Die nächste Geschichte behandelt wohl den Traum eines jeden Mannes. Wer würde sich nicht gern auf der Straße nach eigenem Belieben schöne Frauen aussuchen und mit ihnen auf eine einsame Insel auswandern? Dort auf dem Eiland gäbe es keine männliche Konkurrenz, und der Glückliche wäre Hahn im Korb seines Harems.

Doch spinnen wir diesen männlichen Wunschtraum einmal zu Ende. Die Wahrscheinlichkeit, dass er in einem Alptraum endet, ist auf jeden Fall sehr groß.

 

 

 

 

 

The Isle of Pines

 

 

Der Autor dankt dem Verfasser der gleichnamigen

Robinsonade für seine Anregungen

 

 

Es war heiß. Die Sonne brannte unbarmherzig auf die Köpfe der Leute im Straßencafé. Felix schwitzte und bedauerte, dass er keinen Platz unter einem der wenigen Sonnenschirmen gefunden hatte. Aber auf der Insel war mit höheren Temperaturen zu rechnen. Deshalb ergab er sich in sein Schicksal und trank noch ein Glas Weizenbier.

Dabei überlegte er, ob die Zitronenscheibe, die oben auf der goldbraunen Flüssigkeit schwamm, wohl mit Gift gespritzt war.

„Eine Scheißwelt“, ging ihm durch den Kopf, „in der man nicht einmal sein Bier ohne Angst trinken kann. Doch“, und nun lächelte er schlau vor sich hin, „sollen sie sich doch alle zu Grunde richten!“

Er würde nicht mehr mitmachen.

 

Felix sah die Zeichen des Untergangs und hatte sich entschlossen, den Tanz auf dem Vulkan zu verlassen.

Auf einer Hauswand hatte ein Sprayer in ungelenken Buchstaben geschrieben: „Gestern standen wir am Rand des Abgrunds, heute sind wir fünf Schritte weiter."

Ja, merkte denn keiner etwas? Warum wurde nichts unternommen? Waren Vernunft und Weitsicht unter den Menschen nichts mehr wert? Ist die Menschheit verrückt!

Dann dachte er wieder an die Insel. Dort würde er an heißen Tagen unter einer Palme auf dem weißen Sandstrand liegen, die Beine weit von sich gestreckt, und die Wellen beobachten. Aber leider war es bis zu diesem Glück noch ein weiter Weg.

 

Großes Kopfzerbrechen bereiteten Felix die Ausrüstungsgegenständen, die er mitnehmen wollte, und die geographische Lage seines Asyls. Am liebsten hätte er ein Stück Land erobert, das vor ihm noch kein Fuß betreten hatte und das auf keiner Karte registriert war. Aber sein Schulatlas zeigte nur größere Inseln, die sicher alle schon Bewohner hatten. Nach sorgfältigem Planen entschied sich Felix für das Gebiet der Seychellen. Dort würde er so lange kreuzen, bis das Passende gefunden war.

Er sah sich schon nach der Landung am Strand stehen und Feuer an das treue Boot legen. Dann wären die letzten Brücken zur Heimat abgebrochen, und er müsste sich einer neuen Zukunft stellen.

Im Großen und Ganzen war Felix zuversichtlich. Er hatte das Risiko genau kalkuliert. Zu seinen Gepäckstücken zählten der Robinson Crusoe und das Nato‑Handbuch „Überlebenstraining“. Außerdem hatte er Äxte, Sägen, Luftgewehre und zwei Macheten vorgesehen. Mit jedem Tag vergrößerte sich sein Vorrat an lebenswichtigem Material

Als Felix so in der Sonne saß und an seinem Bier nippte, wurde ihm plötzlich bewusst: das Leben auf der Insel würde doch recht einsam werden. Sicher, die Tage wären mit der Sorge um den Lebensunterhalt gefüllt, aber da gab es doch noch die langen Abende und die heißen Nächte! Um wie viel schöner wäre doch das wohlige Räkeln im weichen Sand mit einer Gefährtin an seiner Seite. Sie könnte überdies die Behausung in Ordnung halten.

Der genau durchdachte Plan hatte also einen gravierenden Fehler. Felix hatte die Frauen vergessen. Das musste korrigiert werden. Es galt Menschen zu finden, die er auf seine Insel mitnehmen konnte.

 

Zum Glück saß er auf einer Promenade, und die Auswahl an Frauen, die sich seinen Augen bot, war reichlich.

