihm als ein sehr furchtsamer und hilfloser Mensch.

 

Die Frau selbst achtete nicht mehr auf ihren Mann. sondern versuchte sich abzulenken. Die vergangenen Wochen fielen ihr ein.

 

Sie hatte nach ihrer Rückkehr aus der Stadt ihrem Mann gesagt, dass sie nun häufiger wegfahren werden, um Bücher zu kaufen. Seinen Einwand, der Händler am Ort besorge jeden gewünschten Band, wischte sie beiseite. Man könne Bücher nicht nur nach Prospekten auswählen, man müsse in ihnen schmökern, sich ihnen hingeben, sie sinnlich erfahren, bevor man sich zum Kauf entschließt. Dies sei eben nur in den großen Buchhandlungen der Hauptstadt möglich. Wenn ihm auf Grund seiner einseitigen, trockenen Fächerkombination das Bedürfnis nach Büchern und damit nach Kultur abgehe, so sei dies seine Angelegenheit. Sie jedenfalls sei nicht gewillt, noch länger alle Frustrationen zu tragen, die das Leben in der Kleinstadt mit sich bringe.

Nach ein paar Tagen war sie erneut losgefahren, und Michael hatte sie wieder vom Bahnhof abgeholt. Diesmal brachte er jedoch keinen Blumenstrauß mit. Sie stellte dies mit Bedauern fest, obgleich ihr beim letzten Mal die Blumen recht lästig gewesen waren.

 Sie umarmten sich ohne Zögern und Scheu auf dem Bahnsteig. Diese offene und unverkrampfte Zärtlichkeit empfand sie stets aufs Neue als Erlebnis.

 Die Autofahrt zu seiner Wohnung dauerte lang, und der Fahrstuhl brauchte eine Ewigkeit bis zum obersten Stockwerk. Aber Michael streichelte derweilen ihre Brüste, deren Warzen sehr hart waren.

 Später saßen sie in einer Pizzeria unter Studenten und tranken Rotwein. Es war die Stammkneipe von Michael. Unter all den jungen Menschen fühlte sie sich inzwischen heimisch. Sie war eine von ihnen. Ungezwungen nahm sie eine Gauloise aus der Packung auf dem Tisch. Die ungewohnt starke Zigarette brachte sie zum Husten.

Michael erzählte von seinem Surfbrett. Zuletzt sei er am Bodensee gewesen, aber der Wind habe nicht mitgespielt. Zudem seien die ganzen Ufergewässer mit Anfängern verseucht, das habe ihm die Laune verdorben. Im Herbst wolle er wieder ans Mittelmeer fahren. Dort gäbe es noch Surf‑Eldorados. Natürlich vernachlässige er auch sein Tennisspiel nicht. Dreimal in der Woche spiele er morgens eine Stunde gegen die Wand. Irgendwann müssten sie unbedingt ein paar Sätze gegeneinander spielen.

Er hatte vor, sich an der Uni demnächst eine Stelle als Hilfsassistent zu holen. Später, so habe er sich entschlossen, werde er wohl die Hochschullaufbahn einschlagen. Schulunterricht sei ihm zu primitiv. Er wolle nicht sein Leben an Halbidioten verschwenden. Im Übrigen brauche er einfach seine Freiheit, und die habe man eben nur an der Uni.

Die Frau wollte Michael unterbrechen, das Gespräch auf Themen bringen, an denen sie beide teilhaben konnten, aber er redete weiter.

Das Mädchen, das eben zur Tür hereinkomme, hieße Inge. Mit ihr habe er einmal etwas gehabt. Es sei verdammt schwer gewesen, sie wieder loszuwerden. Wie eine Klette habe sie an ihm gehangen. Aber jetzt habe sie es endlich kapiert. Inge ging an ihnen vorbei, ohne einen Blick auf Michael zuwerfen.

Später beim Pizzaessen erzählte Michael von seinem Osterurlaub, den er mit einer Clique in Spanien verbracht hatte. Der Ferienbungalow, in dem sie gewohnt hatten, habe dem Vater seiner damaligen Freundin gehört. An sich sei es sehr nett gewesen; gestört habe ihn nur die Beschränktheit der Frauen. Immer hätten sie am Strand herumhängen wollen. Das Händchenhalten und das ewige Gelaber über die Brüchigkeit ihrer Beziehungen seien nicht nur ihm, sondern auch den anderen Typen bald auf den Geist gegangen. Sie hätten deshalb die Weiber einfach sitzen gelassen und noch einen Trip durch den Norden gemacht.

