Der Mann am Klavier
Stille hatte sich über den großen Saal gelegt. Nur noch
verhaltenes Hüsteln perlte durch den Raum. Es quoll in der linken hinteren Ecke
auf, steckte an, huschte schräg durch die Reihen und versiegte. Dann, gleich
einem Echo, wiederholte sich es sich auf der rechten Seite des Raumes. Endlich
verebbte auch das letzte Knistern von Bonbonpapieren. Nur der Mann im blauen
Anzug schnäuzte sich noch einmal hingebungsvoll in sein Taschentuch und steckte
es behäbig weg, nachdem er sein Werk begutachtet hatte. Die Menschen waren
jetzt so still, wie eben tausend Menschen still sein können.
Der Dirigent stand mit hängenden Armen auf dem Podest. Er
hatte geduldig auf diesen Moment gewartet. Seine Augen waren geschlossen. Er
schien sich in einer anderen Welt zu befinden. Gleich würde sich seine rechte
Hand mit dem dünnen Stäbchen heben. Die Musiker saßen gespannt und konzentriert
auf ihren Plätzen. Der Erste Geiger hatte ein Tuch über seine linke Schulter
gelegt und hielt das Instrument in Höhe seines Kinns. Die Männer an den Celli
und an den Bässen, die Herren mit den Hörnern und Fagotten, sie alle
umklammerten ihre Instrumente und waren auf den schlanken Stab fixiert, der das
Orchester gleich zu tosendem Leben erwecken sollte. Zeigten sie eine Spur von
Nervosität? Ahnten sie etwas?
Spannung hatte auch Pleiter erfasst. Das grelle Licht der
Scheinwerfer stach ihm in die Augen, trieb ihm den Schweiß ins Gesicht. Der
Frack kniff unter seinen Armen, und die spitzen Lackschuhe drückten. Unruhig
rutschte er auf seinem Polsterschemel hin und her, fand aber keine bequeme
Stellung.
»Ich bin herausgeputzt wie ein Pfingstochse«, dachte er
und wollte sich an der Brust kratzen. Daran wurde er aber nicht nur von der
steifen Frackbrust gehindert, die ihn wie in Panzer umgab, sondern auch von
seinem Anstand ‑ diesem Anstand, der bald nichts mehr wert sein sollte.
Die Menge im Auditorium saß gespannt. Ihr Warten wurde
drohend. Der Dirigent durfte nicht länger zögern. Sein rechter Arm hob sich.
Die Geigen wurden fester unter das Kinn geklemmt, die Zuckerrohrstücke in den
Mund gesteckt, die Lippen an die Mundstücke gepresst. Dann senkte sich der Stab
ganz leicht, wie ein Windhauch, und entfaltete seine ungeheuere Macht. Er zwang
sechzig Musiker in seinen Bann und tausend Menschen zum Zuhören.
Nur Pleiter entzog sich diesem Einfluss. Seine Hände
waren feucht. Beinahe hätte er sie an den Hosenbeinen abgewischt. Wie sollte er
nur aus dieser vertrackten Situation wieder herauskommen? Versuchsweise
streckte er die Arme aus und berührte mit den Fingerspitzen die Tasten. Sie
waren kühl und glatt. Er beobachtete seine Finger. Sie erinnerten ihn an die
tastenden Fühler einer Schnecke. Er musste über den Vergleich lächeln. Dann
suchte er mit dem rechten Fuß das Pedal und drückte es verstohlen nieder, ließ
es aber sofort wieder los. Er hatte Angst, ein Geräusch könnte das Publikum auf
ihn aufmerksam machen. Pleiter wollte niemanden stören, sondern unbemerkt
bleiben. Und doch gebührte ihm alle Aufmerksamkeit.
Trotz seiner Furcht hatte er es genossen, durch die
schmale Seitentür ins strahlende Scheinwerferlicht auf die große Bühne
hinauszutreten. Im tosenden Beifall war ihm eine Gänsehaut gewachsen. Doch er
war ruhig und bescheiden nach vorn geschritten, hatte sich neben dem
Dirigenten aufgestellt und tief verbeugt. Immer und immer wieder hatte er sich
verneigt, als das Klatschen kein Ende nehmen wollte.
Aber er war abgelenkt gewesen, hatte die Begeisterung,
die ihm galt, nicht in ihrer ganzen Fülle genießen können. Ein kleines Stück
vom Fußboden vor ihm hatte ihn abgelenkt. Eine Münze war dort nämlich ganz tief
in die Fugen des Parketts eingetreten gewesen, deren Rand von den Putzfrauen
Tag für Tag blank und blanker gewienert worden war. Mit jeder Verbeugung hatte
sich Pleiters Kopf der Münze genähert und sich wieder von ihr entfernt. Zu gern
hätte er gewusst, welchen Wert sie hatte.
Inzwischen war das Hochgefühl seines Auftritts verflogen,
der Stolz der Angst gewichen. Pleiters letzte Gnadenfrist hatte begonnen. Sie
würde vier Minuten dauern. Was danach kommen würde, wusste er nicht. Über eins
war sich Pleiter jedoch klar: Es würde fürchterlich werden.
Er konnte von seinem Platz am Klavier aus den Dirigenten
gut sehen. Dieser hatte seine Augen geschlossen, und es schien, als summte er
die Melodie mit. Karajan soll sogar ungeniert mitgesungen haben, wenn er in
Stimmung kam, sagt man. Ein wenig widerte Pleiter dieser allmächtige,
selbstherrliche Kapellmeister an. Er wusste nicht, vor wem er sich mehr
fürchten sollte: vor dem Publikum oder diesem musikalischen Alleinherrscher?
Warum hatte er sich nur diesen Frack ausgeliehen? Was
hatte er hier unter all diesen Menschen zu suchen? Er gehörte nicht zu ihnen,
war nicht von ihrer Art. Es war eine brutale, gierige Meute, die ihre
Sensationslust hinter Kunstsinn verbarg. Diese feinsinnigen Leute wollten sich
angeblich an Mozart ergötzen, in Wirklichkeit aber warteten sie auf seinen
Untergang. Dieser Haufe da unten auf den Polstersitzen war typisch für all die
Menschen, mit denen Pleiter sein Leben lang zu tun gehabt hatte. Sie waren sich
alle gleich gewesen in ihrer Erbarmungslosigkeit.
Oh ja, Pleiter kannte seine Pappenheimer. Der Sklave
kennt den Herrn am besten. Immer wieder hatte er versucht, es allen recht zu
machen. Was hatte es ihm eingebracht? Da saß er nun vor einem riesigen
schwarzen Flügel, und die Sekunden seiner Gnadenfrist liefen unbarmherzig ab.
Pleiter schielte aus den Augenwinkeln hinunter ins
Publikum. Er betrachtete die Raubtiergesichter und überlegte, wie es wohl sein
werde, wenn sie über ihn herfallen, ihn zerfleischen, seine Leber aus dem Leib
reißen würden?
Zögernd streckte er wieder die Hand aus und tastete nach
dem fremden Instrument. Einige der Leute im Auditorium, die dies sahen,
mussten denken, der Künstler bereite sich auf die ersten großen Läufe vor.
Aber Pleiter war weit davon entfernt, an Akkorde oder Läufe zu denken. Durch
seinen Kopf ging ununterbrochen eine Melodie: „Hänschen klein, ging allein, in
die weite Welt hinein.“
Dieses Lied versuchte der Mann auf den elfenbeinernen
Tasten zu finden.
Die Fingerchen waren klein. So sehr sich das Bübchen auch
anstrengte und sie zu Hämmerchen formte, es wollte ihm nicht gelingen, das Lied
flüssig zu spielen. Das schwarze Klavier erhob sich wie eine drohende Mauer vor
dem Kind. Der Filz des Pianos war schon recht abgenutzt, und ein Klavierstimmer
hätte genügend Arbeit gehabt, aber zum Üben reichte der alte Kasten allemal.
„Halt“, sagte in diesem Augenblick das Mädchen, „das
wiederholen wir gleich noch einmal.“
Der Bub formte die Hände wiederum vorschriftsmäßig zu
Hämmerchen und schlug zaghaft die Tasten an: „g,e,e,f,d,d,c,d,e,f,g,g,g“.
Das ältere Mädchen beugte sich vor und sang mit frischer
Stimme: „Hänschen klein, ging allein, in die weite Welt hinein.“
Beinahe hätte Pleiter, während er versonnen die Tasten
befühlte, auf dem großen Steinway‑Flügel ein paar Töne angeschlagen. Mein
Gott, er würde noch früh genug die Zuhörer aufschrecken. Aber dann würden sie
nicht wie bei seinem Auftritt begeistert klatschen.
Dabei hatte er dabei nicht einmal mit den Armen gewunken.
Eine derart vulgäre Geste passt nun einmal nicht in einen Konzertsaal. So etwas
überlässt man den Popstars, die ihre Fans aufheizen müssen. In den Tempeln der
Musik herrscht dagegen eine feierliche Atmosphäre. Hier zählen nur die Musik
und der Künstler, der ihr sein Leben geweiht hat und ihr Tag und Nacht dient.
Diese Unterwerfung unter ein hohes Ideal macht
bescheiden. Pleiter war demütig durch die Reihen der Orchestermusiker nach vorn
an die Rampe geschritten. Dort stand sein Instrument, und an ihm saß er nun,
und das Orchester spielte unerbittlich auf den Takt zu, an dem sein Einsatz
kam. Gleich würde es so weit sein. Die Musiker würden für die Länge eines
Herzschlags innehalten, um sich dann von den furiosen Akkorden des Pianos
mitreißen zu lassen. Ein grandioser Lauf sollte folgen, mit dem sich der
einsame Mann am Flügel gegen sechzig Instrumente behaupten würde. Eine schwarze
Horde von sechzig Musikern, die strichen und spielten wie sechshundert.
„Aber der Frack steht mir wenigstens gut“, dachte
Pleiter.
In der Garderobe war er selbst erstaunt gewesen, welch'
eine stattliche Erscheinung er in dem ungewohnten Kleidungsstück hermachte.
Dabei war es gar nicht einfach gewesen, den Frack aufzutreiben. Schließlich
hatte ihn Schnauzer keinen Augenblick aus den Augen gelassen.
„Es ist schon makaber, wie sehr ich mich bemüht habe, bei
meinem Untergang ordentlich angezogen zu sein“, überlegte der Mann am Klavier.
Die Klavierlehrerin war zwar noch jung, aber streng gewesen.
Sie benutzte keine Klavierschule und ging nicht systematisch vor, dennoch
beherrschte der Junge schon bald „Alle meine Entchen“, und auch „Kuckuck,
Kuckuck“ lief ihm flott aus den Fingern. „Hänschen klein“ konnten sie aber
nicht mehr bis zum Ende einüben.
Es hieß, der Vater habe versucht, die Kleine beim
Weggehen zu küssen. Diese habe sich tags darauf der Mutter anvertraut und
durfte danach nicht wiederkommen. Pleiter hatte die Mutter sagen hören, sie
traue ihrem Mann solche Sachen schon zu. Schließlich habe er bis heute nicht
aufgehört, sie selbst mit solchem Schweinekram zu belästigen. So begann und so
endete Pleiters musikalische Karriere, und er dachte noch lange darüber nach,
was wohl mit „Schweinekram“ gemeint war.
Die Luft im großen Sendesaal war rein und klar. Mozarts
Klavierkonzert passte gut in diese Atmosphäre. Nur Pleiter war wie so oft in
seinem Leben fehl am Platz. Er spürte ein heftiges Stechen in der linken Seite
direkt unter dem Herzen. Er war krank und sollte dennoch das schwierige
Klavierkonzert spielen. Man musste nicht Pleiters schwache Nerven haben, um in
Schweiß auszubrechen.
Schnauzer war kein Vorwurf zu machen. Er hatte nur seine
Pflicht getan, unbarmherzig und rücksichtslos, aber immer korrekt. Bei aller
Diskretion hatte er niemals ein Hehl daraus gemacht, dass er Pleiter
beschattete. Mit Geduld war er ihm durch alle Kleidergeschäfte gefolgt und
hatte sein Opfer immer unsicherer und nervöser gemacht.
„Hänschen klein, ging allein“ ‑ den ganzen Nachmittag
über war Pleiter das Lied nicht aus dem Kopf gegangen. Wie ähnlich war er doch
diesem Hänschen in der fremden, weiten Welt! So wie die Gestalt in dem Lied
hatte auch er vieles in seinem Leben falsch gemacht. Doch da gab es keine
Mutter, die geweint hatte und zu der man hätte zurückkehren können.
Er hatte früh geheiratet. Die Unterhaltszahlungen für die
Frau und die beiden Kinder nach der Scheidung waren hoch gewesen. Von seinem
Monatsverdienst war nicht mehr viel übrig geblieben. Und dies nach seinem hohen
Einsatz und dem vielversprechenden Anfang: Realschule, Lehrstelle, Abendschule,
Fachhochschule und endlich Beruf. Pleiter wollte ganz groß 'rauskommen, es
allen zeigen, beweisen, was in ihm steckt. Seine Frau hatte sich während dieses
langen Weges anders orientiert. Vor dem Ende hatte er sie eine Nacht lang
vergeblich angefleht bei ihm zu bleiben.
Dann kamen die endlosen Besäufnisse, die einsamen Nächte,
die Versuche wieder Freunde zu finden, Frauen aufzureißen, und wäre es auch nur
für eine Nacht. Demütigung reihte sich an Demütigung. Schließlich wurde ihm der
Job gekündigt, und die Anwälte seiner Frau stellten den Antrag, ihn in Erzwingungshaft zu nehmen. In den Schuldturm sollte er!
„Nun“, hatte Pleiter gedacht, „wenn ich schon ins
Gefängnis muss, dann doch bitte für etwas Lohnenderes als für das angenehme
Leben meiner Verflossenen und ihres Loddels."
Die Entscheidung, kriminell zu werden, war zwar einfach
zu treffen, aber Pleiter hatte nichts Einschlägiges gelernt. Er taugte nicht
zum Räuber, Einbrecher oder Geldfälscher. Es fehlte ihm an allem: an Talent, an
Kenntnissen und an Mut.
So war er verzweifelt gewesen und trank in einer Nacht
die letzten Reste seiner Hausbar aus. Als die Kopfschmerzen am nächsten Tag
nachließen, wusste er die Lösung: Er würde die Profession des
Heiratsschwindlers einschlagen. Noch am gleichen Tag gab er ein Inserat auf.