Welche Kriterien musste die Partnerin, mit der er die Einsamkeit der Insel teilen wollte, erfüllen? Er legte Wert auf ein gefälliges Äußeres, wollte aber auch seelische und geistige Eigenschaften nicht vernachlässigt sehen. Der spezielle Zweck oder besser die besondere Zukunft, die ihnen beschieden sein sollte, verlangte dazu gewisse körperliche Robustheit. Felix musste deshalb einen Kompromiss zwischen seinem Schönheitsideal und den Bedingungen, die das Leben stellen würde, eingehen.

Nun betrachtete er die Mädchen und Frauen, die auf dem Bürgersteig vorbeiflanierten genauer. Wenn sie vor der Sonne standen, zeichneten sich unter den Kleidern die Konturen der braun gebrannten Glieder ab. Eng anliegende Hosen offenbarten jede Einzelheit des Körpers, und weiße T‑Shirts enthüllten BH‑lose Brüste.

Das blonde Mädchen mochte etwa 22 Jahre alt sein und sah einfühlsam und verständnisvoll aus. Andererseits schlummerte hinter diesem beherrschten, aber hübschen Gesicht ein Vulkan. Felix beobachtete den Schwung ihrer Hüften, sah die schlanken, sehnigen Oberschenkel in den verwaschenen Bluejeans und wusste, dass er dieses Mädchen begehrte. Er musterte die Brüste unter dem Polohemd und den Hügel ihres Schoßes, der sich unter dem eng anliegenden Stoff abzeichnete. Der kleine Mund lächelte. Sicher, die Lippen waren etwas schmal und die Mundwinkel leicht nach unten gezogen, aber gerade dieser Anflug von Skepsis reizte ihn. Dieses Mädchen wollte Felix auf seiner Insel in den Armen halten.

Die Frau, die nun vorüber ging, hatte die Haare kurz geschnitten und ihre Hüften waren nicht knabenhaft schlank. Sie bauschten vielmehr den Rock. Die Brust war rund und schwer und wippte bei jedem Schritt unter dem schwarzen, kurzarmigen Pulli. Sie blickte Felix, der sie in seinen Stuhl zurückgelehnt mit ausgestreckten Beinen musterte, herausfordernd an. Es war ihm, als wollte sie sagen: „Steh' auf und komm' mit, du wirst dein blaues Wunder erleben.“

Dies war eine Frau, die dem Mann den Himmel auf Erden nicht nur versprach, sondern auch bereitete. Da durfte kein Gedanke an Verzicht sein.

Aber Felix kam dadurch auch in heftigen Zwiespalt. Welche der Schönen sollte er auswählen? Da er sich nicht entscheiden konnte, beschloss er, beide Frauen mitzunehmen.

Er suchte nach Argumente für diese Lösung und erkannte, dass der Mann polygam veranlagt ist, ganz im Gegensatz zur Frau. Auch musste der Mann an die zu gründende Bevölkerung auf der Insel denken. Eine Schwangerschaft dauert nun einmal neun Monate, und die männliche Sinnlichkeit kann man über einen so langen Zeitraum nicht einfach abschalten. Es wäre Verschwendung, die Potenz eines Mannes nicht auch in diesen Ausfallzeiten nutzen. Es galt schließlich, eine Welt zu bevölkern. Im Übrigen sind Frauen wichtiger als der Mann, denn nur sie können gebären. Sie müssen deshalb auch in größerer Zahl vertreten sein.

Als nächste sah Felix eine kleine Schwarzhaarige mit katzenhaften Bewegungen. Sie trug große Ohrringe und goldene Armreife. Diese Vorliebe für Schmuck verblüffte ihn. Er hätte sie nach ihrer übrigen Erscheinung eher für zurückhaltend und schlicht eingeschätzt. Aber sie würde einen reizvollen Farbtupfer in ihre kleine Inselgemeinschaft setzen.

Das rothaarige Mädchen mit den Sommersprossen, das mit einer Freundin vorüber lief, belustigte den Betrachter.

„Sie schiebt den Unterleib vor sich her, als wolle sie mit ihm den ersten Kontakt zur Welt aufnehmen“, sagte sich Felix.

Nach einer Weile blieb ein junges Paar vor dem Tisch des Betrachters stehen. Sie redete zwar mit weit ausholenden Handbewegungen auf den Partner ein, aber der achtete nicht darauf, sondern ließ seine Hand über ihre weiße Jeans gleiten. Beide waren Felix recht unsympathisch, aber als er die Stimme der Frau hörte, änderte sich seine Meinung. Sie sprach mit einem weichen, tiefen Alt, kehlig und sinnlich. Alles in ihm vibrierte bei diesem Klang.

