Können Sie
diesen Unsinn von „Kinder müssen ihre Konflikte selber lösen“ auch nicht mehr
hören?
Er war mal sehr
en vogue in den so genannten progressiven Kreisen. In Zeiten der
antiautoritären Erziehung war er sogar ein Dogma. Dabei kaschiert er nur die
Konfliktscheue der Erwachsenen und gibt einem ungehinderten Sozialdarwinismus
Raum. Das brutalste und unsozialste Kind setzt sich durch.
Es hat sich
auch als großer Unsinn erwiesen, dass die Gruppe die unsozial Dominierenden
wieder einfängt. Nein, je gemeiner und brutaler ein Kind ist, desto größer sind
seine Chancen zum Opinionleader der Gruppe aufzusteigen.
Aber vielleicht
wollen wir ja Erwachsene mit derartigen Charakterzügen? Ein aufmerksamer Blick
in die derzeitige Gesellschaft zeigt, wie erfolgreich diese beschriebene
Erziehung bisher war.
Hänsel und Gretel
Es dunkelte schon. Das Mädchen und der Junge fassten ihre
Plastiktüten fester. Der Weg schlängelte sich zwischen den düsteren Bäumen
immer tiefer in den Wald. Endlich erreichten sie die Stelle, wo sie ihn
verlassen mussten. Sie holten tief Luft und teilten die Zweige der Büsche.
Durch das Unterholz wurde ihre Wanderung noch beschwerlicher.
Zusätzlich zu den Plastiktüten trugen sie noch Rucksäcke,
und Marco schleppte noch das Zelt und die Stangen.
Als sie den kleinen Bach endlich erreicht hatten, seufzte
Anna: „Weiter hätt' ich es wirklich nicht mehr geschafft!"
Dann machten sie sich schweigend daran, die
Zeltplane auszurollen und die Stützen aufzustellen. Anna ärgerte sich ein wenig
über Marcos Ungeschicklichkeit.
Als sie schließlich den mühsamen Kampf mit Plane und
Stangen erfolgreich beendet hatten, waren sie durchgeschwitzt und erschöpft.
Sie ließen sich einfach auf den nackten Gummiboden fallen, um sich auszuruhen.
Aber ihr Pflichtgefühl rief Anna zurück an die Arbeit.
Rasch packte sie die Plastiktüten aus und verstaute den Inhalt vor und im Zelt.
Dann zündete sie die Gasflamme des Campingkochers an und holte Wasser vom Bach.
Marco hatte inzwischen die Decken im Zelt ausgebreitet.
Er lag auf dem Bauch im Eingang und sah ihr zu, wie sie, noch bevor das Wasser
kochte, aus einer Tüte Suppenpulver einrührte.
Diese halbgare Zwiebelsuppe war ein köstliches Mahl, und
sie langten beide kräftig zu.
Als der Junge den Topf ausleckte, sagte das Mädchen: „So
gut werden wir es von nun an immer haben."
Danach ließen sie alles liegen und stehen, wie es
war, und krochen ins düstere Zelt. Dort kuschelten sie sich aneinander. Ein
bisschen Angst hatten sie schon; aber als sie sich vorsichtig und unbeholfen
streichelten, da wandelte sich die Dunkelheit von Bedrohung in diskreten
Schutz. Wie schön konnte doch das Leben sein!
Dabei hatte der Tag recht unerfreulich begonnen. In der
zweiten Stunde waren in der Schule die Klassenarbeiten in Mathematik zurückgegeben
worden. Der Lehrer hatte Marco das Heft mit der Bemerkung auf die Bank
geworfen, dass er sich seine Versetzung aus dem Kopf schlagen könne. Der Junge
hatte schon bei den letzten Tests versagt und die Verbesserungen mit dem Namen
seiner Eltern unterschrieben.
Nun würde der ganze Schwindel herauskommen. Hausarrest
war das mindeste, was er zu erwarten hatte, und das, obwohl er mit seinen dreizehn
Jahren weit über derartige Kindereien hinaus war. Beinahe hätte er geheult. Nur
sein Stolz zwang ihn zur Beherrschung.
Seinem Banknachbarn hatte er gesagt, er hätte gute Lust
den Lehrer am Abend abzupassen, damit dieser mit seiner Faust Bekanntschaft mache.