 

Nachdem die Frau die Rechnung bezahlt hatte, fuhren sie wieder mit dem Fahrstuhl nach oben. Sie sah Michaels enge Blue Jeans, die von seinem Glied ausgebeult war.

Beim Ausziehen erzählte er Witze, und als er auf ihr lag, fühlte sie sich steif und ungelenk. Aber sie wollte eine heißblütige Geliebte sein, so leidenschaftlich wie seine früheren jungen Freundinnen. Sie bemühte sich redlich. Aber als sie resignierend die Augen öffnete, erhaschte sie seinen Blick, mit dem er sie aufmerksam, beinahe fachmännisch beobachtete. Da begann sie ekstatisch zu stöhnen und gebärdete sich wie in Trance.

Später, als alles vorbei war, fragte er sie, wie es gewesen wäre, und ob ihr Mann es ihr auch so gut besorge.

 

Drei Tage später reiste die Lehrerin erneut in die Hauptstadt. Obgleich Michael ihr schon am Telefon mitgeteilt hatte, dass er keine Zeit habe. Doch sie musste ihn ganz einfach sehen, die unangenehme Erinnerung an den vergangenen Besuch auslöschen.

Es war etwas schwierig gewesen, ihrem Mann die erneute Fahrt zu erklären. Doch im Grunde war es ihr gleichgültig, was er dachte. Sie wollte zu Michael, und sie fuhr zu Michael.

Vom Bahnhof wurde sie diesmal nicht abgeholt und nahm deshalb ein Taxi. Als sie endlich im Fahrstuhl stand, konnte sie ihre Liebe und Erwartung kaum noch im Zaum halten. Dann klingelte sie an Michaels Tür, aber niemand öffnete. Sie läutete wieder und wieder und schlug sogar mit der Faust gegen das Holz. Vergeblich! Es konnte doch nicht sein, dass Michael nicht da war, nicht auf sie wartete!

Schließlich nach vielen Versuchen setzte sie sich auf die Treppe und dachte nach. Da hockte sie nun, die arrivierte Studienrätin, auf dem Boden vor einem Studentenappartement und hoffte auf die Rückkehr eines unreifen Jungen, dessen männliche Überheblichkeit sie abstieß. Sie kam sich wie ein dummes, kleines Mädchen vor. Und doch war sie unfähig, aufzustehen und wegzugehen.

 Nach einer dreiviertel Stunde kam Michael fröhlich und verschwitzt vom Tennisspielen. Ein Match hatte sich länger als geplant hingezogen. Er küsste sie sehr zärtlich. Während er unter der Dusche stand, rief er ihr durch die offene Badetür zu, sie möge sich inzwischen ausziehen und ihn im Bett erwarten.

 Als sie später auf ihm saß, war es wie beim letzte Mal. Wieder gab sie sich große Mühe. Endlich glitt sie von ihm herunter und weinte. Diese Tränen waren ihr peinlich, und sie versuchte, sie mit aller Kraft zu unterdrücken.

 Michael war erstaunt. Er fragte, was denn los sei, nannte sie Liebling und forderte sie zum Weitermachen auf. Sie solle sich doch ein wenig verwöhnen lassen, das habe sie doch verdient. Er wisse, wie glücklich sie sei, so spät in ihrem Leben noch so etwas Schönes wie mit ihm erleben zu dürfen.

 Auf der Heimfahrt versuchte sie nüchtern den Streit, den sie mit Michael gehabt hatte, zu überdenken. Dieser alberne Tropf war nicht mit ihr als Frau, sondern mit seiner ehemaligen Lehrerin ins Bett gegangen. Sie in ihrer Naivität hatte aber von der großen Liebe geträumt.

So ist es also, wenn man Torschlusspanik hat, warf sie sich vor. Man kann seinem Verstand nicht mehr trauen, verliebt sich in ein Klischee und übersieht das eigene peinliche Verhalten.

Klischeemensch! Sie musste lächeln. Dieser Ausdruck war für Michael noch zu schmeichelhaft. Dieser Typ war ein penetranter und ausgekochter Chauvi, und gerade das hatte ihr imponiert.