Diese tolle Frau wurde hier von gierigen Händen begrapscht, Hände, an denen Felix deutlich die schwarzen Ränder unter den Fingernägeln sehen konnte. Bei solch einem derartigen Mann musste eine so sensible Frau verkümmern. Es war seine Pflicht, dieses Geschöpf mit auf seine Insel zu nehmen.

Später, Felix hatte noch etliche Biere getrunken, war die Mannschaft zusammengestellt. Er erhob sich schwankend. Hoch erhobenen Hauptes verließ er die Stätte, an der so wichtige Entscheidungen gefallen waren.

Eines stand für Felix unumstößlich fest, keine der Frauen würde es bereuen, dass er sich für sie entschieden hatte.

 

Schon am Morgen ist sehr heiß. Der Herr der Insel hat lange geschlafen und räkelt sich entspannt auf seinem Lager aus Palmwedeln. Die blonde Frau mit den breiten Hüften scheint nur auf sein Erwachen gewartet zu haben, denn sie eilt herbei, kniet vor ihm und bietet ihm mit einem Lächeln eine halbe Kokosnuss zum Frühstück. Die süße Milch duftet. Felix greift zu und trinkt gierig. Nachdem der Morgendurst gestillt ist, betrachtet er die Gefährtin wohlgefällig. Ihr Oberkörper ist nackt und braun gebrannt. Um die Hüften hat sie ein mit bunten Blumen bedrucktes Tuch geschlungen, und im Haar, das in den Farben von Korn und Herbst schimmert, trägt sie einen Kranz aus Orchideen.

Nun erscheint in der Öffnung der Laubhütte die Sommersprossige. Sie trägt keine Kleider und an ihrem nassen Haar erkennt Felix, dass sie bis jetzt in der warmen Südsee gebadet hat. Ihr Körper ist bedeckt mit glitzernden Tropfen. Sie schimmern sogar in dem hellen, rötlichen Haar ihrer Scham. Es ist ein lieblicher Anblick, und Felix springt auf, um sie in seine Arme zu nehmen.

Dann, nach einem innigen Kuss, besinnt er sich auf seine Pflicht. Das schlanke blonde Mädchen ist bereits im vierten Monat schwanger und die Schwarzhaarige seit Tagen krank. Um beide muss er sich kümmern. Heute will er auch entscheiden, ob er der Kranken etwas von seinen kostbaren Penicillin-Tabletten abgibt. Seit Tagen schiebt er diesen schweren Entschluss vor sich her.

Später steht er am Lager der Geliebten, sieht ihr von Fieber ge­dunsenes Gesicht. Da weiß er, dass er nicht länger zögern darf. Sie soll wieder gesund werden, auch wenn er sich dadurch eigene Chancen in der Zukunft beschneidet.

Während die Frauen eine neue Ernte Datteln und Feigen einbringen, fährt er mit seiner Arbeit am Lustpavillon fort. Auf einer Lichtung am Ufer des klaren Baches hat er aus Bambusstäben und Palmblättern ein nach vier Seiten offenes Tempelchen gebaut. Die Eckpfosten sind mit Schnitzereien verziert und der Boden mit Moos und getrocknetem Gras ausgelegt. Nun ist er dabei, Blumenbeete anzulegen, um den Blick aus dieser Liebespagode noch zu verschönern.

Den Weg von ihren Schlafhütten zu diesem idyllischen Platz hat er sorgfältig geebnet und mit weißem Sand bestreut. Hierhin will er sich mit der jeweils Auserwählten zurückziehen. Hier wird er ihre Füße küssen, zart und bedacht die Zehen liebkosen und sich sanft mit den Lippen nach oben tasten. Oh, wie er die Frauen liebt!

Am Nachmittag macht er sich auf die Jagd nach Hasen und Perlhüh­nern. Die Blonde hat die Ziegen gemolken und ist nun eifrig mit Buttern beschäftigt. Die Hütten und der Versammlungsplatz sind aufgeräumt und sauber.

Gegen Abend entspannt sich Felix mit der Lektüre des Nato‑Hand­buchs. Er studiert Überlebenstechniken, während an jeder seiner Schul­tern ein weicher Kopf lehnt, und Haare ihn zärtlich streicheln.

Flüchtig denkt er an die Welt, die sie verlassen haben: Stinkende Flüsse, überfüllte Busse, hetzende Menschen und kreischender Auto­lärm. Zeitungsschlagzeilen fallen ihm ein, und er verzieht angewidert das Gesicht. Die Rothaarige bemerkt seine Unruhe und streichelt ihm beruhigend über die Wange. Raketen und Inflation, Arbeitslosigkeit und Diskotheken, Stechuhren und Bundestagsdebatten, all diese Erinnerungen fallen von ihm ab. Er entspannt sich, und nicht einmal der Gedanke an amerikanische Fernsehserien kann ihm noch etwas anhaben. Der Sternenhimmel des Südens zieht herauf. Beim Versuch, mit seinen Blicken die Milchstraße zu durchdringen, schläft Felix ein.