Die hintere Front des Zimmers war ganz aus Glas. Als
Pleiter verlegen hinausblickte, sah er tief unten den Rhein und die Lastkähne,
die gegen die Strömung kämpften. Die Frau war nicht schön, aber sie schien
Pleiter ungeheuer begehrenswert. Allein ihre Art, die Beine übereinander
zuschlagen und ohne Hast den zurückgerutschten Rock wieder bis zur Kniescheibe
zu ziehen, ließ in ihm sexuelle Erregung aufsteigen.
Eine Weile sagten beide kein Wort. Sie sah ihn lange und
ruhig an, und er erwiderte flüchtig ihren Blick. Dann musterte er erneut das
große Zimmer und fühlte sich sehr unwohl in seiner Haut. Im Hintergrund
plätscherte leise Klaviermusik in die immer drückender werdende Stille hinein.
Irgendwann erlöste die Frau ihren Besucher. Sie zauberte die Andeutung eines
Lächelns auf ihr Gesicht und fragte: „Wie fühlen sie sich?“
Pleiter folgte einer spontanen Eingebung und antwortete:
»Wissen Sie, dass Sie sehr schön sind?«
Statt einer Entgegnung senkte sie nur leicht den Kopf. Es
war eine kokette Geste, die sowohl Zustimmung als auch Dank für das Kompliment
ausdrückte.
„Was will sie von mir?“ fuhr es Pleiter durch den Kopf.
„Die hat es doch nicht nötig, über eine Zeitungsanzeige einen Mann zu suchen.
Die braucht doch bloß auf die Straße zu gehen, dann folgen ihr die Männer wie
Kinder dem Rattenfänger.“
„Auch Sie können sich sehen lassen“, antwortete die Frau.
Pleiter errötete und wusste plötzlich, dass er sich
lächerlich machte. Ihn beherrschte jetzt nur noch der Gedanke, vor diesem
lächelnden Gesicht durch einen anständigen Abgang zu bestehen.
„Was wollen Sie von mir?“ fragte er deshalb mit einer für
ihn ungewohnten Offenheit.
„Na, Sie sind gut“, antwortete sie leise und griff zu
einer Zeitung, die auf einem Beistelltisch aus Glas neben ihr lag. Sie
entfaltete sie bedächtig und las daraus vor: „Herr in den besten Jahren . . .“
Sie unterbrach sich und stellte fest, so wie man eine
Rechnung auf ihre Richtigkeit hin prüft: „Stimmt!“
Danach deutete sie wieder mit dem Finger auf das Blatt,
um den verlorenen Faden wieder aufzunehmen: „Gut situiert . . .“ ‑ Ein
zögerndes Stirnrunzeln: „Wird sich herausstellen . . .“
Nach kurzer Pause: „Mit zärtlichem Herzen . . .“
Ein leises, kaum hörbares Schnalzen mit der Zunge: „Na,
na! Hoffentlich verspricht der Inserent nicht zu viel!“
Wie eine Katze unvermittelt nach ermüdendem Spiel die
Maus frisst, so kam sie rasch zum Ende: „. . . sucht eine liebevolle Partnerin
zwecks späterer Bindung.“
Sie schenkte Pleiter einen verwunderten Augenaufschlag
und sagte: „Viola! Und sie fragen, was ich von Ihnen will?“
Dann, nach einer Pause von mehreren langen Atemzügen: „Es
ist üblich, dass der Mann der Frau den Hof macht. Bitte beginnen Sie!“
„Warum lasse ich mich von ihr nur so demütigen?“
überlegte Pleiter. „Warum bin ich überhaupt in diese Falle getappt? Ich bin
doch ein lausiger Heiratsschwindler und selbst in dieser Rolle ein Versager.“
Hilflos saß er da und schwieg.
„So trinken Sie wenigstens etwas“, hörte Pleiter die
spöttische Stimme, „vielleicht entkrampft Sie das!“
Er riss sich zusammen: „Ich bin nicht verkrampft, gnädige
Frau. Aber Sie spielen ein böses Spiel mit meinen Gefühlen. Diese Demütigungen
habe ich nicht verdient.“
„Papperlapapp!“ Sie war aufgestanden und ging langsam im
Zimmer umher.
„Gut, spielen wir mit offenen Karten. Sie gefallen mir.
Aber ich will nicht mit Ihnen ins Bett gehen, keine Liebe mit Ihnen machen,
ficken, bumsen oder wie immer Sie es nennen mögen.“
Es war heraus, und Pleiter hätte gehen können. Dann wären
ihm auch Schnauzer und alles andere erspart geblieben.
Statt dessen sprang er auf, eilte zu der Frau, fasste
ihre Hand und stammelte: „An so etwas habe ich bei Ihnen niemals gedacht!“
„Warum nicht? Sind Sie impotent?“
„Hänschen klein, ging allein, in die weite Welt hinein.“
Das Lied wollte Pleiter nicht aus dem Kopf gehen. Er
musste an sich halten, um es nicht laut vor sich hinzusummen. Automatisch
intonierten seine Finger die Melodie auf den weißen Tasten. Es waren schöne,
lange Finger.
„Richtige Pianistenhände“, dachte Pleiter. „An den Händen
kann es nicht liegen. Vielleicht wäre aus mir tatsächlich ein großer Virtuose
geworden, wenn ich etwas mehr Glück gehabt hätte?“
Um seine Hände war er schon immer sehr besorgt gewesen.
Eine gute Handcreme hatte er sich auch in der ärgsten Not gegönnt. Sie war ihm
sogar wichtiger gewesen als der Alkohol. Der Mann betrachtete seine Hände
liebevoll. Geschmeidig und weich ruhten sie auf den Tasten. Er bewegte die
Finger, rieb sie aneinander und spürte ihre Kraft.
„Manch einer wäre stolz auf solche Hände, aber für mich
sind sie nutzlos“, dachte er resigniert. „Welchen Zweck haben die schönsten
Hände, wenn sie niemand bewundert?“
Auch die Klavierlehrerin hatte zarte Hände gehabt. Alt
konnte sie nicht gewesen sein. Vielleicht sechs oder sieben Jahre älter als er.
Deshalb war sie auch so billig gewesen. Viel Geld hätte der Vater niemals für
das überflüssige Klavierspiel ausgegeben. Ganz sanft hatte sie ihren Arm um die
schmalen Schultern ihres jungen Schülers gelegt und hatte mit diesen feinen
Händen seine Fingerchen geführt.
Der Pleiterbub hatte unter
diesen Händen, die ihn liebkosten, ganz still gehalten. Kaum zu atmen hatte er
gewagt und sich nicht mehr bewegt. Nur gehofft hatte er, dass der schöne
Augenblick möglichst lange andauern möge. Alle Haare an seinem Körper hatten
sich aufgestellt. Tief versunken waren sie gewesen und hatten vielleicht
deshalb den Vater nicht gehört. Wie lange er wohl zugesehen hatte?
Plötzlich wurde der Junge an den Haaren vom Klavierschemel
gezerrt und bekam eine mächtige Maulschelle, die ihn quer durchs Zimmer
schleuderte. Als er endlich wieder aufzublicken wagte, sah er, wie das Mädchen
mit dem Vater rang.
Der schrie: „Ich weiß, was du willst, du kleine Hure. Du
sollst es bekommen, und zwar richtig und von einem wirklichen Mann!“
Dabei versuchte er, sie zu küssen. Seine großen, groben
Hände hatten ihren Rock nach oben geschoben und machten sich an dem weißen
Schlüpfer zu schaffen. Das Mädchen wehrte sich verzweifelt und schrie, aber es
hatte gegen den Mann keine Chance. Der drückte sie auf die Couch und zerrte
weiter an ihrer Unterwäsche. Blondes Haar quoll unter dem weißen Stoff hervor.
Nun hielt es den Jungen nicht länger. Trotz seiner Angst
stürzte er sich auf den mächtigen Mann und zog an dessen riesigem Arm. Mit
einem Ruck wurde er weggeschleudert, erhob sich mühsam und griff wieder an. Der
nächste Schlag traf ihn in die Magengrube, und er blieb stöhnend liegen.
Das Mädchen hatte aufgegeben. Es lag matt und willenlos da, und war für den
Mann ein leichtes Spiel.
Sie hatten zusammen zu Abend gegessen. Pleiter war immer
aufgekratzter geworden, und gegen Mitternacht hatte er die Diamantenbrosche auf
ihrer Brust entdeckt. Er lobte das Schmuckstück, und sie forderte ihn auf, die
Brosche näher zu betrachten. Seine Finger fuhren sanft über das Geschmeide. Die
Steine waren kühl und scharf. Plötzlich glitten seine Hände zur Seite und
umspannten ihre Brust. Sie ließ es geschehen. Vorsichtig nahm sie sein Gesicht
in beide Hände und küsste ihn zart.
„Ich mag dich“, flüsterte sie und fügte wie in Gedanken
hinzu, „trotz allem.“
Auf dem Heimweg summte Pleiter ihren Namen vor sich hin:
„Elise, ach Elise.“
Am nächsten Tag kam Pleiter wieder und auch am Tag
darauf. Irgendwann fragte sie ihn: „Spielst du Klavier?“
Pleiter verneinte.
„Na, macht nichts. Willst du dennoch mein Mann werden?“
Dann folgten Wochen des Glücks. Sie gingen zusammen aus,
und der späte Abschied an der Haustür wurde ihnen bald lästig. Deshalb zog
Pleiter in das Gästezimmer der Villa. Elise, die seine finanziellen
Verhältnisse rasch durchschaut hatte, griff mit ihrem Scheckheft ordnend ein
und billigte ihm auch noch ein ordentliches Taschengeld zu.
So weit war Pleiters Leben geregelt, und er wäre
glücklich gewesen, wenn sich seine Nächte nicht ausschließlich auf das
Gästezimmer beschränkt hätten. Zarte Küsse auf die Wange waren eben kein Ersatz
für eine Nähe, von der er nur träumen durfte.
„Ich bin mir schon ein schöner Heiratsschwindler“, dachte
er bei sich.
Störend empfand Pleiter mit der Zeit die Klaviermusik,
die Tag und Nacht durch die Räume hallte. Ständig hörte er Mozart und immer
wieder Mozart. Mit der Zeit wuchs sein Widerwille gegen das Piano und ganz
speziell gegen diesen Komponisten.
Elise war oft außer Haus, und die Aufwartefrau kam nur am
Vormittag. Pleiter konnte sich zwar selbst nicht verstehen, aber wenn er allein
war, stahl er sich trotz seiner Abneigung zu dem großen Konzertflügel im
Musikzimmer und besann sich auf seine frühen kindlichen Übungen. Mit einem
Finger suchte er die alten Lieder zusammen und brachte es dabei zu beachtlichen
Fertigkeiten.
Hände! Immer wieder kamen dem Mann am Klavier Hände in
den Sinn. Hände, die durch Haare streifen. Hände, die sich auf sein Geschlecht
legen. Hände, die unter Röcken wühlen. Hände, die in Schlüpfer greifen. Hände,
die sich um Hälse legen, derbe Hände, brutale Hände. Hände, die in Brustwarzen
kneifen, auf Hintern schlagen. Hände, die rücksichtslos an Haaren zerren, um
den Mund für einen gierigen Kuss in die richtige Lage zu bringen. Hände, die
zuschlagen, deren Knöchel vom Schlagen bluten; der Knochen dringt durch die
aufgeschlagene Haut, blutrote Hände.
Der Abend war fortgeschritten. Pleiter hatte wie immer
das Essen gekocht und inzwischen den Tisch abgeräumt. Sie saßen noch eine Weile
an der leeren Tafel bei Kerzenschein. Nebenher, nur einfach um etwas zu sagen,
fragte Pleiter: „Wer ist eigentlich der Pianist all dieser Klavierstücke, die
du ständig abspielst?“
Ruhig, wie es ihre Art war, antwortete Elise: „Mein
Mann.“
Pleiter fühlte Panik in sich aufsteigen: „Dein Mann? Und wo ist dein Mann
jetzt?“
„Er ist tot.“
„Wann ist er gestorben?“
„Vor kurzem.“
„Woran ist er gestorben?“
„Du hast ihn umgebracht.“
Pleiter lachte verlegen. „Du willst damit sagen, dass du
dich nicht mehr an ihn erinnern kannst, und dass er deshalb für dich so gut
wie tot ist. Es macht mich stolz, dass durch das Leben mit mir die
Vergangenheit für dich ausgelöscht worden ist. Ja, Vergessenwerden ist eine
Art Sterben, sagen die Dichter.“
„Nein, du irrst! Auch wenn du gerne deinen sentimentalen
Schwachsinn glauben möchtest, er stimmt nicht. Mein Mann ist wirklich tot, und
er ist durch deine Hände gestorben.“
„Bitte, sage so etwas nicht. Damit macht man keine
Scherze.“
„Ich scherze nicht. Du hast meinen Mann, den bekannten
Pianisten, vor einigen Wochen in einem Hotel in Boston aus Eifersucht
ermordet. Nun lebst du mit seiner Frau zusammen, die natürlich von deiner Tat
nichts weiß.“
Pleiter fehlten wieder einmal die Worte. Er stand auf und
ging ins Gästezimmer, um nachzudenken.
Aber über die seltsamen Äußerungen der Frau verloren die
beiden in den nächsten Tagen kein Wort.
„Hänschen klein ging allein . . .“
„Vor dem Klo und nach dem Essen Händewaschen nicht
vergessen . . .“
War dies das Tischgebet der Mutter gewesen? Die Mutter,
die stets auf Reinlichkeit geachtet hatte und nicht einmal einen schmutzigen
Gedanken in ihrem Haus zuließ ‑ Pleiter hatte sie gefürchtet und verehrt.
Aber Liebe, so glaubte er heute zu wissen, Liebe war nicht zwischen ihnen
gewesen.
Bei der Sache damals zwischen seinem Vater und dem Mädchen
hatte sich Mutter recht seltsam verhalten. Sie hatte keine Szene gemacht, und
der Junge hatte keine Vorwürfe oder gar Geschrei von den Eltern gehört. Aber
immer wenn die Frau ihren Sohn sah, waren ihr Tränen in die Augen getreten.