Mein Gott, was war sie für eine dumme Gans gewesen, die sich von einem Schüler plump und billig hatte einwickeln lassen. Die Szene in der Gaststätte fiel ihr ein, wo sie mit hochrotem Kopf liebestrunken an seinen Lippen gehangen hatte. Die anderen Studenten mussten sich köstlich über die alberne alte Tante amüsiert haben. Vielleicht hatte Michael das Ganze sogar absichtlich in dieser dekuvrierenden Art inszeniert, um sie vorzuführen?

Wie in einem moralischen Kitschstück musste ihr Fremdgehen in Schande und Lächerlichkeit enden. Sie konnte sich selbst ohrfeigen.

Seit der Abfahrt aus der Hauptstadt hatte sie eine Gauloise nach der anderen geraucht. Angewidert machte sie nun die Zigarette aus und warf die Schachtel aus dem Fenster. Diese Marke war ihr viel zu stark.

 

Inzwischen war schon wieder eine halbe Stunde vergangen, und das Paar saß noch immer in schwindelnder Höhe.

„Warten scheint mein Schicksal zu werden“, sagte sie zu sich und dann laut zu ihrem Mann, „weißt du eigentlich, dass ich dich in diesen Ferien betrogen habe?"

Der Mann war in Gedanken gerade den Trageholm hochgeklettert und hatte sich am Drahtseil entlang gehangelt und fragte geistesabwesend: „Wie meinst du das?"

„Ich habe mit einem anderen Mann geschlafen!"

Er war plötzlich ganz aufmerksam: „Du solltest jetzt keine Witze machen."

 

„Natürlich mache ich keinen Scherz", sagte sie hart.

Sie sah auf seinem Gesicht das Nichtwahrhabenwollen, und sie ärgerte sich über ihn.

„Du musst es schon glauben, auch wenn es dir nicht passt“, fügte sie brutal hinzu.

Er spürte einen rasenden Schmerz und dachte: „So ist es also!"

Es ist die Hilflosigkeit, die so verzweifelt macht. Er hatte es geahnt und verdrängt. Doch nun wusste er es mit Sicherheit und konnte es nicht mehr leugnen.

 Was konnte er jetzt noch tun? Es war geschehen. Vielleicht hatten sie sogar zusammen über ihn geredet, über ihn gelacht? Sicher hatte seine Frau Vergleiche zwischen den beiden Männern angestellt. Hatte er standhalten können?

 „Wer ist es?"

„Ein ehemaliger Schüler. Ich möchte seinen Namen nicht nennen."

„Hab' ich ihn unterrichtet?"

„Ich glaub' schon."

„Du musst mir den Namen sagen", flehte er eindringlich. „Zwischen uns darf es nun kein Geheimnis mehr geben. Das ist das Mindeste, was ich verlangen kann."

Sie schwieg eine Weile und sagte dann zornig: „Du kannst gar nichts verlangen!"

„Wann war es? Hast du dich mit ihm in der Stadt getroffen?"

„Ja."

„Wer weiß davon?"

„Niemand."

„Wo habt ihr es gemacht?"

„In seinem Appartement."

„Wie oft?"

„Immer, wenn ich in der Hauptstadt war."

„Wie habt ihr es gemacht?"

„Sei doch nicht kindisch! Darüber kann ich doch nicht reden!"

„Doch, du musst mir alles erzählen. Ich muss alles wissen!"

„Ich will es dir aber nicht erzählen. Das gehört mir allein!"

„Gerade deshalb musst du es sagen. Es darf dir nicht mehr allein gehören. Ich muss über alles informiert sein. Nur so kann der Vertrauensbruch ein wenig ausgeglichen werden."

„Du tust dir doch selber weh", sagte sie nun schon mitleidiger.

„Ich kann das ertragen", antwortete er und dann fordernd, „los, sag es! Wie habt ihr es getrieben?"

 Dabei packte er ihr Handgelenk und drückte es so fest, dass sie vor Schmerzen aufschrie.

 „Was habt ihr gemacht?" brüllte er und seine Stimme hallte aus der Schlucht wieder.

„Du tust mir weh. Hör’ sofort auf! "

„Nur wenn du mir alles sagst. Hat er dich geküsst?“

"Natürlich.“

 „Wie oft habt ihr es jedes Mal gemacht?"

„Das weiß ich nicht mehr."

Nach einer Weile fragte er etwas ruhiger: „Wirst du ihn wieder treffen?"

„Ich glaube nicht."

 

Sie hatte geglaubt, die Sache mit Michael wäre für sie abgetan, aber nun spürte sie wieder die Wehmut. Die Erregung ihres Mannes wurde ihr gleichgültig und bekam einen Anflug von Lächerlichkeit.