 

Die Sonne steht schon hoch, als der Herr der Insel blinzelnd aus seiner Hütte in die flirrende Hitze hinaustritt. Seit Wochen hat es nicht mehr geregnet. Die Pflanzen lassen die Blätter hängen, und das dürftige Gras ist verdorrt. Nur lederharte Sträucher und farnartige Büschel sind noch grün. Die Blonde und die Schwarzhaarige haben sich gestritten und reden seit Tagen nicht mehr miteinander. Auch die Kinder leiden unter der Trockenheit und der sengenden Sonne. Die beiden Jüngsten haben Fieber.

Das Baden im warmen Meer macht keinen Spaß und das Trinkwasser muss in Felleimern vom hundert Meter entfernten Bach geholt werden. Er ist beinahe ausgetrocknet. Einst rauschte die Quelle, die auf dem einzigen Hügel der Insel entspringt, über Steine und Felsen als Wasserfall. Felix hat aus halbierten und ausgehöhlten Stämmen eine Wasserleitung zum Dorf gelegt. Doch jetzt ist sie außer Betrieb, denn das spärliche Wasser verdunstet unterwegs, und nur ein paar warme Tropfen gelangen ans Ziel. Schwere Sonnenbrände haben die Menschen gelehrt nicht nackt herumzulaufen. Aber ihre mitgebrachten Kleider sind längst zerrissen und die Überreste für andere Zwecke eingesetzt.

Das einzige Schaf liefert zu wenig Wolle für alle. So ist ihnen nichts anderes übrig geblieben, als aus dem Fell getöteter Kaninchen und Zie­gen Pelzcapes anzufertigen und diese ständig zu tragen. Die Hitze wird dadurch noch unerträglicher, und das unsauber gegerbte Leder stinkt und scheuert auf der Haut.

Seit zwei Wochen leidet der Mann an Durchfall. Sein Gesicht ist grau und eingefallen. Ständig muss er sich in die Büsche schleppen. Die Frauen ekeln sich vor ihm und meiden seine Gegenwart. Die Beseitigung der Ausscheidungen ist zu einem zentralen Problem der kleinen Gemeinschaft geworden.

Die Schwarzhaarige ist schon wieder schwanger. Als ihre Periode ausblieb, hat sie Felix schwere Vorwürfe gemacht. Trotz seines Versprechens habe er wieder nicht aufgepasst. Zu seinem Entsetzen stimmten ihr die anderen Frauen erregt zu. Sein Verhalten sei skandalös. Er müsse schließlich die Kinder nicht bekommen. Auch reiche die Nahrung auf der Insel nicht für so viele Köpfe.

Unter großen Mühen haben sie ein Getreidefeld angelegt. Er presste einen Stock in den harten, trockenen Boden und zwei der Frauen zogen ihn an dicken Stricken vorwärts. Dann haben sie Körner in die flachen Furchen gelegt und die keimenden Pflänzchen gehegt und gepflegt. Doch später ist alles verdorrt.

Auch das Äußere der Menschen hat sich verändert. Das sind nicht mehr die gepflegten Städter, die sich auf der Promenade vor dem Café begegnet waren. Die Haare sind strähnig, die Hände schwielig und die Haut unrein. Geschwüre an den Beinen machen ihnen zu schaffen. Zwei der Frauen haben starken Ausfluss. Besonders schlimm ist es in der Zeit der Menstruation. Die Stofflappen der ehemaligen Kleider sind längst verwaschen. Ersatz gibt es nicht und die gewonnene Wolle ist zu kostbar. So bleiben die betroffenen Frauen in dieser Zeit in ihren Hütten liegen, und Felix geht dem süßlichen Geruch in großem Bogen aus dem Weg.

Die Kinder sind ein Problem für sich. Nichts kann sie bändigen. Sie scheinen überall zu sein. Vorbei sind die Zeiten, da sie mit Muscheln am Strand gespielt haben. Längst ist die ganze Insel ihr Besitz. Sie fangen heimlich die letzten Tiere und braten sie in einer weit abgelegenen Bucht über offenem Feuer. Ihr Vater hat sie einmal dabei erwischt und ihnen eine tüchtige Tracht Prügel verabreicht. Abgeschreckt hat sie dies jedoch nicht. Er solle nur wiederkommen, haben später die Älteren gesagt und kräftige Stöcke als Waffen bereitgelegt. Durch diese Wilderei wird die Gefahr einer Hungersnot immer größer. Doch Felix macht bei seinen Streifzügen einen Bogen um die Bucht. Er will eine offene Kraftprobe mit seinen Kindern vermeiden.