Eines Tages hatte der junge Pleiter die Mutter zur
Nachbarin sagen gehört, diese jungen Mädchen wären alle unmoralisch und
schlecht. Das einzige Interesse dieser jungen Dinger wäre, eine intakte Familie
auseinander zubringen. So hätte zum Beispiel die Klavierlehrerin versucht,
ihrem eigenen Mann eine Vergewaltigung anzuhängen. Aber damit hätte sie
natürlich bei Pleiters kein Glück gehabt. Sie, Frau Pleiter, könnte sich
nämlich auf ihren Mann verlassen. Der würde so etwas niemals tun. Und nun müsse
endlich Gras über die böse Geschichte wachsen. Selbst dem eigenen Sohn habe das
junge Ding diesen gemeinen Unsinn solange eingeredet, bis er es glaubte.
Deshalb bliebe der Familie nun nichts anderes übrig, als den Jungen zu
Verwandten in die Stadt zu schicken. Immer wenn er sie anschaue, müsse sie
nämlich an die Schweinereien denken, die er sich zusammen mit dem frühreifen
und vorlauten Mädchen ausgedacht habe. Das halte sie nicht mehr aus. Sie lasse
es nicht länger zu, dass ihre glückliche Ehe durch die schmutzigen Gedanken des
Sohnes vergiftet werde.
Es war ein Freitagmorgen, da klingelte es an der mit
Kupfer beschlagenen Haustür der Villa. Nach einer Weile drang vom Flur erregtes
Gemurmel in den großen Salon. Schließlich hörte Pleiter Elise sagen: „Wenn Sie
meinen Mann unbedingt sprechen wollen, so kommen Sie herein.“
Die Frau hatte den Satz betont laut gesprochen, und
Pleiter erkannte, dass sie ihm einen Hinweis geben wollte. Verwirrt sprang er
auf und zog seine neue, seidene Hausjacke an. Durch die Tür trat ein kleiner,
breitschultriger Mann.
„Dies ist Herr Schnauzer von der Kriminalpolizei“, sagte
Elise. Dann wandte sie sich herablassend an den Besucher: „Oder sind Sie nur
ein Privatdetektiv?“
„Ich bin mit den Ermittlungen betraut“, war die
ausweichende Antwort.
Pleiter fiel dabei die ungewöhnlich hohe Stimme auf, die
so gar nicht zu dem massigen Körper passen wollte.
„Er möchte dich sprechen, mein Lieber. Ich weiß zwar
nicht, um was es geht, aber er wird sich sicher noch erklären.“
Elise war wie immer die Ruhe selbst. Pleiter hingegen war
bleich geworden. Er hatte Herzstiche; die Schmerzen waren noch in den Fingern
der linken Hand zu spüren.
„Was wollen Sie von mir?“ presste er nach einer langen
Pause hervor.
„Ich möchte Sie nur sehen.“
Wieder wunderte sich Pleiter über die Stimme.
„Natürlich hoffe ich auch, Sie bald am Piano zu erleben.
Sie müssen nämlich wissen, dass ich Sie sehr verehre.“
Pleiter gab sich einen Ruck. Ohne nachzudenken, schlüpfte
er in die angebotene Rolle und sagte schroff: „Wir geben heute keine
Autogramme. Besuchen Sie mich nach meinem nächsten Konzert in der Garderobe.
Dann werden Sie bekommen, was Sie wünschen.“
„Das will ich gerne tun, wenn Sie mir sagen, wo Sie
spielen werden.“
„Mein Gott, so fragen Sie doch meine Agentur!“
„Gerade die hat mich zu Ihnen geschickt. Man hat da so
einen Verdacht . . .“
An dieser Stelle mischte sich die Frau des Hauses kühl
ein: „Jetzt beginnt wohl die Märchenstunde? Es ist an der Zeit, dass Sie
verschwinden.“
Der Gast war über die Reaktion nicht verwundert und
schickte sich ohne Widerstreben zum Gehen an. Pleiter und Elise folgten ihm. Es
schien, als wollten sie ihn mit vereinten Kräften aus dem Haus drängen.
Plötzlich drehte sich Schnauzer noch einmal um, fasste
Pleiter an der Schulter und hielt ihm eine Fotografie unter die Nase: „Kennen
Sie diesen Mann?“
Pleiter warf einen Blick auf das Bild und prallte zurück.
Es war eine Polaridfarbaufnahme und zeigte einen Mann im dunklen Anzug mit
weißer Fliege. Das Gesicht war von Schlägen entstellt. Am schlimmsten aber
sahen die Hände aus. Jemand musste immer wieder mit einem schweren Gegenstand
auf sie eingeschlagen haben, solange bis nur noch blutiger Brei übriggeblieben
war.
„Was soll das?“ fragte die Frau, die über die Schultern
der Männer geblickt hatte. „Warum wollen Sie uns schockieren?“
„Dieser Mann wurde etwa vor einiger Zeit in einem
Hotelzimmer in Boston gefunden. Erkennen Sie ihn?“
„Sie müssen verrückt sein! Was haben wir mit einem Mord
in Amerika zu tun? Im übrigen kann man außer Blut auf diesem Bild nichts
erkennen. Machen Sie endlich, dass Sie hinauskommen!“
Der Detektiv blieb ruhig stehen und zog ein zweites Bild
aus der Tasche. Es war eine gedruckte Portraitaufnahme, wie sie Stars an ihre
Fans verschenken.
Er starrte lang auf das Bild und sagte dann mit
Bewunderung in der Stimme: „Die Ähnlichkeit ist verblüffend. Mein Kompliment!“
Als er gegangen war, blieb Pleiter wie betäubt stehen und
starrte auf seine Hände. Der Händedruck des seltsamen Besuchers erinnerte ihn
an seinen Vater.
Der Kopf des Mannes schmerzte. Sein Leben lang hatte er
Kopfschmerzen gehabt.
„Hänschen klein Hände waschen nicht vergessen . . .“
Ja, es war Zeit, die Hände zu waschen. Er würde jetzt
aufstehen und hinausgehen und seine Hände waschen. Jeder musste dafür
Verständnis haben. Er war schließlich ein sauberer Junge und wollte nicht mit
schmutzigen Händen am Klavier sitzen. Er wollte auch keine schmutzigen Gedanken
haben. Niemals hätte er der Mutter absichtlich die Unwahrheit gesagt.
Wenn er doch endlich allen Schmutz und alle Lüge
abstreifen könnte! Aber noch war es nicht so weit. Die große Reinigung würde
später kommen.
Sie saßen auf der Ledercouch, und er fragte: „Wie lange
warst du mit deinem Mann verheiratet?“
„Sehr lange!“
„Und dennoch hast du ihn so zugerichtet?“
„Mein Lieber, das warst doch du. Du warst wie rasend und
wolltest mit dem Schlagen nicht aufhören. Aber was du auch getan hast, ich
halte zu dir. Du hast es schließlich für mich getan. Wir sitzen beide im
gleichen Boot, nur deine Seite liegt tiefer im Wasser.“
„Bitte hör auf!“ rief Pleiter verzweifelt. „Hör auf mit
dem Theaterspiel! Am Ende glaube ich dir noch. Du machst mich verrückt. Ich bin
schon halb wahnsinnig vor Kopfschmerzen, denn ständig muss ich darüber
nachgrübeln, was du wohl beabsichtigst. Du hast ihn umgebracht und willst mich
nun zu deinem Komplizen machen. Ich weiß, dass ich bis über beide Ohren in
deinen Angelegenheiten stecke. Du hast es deshalb nicht mehr nötig, mir etwas
vorzumachen.“
„Mein armer Liebling, ich mache dir nichts vor. Du
solltest aufhören, diese schreckliche Nacht aus deinem Bewusstsein zu
verdrängen und statt dessen deiner Tat ins Auge sehen.“
„Ich kannte deinen Mann doch gar nicht. Ich bin noch nie
in Amerika gewesen. Überhaupt, ich kann niemanden umbringen, dazu bin ich nicht
fähig.“
„Wozu man fähig ist, weiß man erst, wenn es ernst wird.
Ich kann dir sogar die Flugkarte zeigen, mit der du von New York nach Boston
geflogen bist. Bitte erinnere dich und höre endlich auf, vor dir selbst
Versteck zu spielen. Du musst jetzt alle deine Sinne beisammen haben.“
Diese Frau machte ihn wahnsinnig. Pleiter hätte sich auf
sie stürzen und würgen mögen. Aber noch lieber wäre es ihm gewesen, wenn sie
ihn in den Arm genommen hätte. Doch das tat sie leider nicht.
Das Crescendo klang von fern an sein Ohr. Es schien ihm,
als kämpften die Hörner mit den Geigen. Während Pleiter auf seine Hände
starrte, kam ihm plötzlich ein böser Verdacht, und er schloss entsetzt die
Augen.
Wer oder was gab ihm die Gewissheit, dass er tatsächlich
in einem Konzertsaal saß? Vielleicht war dies alles nur ein Trugbild, die
Wahnvorstellung seines kranken Geistes? Vielleicht überstiegen die Schrecken
der Wirklichkeit seine Ängste vor der Blamage um ein Vielfaches? Vielleicht war
er an einen elektrischen Stuhl gefesselt und wartete auf den tödlichen
Stromstoß? Vielleicht war der Dirigent der Direktor der Haftanstalt, der das
Urteil verlas?
Gleich würde seine allerletzte Frist abgelaufen sein! Wo
blieb der Einspruch des Gouverneurs, wo die Bewilligung seines Gnadengesuches?
Sollte es für ihn etwa keine Gnade geben? Woher nahmen die Menschen das Recht,
Barmherzigkeit allein Gott zu überlassen?
Da hatte er nun die ganze Zeit gesessen und in den
letzten, den kostbarsten Augenblicken seines Lebens von der Vergangenheit
geträumt, und gleich würde das Ende kommen. Zu welchem Trugbild hatte sein
armer, verzweifelter Geist gegriffen, um ihn zu täuschen und zu trösten!
Sicher, seine Hände waren tatsächlich weit ausgestreckt,
aber nicht, um die Tasten eines Klaviers zu erreichen, sondern weil sie in
stählernen Fesseln steckten. Auch die Füße standen starr, denn sie wurden von
Eisenklammern gehalten. Nun spürte er auch die harte Elektrode auf seinem
rasierten Kopf. Ein Schauder überzog ihn.
Die Henkersmahlzeit vom vergangenen Abend lag ihm noch im
Magen. Er spürte den dumpfen Schmerz und die Übelkeit, die langsam in ihm
aufstieg. Wahrscheinlich würde er sich gleich übergeben müssen. Lange konnte er
den Brechreiz nicht mehr zurückhalten. Er würde sich beschmutzen. Alle würden
sich vor ihm ekeln. Er musste sofort losgemacht werden, damit er aufstehen und
zur Toilette gehen konnte. Danach konnten sie mit ihm machen, was sie wollten.
Aber Pleiter durfte sich nicht erheben. Er war auf seinen
Stuhl gebannt. Die Hauptperson der Veranstaltung ließ man nicht so einfach
aufstehen und gehen. Sie musste bis zuletzt ausharren und eine gute Figur
machen.
Hinter der Scheibe saßen die Zuschauer und verfolgten
jede seiner Bewegungen, interessierten sich für das Spiel seiner Miene. Pleiter
nahm sich vor, das Ende mit Anstand und Haltung über sich ergehen zu lassen.
Man sollte ihm nichts nachsagen können. Von diesem Solisten würde man noch
lange mit Respekt erzählen!
Aber für wen sollte er denn Haltung bewahren? Wem sollte
er Anstand zeigen? Doch nicht etwa dem Pack da draußen, das vorhatte, ihn
sinnlos zu morden?
Wie war er nur auf dieses absurde Szenario eines Konzertsaales
verfallen? Oder war es vielleicht doch real? Was war nun tatsächlich die
Halluzination? Saß er vor einem Klavier und träumte von der Hinrichtung? Oder
befand er sich auf dem elektrischen Stuhl und bildete sich ein, ein Konzert
geben zu müssen?
Pleiters Kopfschmerzen nahmen zu, und die Schmerzen in
seinem linken Arm wurden unerträglich.
Diesmal hatte Elise selbst den Tisch gedeckt, und das
Essen war üppig gewesen. Weißer Satin lag auf der großen Tafel. Ein
fünfarmiger, silberner Kerzenleuchter warf sein warmes Licht auf köstliche
Speisen. Satt lehnte sich Pleiter zurück. Elise, die neben ihm saß, sah ihn
lange an.
„Du tust es für uns beide“, sagte sie. „Es wird nicht
schlimm werden, wenn du mir vertraust. Lange bevor das Konzert beginnt, werden
wir die ganze Komödie abblasen können. Wir müssen nur Zeit gewinnen, damit ich
alles ordnen kann. Denke immer daran, es geht lediglich um ein paar Stunden. Es
ist unser gemeinsames Geld, das ich retten muss. Wir wollen doch glückliche
Jahre zusammen verbringen! Wenn du dich ganz fest auf mich verlässt und dir
dies immer vor Augen hältst, so wirst du es durchstehen können.“
Der Mann atmete schwer, als sie fortfuhr: „Stell dir
stets den Moment vor, wenn alles überstanden ist und du zu mir zurückkommst!
Wir werden eine gemeinsame Zukunft haben, die das kleine Opfer wert sein
sollte.“
Bei diesen Worten fiel ihm das alte Lied der Südstaaten
ein, mit dem sie die Kavaliere in den fürchterlichen Bürgerkrieg geschickt
hatten: „When Jonny comes marching home again,
hurray, hurray. We'll give him
a hardly welcome then, hurray, hurray.“
Elise würde ihn herzlich empfangen, und endlich würde er
ihr Mann sein.
Auch seine Mutter hatte damals am Bahnhof tröstende Worte
gefunden. Sie sprach vom Wiederkommen, von seiner großen Chance in der Stadt,
und wie sehr sie sich auf seine Rückkehr freute. Und dann hatte es keine
Rückkehr gegeben.
“And the men will cheer and the boys
will shout and the ladys will all come out.”
Ein kalter Wind hatte auf dem Bahnsteig geblasen, und
kühl hatte die Mutter ihren Sohn verabschiedet. Der saß im Zugabteil und
presste die Nase an die Fensterscheibe. Tränen rannen ihm übers Gesicht.