Marco war nämlich der Stärkste in der Klasse. Zumindest wagte keiner gegen ihn
anzutreten.
Nach der Schule war er nicht nach Hause gegangen, sondern
hatte bei Anna zu Mittag gegessen. Marco und das Mädchen verbrachten fast jede
freie Minute gleichsam wie Verlobte miteinander. Ihre Eltern sahen dies gern.
Zeigte sich darin doch, dass die jungen Leute schon in frühen Jahren
„bindungsfähig“ waren, wie Annas Vater sagte. Er musste es wissen, schließlich
war er Lehrer und damit Pädagoge.
Heute war Marco einsilbig am Tisch gesessen. Er
hatte nachgedacht. Später im Zimmer des Mädchens stand sein Entschluss fest.
„Mir stinkt’s!" hatte er gesagt, während er an einer
Cola nippte. „Ich haue ab."
Anna hatte nichts geantwortet, sondern sich geduldig die
ganze Misere angehört und schließlich festgestellt: „Soll mein Vater bei dir zu
Hause anrufen? Der hat schon ganz andere Leute bekehrt!"
„Ach, das hat doch keinen Zweck. Ich will einfach nicht
mehr. Ich haue ab!"
„Mach' bloß keinen Blödsinn! Wo willst du denn hin?"
„Vielleicht nach Australien", hatte er ihr mit einem
Schulterzucken enthüllt.
Sie hatten dann eine Weile geschwiegen und Musik gehört.
Endlich hatte das Mädchen wieder das Wort ergriffen:
„Wann willst du denn abhauen?"
„Heute so gegen Abend. Jetzt hab' ich noch keine Lust
dazu."
Nach der zweiten CD hatte Margarete schließlich
entschieden erklärt: „Ich komme mit!"
Marco war über den Entschluss seiner Freundin recht froh
gewesen. Sein Mut war zwar groß, aber die einsamen Jahre, die vor ihm lagen,
hatten doch sehr auf seiner Seele gelastet. Deshalb war er auch zu Kompromissen
bereit, als Anna ihm auseinander setzte, dass ihr Australien zu weit sei. Nach
einigem Hin und Her hatten sie sich schließlich auf die Lichtung am Bach im
Stadtwald geeinigt. Dort war es einsam, und sie konnten in Ruhe den Sommer
verbringen. Später, im Herbst, wollten sie mit den Vögeln nach dem Süden
ziehen. Soweit war alles klar!
Heimlich hatten sie bei Anna das Notwendige
zusammengesucht und waren dann zu Marco gegangen. Dort ließen sie die
Ermahnungen seiner Mutter, Marco solle endlich Hausaufgaben machen, über sich
ergehen, und holten die Campingausrüstung aus dem Keller.
Von ihrem restlichen Geld kauften sie Lebensmittel, Cola
und Schokoladenwaffeln, bevor sie sich mit dem Bus auf ihren Weg in die
Fremde machten.
„Meinst du, es wird alles gut?" hatte das
Mädchen beklommen gefragt, als sie am Waldrand angekommen waren.
„Warum denn nicht? Du bist doch schon 12, und ich passe
schon auf dich auf. In unserem Alter haben schon viele ihr Schicksal in die
eigenen Hände genommen", war seine entschiedene Antwort gewesen. Dieses
Argument hatte ihr eingeleuchtet.
Der Morgen im Wald brach an. Sie räkelten sie sich wohlig
in ihrem Zelt, bevor Anna aufstand und Frühstück machte. Es gab eine Scheibe
Brot und gemeinsam für beide einen viertel Liter Jägersoße aus der Schachtel.
Das Mahl mundete wie schon am vergangenen Abend hervorragend.
„Ich weiß nicht, warum unsere Mütter nicht auch so gut
kochen", bemerkte der Junge und rülpste leise.
Später richteten sie sich häuslich ein. Dann
inspizierten sie die Umgebung und hielten nach Beeren, Nüssen und Pilzen
Ausschau. Sie hatten aber wenig Erfolg und beschlossen, die Suche am nächsten
Tag fortzusetzen.
Anna wusch noch sorgfältig den Topf, polierte den Kocher
und ordnete ihre gemeinsame Habe unter das Zeltvordach. Dann krochen beide ins
Zeltinnere und genossen die Freiheit und das wilde Leben.