Die Stelle, an der sie Segelschiff verbrannt haben, meiden alle. Zwar wird nicht darüber gesprochen, aber jeder bereut diesen theatralischen Akt. Auf der Kuppe des Hügels haben sie Holzstöße für Signalfeuer aufgeschichtet. Doch schon seit zwei Jahren ist kein Schiff mehr in Sichtweite gekommen. Alle Streichhölzer sind längst verbraucht. Zum Glück befand sich in ihrem Reisegepäck ein Brennglas, das Felix als Brillenersatz für seine alten Tage vorgesehen hatte. Wenn es zerbricht, haben sie kein Feuer mehr. Keiner wagt daran zu denken. Die Kinder entwenden oft die kostbare Lupe für ihre heimlichen Brataktionen. Versuche, in einem Brennofen Sand zu Glas zu schmelzen, misslangen kläglich. Bodenschätze birgt die Insel nicht. Nur den Sand. Und der ist zu nichts nutze.

Der Sand setzt sich im Fell der Kleider fest und scheuert beim Schlafen. Er ist in der Nahrung und in allen Hautfalten des Körpers. Zu Beginn störten sich die Menschen noch an dem Knirschen des Sands zwischen ihren Zähnen, aber jetzt haben sie sich daran gewöhnt. Doch der Zahnschmelz wird abgerieben und Nerven freigelegt. Die Erwachsenen winden sich manchmal vor Schmerzen.

Die Hygiene ist für alle unbefriedigend. Die mitgebrachten Zahnbürsten sind längst abgenutzt, und die Zahnpasta verbraucht. Jeder hat eine andere Methode entwickelt, um den lästigen Belag von den Zähnen zu entfernen. Die einen nehmen dünne Streifen Kokosfleisch und polieren damit ihr Gebiss, die anderen schwören auf das Kauen bestimmter Blätter. Felix gebraucht eifrig Zahnstocher und spült bei jeder Gelegenheit den Mund mit Wasser. Dennoch wächst der Zahnstein und sticht in das Zahnfleisch, das immer häufiger blutet. Alle sehnen sich nach den Zeiten, als man morgens noch eine elektrische Zahnbürste in den Mund steckte und einfach auf den Knopf drückte. Damals war das Beißen noch ein Vergnügen gewesen.

Natürlich ist inzwischen auch alle Seife verbraucht. Man reibt sich mit Sand ab und wäscht sich im klaren Wasser. An den gegenseitigen Körpergeruch haben sie sich längst gewöhnt. Nur die kleine Schwarze behält ihre Gewohnheit bei, sich mit aromatisch duftenden Blättern abzureiben und besteht darauf, dass ihr die anderen regelmäßig die Haare schneiden. Dieses Problem hat Felix mit seiner frühen Glatze nicht und seinen Bart trägt er voller Stolz. Zum Glück ist er bisher von Ungeziefer verschont geblieben.

Die Reinigung der Kleider und Lumpen ist noch immer unbefriedigend. Zwar kochen sie die Wäsche, aber das Leder wird dadurch noch spröder und rauer. Die Blonde erinnerte sich an eine Methode der Römer, die Urin gesammelt und darin ihre Kleider eingeweicht hatten. Die Gemeinschaft opferte für dieses Experiment einen ihrer kostbaren Töpfe, aber der Erfolg blieb aus, und sie ekelten sich noch lange Zeit davor, den Bottich wieder zu benutzen.

Alles Essbare wird gierig in den Mund gesteckt. Sogar rohe Muscheln gehören zum Speiseplan. Größere Probleme haben die Inselleute mit der Konservierung der Nahrungsmittel. Fleisch und Fisch verwesen in kurzer Zeit in der heißen Luft. Trocknen brachten bisher nicht den gewünschten Erfolg. Deshalb essen alle nach einem guten Fang oder wenn ein Tier geschlachtet wird, bis sie nicht mehr können und dann ist wieder Schmalhans Küchenmeister. Insekten und Würmer werden gleichmütig aus der Nahrung heraus geklaubt. An den aufgedunsenen Bäuchen der Kinder stören sich die Eltern nicht mehr.

Zu Beginn ihres Exils saß die Gruppe jeden Abend zusammen. Man erzählte und scherzte. Doch diese Gewohnheit haben sie schon lange eingestellt. Nun muss Felix ständig Streitigkeiten unter den Frauen schlichten. Das mag an dem ewig blauen Himmel liegen, dessen Hitze sie Tag und Nacht quält.