Sie aber stand auf dem Bahnsteig, winkte noch leicht mit
der Hand und wandte sich dann ab, lange bevor noch der Zug fuhr. Langsam schritt
sie zum Ausgang. Zurück blieb ein kleiner Junge, der sich die Nase an der
Scheibe plattdrückte, dessen Hände zitterten, und der schließlich die Tränen
nicht mehr zurückhalten konnte.
„Alle Frauen sind Dirnen“, dachte Pleiter, „nur meine
Mutter war eine Heilige.“
Das Vorspiel näherte sich dem Ende. Mit Kinderliedern war
Pleiter in dieser Situation nicht zu helfen. Doch seine Angst hatte den
Höhepunkt überschritten. Kein Lebewesen kann ständig in Spannung leben, und
auch der Mensch gewöhnt sich an die Todesdrohung. Dies bestätigen Soldaten, die
tagelang im feindlichen Feuer gelegen hatten und Kandidaten, die aus der
Todeszelle entkommen waren. Warum sollte dann Pleiter nicht auch endlich Ruhe
finden? Ruhe zumindest für die paar Takte, die noch bis zu seinem Einsatz
blieben.
Nun, da die Not am größten, war seine Mutter sicher nicht
weit. Jetzt musste sie endlich einmal zu ihm stehen und konnte ihn nicht mehr
verlassen. Vielleicht saß sie in diesem Augenblick hinter der Glasscheibe und
beobachtete ihn voller Mitleid? Sicher war sie zufrieden, dass er so viel
Selbstbeherrschung zeigte! Sie würde sich nun nie mehr von ihm abwenden.
Aber wahrscheinlich hatte sie gar keine Zeit, um ihn zu
beobachten. Hektisch würde sie von einer Instanz zur anderen laufen, um in
letzter Minute einen Aufschub des Todesurteils zu erreichen. Vor dem Gouverneur
würde die alte Frau auf den Knien liegen und um das Leben ihres einzigen Sohnes
flehen. Das steinerne Gesicht des mächtigen Mannes demütigte sie, und doch ließ
sie sich nicht entmutigen.
Sie konnte natürlich auch im Konzertsaal sitzen.
Schließlich wollte sie den Triumph ihres Sohnes erleben ‑ und würde doch
so bitter enttäuscht werden. Er hatte sie immer enttäuscht, so lange er
zurückdenken konnte. Die größte Schande hatte er damals in der Klavierstunde
über sie gebracht.
Doch die Mutter hatte die Situation in den Griff
bekommen. Sie hatte gewusst, was es zu tun galt. Unauffällig aus dem
Hintergrund hatte sie alles bereinigt.
Sie saß immer im Hintergrund. Auch diesmal würde sie in
einer der hinteren Reihen sitzen, so wie es ihre Art war. Erwartungsvoll würde
sie auf die Bühne schauen. Ob sie diese Situation wohl auch in den Griff
bekommt?
Konzertsaal oder Todeszelle, die Hauptsache für sie würde
sein, dass ihr Sohn eine gute Figur macht. Und die wollte er machen. Die Mutter
sollte stolz auf ihn sein. Alle ihre Hoffnungen wollte er erfüllen. Dann würde
sie ihn in den Arm nehmen und nie wieder wegschicken.
Zorn überfiel Pleiter, als er daran dachte, dass ein Mann
mit seinen groben Händen jemals diese Frau angerührt hatte. Hände, die im Schoß
der Klavierlehrerin gewühlt hatten. Auf diesen Koloss von Mann hatte er
eingeschlagen und war doch nur wie eine lästige Fliege hinweggewischt worden.
Seine Mutter, die Klavierlehrerin, Elise: Wer stellt sich
vor die schwachen, hilflosen Frauen? Wer rettet sie vor den Männern mit den
groben, kurzfingerigen Händen? Wie können solche Männer Pianisten werden?
Da steht dieser Mann in seinem Frack, arrogant und
mächtig. Seine Manschetten sind gestärkt, und auf den goldenen
Manschettenknöpfen glitzern Diamanten. Aus den Ärmeln ragen Hände, und diese
Hände machen die geliebte Frau wehrlos. Sie betasten ungeniert ihren Körper,
kneifen hemmungslos in die kleine Brust. Diese Hände finden keine Ruhe und kein
Genügen. Sie wandern tiefer, zerren den Rock hoch, greifen gierig in den weißen
Schlüpfer.
Pleiter kann nicht länger an sich halten. Er muss auf
diesen bestialischen Mann zugehen, muss in dieses Gesicht schlagen und immer
wieder schlagen.
Nach dem ersten Besuch von Schnauzer war Elise viel
unterwegs gewesen. Als Erklärung gab sie lediglich „dringende Geschäfte“ an.
Schnauzer hatte immer häufiger vor ihrem Haus gestanden,
und bald gab es keinen Zweifel mehr: Er verfolgte Pleiter, sowie dieser auf die
Straße ging.
Dann kam das Telegramm, das Elise erblassen ließ. Die
Agentur hatte ohne Rücksprache ein Konzert im großen Sendesaal des Rundfunks
vereinbart. Sie vermutete hinter dieser Heimtücke Schnauzers Werk, obgleich
derartige Vertragsabschlüsse nicht unüblich waren.
Die Falle war perfekt. Das Paar musste nun Farbe bekennen. Elises
Vorbereitungen waren noch nicht abgeschlossen, und ihre Aktivitäten wurden
immer hektischer. Pleiter bekam sie kaum noch zu Gesicht. Der Konzertabend
rückte näher und näher. Mozart, wie auf dem Programm.
Am vierten Abend vor dem gefürchteten Tag rief sie ihn zu
sich. Sie saß auf der weißen Ledercouch, trug ein weißes Kleid und blickte
versunken über den Rhein. Wie immer setzte sich Pleiter ihr gegenüber. Aber
diesmal klopfte sie auf den Platz neben sich. Dann nahm sie seinen Kopf in ihre
Arme und küsste ihn innig und tief. Er hielt ganz still.
Nach einer Weile machte sie sich an seiner Hose zu
schaffen. Später, sie hatte sich die Hände gewaschen, sagte sie: „Am Konzerttag
entscheidet sich alles. Wir müssen Zeit gewinnen. Es kann um Minuten gehen. Du
kannst dich darauf verlassen, dass ich dich nicht im Stich lasse, aber du wirst
dir nun tatsächlich einen Frack besorgen müssen.“
Pleiter wusste, dass seine Hinrichtung unmittelbar
bevorstand. Jeder Muskel seines Körpers war gespannt. Er war ganz Bereitschaft,
den tödlichen Stromstoß zu erdulden. Sein Leib würde sich aufbäumen, die Augen
aus ihren Höhlen quellen. Der Mensch Pleiter würde dann nur noch ein Bündel
Schmerz, Qual und Todesangst sein. Diesem grausamen Schicksal war er
ausgeliefert. Dagegen wäre die Blamage auf dem Konzertpodium nur ein dürftiger
Karnevalsscherz. Wenn er tatsächlich vor dem großen Flügel säße, würde er
lachend in die Tasten greifen, sein Unvermögen kundtun und dazu stehen. Ja, er
würde endlich einmal in seinem Leben zu seinen Schwächen stehen. Dies wäre ein
neuer Anfang.
Die Fahrt im Taxi von der Villa zum Konzertsaal war
schlimm gewesen. Es hatte in Strömen geregnet. Pleiter hatten die Hände
gezittert, als er vor sich hinsummte: „Hänschen klein, ging allein, in die
weite Welt hinein.“
Aber er konnte sich nicht konzentrieren. Abschnitte
seines Lebens rasten durch seine Erinnerung. Irgend etwas wurde mit dieser
Fahrt unwiederbringlich beendet.
Mechanisch klopfte er den Rhythmus des Kinderliedes, der
irgendwann beinahe unmerklich überging in ein anderes Lied: „When Jonny comes marching home again,
hurray!“
Der Zynismus dieses Liedes wurde ihm von Sekunde zu
Sekunde bewusster. Sie alle, die zu Hause bleiben und feiern können, freuen
sich großmütig, wenn der arme Soldat aus der Schlacht zurückkehrt. Oh, zu
welchem Edelmut ist dieses Pack fähig! Die Frauen sind sogar bereit, ihren
dummen Tratsch für kurze Zeit zu unterbrechen und vor das Haus zu treten.
Jonny, sie sind es nicht wert, dass du zu ihnen zurückkehrst, und sie sind es
noch weniger wert, dass du für sie stirbst.
Schnauzer, der sich ohne viel zu fragen gleich bei der
Abfahrt zu ihm ins Taxi gesetzt hatte, war schweigsam gewesen und hatte sein
Opfer ruhig aber interessiert betrachtet.
Unvermittelt hatte sich Pleiter an ihn gewandt und
gesagt: „Eines Tages werden die Soldaten auf das 'Hurray’
der Frauen pfeifen. Die Ehre und all' die Pflichten, die sie im Leben erfüllen
sollen, werden sie nicht mehr interessieren. Die Hänschen werden die weinenden
Mütter vergessen. Sie werden durch die Weit ziehen, und sie werden sich Häuser
bauen, da, wo es ihnen gefällt. Verdammt noch mal, das werden schöne Zeiten
sein!“
Die Zeit vor dem Konzert war im Nu verronnen. Elise hatte
es so arrangiert, dass eine Probe nicht abgehalten werden konnte. Man musste
dem weltberühmten, versierten Pianisten auf Gedeih' und Verderben vertrauen.
Pleiter war auf und ab gelaufen und hatte auf den rettenden Telefonanruf
gewartet. Dann war Pleiters großer Auftritt gekommen.
Willenlos und ohne nachzudenken hatte er die Bühne
betreten: „Hänschen klein comes marching
home again!“
Pleiter schüttelte energisch den Kopf und streifte seine
Angst ab. Er öffnete die Augen, setzte sich zurecht und war bereit für seinen
Einsatz. Ein neuer Triumph wartete auf ihn. Alle sollten sie „Hurray“ rufen und das mit vollem Recht. Er war nicht mehr
der kleine Hans, sondern hatte sich zum siegreichen Jonny gemausert.
Der Dirigent hob den Taktstock, der Pianist spannte die
Muskeln, und sein ganzes Sein war nur noch Aufmerksamkeit. Seine Gedanken hatte
er zurückgedrängt, er hatte sich innerlich selbst aufgegeben und völlig der
Musik übereignet.
Plötzlich ging ein Raunen durch den Saal. Der
Kapellmeister hielt verwirrt inne, die Musik brach ab. Nur ein einsamer Cellist
spielte noch ein paar Takte weiter, bis der Dirigent unwillig abklopfte. Der
Delinquent wandte sich auf seinem Schemel um und sah einen Konzertdiener mit rudernden
Armen vom Bühneneingang her durch die Musiker eilen. In Sekundenschnelle wurde
er am Arm gefasst und hinausgezogen. Draußen stand er vor seinem Ebenbild. Der
Mann musterte ihn kurz und hastete dann hinaus ins Rampenlicht. Pleiter hörte
durch die Kulisse ein paar gedämpfte Worte, dann setzte die Musik wieder ein.
Das Orchestervorspiel begann von vorn und bald darauf wurde der Steinwayflügel
von routinierter Hand gespielt. Pleiter hatte
ausgespielt. Seine Rolle war beendet. Gleichgültig, ob sein Gnadengesuch in
letzter Sekunde bewilligt worden war oder ob Elise zuletzt doch noch Erfolg
gehabt hatte, ihm blieb nur noch die Erinnerung an das Scheinwerferlicht. Er
hatte seinen Auftritt gehabt, war einmal im Leben Solist gewesen. Leider aber
nur für ein kurzes Vorspiel.
***
Soweit wäre die Geschichte zu einem glücklichen Ende
gebracht, obgleich, das muss zugegeben werden, noch viele Fragen offen
geblieben sind. Aber sind diese Fragen denn wichtig? Es ist doch müßig, darüber
zu spekulieren, welche Entschuldigung man zum Beispiel dem Publikum vortrug, um
die Unterbrechung des Konzertes zu erklären.
Natürlich wäre es angenehm, nähere Einzelheiten zu
erfahren. Wer ist schon frei von Neugierde! Doch lassen wir uns den Blick nicht
verstellen von Details. Das Leben verlangt die Konzentration auf das
Wesentliche. Somit soll dahingestellt bleiben, weshalb Elise Zeit gewinnen und
Pleiter in die nervenaufreibende Komödie treiben musste. Vielleicht ging es um
viel Geld, möglicherweise sogar um ein Kapitalverbrechen. Die Wege des
Schicksals sind verschlungen, und die Aufdeckung dieses Kriminalfalls ist eine
eigene Geschichte.
Wenn die reitenden Boten des Königs kommen, wendet alles
sich am End' zum Glück. In Pleiters Leben war es zwar nur ein Orchesterdiener.
Ob sich aber für den Mann tatsächlich alles zum Glück gewandt hat, muss noch
dahingestellt bleiben. Zumindest war er aus seiner misslichen Lage auf dem
Podium befreit worden.
Wie auch immer, man hatte Pleiter nach seinem
überstürzten Abtritt vergessen. Schließlich sieht man die im Dunkeln nicht, und
das Licht schien nun wieder auf jene, die daran gewöhnt waren, sich in ihm zu
bewegen. Er blieb eben der ewige Verlierer. Vielleicht sollte er damit
zufrieden sein? Den Scheinwerfer wieder auf diesen traurigen Helden zu richten,
hieße in der Tat, das schöne Happy End in Frage zu stellen. Ob Pleiter auch
fürderhin seinen Zwangslagen entkommen kann, ist fraglich. Happy Ends sind
selten befriedigend und nie originell. Aber sie vermitteln Wohlbehagen und
verbreiten gute Laune. Die weitere Beschäftigung mit Pleiter bedeutet auch,
sich der Tragik des Lebens zu stellen.
Der verhinderte Pianist war, noch während das Konzert
nach Hause zu Elise gefahren. Aber wenn er geglaubt hatte, sie würde ihn mit
offenen Armen empfangen, so sah er sich getäuscht. Zwar ließ sie ihm Zeit,
seine Sachen zu packen, doch dann wies sie ihn höflich und bestimmt aus dem
Haus. Die Kleider, die sie für ihn gekauft hatte, durfte er behalten. Auch
erhielt er ein paar hundert Mark Honorar. Damit aber war die Sache für Elise
erledigt.