Um elf Uhr machte sich das Mädchen wieder ans
Essenkochen. In Erinnerung an das gute Frühstück gab es die zweite Jägersoße.
Danach lagen sie im Zelt und schliefen von den Strapazen des Vormittags aus.
Nach dem Erwachen schmusten sie ausgiebig.
Der Nachmittag war noch einmal der Erkundung des Terrains
gewidmet. Marco schritt auf einer Schonung die Fläche ab, die er später zum
Anpflanzen von Getreide, Gerste und Hopfen verwenden wollte. Die Eckpunkte der
sorgfältig abgemessenen Äcker markierte er mit frisch gebrochenen Ästen. Anna
stand staunend dabei und bewunderte seine Kenntnisse und sein Können.
Am späten Nachmittag wurde es ihnen dann doch
langweilig. Das Mädchen dachte wehmütig an zu Hause. Dort könnte sie jetzt
Musik hören und mit Mutter ein Schwätzchen halten. Doch sie verdrängte sogleich
tapfer diese gefährlichen Gedanken.
Der Junge versuchte derweil, durch Reiben zweier Hölzer
Feuer zu machen. Er wollte für den Fall vorsorgen, dass ihnen die Streichhölzer
ausgehen sollten.
Plötzlich, es muss so gegen 5 Uhr gewesen sein, hörten Marco
und Anna eine heisere Knabenstimme sagen: "Hey, was macht ihr denn
hier?"
Zwei Burschen hatten sich herangeschlichen und bauten
sich nun vor ihnen auf. Der Frager war ein sommersprossiger Junge mit blonden
Haaren, den Marco auf elf oder zwölf Jahre schätzte.
„Das geht euch gar nichts an", ließ er den Jüngeren
kalt abfahren.
„Ihr sollt sagen, was ihr da macht", mischte sich
nun der andere Besucher mit aggressivem Ton ein. Er war größer und vielleicht
ein Jahr älter als sein Freund, hatte schwarze Haare und sprach nur Döner-Deutsch.
Anna mischte sich beruhigend ein: „Ihr seht doch, wir
zelten hier!
„Ihr seid weggelaufen“, stellte der Schwarzhaarige nach
einigem Nachdenken fest.
Da freute sich der Jüngere: „Wenn wir zurückgehen, sagen
wir aber, dass wir euch gesehen haben."
Das war für Marco zu viel.
„Haltet euch da raus", schrie er. „Das geht euch gar
nichts an. Wenn ihr was sagt, dann hau' ich euch kaputt."
„Was willst du?" fragte der größere Junge drohend.
Beide gingen langsam auf Marco zu. Der war zwar älter und fühlte sich
kräftiger, aber diese Burschen waren ihm nicht geheuer. Es war nicht gerade
Angst, sondern Vorsicht, die ihm zum Nachgeben riet.
„Ist ja gut" murmelte er.
Anna kam ihm zu Hilfe: „Wollt ihr was essen? Ich koch
euch was."
Die zwei lehnten grunzend ab, ließen aber die Fäuste
sinken und setzten sich. Man redete wenig in der nächsten halben Stunde, und
das Paar wartete ungeduldig darauf, dass die Eindringlinge wieder abzögen.
Irgendwann langte der Dunkelhaarige in seine Tasche und zog
ein Messer hervor. Es sei ein Stilett, sagte er und drückte auf einen Knopf.
Sofort sprang eine lange Klinge aus dem Griff.
Unbemerkt war inzwischen der Sommersprossige in das Zelt
gekrochen und hatte neugierig in ihrer Habe gewühlt.
„Du, lass das", schrie Marco.
Zur Antwort streckte der Dunkle blitzschnell seinen Arm
vor und ließ das Messer vor Marcos Gesicht aufschnappen. Dieser schob zwar
abfällig die gefährliche Waffe zur Seite, aber er hatte keine Einwände mehr
gegen das Schnüffeln des Kleinen.
Langsam wurde es dunkel. Bald würden die Eindringlinge
gehen, dachte Marco. Schließlich waren sie noch Kinder, und ihre Eltern bestanden
sicherlich darauf, dass sie bei Dunkelheit zu Hause wären. Sie würden sich
wahrscheinlich sogar ängstigen, wenn sie wüssten, dass sich ihre Kinder im Wald
herumtrieben.