Abwechslung bringen nur die Stürme, die über die Insel ziehen und unter deren Gewalt sich auch die mächtigen Palmen biegen. In Todesfurcht krallen sich die Menschen dann an einander und hoffen, dass das Toben bald enden möge.

Aber auch Positives gibt es zu berichten. Bisher musste noch kein Todesfall beklagt werden.

„Wir haben uns eingerichtet", denkt sich Felix, „und haben die Probleme im Griff. Und", setzt er trotzig hinzu, „hier sind wir auch nicht unglücklicher als zu Hause!"

 

„Schatz", flüstert der Herr der Insel, nachdem er den Schlaf aus seinen Augen gerieben hat, zu der immer noch zierlichen Rothaarigen, „Schatz, gehst du mit zum Tempelchen?"

„Dir fällt auch nichts Vernünftiges ein", ist die patzige Antwort.

„Ach, sei doch nicht so", versucht er sie umzustimmen und will sie in den Arm nehmen. Aber sie schüttelt ihn mit einer unwirschen Geste ab.

Die Blonde kommt hinzu und überblickt sofort die Situation. Schnippisch meint sie: „Unser geiler Bock ist wieder in Aktion!"

Felix ist wütend.

„Mensch, verpiss dich", faucht er die Frau an, „du störst".

„Hier sollte nur einer verschwinden, und der bist du. Du bist flüssiger als das Wasser, das uns fehlt, nämlich überflüssig. Markiert hier den großen Max und ist an der ganzen Scheiße schuld."

„Oh, ihr Lieben, Streit bringt uns auch nicht weiter", lenkt Felix daraufhin ein. „Warum setzen wir uns nicht wie früher zusammen, kochen etwas Gutes, reden und schmusen ein bisschen. Mir gehen die ständigen Spannungen auf den Geist..."

„...und anschließend", fällt ihm die Blonde ins Wort, „wandeln wir zu unserem kleinen Liebesnest, unserem Lusttempelchen und dort bumsen wir eine Runde miteinander. Oder vielleicht bumsen wir auch schon auf dem Weg dorthin, weil unser gnädiger Herr und Meister einen bitterbösen Trieb hat und es nicht abwarten kann, bis wir uns auf den köstlich verfaulten Palmwedeln niederlassen, die er schließlich nur recht selten erneuert.

„Aber das macht doch nichts", unterstützt sie die Rothaarige, „wir liegen doch zwischen dem gnädigen Herrn und dem Dreck; und während er auf uns herumturnt und pumpt, beobachten wir ängstlich ob auch das baufällige Dach dieses Lustschlössleins nicht einstürzt. Doch zum Glück haben die Kräfte des Herrn inzwischen nachgelassen. Groß ist die Gefahr nicht, denn bei ihm bebt nicht mehr viel."

„Und wenn unsere Orgie vorbei ist", nimmt die Freundin den Faden auf, „gibt es viele kleine Kinderchen. Als ob wir davon nicht schon genug hätten auf dieser Drecksinsel, in diesen Dreckshütten, von diesem Drecksmann. Nein, mein Lieber! Daraus wird nichts! Lieber werden wir lesbisch."

„Man sollte ihm den Pimmel abschneiden, dann kommt er nicht mehr auf dumme Gedanken."

Die Schwarzhaarige mit dem kleinen Busen ist unbemerkt zu den Dreien getreten und sagt dies nun ganz ruhig.

Felix lacht verkrampft. Aber er bleibt mit seiner Heiterkeit allein und weiß plötzlich, dass dies kein Scherz war. Er murmelt etwas von blöden, keifenden Weibern und dass der Klügere besser das Feld räumt, und sie würden ihn noch ganz dringend brauchen. Aber dann könnten sie ihr blaues Wunder erleben. Nach dieser Tirade geht er so aufrecht wie möglich in seine Hütte zurück. Es ist mühsam, die Würde zu wahren.

In dieser Nacht hat Felix Angst. Er sieht die Frauen ganz entgegen ihrer sonstigen Gewohnheit zusammenstehen. Sie tuscheln. Plötzlich sind sie sich nicht mehr spinnefeind.