Sie hatte Pleiter eingekauft und bezahlt, und zum
Abschied vermied sie das vertraute „du". Pleiter war wieder ein Fremder,
der schließlich mit seinem Koffer auf der Straße stand, und die
kupferbeschlagene Tür hatte sich hinter ihm geschlossen.
In diesem Augenblick tauchte Schnauzer auf und lud
Pleiter zu einem Bier ein. Sie hatten beide ihr Spiel verloren. Während sie so
saßen und tranken und rauchten, wurde der gefürchtete Schnauzer seinem
ehemaligen Opfer sympathisch. Pleiter hatte den ersten Freund seines Lebens
gefunden.
Die beiden Helden leckten sich die Wunden, und das
Pianistenehepaar reiste nach Amerika zurück. Trotz der Abfuhr, die Pleiter
erhalten hatte, konnte er in der folgenden Zeit nur noch an Elise denken. Ihr
Bild begleitete ihn in seine Alkoholträume und verließ ihn auch nicht in den
seltenen nüchternen Stunden. Am Tag hasste er sie, und nachts liebte er sie
doch. Er zeichnete mit ungeschickten Strichen ihr Bild und schrieb ihr Briefe,
die er nicht abschickte. Jede Minute der gemeinsam verbrachten Zeit rief er
sich in die Erinnerung zurück. Verzweifelt versuchte er zu ergründen, was er
wann falsch gemacht hatte.
Pleiter war sicher, dass ihn Elise irgendwann geliebt
haben musste. Diese Liebe würde wieder erwachen. Die Rückkehr von Elise war nur
eine Frage der Zeit. Er wagte kaum noch, seine Wohnung zu verlassen, wollte um
jeden Preis zu Hause sein, wenn sie kommen würde. Selbst auf der Toilette
fürchtete er, das Telefon zu überhören.
Endlich rang sich Pleiter zu einer großen Tat durch.
Bereit, einmal im Leben aus eigenem Antrieb zu handeln, besorgte er sich Geld.
Vielleicht pumpte er es, vielleicht stahl er es auch. Jedenfalls reichte der
Betrag für einen Flug nach Amerika. In einem Hotelzimmer in Boston überraschte
er die geliebte Frau. Sie war gerade dabei, Briefe zu schreiben. Auf dem Bett
lag ein geöffneter Koffer, aus dem zarte Spitzenunterwäsche quoll.
Als sich ihr der Mann zu Füßen warf, war Elise nicht
erschrocken, sondern nur ein wenig verwirrt und dann recht unwirsch. Sie
schnitt Pleiters Redeschwall mit einem „papperlapapp“ ab und wies ihm die Tür.
Dies war zu viel für den liebenden Pleiter.
Er wusste, er musst sie nun verführen oder alles wäre
verloren. Deshalb stürzte er sich auf sie, zerrte an ihren Kleidern und fuhr
mit seinen Händen über ihre zarte Haut und über das weiche, krause Haar. Sein
Kuss erstickte ihren Schrei und seine Arme hielten sie mit eisernem Griff fest.
Elise wehrte sich verbissen, aber sie hatte keine Chance
gegen den Mann, der ständig stammelte: „Ich will dich doch nur glücklich
machen.“
Endlich gab sie auf und lag matt und willenlos da.
Pleiter wertete dies als die ersehnte Zustimmung. Schon sollte beider Glück
vollkommen sein, da öffnete sich die Tür, und der Doppelgänger übersah mit
einem Blick die Situation. Er eilte der Frau zur Hilfe.
Pleiter, so nahe an seinem Ziel, kapitulierte zum ersten
Mal in seinem Leben nicht. Er stieß den anderen so heftig zurück, dass dieser
durchs Zimmer taumelte. Beim weiteren Kampf unterlag der fremde Mann und wurde
von Pleiter erbarmungslos zusammengeschlagen. Zunächst mit Hieben in den Magen
und dann ins Gesicht. Schließlich, als seine Hände zu sehr schmerzten, nahm
Pleiter den schweren Steinaschenbecher vom Tisch und prügelte weiter auf den
Nebenbuhler ein. Der lag inzwischen auf dem Boden und rührte sich nicht mehr.
Er trug einen schwarzen Frack mit weißer Fliege, und als ihm Pleiter die Hände
zermalmte, war er längst tot.
Damit hat die Geschichte noch ein vorläufiges Ende
erreicht. Der Held, den wir in der absurden Situation auf dem Konzertpodium
kennen gelernt haben, hat ein weiteres Mal wie ein Idiot agiert. Sein Untergang
ist unabwendbar. Dabei ist er nicht einmal eine tragische Figur. Dummheit hat
recht wenig Tragik an sich. Das Mitleid mit dem „tumben Toren“ hält sich in
Grenzen.
***
Als ich die Vorfälle aufzuzeichnen begann, hatte ich noch
die Hoffnung, alles könnte gut ausgehen. Ich war sogar neugierig, was sich wohl
aus dem seltsamen Plot entwickeln würde. Nun sitze ich betroffen vor den
Scherben meiner Geschichte.
Ich will resümieren: Bei aller Verachtung, die wir
Pleiter entgegenbringen, er ist unglücklich. Daran ist nicht zu deuteln. Das
eigene Unglück ist immer das Schlimmste, auch dies ist eine Wahrheit; und der
verschmähte Liebende ist sicher so unglücklich wie der unheilbar Kranke oder
der zahlungsunfähige Schuldner. Ein Unterschied liegt wahrscheinlich nur darin,
dass Leid und Schmerz jeweils verschieden rasch vergehen. Diese Gewissheit,
dass alles in diesem Leben einmal endet, ist sicher tröstlich, aber durch sie
verliert auch wirkliche Tragik ihre letzte Basis.
Die Kunst des Dichters besteht darin, Momente zu
schildern, in denen große Gefühle im Menschen wirken. Allerdings muss er, wenn
Alltag und Gewöhnung beginnen, rasch ein Ende finden. Nur so kann er sein
Publikum mitreißen, auf Zustimmung bauen und Wahrhaftigkeit attestiert
bekommen.
Es hat mir Spaß gemacht, Menschen zu erfinden und sie
allgewaltig zu beherrschen. Aber nun weiß ich nicht mehr, wo beginnt und wo
endet meine Freiheit als Schöpfer?
Haben meine Figuren nicht längst ein Eigenleben gewonnen,
sich von mir befreit? Hat nicht längst ein Teil Pleiters von mir Besitz
ergriffen? Bin ich inzwischen vielleicht sogar so tief in den Strudel der
Ereignisse hineingezogen worden, dass ich die Selbstbestimmung über mich selbst
verloren habe? Werde ich nun von meiner eigenen Geschichte beherrscht oder gar
zu Grunde gerichtet?
Ich sitze in meinem Zimmer. Eine Wolke hat sich vor die
Sonne geschoben, die bisher meinen Tisch beschien. Es ist so dunkel geworden,
dass ich Schwierigkeiten habe, meine Schrift auf dem weißen Papier zu lesen.
Die Bezeichnung „Zimmer“ ist für die kleine, graue Kammer wahrscheinlich zu
viel der Ehre. Lediglich ein Tisch, Stuhl und Bett stehen zu meiner Verfügung.
Hier sitze ich und erschaffe menschliche Wesen und walte mit ihnen. Und was bin
ich selbst? Der Gefangene eines Dreckloches! Macht ist, so scheint mir, immer
unvollkommen. Ob Gott dies wohl auch so empfindet?
Was würde wohl mit Pleiter geschehen, wenn ich diese
Papiere zerrisse? Würde er aufhören zu existieren? Wäre es Mord? Habe ich
überhaupt noch ein Recht an diesen Personen, die von mir erfunden worden sind?
Vielleicht sind sie inzwischen von mir unabhängig, und ich kann ihnen nichts
mehr anhaben? Meine Geschöpfe würden dann ohne mein Zutun weiterleben, ohne
dass ich fürderhin Kenntnis von ihrem Schicksal hätte. Hat sich meine Schöpfung
nicht längst verselbständigt, ist meinem Einfluss entglitten? Am Ende bin ich
gar nicht der Schöpfer, sondern das Geschöpf? Bin ich meine eigene Erfindung?
Diese Fragen treiben mich in den Wahnsinn. Ich kann die
Kopfschmerzen nicht mehr länger aushalten und muss eine Pause einlegen. Ich
werde mich für eine kurze Zeit aufs Bett legen. Noch habe ich viele Stunden
Zeit und kann mich ausruhen. Nur die Uhr läuft unerbittlich weiter.
Ich habe mir die abendlichen Gespräche von Pleiter und
Elise noch einmal laut vorgelesen und war entsetzt. Alles kommt mir nun so
abgeschmackt vor. Ist meine Geschichte einmal mehr ein Beweis dafür, dass auch
das Ungewöhnlichste immer im Banalen endet? Haftet nicht sogar jeder
„unerhörten Begebenheit“ ein Hauch von Trivialität an? Aber spielt dies
andererseits eine Rolle? Warum sollte ich Trivialität vermeiden? Was soll
dieses Streben nach Originalität? Darf ich überhaupt originell sein und darüber
die Wahrheit vernachlässigen? Ich will mich an die Wahrheit halten, an nichts
als die Wahrheit, und wenn ich auch noch so viele Allgemeinplätze
aneinanderreihen müsste! Das war zum Beispiel auch die Arbeitsweise von Ernest
Hemingway und macht ihn noch immer faszinierend.
Dennoch muss ich mich disziplinieren! Der Text soll auch
vor unabhängigen Augen bestehen können. Ich bin es Pleiter und mir schuldig,
mein Bestes zu geben. Noch habe ich alle Zeit der Welt. Niemand drängt mich.
Alles ist so weit entfernt. Ich bin allein mit mir und mit Pleiter. Ich bin
geborgen in meinem Zimmer. Es ist wie eine warme Hülle, die mich schützend
umgibt. Das Zimmer beengt mich nicht. Es lässt mir die Freiheit, die ich
brauche. Wenn ich mich auf das Bett lege und die Augen schließe, dann gibt es
keine Mauern, dann kann ich die Sonne sehen, und sie blendet mich. Ich spüre
den frischen Wind auf meiner Haut.
Diese Welt ist nicht wirklich, denn sie ist nur in meiner
Vorstellung. Aber meine Vorstellung ist die Welt. Ich sehne mich nach mehr
Wirklichkeit. Meine Geschichte ist wirklicher als diese triste Zelle. Pleiter
ist meine Wirklichkeit. Wie ein Hund bin ich ihm gefolgt. Ich konnte nicht von
ihm lassen und war gleichzeitig sein schärfster Kritiker. Unbestechlich und
ohne Teilnahme habe ich gesehen, wie der Mann gegen sein Leben anrannte. Ich
habe ihn erlebt in seiner Atemlosigkeit und seinen Schmerzen. Obwohl ich kein
Mitleid mit ihm verspüre, so weiß ich doch, dass er jetzt eine Pause benötigt.
Er muss Luft holen können.
Auch ich bin müde, und die Kopfschmerzen nehmen immer
noch zu. Ich glaube, ich sollte mich von Pleiter abwenden. Er beginnt mir leid zu
tun. Ich kann seinem Schicksal nicht länger objektiv zusehen. Ich möchte ihm
helfen, ihm den bitteren Kelch ersparen, den er nun wohl trinken muss. Aber die
Grenzen meiner Allmacht sind erreicht. Ohnmacht ist die Tragik des Schöpfers.
Pleiter ist zum Täter geworden und muss deshalb zwangsläufig auch zum Opfer
werden. Die Rolle des Täters war für ihn neu, die des Opfers sollte er kennen.
Wir sind alle Schöpfer und Geschöpfe, und deshalb
befürchte ich, dass mir die Initiative aus der Hand genommen wird. Ich werde
dieses schützende Gefängnis verlassen müssen und vor mein Publikum treten. Es
wird über meine Geschichte urteilen, und ich muss mit Ablehnung oder sogar
Pfiffen rechnen. Doch will ich alles mit Haltung ertragen. Man wird mir nichts
nachsagen können. Wer sich der Meute stellt, muss auf alles gefasst sein. Wer
den Beifall sucht, muss auch Buhrufe in Kauf nehmen.
Wie kann ich mit Pleiter Ehre einlegen? Darf man bei
soviel Elend, Selbstmitleid, Ungeschick und zerstobenen Träumen mit Gnade
rechnen? Pleiter ist nicht tragisch, sondern ein Ärgernis, und Ärgernisse
müssen beseitigt werden. Sie stören! Durch ihre Vernichtung wird die Ordnung
der Welt wieder hergestellt.
Jeder recht denkende Mensch hat das Recht zu erwarten,
dass Pleiter nun zum elektrischen Stuhl geführt wird. Er ist schließlich ein
Mörder und im übrigen auch ein geborener Verlierer. Außerdem, was kann ihm das
Ende schon ausmachen? Besser ein Ende mit Schrecken als ein Schrecken ohne
Ende. Es kann und wird für ihn niemals besser werden, und deshalb kommt diese
letzte Konsequenz einer Erlösung gleich.
Pleiter kann bei diesem letzten Gang endlich einmal ein
Maß an Selbstbeherrschung zeigen, das auch seinen Kritikern Respekt abnötigt.
Zumindest im Augenblick des Todes sollte Pleiter zu einer achtenswerten
Persönlichkeit werden.
Der Mann wird den schweren Weg durch die nackten, kalten
Gänge antreten. Er wird den Stuhl in seiner unanständigen Zweckmäßigkeit sehen.
Er wird sich ruhig auf seinem letzten Ruheplatz niederlassen, sich nicht zur
Wehr setzen, sich nicht sträuben und die Henker zur Gewalt zwingen. Aufrechten
Hauptes wird er Platz nehmen. Er wird seine Hände ansehen, diese schlanken,
langen Pianistenfinger. Das Herz wird ihm bis zum Halse schlagen, und er wird
nicht atmen, sondern keuchen. Dann wird der Schmerz durch all seine Glieder
fahren, und die Finger werden sich zusammenkrümmen. Der Mund wird sich zu einem
Schrei öffnen, doch nur Blut wird auch ihm herausbrechen. Blut wird auch aus
den Ohren und aus der Nase schießen. Alle Glieder werden sich verkrümmen. Der
Leib wird sich gegen seine Fesseln aufbäumen und endlich in sich
zusammensinken. Dann wird sich der Tod gnädig über ihn legen, eine Gnade, die Pleiter das Leben verweigert hat.