 Lange saßen sie stumm zwischen Himmel und Erde.

„Warum hast du es getan?"

Sie schwieg und hörte von ihm ganz leise: „Liebst du mich noch?"

„Ich weiß es nicht."

 Er sah sie an, wie sie da saß und versuchte, selbstgefällig mit den Beinen zu baumeln. Warum schämte sie sich nicht? Ein anderer Mann war in sie eingedrungen und hatte sie stöhnen gehört. Sie hatte sich einem Schüler hingegeben; einem jener dummen und faulen Schüler. So einen Typ hatte sie ihm vorgezogen. Aber, was noch schlimmer war, sie hatte sich und damit auch ihn vor einem dieser Halbidioten erniedrigt. Wie grenzenlos dumm musste sie sein, und er hatte es bisher nicht bemerkt, hatte sich von ihr bluffen lassen.

Eben hatte ihm die Frau noch leid getan, wie sie frierend und durchnässt neben ihm saß, voller Angst und Scham über die eigene Notdurft. Aber nach all dem, was er jetzt erfahren hatte, glaubte er nicht mehr an ihre Scham. Endlich hatte er sie erkannt.

Der Mann ballte die Faust. Wie gern hätte er in dieses verkniffen lächelnde Gesicht geschlagen. War sie etwa auch noch stolz auf ihre Schande? Verleiht nicht tatsächlich die Dummheit ein Gefühl der Unendlichkeit? Sie war ein Stück Dreck, sie war Mist, sie war Unrat! Jahre hatte er neben ihr gelebt, und sie hatte ihn betrogen. Dies war sicher nicht das erste Mal gewesen und würde nicht das letzte Mal bleiben. Er war ihr ausgeliefert, so lange er bei ihr blieb. In jede ihrer eigenen Demütigungen zog sie ihn mit hinein.

 Da saß sie nun neben ihm und starrte demonstrativ und unbeteiligt in den Himmel, so als gingen sie seine Vorwürfe nichts an. Plötzlich wurde dem Mann klar: „ Es wäre eine Erlösung, wenn sie tot wäre!"

Der defekte Sicherheitsbügel fiel ihm ein. Wie leicht konnte sie eine unbedachte Bewegung machen und in die Tiefe stürzen? Er wollte sie nicht mehr sehen, dieses stupide Gesicht nicht mehr ertragen.

 „Hast du ihn geliebt?" presste er endlich hervor.

Sie überlegte lange und sagte dann sehr ehrlich: „Ich glaube schon."

 Der Mann beugte sich zu der Frau hinüber. Seine Hand schlich sich an ihre Schulter, wie um sie fürsorglich warm zu halten. Schweiß trat ihm auf die Stirn, sein Gesicht war weiß, und er keuchte. Zentimeter um Zentimeter rückte die Hand näher, endlich berührte sie das Kleid und wurde unwirsch abgeschüttelt. Aber die Hand blieb, fest und unerschütterlich, sie presste sich gegen den schwachen Körper, schien mit ihm eine Einheit zu bilden. Ein Erstarren ging durch die Frau, sie hielt den Atem an und verkrampfte sich in ihrem Sitz.

In diesem Augenblick setzte sich der Lift mit einem Ruck in Bewegung.

 

Sie stolperte, nachdem sie an der Bergstation endlich von dem schwankenden Sitz gesprungen war. Das Bedienungspersonal eilte herbei und fasste sie unter den Schultern. Auch er stand sehr unsicher auf den Beinen und bemühte sich, das Zittern seiner Glieder zu kontrollieren.

 Später redete man dem Paar, das bleich und verstört auf der Eckbank der Berghütte saß, gut zu. Die Wirtin brachte eine Flasche Enzian.

Dann folgten Erklärungen für die Panne und Entschuldigungen, die jeweils wiederholt wurden, wenn neue Passagiere ankamen.

 Bei denen wechselten Weinen und Empörung ab. Man werde die Betreibergesellschaft verklagen, hieß es, Schmerzensgeld fordern, die Zeitung zu abschreckenden Artikeln animieren.

 Das Ehepaar saß derweilen auf der Eckbank und schwieg. Beinahe unbeteiligt sahen sie dem Trubel zu und nippten am Enzian.

 

Die Zeit schritt fort, die Erregung flaute ab, und irgendwann forderte man die Gäste auf, die Rückfahrt anzutreten. Die aufkommenden Befürchtungen, der eben überstandene Zwischenfall könne sich wiederholen, wurden zerstreut.