Am nächsten Tag packt er die Angelrute und machte sich pfeifend auf den Weg zu seiner Lieblingsbucht. Aber die Fische beißen nicht, denn das Wasser ist viel zu warm. Er hat auch keine innere Ruhe. Immer wieder muss er darüber nachdenken, was die Frauen wohl aushecken. Er kann nicht begreifen, weshalb sie sich alle gegen ihn verschwören. Stets hat er doch sein Bestes gegeben. Ist er etwa an diesem gnadenlosen Wetter schuld? Sollten sie nicht besser alle zusammenhalten, anstatt sich zu bekämpfen? Bald hält es der Mann nicht mehr am Wasser aus. Er muss nach seiner Familie sehen.

So schleicht er sich zum Dorf zurück und versteckt sich hinter den Büschen am Rande der Lichtung. Die Frauen stehen schon wieder zusammen. Auch die Kinder sind da. Alle tragen Waffen, und sogar die Kleinen haben Speere und Knüppel. Man redet heftig, gestikuliert und deutet mit den Fingern in seine Richtung. Die Frauen fuchteln mit Messern und Macheten in der Luft herum.

Dies gilt ihm, erkennt Felix. Schweiß bricht ihm aus. Man braucht ihn nicht mehr. Er wurde zu einem Problem, das man brutal lösen will. So lohnt man ihm seine Opfer! Dieser Undank!

 

Plötzlich schwärmen die Kinder aus, und ihr Vater hastet mit Herzklopfen ins Unterholz. Ausgetrocknete Zweige reißen in seine Haut. Das Angelzeug wirft er weg. Bald kann er nicht mehr und hält keuchend inne.

Er lauscht nach seinen Verfolgern, aber kein Laut ist zu vernehmen. Sogar die Vögel sind verstummt. Dieses unwirkliche Schweigen ist bedrohlich. Mühsam klettert er auf einen der Bäume und reißt sich dabei die kaum vernarbten Geschwüre an den Unterschenkeln wieder auf

„So eine Scheiße! So eine verfluchte Scheiße!" flüsterte er vor sich hin.

Er muss unbedingt mit einer der Frauen reden. Am Besten mit der großen Schlanken. Mit ihr hat er sich bisher am besten verstanden. Sie nannte ihn zärtlich „unser Alter“ und für ihn war sie „mein Morgenstern“. Auch sind ihm ihre Kinder die Liebsten. Auf ihre Liebe kann er sich verlassen. Er ist sich sicher, dass sie nur zum Schein bei diesem Komplott mitmacht. In dieser Nacht wird er mit ihr sprechen.

Während er auf die Dunkelheit wartet, quält ihn rasender Durst. Das einzige Trinkwasser ist in der Nähe des Dorfes, und dahin wagt er sich nicht. Sein eigen Fleisch und Blut hat sich gegen ihn aufgelehnt. Liebe durfte er erwarten, aber ihm wird Hass zuteil.

Endlich kommt die Nacht. Er arbeitet sich vorsichtig, jeden Laut vermeidend, an das Lager heran. Seine Befürchtungen, dass Wachen aufgestellt sind, erweisen sich als unbegründet. Er muss beinahe über seine Furcht lachen. Wer von den Frauen wäre wohl bereit, für so etwas wie Wachestehen ihre Nachtruhe zu opfern? Und die Kinder haben sich nach seinen Erfahrungen noch nie sehr viel um das Allgemeinwohl gekümmert. Unbemerkt gelangt er in die Hütte seines Morgensterns, tastet sich sorgsam über die Leiber der beiden schlafenden Kinder und kniet dann am Lager der Liebsten. Er rüttelt sie sanft, und als sie aus dem Schlaf empor schreckt, erstickt er ihren Schrei mit der flachen Hand auf ihrem Mund.

„Still", flüstert er, „ich bin's! Ich muss mit dir reden".

Sie entspannt sich und sieht ihn mit weit geöffneten Augen an.

„Kommst du mit?" wispert er leise, und sie nickt.

Schweigend überqueren sie die Lichtung und laufen dann hintereinander auf dem schmalen Pfad zum Tempel. Im Halbdunkel fasst er nach hinten und tastet nach ihrer Hand, um sie zu führen. Aber sie zieht den Arm demonstrativ zurück und verbirgt ihn hinter dem Rücken.

Am Ziel angelangt fragt sie barsch: „Was willst du?"

Tränen treten ihm in die Augen. Er stammelt erregt: „Was habt ihr nur gegen mich? Warum liebt ihr mich nicht mehr?"

„Hast du uns je geliebt?"

„Alles habe ich für euch gegeben. Ich habe euch aus dem Wahnsinn einer perversen Welt gerettet. Ich habe für euch ein Südseeparadies geschaffen".

„Meinst du das wirklich?"

„Ward ihr denn nicht glücklich?"

„Uns ist gestern klar geworden, dass wir dich schon immer gehasst haben, von Anfang an. Nur unsere Rivalität hat bisher verhindert, dass wir uns dies eingestanden."