Wenn ich eine Ahnung davon gehabt hätte, dass diese Geschichte
so endet, so hätte ich sie nicht geschrieben. Diesen Tod habe ich nicht
beabsichtigt. Ich bin nicht gefühllos. Allein die Vorstellung dieses Leidens
raubt mir den Schlaf. Die Handlung ist inzwischen viel zu weit gediehen, als
dass ich sie noch ändern könnte. Pleiter ist nun einmal in der Welt. Dennoch
will ich das mir Mögliche unternehmen, um Pleiter sein Schicksal zu ersparen.
Gleichgültig, ob er es verdient hat oder nicht. Dieses Geschöpf klagt
Barmherzigkeit bei seinem Schöpfer ein. Doch ich bin schwach, und meine
Allmacht ist begrenzt. Allein kann ich das Geschick nicht wenden. Ich brauche
Hilfe, wenn ich der Unausweichlichkeit entgegentreten will. Wer kann mir
helfen? Eine große Auswahl an Personen steht nicht zur Verfügung. Die Besetzung
des Stückes war nämlich im Hinblick auf das schmale Budget des Theaters sparsam
gewesen.
***
Wenn ich die Liste des Inspizienten durchgehe, so stoße
ich zuerst auf Pleiters Frau. Sie war mit ihm verheiratet gewesen und musste
ihn doch zumindest ein klein wenig geliebt haben. Außerdem hat er lange genug
für sie gezahlt. Dennoch bin ich mir beinahe sicher, dass ich bei ihr erfolglos
sein werde. Nach meiner Einschätzung ist der Mann inzwischen für sie nur noch
eine Figur, die ihre Erwartungen nicht erfüllen konnte. Er hatte sie versorgen
sollen, war aber seinen Aufgaben nicht ordentlich nachgekommen. Sie hatte noch
versucht, ihm gewissermaßen zu helfen, ihn mit Druck zu seinen Pflichten zu
nötigen. Sie hatte ihr Nörgeln sicher selbst als lästig empfunden, aber das
Leben erfordert eben manchmal eine gewisse Härte. Doch Pleiter hatte sich ihren
Anstrengungen immer wieder entzogen und sich auf der ganzen Linie als Versager
erwiesen. Da war ihr nichts anderes übrig geblieben, als den Loser
abzuschreiben. Zum Glück hatte sie für Pleiter einen Nachfolger gefunden, den
sie sich statt als Liebhaber nun als Versorger küren konnte.
Doch ich bin nicht ohne Hoffnung. Vielleicht hat sie
Pleiter noch nicht ganz vergessen? Vielleicht kann man ihr klarmachen, dass ein
lebender Pleiter als Unterhaltszahler immer noch nützlicher ist, als ein
hingerichteter Verflossener. Man müsste bei der Ehefrau ein Interesse an
Pleiters Weiterleben wecken können. Ich will sie aufsuchen und mit ihr reden.
Der Besuch ist mir unangenehm, und ich würde ihn gerne
aufschieben. Ich verabscheue die Art, wie die Frau mit Pleiter umgesprungen
ist. Doch bleibt mir eine Wahl? So mache ich mich auf den Weg in die Vorstadt.
Vorsichtshalber habe ich mich nicht telefonisch angemeldet. Sie wohnt in einem
Hochhaus. Auf dem Rasen neben dem Eingang spielen Kinder. Sind es die ihren?
Ist Pleiter ihr Vater? Ich fahre mit dem Fahrstuhl in den vierten Stock. Alles
ist geputzt und gepflegt. Neben der Tür des Fahrstuhls hängt ordentlich gerahmt
die Hausordnung. Nach kurzem Zögern klingle ich. Vor mir steht eine Frau Anfang
Dreißig. Ich erkläre ihr, dass es um ihren geschiedenen Mann geht. Sie zeigt
keine Spur von Ablehnung oder Misstrauen, sondern fragt, ob ich sein Anwalt
sei. Etwas verlegen verneine ich und bitte eintreten zu dürfen.
Das Wohnzimmer ist geräumig und mit altdeutschen Möbeln
ausgestattet. Die Frau ist schlank und gepflegt und von der Attraktivität der
unzähligen Models, die auf den Werbebeilagen der Tageszeitung allmorgendlich
Röcke und Unterwäsche vorführen. Als ich berichte, dass sich Pleiter in großen
Schwierigkeiten befindet und dringend Hilfe braucht, nickt sie verständnisvoll.
Und dann, nachdem sie in der Küche Kaffee aufgesetzt hat, beginnt sie ihre
Sicht der Dinge zu erzählen.
Ich erfahre, dass die Wohnung, in der wir sitzen, damals
von Pleiter erworben und anbezahlt worden war. Das Gericht hatte sie der Frau
nach der Scheidung wegen des Kindes zugesprochen. Aber nachdem Pleiter seinen
Zahlungsverpflichtungen nicht nachgekommen war, sei sie mit den Hypotheken in
arge Bedrängnis geraten. Sie habe die vierteljährlichen Zinsen nicht mehr
zahlen können, und wenn ihr damaliger Freund ihr nicht unter die Arme gegriffen
hätte, wäre sie auf die Straße gesetzt worden. Noch heute könne sie nur den
Kopf schütteln über die Herzlosigkeit, die Pleiter damals an den Tag gelegt
habe. Es wäre ihm gleichgültig gewesen, wenn seine Familie das Dach über dem
Kopf verloren hätte.
„Es ging ja damals nicht nur um mich, sondern auch um Tanja,
an der er doch immer so hing. Wenn er mir hätte schaden wollen, so hätte ich
wahrscheinlich sogar Verständnis dafür aufgebracht. Aber an das Kind hätte er
doch denken müssen. Die Kleine konnte doch schließlich nichts dafür.“
Nun, es wäre doch noch einmal alles gut gegangen. Ihr
damaliger Freund hätte uneigennützig geholfen und ihr Geld geliehen. Das
Sozialamt hätte die Alimentenzahlungen vorgestreckt, und so wäre es ihr möglich
gewesen, die Wohnung zu halten. Besonders
die Uneigennützigkeit des Freundes, ihres jetzigen Mannes, betont die Frau
immer wieder. Er hätte geholfen, obwohl er dazu gesetzlich überhaupt nicht
verpflichtet gewesen wäre. Er war damals weder mit ihr verheiratet noch der
Vater des Kindes. Pleiter hingegen, sei rechtskräftig zu Zahlungen verurteilt
gewesen, und gerade er habe sie hängen lassen.
Ich höre ihr zu, nippe an dem heißen Kaffee, und nun
steigt auch in mir Empörung über Pleiters Verhalten auf.
So sei er im Grunde schon immer gewesen, fährt sie fort,
ein ichbezogener, gefühlloser Einzelgänger, der stets allein seine Interessen
verfolgt habe. Sicher, sie beide hätten sich zu früh kennen gelernt. Er und sie
waren sie noch in der Lehre gewesen, die sie dann leider habe abbrechen müssen,
als das Kind gekommen sei. Sie waren halt noch dumm und unerfahren, und der
Mann habe wahrscheinlich vor ihr mit keiner Frau etwas gehabt.
Pleiter hingegen habe die Lehre abgeschlossen und danach
als Werkzeugmacher gearbeitet, um die Familie zu ernähren. Aber abends habe er noch ein Gymnasium besucht. Es sei eine harte Zeit gewesen damals,
sagt sie. Sie habe ganz allein mit ihrem Kind in einer kleinen Altbauwohnung
gesessen. Das Geld reichte hinten und vorne nicht, und von ihrem Mann habe sie
nichts gehabt. Bis spät in die Nacht sei er unterwegs gewesen und selbst an den
Wochenenden habe er über seinen Büchern gesessen. Für Gemeinsamkeiten sei da
nicht viel Zeit geblieben.
„Wenn er dann spät am Abend nach Hause gekommen war und
nachdem er sich seine Spiegeleier in die Pfanne gehauen hatte, kam er zu mir
ins Bett gekrochen, und dann wollte er doch tatsächlich noch mit mir schlafen.
Können Sie sich das vorstellen?“
Überhaupt wäre Pleiter jedes Feingefühl abgegangen. Er
habe sich niemals in die Lage seiner Frau versetzen können. Sie habe sich von
ihm stets vernachlässigt und ausgenutzt gefühlt. Wegen seines Kindes habe sie
ihre Ausbildung abgebrochen und sich quasi in eine triste Wohnung einsperren
lassen. Und zu allem Überfluss sei er auch noch eifersüchtig gewesen und habe
Theater gemacht, wenn sie alte Freunde getroffen hätte. Am liebsten wäre es ihm
gewesen, wenn sie einsam zu Hause gesessen und auf seine Rückkehr gewartet
hätte, gleichsam ein Heimchen am Herd mit gekochtem Essen und
beischlafwilligem Unterleib. Aber für ein derartiges Leben sei sie nicht gemacht.
Zwar wäre sie damals ein dummes, junges Ding gewesen, aber dem Mann untertan,
wie ihre Mutter, habe sie nicht sein wollen.
Das Kind habe er sehr geliebt. Sie dagegen sei immer zu
kurz gekommen. Natürlich sei auch sie nicht aus Stein. Ganz im Gegenteil, sie
möchte sich als eine Frau bezeichnen, die Spaß am Sex hat. Doch auf den
lieblosen Akt zwischen Tür und Angel oder besser zwischen Ausziehen und Ins-Bett-gehen könne sie getrost verzichten.
„Es kam die Zeit, da fiel mir die Decke auf den Kopf, und
ich wachte schon morgens mit Migräne auf. Pleiter registrierte zwar, dass es
mir schlecht ging, aber er konnte mir nicht helfen. Er war auf eine Art
hilflos, die mich rasend und aggressiv machte. Ich erklärte ihm auf seine
Fragen, ich sei einsam. Das Einzige, was ihm als Antwort einfiel, war, er habe
es bald geschafft, und wir kämen dann aus den ärmlichen Verhältnissen heraus.
Vielleicht wollte er mir tatsächlich helfen, denn er
brachte einige Tage später einen Kollegen mit nach Hause. Wir aßen gemeinsam zu
Abend, und es hat zwischen ihm und mir schon nach kurzer Zeit gefunkt. Der Mann
war nicht besonders schön, und er war auch nicht besonders klug, aber er war
ein Mann, der sich für mich interessierte.
Am nächsten Tag klingelte er um die Mittagszeit und
fragte, ob er eine Tasse Kaffee haben könne. Ich bat ihn herein. Dann redeten
wir nicht mehr viel, sondern gingen direkt ins Bett. Es war, als würde ich neu
geboren. Ich war mit meinen 23 Jahren bereits eine alte Frau gewesen, hatte mit
allem abgeschlossen gehabt. Nun entdeckte ich meine Jugend und meine
Sinnlichkeit wieder.
Pleiter freute sich über meine Veränderung. Er brachte
mir sogar hin und wieder Blumen mit. Wir planten eine Urlaubsreise, unsere
erste übrigens und fuhren auch tatsächlich los. Es ging in den Bayerischen
Wald. Tanja kam zu meinen Eltern, und wir verstanden uns prächtig. Da hatte ich
mit einem Mal das Gefühl, ich müsste ehrlich zu ihm sein und ihm alles sagen.
Seine Reaktion war anders, als ich gedacht hatte. Er sah
mich groß an, ging zum Schrank und begann wortlos unsere Koffer zu packen.
Wieder zu Hause entschloss ich mich dann, einen neuen
Anfang in unserer Ehe zu machen. Ich machte Schluss mit meinem Liebhaber. Es
wurde übrigens auch Zeit. Nachdem die erste Leidenschaft verflogen war,
entpuppte er sich als Chauvi, der lediglich zu mir kam, um sich seinen
regelmäßigen Sex abzuholen.
Pleiter machte sein Abitur, und ich schöpfte Hoffnung.
Ich törichtes Huhn meinte, nun werde alles anders. Aber da hatte ich mich
wieder einmal getäuscht. Pleiter begann nämlich zu studieren und war nun noch
weniger ansprechbar, als zu Zeiten des Abendgymnasiums.
Halt, es gab doch einen Unterschied zu früher: Wir hatten
nun noch weniger Geld. Pleiter konnte nicht mehr regelmäßig arbeiten, und wir
mussten von dem leben, was der Staat uns gnädig zukommen ließ. Sicher, er
arbeitete in den Ferien, aber was da hereinkam, reichte gerade, um die notwendigsten
Kleider für mich und Tanja zu kaufen. Ich kann ihnen sagen, es ging uns
beschissen.
Und noch immer hatte ich keinen Mann und das Kind keinen
Vater. Pleiter arbeitete und arbeitete, und wir zahlten auf ein Konto ein,
genannt 'Zukunft'. Es ging uns immer schlechter. Schließlich kam die Zeit, da
konnte ich ihn nicht mehr sehen. Ich hätte ihn umbringen können, diesen
Wahnsinnigen, der ständig von der Zukunft sprach und unsere Gegenwart
ruinierte. Natürlich lief im Bett schon lange nichts mehr; ich wäre sicher
wieder fremdgegangen, wenn jemand da gewesen wäre.
Wissen Sie, untreu zu sein ist gar nicht so einfach. Man
muss dazu erst jemanden haben. Frauen, die untreu sind, suchen nicht jemanden
aus, der besser ist als der eigene Mann, sondern sie nehmen den, den sie
bekommen können. Aber das werden die Männer wohl nie begreifen und weiter so
blöde Fragen stellen wie: 'Warum hast du das getan? Ist er denn besser im Bett
als ich? Sieht er besser aus, ist er charmanter? Was ist denn an ihm dran?'
Natürlich ist nichts an den Liebhabern dran, und sie
sind, wenn der Reiz der Neuheit verflogen ist, genauso öde im Bett wie der
eigene Mann. Aber sie sind nun einmal da, sie sind anders, sie bemühen sich,
sie führen nur ihr Sonntagsgesicht vor. Das ist es, was den Reiz des
Fremdgehens ausmacht. Ein Verhältnis wäre damals Labsal für meine verwundete
Seele gewesen und hätte mein Selbstbewusstsein wieder aufpoliert. Pech, dass
sich niemand gefunden hat.