„Sagt mal, müsst ihr eigentlich nicht heim?" fragte
er endlich, als ihm das Warten zu viel wurde.
„Wieso?" fragte der Kleine. „Wir bleiben hier."
Aus war der Traum vom gemütlichen Abend zu zweit. Auch
der Plan, morgen einen anderen Lagerplatz zu suchen, um derartigen Heimsuchungen
vorzubeugen, war geplatzt.
„Was bilden sich diese kleinen Angeber ein?" fuhr es
Marco durch den Kopf. Laut entrüstete er sich: „Ihr spinnt wohl!"
„Halt die Fresse!" war die lässige Erwiderung, und
sie zeigte auch sofort Wirkung.
Marco wusste nicht weshalb, aber er hatte plötzlich
Angst. Zwar fühlte er sich den Eindringlingen körperlich überlegen. Doch etwas
sagte ihm, dass ein Kampf mit diesen Fremden nicht zu vergleichen war mit der
Balgerei unter Klassenkameraden. Die hier würden ernst machen und auch nicht
aufhören, wenn man riefe: „Halt, ich ergebe mich!"
Als es so dunkel war, dass man kaum noch die Hände vor
den Augen sehen konnte, kroch Anna ins Zelt und die beiden Jungen folgten ihr
wortlos und ohne zu zögern.
Marco, der sich ihnen anschließen wollte, hörte ein
barsches: „Du bleibst draußen!"
Dies machte ihn wieder wütend, und er hätte sich wohl auf
die Fremden gestürzt. Aber das Mädchen sprach beruhigend auf ihn ein: „Hör'
auf! Du kannst doch nichts machen.“
Da saß er nun im finstern Wald umgeben von Schwärmen von
Fliegen und es wurde kühler und kühler. Marco fröstelte. Aus dem Zelt drang
leises Gekicher. Ein schreckliches Gefühl der Einsamkeit überfiel ihn.
Er hatte alles satt, hatte genug vom Wald, von dem
blödsinnigen Ausreißen. Am liebsten hätte er sich heimlich aus dem Staub
gemacht und wäre nach Hause gelaufen. Aber er konnte Anna mit den brutalen
Typen nicht einfach allein lassen. Er war verantwortlich für sie. Er musste bleiben
und aufpassen. Sie war auf seinen Schutz angewiesen.
So gut es ging rollte er sich zusammen und machte es sich
auf dem harten Waldboden bequem. Es wurde eine lange und schlimme Nacht. Frierend
wachte er immer wieder auf und hörte aus dem Zelt Getuschel, das Rascheln von
Kleidern und leises Lachen.
Endlich kam der Morgen. Gegen neun Uhr wälzten sich die
Jungens aus dem Zelt. Das Mädchen folgte ihnen. Mitleidig fragte sie ihren
Freund: „Hast du wenigstens gut geschlafen?"
Er schüttelte nur stumm den Kopf. Sie sollte wissen, wie
schwer sie ihn verletzt hatte.
Da sagte der Kleine: „Sitz' hier nicht so dumm 'rum. Hol'
Wasser."
Ein zwölfjähriger Angeber erteilte Marco Befehle. Es war
unfassbar. Aber um des lieben Friedens willen nahm er zähneknirschend den Topf
und kletterte die Böschung zum Bach hinunter.
Anna kochte zwei Beutel Erbsensuppe. Zuerst aßen die
Fremden mit den beiden einzigen Löffeln; den Rest durfte sich das Paar teilen.
Dann langweilten sie sich alle.
„Bald ist alles vorbei", überlegte Marco. „Wenn die
sich anöden, dann verschwinden sie auch".
Auf einmal schlenderte der Kleine mit den Sommersprossen
zu ihm, baute sich vor ihm auf und schlug ihm zweimal kräftig ins Gesicht. Marco
sprang auf die Beine, wollte sich auf den frechen Angreifer stürzen, da hörte
er ein scharfes „klick" und sah aus den Augenwinkeln das Stilett in der
Hand des Dunkelhaarigen.
Dies zwang ihn zur Beherrschung, aber er brüllte den
Schläger an: „Mach' das nicht wieder! Wenn du das noch einmal wagst, sollst du
es büßen!"