Nach mehr oder minder langem Zögern erkannten schließlich alle die Notwendigkeit, sich wiederum dem Lift anzuvertrauen. Wie sollte man sonst bei dieser Dunkelheit zurück ins Tal kommen?

Langsam leerte sich die Wirtsstube. Auch der größte Teil des Personals hatte bereits die Talfahrt angetreten.

Nur das Paar auf der Eckbank saß regungslos, starr und stumm. Als man freundlich auf die notwendige Abfahrt hinwies, schüttelten beide nur gedankenverloren den Kopf. Die Wirtin setzte sich zu ihnen, tätschelte der Frau die Hand und schenkte Schnaps nach.

Sie könne den Widerwillen der Gäste gegen eine erneute Liftfahrt gut verstehen, sagte sie, nach allem, was sie durchgemacht hätten. Wenn sie nur daran denke, so bliebe ihr, so wahr ihr Gott helfe, das Herz stehen. Aber hier oben könnten sie nicht bleiben. Sie seien jetzt die letzten Gäste. Man wolle endlich die Maschinerie für die Nacht abgestellt.

 Flehend fragte der Mann, ob sie nicht hier auf dem Berg übernachten könnten?

 

Die hilfsbereite Wirtin musste diesen Wunsch abschlagen. Es gäbe kein Fremdenzimmer, dies sei eine Gastwirtschaft allein für den Tagesbetrieb.

 Inzwischen hatte sich auch das verbliebene Personal um den Tisch versammelt und redete von allen Seiten auf die störrischen Fremden ein.

 Irgendwann stand der Mann auf und sagte, wenn sie nicht hier bleiben könnten, so würden er und seine Frau zu Fuß zurücklaufen. Die Wirtin schlug die Hände zusammen.

Maria und Jesus, ein solcher Abstieg ohne Führer und noch dazu bei Nacht sei Wahnsinn. Da könnten die Touristen genauso gut gleich in die nächste Schlucht springen. Die Gäste seien doch nette Leute und sähen wie vernünftige Menschen aus. Sie sollten sich deshalb diese Dummheiten aus dem Kopf schlagen und endlich den Lift besteigen und die nächtlich Fahrt ins Tal genießen.

Der Disput zog sich hin, bis sich das Paar endlich entgegen aller Warnungen auf den Weg machte. Die Besatzung der Bergstation sah ihm im Mondlicht hinterher. 

Der Pfad schlängelte sich über kahle Hänge und der weiße Fels leuchtete bleich. Sie mochten eine halbe Stunde gestiegen sein, da schloss sie plötzlich zu ihm auf. Noch immer sprachen sie kein Wort, aber er nahm nach einer Weile ihre Hand fest in die seine.

 „Es tut mir leid", sagte sie irgendwann und dann leise, „ich weiß nicht, was mit mir los war, aber ich wollte dich nie verletzen.“

"Lass' uns jetzt nicht mehr davon sprechen!"

„Du", begann sie noch einmal zaghaft, „ich glaube, ich weiß jetzt wieder, dass ich dich liebe."

 Sie liefen weiter, und der Mann begann zu pfeifen, und sie stimmte ein.

Nach mühsamem Klettern über Geröll und Fels, stets in Gefahr abzustürzen, erreichten sie endlich die Baumgrenze und tauchten in einen dichten Fichtenwald ein. Das Schlimmste schien überstanden.

 Zwischen den Bäumen war tiefe Nacht. Die Sterne vermochten den Schatten der Zweige nicht zu durchdringen. Der Weg verlor sich in der Finsternis.

Ängstlich klammerten sie sich aneinander und tasteten sich von Baum zu Baum. Den Pfad hatten sie längst verloren. Sie kannten nur noch eine Richtung: nach unten.

 Immer häufiger glitten sie aus, taumelte gegen Baumstämme, krallten sich in die Rinde. Vorbei war das fröhliche Pfeifen. Nur noch ein ängstliches Keuchen gaben sie von sich.

 Plötzlich trat die Frau ins Leere, entglitt seiner Hand und rutschte einen steilen Hang hinab. Zum Glück konnte sie sich an einem Busch festhalten und rief verzweifelt nach ihrem Mann. Der wollte ihr hastig zur Hilfe kommen, trat aber ins Leere. Dann war die schwangere Frau allein.