Die Zeit des Studiums ging auch vorüber, und eines Tages
lud mich ein frisch gebackener Diplomingenieur zum Abendessen ein. Ich dachte,
jetzt kann es nur noch aufwärts gehen. Aber Pustekuchen! Von nun an stürzte
sich der Herr ganz in seinen neuen Job. Er wollte es zu etwas bringen ‑
für uns, wie er sagte. Pleiter arbeitete Tag und Nacht. Wenn er nicht auf
Dienstreisen oder Montage war, dann saß er zu Hause über seinen Zeichnungen und
Plänen. Finanziell ging es uns in dieser Zeit natürlich traumhaft. Er
überschüttete mich mit Geschenken. Er kaufte diese Eigentumswohnung und begann
sie in seiner spärlichen Freizeit auszubauen, damit sie noch perfekter wurde.
Wir sollten es einmal ganz schön haben, wie er immer wieder betonte. Glücklich
wollte er mich und Tanja sehen. Ich sollte die Durststrecke, die wir drei
durchgemacht hatten, nicht bereuen.
Wenn ich so zurückdenke, dann glaube ich, dass ausgerechnet
er der beste Ehemann der Welt sein wollte. Pleiter verstand nicht, weshalb ich
so enttäuscht war und immer unzufriedener wurde. Gar zu gerne hätte er noch ein
zweites Kind gehabt, doch ich ließ ihn nicht mehr an mich heran. Ich hatte die
Nase endgültig voll. Die Rolle der grünen Witwe liegt mir ganz und gar nicht.
Ich nahm mein Leben in meine eigenen Hände, begann Tennis zu spielen, besuchte
Volkshochschulkurse, baute mir einen Freundeskreis auf.
Ich lernte jetzt auch andere Männer kennen, und eines
Tages war es so weit. Es gab keinen besonderen Anlass. Er war wie immer spät
nach Hause gekommen, hatte sich eine Fertigsuppe eingerührt und beim Essen die
Tageszeitung gelesen. Ich hatte mich in der Küche zu ihm gesetzt, und als er
mit dem Essen fertig war, habe ich ihm erklärt, dass ich mich von ihm trennen
möchte und ihn gebeten, sich eine Wohnung oder ein Zimmer zu suchen. Ich habe
ganz ruhig mit ihm gesprochen, an seine Vernunft appelliert, ihm erklärt, wir
könnten Freunde bleiben, und er dürfe die Kleine so oft besuchen, wie er wolle.
Was dann kam, damit konnte ich nicht rechnen. Ich hatte
noch in Erinnerung, wie ruhig er damals im Bayerischen Wald reagiert hatte,
und dachte, er würde sich diesmal wieder so verhalten. Weit gefehlt! Er zog die
große dramatische Show ab. Tränen wechselten mit Vorwürfen. Was er denn falsch
gemacht hätte, ob ich mehr Geld brauche, wenn ich wollte, würde er noch mehr
arbeiten. Auf Händen wolle er mich tragen und ähnlichen Schmäh. Er hatte nie
etwas verstanden und verstand auch diesmal nichts.
Nun gut, diese Nacht ging auch vorbei! Ich brachte ihn so
weit, dass er sich ein Zimmer suchte, überstand all die Anrufe von ihm bei Tag
und bei Nacht, ignorierte seine Selbstmorddrohungen, wies ihn mit viel Geduld
immer wieder aus der Wohnung, in die er anfangs noch täglich kam, und tröstete
das Kind. Hätte ich damals nicht meinen Freund gehabt, der mich unterstützte
und mir Halt gab, ich hätte das nicht durchgestanden.
Dann kam endlich die Scheidung. Das Kind wurde natürlich
mir zugesprochen und wegen des Kindes auch die Wohnung. Pleiter war
unterhaltspflichtig, und es hätte alles gut werden können. Aber nun kommt das
dicke Ende. Er weigerte sich zu zahlen. Er ließ mich einfach hängen. Zum Glück
hielt mein Freund zu mir. Er war inzwischen zu mir gezogen. Ich weiß nicht, was
ohne ihn geworden wäre. Ganz ehrlich, soviel Rücksichtslosigkeit hätte ich dem
Pleiter nicht zugetraut. Hatte er all die gemeinsamen Jahre vergessen? Die
schweren Zeiten, in denen ich zu ihm gehalten hatte? Glatt verhungern hätte er
uns lassen. Gleichgültig wäre es ihm gewesen, wenn man die Wohnung
zwangsversteigert hätte. Damals habe ich begriffen: Erst in der Krise lernt man
einen Menschen richtig kennen.
Wir sind dann gerichtlich gegen ihn vorgegangen, aber ohne
Erfolg. Es kam noch einmal ein größerer Scheck, ich weiß gar nicht, wer ihn
ausgestellt hatte, und danach habe ich nichts mehr von ihm gehört. Was mich
wundert, ist, dass er sich nie mehr nach seiner Tochter erkundigt hat. Aber
wahrscheinlich habe ich mich auch in diesem Punkt, so wie in all den anderen,
in ihm getäuscht!“
Während dieser langen Erzählung ist es im Zimmer düster
geworden. Nur ein schaler, kalter Rest Kaffee ist in meiner Tasse
zurückgeblieben. Ich bin dieser Frau, die so offen über ihre schlimme
Vergangenheit gesprochen hat, in diesen Stunden näher gekommen. Meine Abneigung
gegen Pleiter hat sich weiter vertieft. Und doch fühle ich mich verpflichtet,
ihm zu helfen. Dazu aber brauche ich die Unterstützung dieser Frau. Ganz
gleich, was sie mit Pleiter erlebt hat, sie muss zu seinen Gunsten aussagen.
Ihr Zeugnis könnte Wunder wirken. Ich beschreibe die auswegslose Situation des
Mannes und beschwöre sie, Pleiter habe doch auch seine guten Seiten gehabt.
Doch sie schüttelt nur den Kopf. Zwar habe sie den alten
Groll längst vergessen und wünsche ihrem Ex-Mann, trotz allem, was er ihr
angetan habe, heute nichts Böses mehr. Aber sie müsse an das Kind denken. Im
übrigen wäre es ihrem Lebensgefährten, sie sagt tatsächlich ‚Lebensgefährten’,
nicht recht, wenn sie sich jetzt mit seinem Vorgänger beschäftige. Es müsse
endlich Schluss sein mit der Vergangenheit.
Ich appelliere an ihre Menschlichkeit, an ihre Feinfühligkeit,
und mache sie ein wenig unsicher. Schließlich erklärt sie mir verlegen, ich
könne zu ihr zurückkommen, wenn ich keinen anderen Menschen gewänne, der für
Pleiter gut spreche. Sie wolle sich in der Zwischenzeit alles noch einmal
überlegen.
Auf meinen Hinweis, die Zeit dränge, meint sie nur, dann
müsse ich mich eben beeilen.
Schließlich werde ich rasch und energisch aus der Wohnung
hinauskomplimentiert. Die Tochter käme nun gleich von der Klavierstunde. Auch
werde in Kürze der Lebensgefährte erwartet. In der Tür beim letzten Händedruck
frage ich sie noch, ob ihr derzeitiger Lebensgefährte identisch sei mit dem
Freund, der ihr damals nach der Scheidung beigestanden habe. Sie lächelt und
schüttelt verneinend den Kopf.
Obwohl ich nur wenig erreicht habe, bin ich von diesem
Besuch angenehm überrascht. Ich hatte mir den Bittgang schwieriger vorgestellt,
hatte mit Vorwürfen und Zornesausbrüchen gerechnet. Statt dessen traf ich eine
nette, junge Frau, die ohne Groll ihre einsamen Jahre mit Pleiter beschrieb.
Sie war sogar in einem gewissen Umfang kooperativ gewesen. Ihre Weigerung, mit
mir zu kommen, war nicht ihr letztes Wort gewesen. Soviel ist mir klar. Ich
habe nun Mut, mich weiter für den Delinquenten einzusetzen. Auch wenn er es
nicht verdienen haben sollte.
Die nächste Person, an die ich mich wenden muss, ist
wiederum eine Frau. Sie heißt Elise. Pleiter hat ihren Mann umgebracht. Sie
dürfte deshalb wenig Grund haben, den Mörder ihres Gatten zu retten. Elise ist
zwar, nach allem, was ich weiß, eine berechnende Frau, aber muss sie deshalb
auch kaltherzig sein? Sie zeigte schließlich sogar ein wenig Mitleid, als sie
Pleiter auf seinen schweren Weg schickte.
Ging es ihr mit Pleiter nicht wie einem Boxer, der auf
seinen schon halb ohnmächtigen Gegner einschlagen muss, bis der Ringrichter den
Kampf unterbricht, und der vor jedem Schlag ein klein wenig zögert? Diese
kleine Geste des Mitleidens gibt dem Sieger Größe. Die Meute auf den Bänken um
den Ring sieht natürlich nur das, wofür sie gekommen ist: das Blut und die Tränen
und einen glorreichen Champion. Die beiden da oben in dem Ring aber, die durch
die Spielregeln gezwungen sind, aufeinander einzuprügeln, obgleich sie nichts
gegeneinander haben, verbindet dieses kleine Zögern vor dem nächsten Schlag.
Sie werden zu einer Schicksalsgemeinschaft besonderer Art. Leider ist dieses
kurze Innehalten nur selten zu sehen und wird deshalb vom Publikum in der Regel
auch nicht beachtet.
Elise kann ich nicht so überfallen wie die Ehefrau. Ich
muss mich bei ihr anmelden. Dabei nenne ich den Namen Pleiter nicht, sondern
schütze einen anderen Anlass vor. Dennoch erfordert es viel Mühe und
Überredungskunst, bis ich endlich auf der weißen Ledercouch sitze. Im Haus ist
es ganz ruhig. Die eine Wand des Wohnzimmers ist völlig verglast, man kann die
Schiffe auf dem Rhein vorüberziehen sehen.
Es geht mir nun wie Pleiter, ich muss Elise ständig
ansehen. Sie ist eine faszinierende Frau. Allerdings passt ihre Stimme nicht zu
ihrem Aussehen. Man hätte einen warmen Alt erwartet, aber sie spricht in einer
hohen, beinahe kreischenden Stimmlage.
Ich kann mich an Pleiters unseligen Auftritt erinnern und
nehme mir vor, auf der Hut zu sein. Elise ist eine kluge, scharfzüngige Frau
und wird auch bei mir keine Ausnahme machen. Ich habe Angst vor ihr. Man weiß
nicht, was man von ihr halten soll.
Wie bei ihrer ersten Begegnung mit Pleiter, so schweigt
Elise auch jetzt. Es scheint ihre Taktik gegenüber Fremden zu sein. Will sie
mich damit verunsichern? Elise kennt die kleinen Finessen genau, die bei
Machtkämpfen auf dem gesellschaftlichen Parkett den Vorteil bringen. Sie hat
sicher schon so manchen Fight gewonnen. Ihre Routine ist offensichtlich. So
jemandem geht man am besten aus dem Weg. Aber ich bin nicht um meinetwillen
hier, sondern Pleiters wegen, und das sage ich ihr.
„Wegen Pleiter?“ fragt sie erstaunt und erkundigt sich
interessiert, was denn in der Zwischenzeit aus ihm geworden sei. Man könnte den
Eindruck bekommen, als kenne sie den Mann nur flüchtig und wisse nichts von
seinem Schicksal.
Meinem Bericht hört sie höflich zu und sagt dann: „Ein
armer Tropf! Aber er ist vulgär. Wie überhaupt die ganze Geschichte gewöhnlich
ist.“ Mit maliziösem Lächeln fährt sie fort: „In amerikanischen Gefängnissen
sitzen haufenweise Todeskandidaten. Männer, die durch Ehescheidungen aus der
Bahn geworfen wurden, gibt es wie Sand am Meer, und ein Mord aus Eifersucht ist
auch nicht gerade eine originelle Idee.“
Die Distanz dieser Frau bewundere ich. Der Mord aus
Eifersucht betraf schließlich ihren eigenen Mann. Ist Elise so beherrscht, oder
macht sie sich nicht klar, worum es geht, und weshalb ich gekommen bin? Wenn
sie mir jetzt noch die Frage stellt, was das Ganze mit ihr zu tun hat, werde
ich sprachlos aufstehen und gehen. Dann hat sie mich kalt erwischt und kann
wieder einen Sieg auf ihr Konto buchen.
Doch noch punktet sie mich nicht aus, sondern sagt nur
leicht hin: „Aber machen Sie sich nichts daraus, auch triviale Geschichten
haben ihren Reiz. Es umgibt uns zuviel Außergewöhnliches, deshalb habe ich
manchmal direkt Sehnsucht nach dem Gewöhnlichen. Ihr Pleiter hat zwar etwas
Schmutziges an sich, aber schließlich gibt es Wasser zum Waschen. Sie müssen um
meine geheime Vorliebe für menschlichen Schmutz wissen, sonst wären Sie wohl
nicht zu mir gekommen.“
Diese Frau empört mich von Minute zu Minute mehr. Nein,
ich habe von ihr kein Mitleid mit Pleiter erwartet. Auch ihren Zorn, und wäre
er noch so übersteigert, hätte ich verstanden. Aber diese kalte Arroganz
versetzt mich in Wut. Schließlich ist sie an Pleiters Untat nicht unbeteiligt.
Sie hat mit ihm ein grausames und unmenschliches Spiel gespielt. Sie hat ihn
benutzt und dann weggeworfen. Ich weiß, dies rechtfertigt nicht den Mord an
ihrem Mann. Doch sie sollte sich mehr Zurückhaltung auferlegen. Glaubt diese Frau
denn, dass Menschen Dinge sind, mit denen man nach Belieben verfahren kann? Ich
beschließe, nun voll auf Konfrontation zu gehen.
„Sie sollten Pleiter helfen. Ich glaube, dazu haben Sie
allen Grund!“ sage ich barsch.
Nun ist sie tatsächlich erstaunt: „Ich soll diesem Mann
helfen? Was habe ich denn mit ihm zu schaffen? Bin ich die Johanna der
Schlachthöfe oder Florence Nightingale? Ich kann
verstehen, dass Sie sich für Ihre Geschichte engagieren und für Ihren Helden
eingenommen sind. Aber müssen Sie sich deshalb auch gleich in Egozentrismus
versteigen? Glauben Sie, ich hätte nichts Besseres zu tun, als Häftlinge aus
Todeszellen zu retten? Wer bin ich denn, dass ich gegen das Leid der Welt
antreten soll? Ein jeder ist seines Glückes Schmied. Aber bitte schmieden Sie
selbst! Ich will weder Hammer noch Amboss sein. Jeder sieht immer nur sein
eigenes Elend, will, dass man ihm hilft. Was wissen Sie denn von meinen Nöten.