Ganz ruhig, ohne sich um sein Gezeter zu kümmern, stellte
sich der Kleine auf die Zehenspitzen und schlug wiederum zu. Der Ältere war
jetzt aufgestanden und kam, das Messer lässig in der linken Hand, herbeigeschlendert.
„Willst du was?" fragte er drohend.
„Warum seid ihr so gemein?"
„Willst uns wohl noch immer drohen", rief nun der
Kleine wütend, „und auch noch frech werden?"
Dabei trat er Marco mit dem Fuß so fest gegen das
Schienbein, dass dieser umfiel und stöhnend die Hände auf die schmerzende
Stelle presste.
„Das Schwein macht sich wichtig", sagte der Große
abfällig.
Darüber lachte der Sommersprossige freudig und ergänzte:
„Er ist gar kein Schwein! Er ist ein Rindvieh! Er ist unsere Kuh, die wir
melken. Kühe brauchen Gras! Komm, Muh, Muh, namm namm machen!"
Dabei packte er Marco an den Haaren und zerrte ihn über
die Lichtung zu einer Stelle wo große Büschel Brennnessel wuchsen. Dessen Herz
schlug wild, aber er bemühte sich ruhig und beherrscht zu sprechen: „Hört mit
dem Scheiß auf. Das ist doch kein Spaß mehr. Wir packen jetzt zusammen und
gehen alle nach Hause."
„Willst du wohl fressen", zischte der Große der von
hinten herangetreten war und trat dem Knienden mit aller Kraft zwischen die
Beine. Aufschreiend hielt sich Marco die schmerzenden Hoden und rollte sich
krümmend auf dem Boden.
„Lasst ihn doch in Ruhe", rief nun Anna vom
Zelt her, „er hat euch doch nichts getan."
Unbeirrt trat der Kleine dem wimmernden Marco noch
einmal mit aller Kraft in den Leib. Dieser raffte sich trotz seiner Schmerzen
auf, stürzte sich auf seinen Peiniger und riss ihn zu Boden. Aber schon war der
zweite Gegner über ihm und hielt ihm das Messer an die Kehle. Marco ließ ab,
wurde zu Boden geworfen und die beiden Jungen schlugen auf ihn ein, bis er sich
nicht mehr rührte. Anna stand eine Weile schluchzend dabei und lief dann in
blinder Panik davon.
Als Marco wieder zu sich kam, war er an Händen und Füßen
gefesselt. Die Fremden hatten Zeltschnüre abgeschnitten und ihn damit zusammengebunden.
Er sah seine Peiniger in den Plastiktüten wühlen. Das eine oder andere
Brauchbare steckten sie ein.
Nachdem sie alles genau untersucht hatten, stachen sie
mit dem Messer noch wild und mutwillig in die Zeltplane bevor sie aufsprangen
und verschwanden. Noch lange fürchtete Marco, sie könnten zurückkommen. Dann
aber schöpfte er Hoffnung und ließ sich entspannt zurücksinken.
„Anna", dachte er, „ist sicherlich nach Hause
gelaufen und wird bald mit Hilfe zurückkommen."
Eine Weile musste er noch ausharren, dann wäre der
schreckliche Spuk vorüber.
Seine Freundin war tatsächlich in wilder Hektik aus dem
Wald gerannt, hatte keuchend einen Bus am Stadtrand erreicht. Verschwitzt und
verstört kam sie im Elternhaus an.
Als sie das Gartentor aufstieß, konnte sie die Tränen
nicht mehr zurückhalten. Sie eilte um das Haus herum, fand die Mutter auf der
Terrasse und fiel ihr schluchzend in die Arme. Die Mutter drückte das große
Mädchen, das am ganzen Körper bebte, an sich. Dann führte sie Anna nach oben in
ihr Zimmer, streichelte ihr sanft den Kopf und gab ihr ein Beruhigungsmittel.
Bald war das Kind eingeschlafen, und die Frau schlich auf Zehenspitzen nach
unten.