Bei diesen Worten umfängt ihn tiefe Einsamkeit. Er stürzt auf sie zu, will sie umfangen, küssen, wieder von ihr geliebt werden. In diesem Augenblick zieht sie ein Messer aus ihrem Fellumhang und sticht blindlings auf ihn ein. Instinktiv hebt er schützend die Arme empor und fängt den Stich mit dem Unterarm ab. Dabei erhält er einen tiefen Schnitt ins Muskelfleisch. Er blutet stark und schlägt voller Panik auf die Frau ein.

Diese schreit: „Nun schlägst du mich auch noch. Nimmt deine Brutalität denn nie ein Ende?"

Dabei fällt ihr das Messer aus der Hand, und sie stürzt zu Boden. Er hält keuchend inne und ballt die Faust, um in das Gesicht zu schlagen, das sich ihm trotzig entgegen reckt. Sie schaut ihn aus zornig funkelnden Augen an und erwartet den Hieb. Aber der Mann weint, lässt die erhobenen Hände wieder sinken, tastet blindlings nach dem Messer im Gras und steckt es in seinen Gürtel. Dann presst er die Hand auf die Wunde am Arm und stürzt davon, ohne sich noch einmal umzublicken.

Die ganze Nacht wandert er quer über die Insel. Oft versperrt ihm Bambusgestrüpp den Weg, und er muss große Umwege machen. Seinen Durst konnte er noch immer nicht stillen. Zwar hat er Blätter gekaut, aber sie angeekelt wieder ausgespuckt.

Endlich gelangt er an das Ufer, das vom Dorf am weitesten entfernt ist. Müde wirft er sich in den warmen Sand. Auf dem Rücken liegend betrachtet er die Sterne. Da hört er ein leises Plätschern und entdeckt ein dünnes Rinnsal, das durch den Sand sickert. Er folgt ihm, und gelangt zu einem Bach, der mitten in einem Bambushain entspringt.

Nachdem er seinen Durst gelöscht hat, sieht er sich um, und stellt bewundernd fest, wie schön es hier ist. Nur einmal, im ersten Jahr nach ihrer Landung, hat er die Insel umrundet und auch dieses Gebiet betreten, ohne dabei jedoch den Reiz der Gegend zu bemerken. Dieses Ufer wäre der richtige Ort für ein zweites Dorf. Hier ist es sogar noch schöner als auf der anderen Seite der Insel. In der unberührten Natur könnte man ein neues Leben beginnen.

Doch es ist zu spät, um sich hier niederzulassen. Furcht schnürt sein Herz ein. Die Frauen werden nicht ruhen, bis sie sich an ihm gerächt haben. Wer weiß, was Morgenstern ihnen an Gemeinheiten über ihn berichtet?

Der verletzte Arm klopft. Der Schmerz ist stechend. Er denkt an Blutvergiftung und Wundstarrkrampf. Nein, so will er nicht enden.

Mit zusammengebissenen Zähnen macht sich Felix daran, modernde Stämme zu sammeln und Bambusrohre mit dem Messer abzuhacken. Er sucht Lianen und andere Schlingpflanzen und dreht sie zu Seilen.

Inzwischen wird es Tag. Vorsichtshalber versteckt er sich vor Verfolgern. Aber alles bleibt ruhig.

Dann arbeitet er weiter. Zwischendurch isst er rohe Muscheln und schiebt sich lebende Schnecken in den Mund. Bei der Vorstellung, die kleinen roten Dinger, die sich zwischen den Zähnen krümmen, seien Bonbons, fällt ihm das Kauen leichter.

Endlich kann er das Floß ins Wasser schieben. Es sinkt tief ein, aber es schwimmt, und es trägt sogar sein Gewicht. Mit einer langen Bambusstange stößt er sich ab, ergreift dann das breite Rindenstück, das als Paddel dienen soll, und spannt schließlich seinen Fellumhang als Segel auf. Irgendwann erreicht er eine Meeresströmung und lässt sich auf die weite Wasserwüste hinaustreiben in der Hoffnung auf neues Land, auf eine gastfreundlichere Insel.

 

Felix hob den Kopf. Lange war er auf der Bank gesessen und sein Rücken war schon ganz verspannt. Wie viele Stunden wohl inzwischen vergangen waren?

Vor ihm stand ein kleiner Junge und fragte: „Bist du besoffen oder ein Penner?"

Lächelnd antwortete der Mann: „Vielleicht beides! Ich weiß es selbst nicht! Aber auf jeden Fall bin ich ein Idiot!"