Als Anna zum Abendessen erwachte, ging es ihr erheblich
besser. Sie wusch das verheulte Gesicht und schminkte sich ein wenig. Dann
freute sie sich auf die Begegnung mit dem Vater. Er war der beste Vater der
Welt. Seine Schüler verehrten ihn wegen seiner Klugheit und Toleranz. Obwohl er
Studienrat war, legte er keinen Wert auf Äußerlichkeiten. Er trug aus Prinzip
am liebsten Jeans und war ein Mann, in den sich sogar die eigene Tochter
verlieben konnte.
Der Vater wartete schon am Fuß der Treppe auf sein Kind
und bekam von Anna einen liebevollen Kuss. Wie erwartet machte er ihr keine
Vorhaltungen, sondern schloss sie herzlich in die Arme. Nachdem die Tochter
zwei Nächte nicht nach Hause gekommen war, hatte sich der Vater doch Sorgen
gemacht. Er wusste, dass sie auf sich aufpassen konnte, aber ein wenig
verunsichert war er schon. Zwar war ihm klar, dass man einem pubertierenden Mädchen
etwas zutrauen müsse, aber ihr Verhalten in den letzten Tagen, er nannte es
bei sich „Freischwimmen“, war für ihn doch etwas überraschend gekommen.
Bei Tisch langte Anna kräftig zu und kaute auf beiden
Backen. Auf einmal übermannten sie wieder die Tränen.
„Wir wollen nicht in dich dringen", sagte da die
Mutter, „aber vielleicht fühlst du dich besser, wenn du uns alles
erzählst?"
Nun war Annas Redefluss nicht mehr zu bremsen. Sie
berichtete vom Wald, den Nächten, von Marco, den beiden Jungens und wie brutal
sie ihren Freund zusammengeschlagen hatten. Reden und Schluchzen wechselten ab.
Mit einem Mal wurde ihr die Situation bewusst.
„Wir müssen in den Wald", rief sie und sprang auf,
„und Marco helfen. Die bringen den um!"
Der Vater legte daraufhin beruhigend seine Hand auf ihren
Arm.
„Ich verstehe deine Sorge°, sagte er, „und ich finde
deine Anteilnahme prima. Wir haben mit dir eben rechtzeitig Solidarität und
Mitgefühl eingeübt. Aber in diesem Fall solltest du auf uns hören. Wenn sich Kinder
balgen, entschuldige, ihr seid im Grunde alle noch Kinder, dann sieht dies
schlimmer aus, als es ist. Es gibt ein oberstes Gesetz in der Pädagogik: Bei
Auseinandersetzungen von Kindern und Jugendlichen soll man sich nicht
einmischen.
Die Heranwachsenden müssen lernen, ihre Konflikte selbst
zu regeln, sich in der Gemeinschaft zu behaupten. Wie sollen sie denn friedensfähig
werden, wenn sie ständig unter den autoritären Eingriffen der Erwachsenen zu
leiden haben?"
„Der Marco hat eine Abreibung aber auch verdient",
mischte sich nun die Mutter ein. „Er hat dich gewissenlos in den Wald
geschleppt und dort nicht kalkulierbaren Gefahren ausgesetzt hat. Es hätte, wer
weiß was, passieren können. Das Auftauchen der beiden Burschen war vielleicht
ein Segen!“
„Du musst es positiv sehen", ergriff nun der Vater
wieder das Wort, „Marco ist älter als die beiden und wird sich schließlich
durchsetzen. Ich habe bemerkt, dass sein Selbstwertgefühl bisher schwach
entwickelt ist. Durch solche Erlebnisse wird es sicher gehoben und gefestigt.
Glaube mir, es wäre grundverkehrt, wenn wir uns da einmischen würden."
Als er das zweifelnde Gesicht seiner Tochter sah, lachte
er: „Ich wette, die drei sitzen inzwischen friedlich beisammen und schwören
sich ewige Freundschaft."
Nun lächelte auch Margarete zaghaft. Und die Mutter
blickte stumm auf dem Tisch herum. Dabei nickte sie liebevoll und zustimmend.
Marco hatte den ganzen Nachmittag versucht, seine Fesseln
loszuwerden. Dabei war er immer mehr in Panik geraten und hatte so wild an den
Stricken gezerrt, dass die Handgelenke bluteten. Bei jedem Geräusch hoffte er
sehnsüchtig, dies würde Anna sein.
Aber sie kam nicht, und er begann aus Leibeskräften zu
schreien. Eine furchtbare Angst vor der kommenden Nacht überfiel ihn.
Er dachte an seine Eltern. Ob sie ihn wohl bei der
Polizei als vermisst gemeldet hatten? Die Campingausrüstung, ihr ganzer Stolz,
war ruiniert. Wie konnte er ihnen jemals wieder unter die Augen treten?
Wieder begann er um Hilfe zu rufen, bis er heiser war und
keine Luft mehr bekam. Auf einmal glaubte er die helle Stimme von Anna zu hören,
wie sie einen Suchtrupp zu ihm führte, und schluchzte vor Rührung.
Dann war sie bei ihm, strahlend und schön. Sie beugte
ihre Knie und nestelte an seinen Fesseln. Wie durch ein Wunder fielen sie ab.
Er sah ihr fest in die Augen, und sie neigte ihren Kopf und küsste ihn sanft
auf den Mund. Es schauderte ihn. Er blieb ganz still liegen und wünschte, der
schöne Augenblick möge nie vorübergehen.
Endlich stützte sie seinen schweren Kopf und hielt ihm
eine Flasche an die Lippen. Er schluckte gierig und merkte erst jetzt, wie
durstig er gewesen war. Der Trank war süß und brannte doch wie Feuer. Er strömte
ihm durch den Körper bis in die Finger und Zehenspitzen. Eine ungeheure Kraft
erfüllt ihn.
Er war nicht mehr der schwache Marco, der sich vor allem
fürchtete, und es nicht zeigen durfte. Sie war nun bei ihm, und er war nicht
mehr allein.
Welche Gefahren und Aufgaben konnte es noch geben, die er
nicht bewältigen würde. Er wollte sprechen, ihr alles sagen. Aber sie verschloss
ihm mit ihren Fingern den Mund, und ihre zarten Hände strichen ihm über das
Gesicht. Da ließ er sich entspannt zurücksinken, und war auf einmal sehr müde
und sehr glücklich.
An diesem Abend hörte Anna noch lange die Musik ihrer
Lieblingsgruppe. Dann kuschelte sie sich ins warme Bett. Langsam verblasste die
Erinnerung an das schreckliche Abenteuer. Bevor sie einschlief, kamen Vater und
Mutter ganz entgegen ihrer Gewohnheit noch einmal ins Zimmer. Ernst setzten sie
sich aufs Bett und sprachen zu Margarete von ihren Sorgen.
Der Bericht von den Ereignissen im Wald hätte sie als
Eltern doch erschreckt. Schließlich trügen sie die Verantwortung für ihr Kind.
Nach reiflichem Überlegen seien sie zu der Überzeugung gekommen, dass es besser
wäre, wenn Anna zu Marco etwas Abstand gewänne.
Streit gehe nämlich nie von einem allein aus. Für Gewalt
seien immer alle Beteiligten verantwortlich. Bedenke man das Geschehene, müsse
man mit starker, unterschwelliger Aggressivität bei Marco rechnen. Dies sei bei
seinem Elternhaus nicht verwunderlich. Kinder aus sozial schwächeren Schichten hätten
nun einmal soziale Probleme. Doch solle sich die Tochter deshalb auf keinen
Fall zu einem Vorurteil verführen lassen.
Toleranz sei auch hier das oberste Prinzip. Aber
Margarete befände sich gerade in einer schwierigen Phase ihrer Entwicklung und
sei deshalb nicht voll belastbar. In ihrem Interesse und auch im Interesse von
Marco sei es deshalb besser, wenn sie die enge Verbindung auflösen würde. Nichts
hindere natürlich die Tochter daran, mit Marco weiterhin eine lockere
Freundschaft zu pflegen. Sie als aufgeschlossene Eltern würden sich hüten,
ihrer Anna den Umgang mit jemandem zu verbieten. Aber sie appellierten an ihre
Vernunft.
Sie wollten auf keinen Fall auf ihre Autorität, die ihnen
selbst suspekt sei, pochen, aber sie hätten doch mehr Lebenserfahrung als die
Tochter in die Wagschale zu werfen.
Kurz, sein aggressives Verhalten mache Marco unberechenbar
und schaffe unnötige Probleme, vor denen die Tochter bewahrt werden müsse.
Anna hatte Verständnis für ihre Eltern und nickte. Marco
war ihr schon lange auf die Nerven gegangen.