Glauben Sie etwa, ich bin glücklich, nur weil ich mit meinem Leid nicht ständig
hausieren gehe?«
Elise ist erregt aufgesprungen. Hastig öffnet sie die
Schublade einer weißen Schleiflackkommode und kramt eine Packung Zigaretten
hervor. Sie raucht hastig und inhaliert den Rauch tief ein, dann bläst sie ihn
mit Kraft gegen die Decke. Dabei geht sie unruhig im Raum auf und ab. Ich werde
durch diesen Gefühlsausbruch verlegen und sitze ganz still und starre auf den
leeren, niederen Tisch aus schwarzem Marmor. Sie hat mir bisher nichts zum
Trinken angeboten. So kann ich mich nicht einmal an einem Glas oder einer Tasse
festhalten.
Endlich beginnt sie zu erzählen: „Was interessiert mich
Ihr Pleiter? Ich hatte einmal einen Mann. Dieser Mann war ganz anders als Ihr
Pleiter. Für den habe ich mich interessiert.“
Sie macht eine lange Pause während sie raucht. Endlich drückt sie die
Zigarette im Aschenbecher aus und läuft im Zimmer auf und ab. Ich weiß nicht
was ich sagen soll, während sie vor dem großen Fenster steht auf den Rhein
hinunter sieht. Sie ist so geistesabwesend. Irgendwann beschließe ich aufzustehen
und ganz einfach zu gehen, da beginnt sie wieder zu sprechen.
„Ja, ich hatte einen Mann, und doch hatte ich bei Licht
besehen keinen Mann. Und ich weiß nicht einmal, ob ich ihn vermisst habe.
Unsere Geschichte ist rasch erzählt. Er stammte aus einer
Pfarrfamilie. Man war dort sehr musikalisch, zumindest hielt man sich dafür.
Mein Mann musste deshalb, wie alle anderen Familienmitglieder auch, schon sehr
früh ein Instrument lernen. Für ihn hatte man das Klavier ausgesucht.
Seine Lust sich der Familientradition zu unterwerfen und
zu üben, war scheinbar nicht besonders groß gewesen. Dennoch wurden regelmäßig
irgendwelche jungen Klavierlehrerinnen engagiert, die sich um ihn bemühen
sollten. Ein ausgeprägtes Talent war damals nicht zu erkennen, deshalb verzichtete
man wohl auf vernünftigen Unterricht.
Nein, mein Mann war kein Wunderkind, sondern ein
Spätzünder. Damals war überhaupt nicht absehbar, dass er einmal ein bekannter
Klaviervirtuose werden sollte.“
Die Frau macht eine Pause und zündet sich eine neue
Zigarette an. Gleichmütig und ein wenig ironisch erzählt sie weiter. In seinem
elften Lebensjahr sei ihr Mann dann zu Verwandten in die Großstadt geschickt
worden und habe dort auf Wunsch dieser Leute von einem arrivierten Pianisten
Klavierunterricht erhalten. Dieser Mann habe das Talent erkannt. Ihm sei es
gelungen, in dem jungen Burschen Ehrgeiz zu wecken.
Von nun an beginnt der Junge Tag und Nacht zu üben, zu
üben und noch einmal zu üben. Er habe mit einer derartigen Verbissenheit
Klavier gespielt, dass es die Verwandten, die ihn anfangs doch so gefördert
hatten, bald nicht mehr aushielten. Aber dieser Eifer sei nötig gewesen. Um die
Karriere eines Klaviervirtuosen einzuschlagen, hätte der Junge eigentlich zu
spät angefangen mit dem ernsthaften Studium angefangen.
„Nur sein Fanatismus machte das Handicap seines Alters
wieder wett. Die Familie, bei der er lebte, wollte ihn aber bald loswerden,
doch nach Hause durfte er nicht. Deshalb blieb als Lösung nur ein spezielles
Internat, das seiner Leidenschaft Rechnung trug. Dort erhielt er dann den
letzten Schliff und trat im Alter von achtzehn Jahren zum ersten Mal öffentlich
mit dem b‑moll Klavierkonzert von Tschaikowski
auf.“
Elise hält inne, steht abrupt auf und geht in die Küche,
um Tee zu kochen. Sie erkundigt sich nicht nach meinen Wünschen. Sie geht
einfach wortlos hinaus, bleibt in der Küche, bis der Tee fertig ist, und kehrt
mit den Tassen zurück. Das Geschirr hat rotes englisches Dekor. Sie stellt das Tablett
vor mich hin und weist mich mit einer Handbewegung an, mich selbst zu bedienen.
So als habe sie sich mit dem Kochen des Tee schon zu viel vergeben und müsse
nun ihr Gesicht wahren.
„Kennen gelernt habe ich ihn, als er siebenundzwanzig
Jahre alt war. Ich hatte gerade eine unglückliche Liaison hinter mir und genug
von Affären, und er, sie werden es nicht glauben, war damals noch unschuldig.
Unsere Bekanntschaft begann im Schwimmbad. So ganz ohne
Kleidung sah er sehr jung aus. Natürlich wusste ich nicht, wer er war, und
vielleicht dachte ich auch, dass mir ein so junger Bursche nicht gefährlich
werden könnte. Das machte mich offen und unvorsichtig. Er tollte unbekümmert
durchs Wasser, spritzte mich nass und machte mich auf eine so unbefangene Art
an, dass ich mir selbst wieder jung vorkam. Und dies, obgleich ich mich schon
als alte Frau eingestuft hatte. Ich war zwar kaum älter als er, aber mein Gott,
in den Zwanzigern fühlt man sich rasch alt. Erst wenn man dann tatsächlich in
die Jahre kommt, will man die Zeit nicht mehr wahrhaben.
Ich ging auf seine Anmache ein, sprang einfach ins Wasser
und tauchte ihn. Wir balgten in dem Becken wie zwei dumme Gören herum, und
plötzlich spürte ich zu meinem Erschrecken, dass er in seiner Badehose eine
Erektion hatte. Ich ließ mir nichts anmerken, ging aber auf Abstand, und als
wir das Wasser verließen, war nichts mehr zu sehen. Später aßen wir zusammen
Pizza und verabredeten uns für den nächsten Tag. Schließlich trafen wir uns
regelmäßig.
Erst als er mir eine Konzertkarte schenkte, erfuhr ich
den Beruf meines neuen Bekannten. Bald darauf gestand er mir seine Liebe. Es
war ein wahnsinnig kitschiger Moment, doch hat er mich damals sehr beeindruckt.
Sie wissen, so wie man seinem Mitmenschen entgegentritt, so tritt er zurück. Er
brachte mir Liebe entgegen, war sehr ehrlich und liebevoll und ein wenig naiv.
Ich bin also weiter mit ihm Essen gegangen, habe seine Konzerte besucht und bin
ihm schließlich durch ganz Europa nachgereist.
Das Leben hatte mir schon einige Lektionen verabreicht.
Ich war nicht mehr taufrisch. Dennoch verhielt ich mich wie eine dumme
Jungfrau, der in der Gosse ein Märchenprinz über den Weg gelaufen ist. Dabei
war ich kein Ladenmädchen und auch keine Friseuse, die glücklich über einen
Mann sein muss, der sie an seinen heimischen Herd holen will. Ich konnte schon
damals mein Geld selbst verdienen.
Mein Gott, warum versklaven wir Frauen uns ständig
selbst? Warum können wir unsere Gefühle nicht besser unter Kontrolle halten?
Euch Männern gelingt dies doch auch und dadurch erhaltet Ihr Macht über uns.“
Sie unterbricht das lange Selbstgespräch, fixiert mich
scharf und sagt dann abrupt: „Glauben Sie, dass es gut für den Marmortisch ist,
wenn Sie ihn mit Teeflecken zieren?“
Ich zucke zusammen. Sie ist wirklich wie eine
Klapperschlange, die aus der Deckung heraus unvermittelt und ohne Vorwarnung
auf ihr Opfer zuschnellt und mit ihren Giftzähnen beißt. Andererseits ist Elise
auch eine Frau, von der man träumt, zwar stark und emanzipiert, aber auch
mitfühlend und verständnisvoll. Was hat diese Frau so hart gemacht?
Vorsichtig höre ich mich fragen: „Sind sie durch Ihren
Mann so bitter geworden?“
Sie antwortet nicht, hat meine Frage wahrscheinlich gar
nicht gehört, sondern fährt fort: „Irgendwann haben wir geheiratet. Es geschah
ohne großen Aufwand. Wir gingen mit ein paar Freunden zum Standesamt, dann gab
es ein gutes Essen, und am Abend bumsten wir das erste Mal. Ja, sie haben
richtig gehört, an diesem Abend gingen wir zum ersten Mal zusammen ins Bett.
Die ganze Zeit zuvor war nichts zwischen uns gewesen. So altmodisch waren wir!
Vielleicht hat es sich auch einfach nicht ergeben.
Auf jeden Fall wollten wir anders sein als all die anderen,
und wir waren anders. Mein Mann hatte einen Beruf, wie ihn nur ganz wenige
Auserwählte haben. Alle unsere Freunde hielten mich für eine Frau, die das
große Los gezogen hat, den Haupttreffer. Ein Los war es sicherlich, aber ganz
bestimmt nicht der große Preis. Ich war von nun an nämlich eine verheiratete
Frau ohne Mann. Wie, das verstehen Sie nicht? Dann will ich es Ihnen erklären.“
Das Konservatorium hat ihr Mann damals bereits abgeschlossen.
Aber obgleich er schon eigene Konzerte gibt, ist er noch immer in der
Ausbildung. Das heißt, er ist Meisterschüler bei einem bekannten Professor.
Sein Tag ist ausgefüllt mit Üben und nochmals Üben. An den Abenden werden
Mucken gespielt, um Geld zu verdienen. Privatstunden kosten viel Geld. Das
Leben der beiden ist aufwendig. Er nimmt einen zusätzlichen Job an, arbeitet
Tag und Nacht. Elise ist unzufrieden. Sie hasst Hausarbeit, aber noch mehr
hasst sie das Herumsitzen zu Hause. Sie langweilt sich, möchte ausgehen. Aber
dazu ist er, wenn er endlich den Flügel verlässt, zu müde. Er vertröstet sie,
sie streiten sich.
Irgendwann gelingt der große, internationale Durchbruch.
Die Honorare sind fulminant. Eine Hausangestellte wird engagiert. Von nun an
frühstücken sie gemeinsam. Dabei durchforstet er die Tageszeitungen nach
Kritiken über seine Konzerte, und natürlich interessiert er sich auch dafür,
was über seine Kollegen geschrieben wird. Im Anschluss daran folgt das
Klavierüben, dann Mittagessen und wieder Klavierüben. Dazwischen Besuche von
Journalisten und so genannten guten Freunden. Er ist dabei Karriere zu machen,
tröstet sich die Frau. Dies gelingt nur, wenn man den vollen Einsatz bringt.
Ist erst einmal den Durchbruch völlig geschafft, dann wird es besser werden.
Sie nimmt deshalb auch die langen Tourneen quer durch
Europa in Kauf und die einsamen Nächte in der Altstadtwohnung, die endlosen
Reisen mit der Bahn, die Mittelklassehotels und die Honneurs bei den
Kapellmeistern und den Professoren der Musikhochschulen.
Er wird berühmter und berühmter, fliegt schon mal in die
Staaten und nach Japan. Dann kommen die Plattenaufnahmen, die langen Wochen in
den Studios, das Fernsehen. Er ist nun noch weniger zu Hause. Elise verzichtet
mit der Zeit darauf, ihn durch die Welt zu begleiten. Die Geschenke, die er ihr
von seinen Reisen mitbringt, werden immer teurer.
Musikalisch, da ist sich die Fachwelt einig, gehört er zu
den ganz Großen. Er analysiert bei seinem Spiel die Architektur des Stückes so
präzise, dass die Klassiker bei ihm eine neue Klarheit erhalten. Ton für Ton
arbeitet er den historischen Hintergrund heraus, befreit die Meister von den
existentialistischen Interpretationen, macht ihr Schaffen durchsichtig. Er wird
der Intellektuelle unter den Pianisten. Bei ihm nimmt selbst Beethoven manchmal
Züge von Bach an. Unübertroffen aber ist er bei Mozart.
Elise beklagt sich oft und heftig bei ihm. Sie fühle sich
vernachlässigt, wirft ihm an den Kopf, sie komme sich wie sein Appendix vor. Er
tröstet sie und erklärt, alles werde bald besser. Es gehe nur noch um dieses
Schallplattenalbum oder jene Tournee. Danach wolle er kürzer treten. Aber er
wendet auch ein, dass sie von seiner Arbeit profitiere. Es müsse für sie doch
eine große Befriedigung bedeuten, dass ihr Mann zur ersten Garde zähle.
Nein, in diesem Punkt täuscht er sich gründlich. Es macht
ihr keinen Spaß und irgendwann wird ihr seine Prominenz gleichgültig, beinahe
lästig. Er wird für sie zu einem Fremden, der durch die Welt jettet und große
Steinway‑Flügel traktiert. Ihr gefällt zwar die Musik, die er macht, aber
zu ihm selbst hat sie irgendwann keine Beziehung mehr. Deshalb wird er auch in
den seltenen Nächten, in denen er neben ihr im Bett liegt und sich ihr zu
nähern versucht, von ihr abgewiesen.
Wie sich der Mann in all der Zeit gefühlt habe, das wisse
sie nicht. Das habe sie weder damals interessiert, noch interessiere es sie
heute. Er sei ein Egozentriker gewesen, der sie auf gemeine Weise
vernachlässigt habe. Nein, sie glaube nicht, dass er auf den Reisen untreu
gewesen sei, wenngleich sie auf seine Treue gar keinen Wert gelegt habe.
Mit den Jahren will sie von diesem Mann nur noch
loskommen, und ihn für all das, was er ihr angetan habe, zur Kasse zu bitten.
Bluten soll er, das hat sie sich als Rache ausgedacht.
Leider ist damals eine elegante Scheidung noch nicht
möglich gewesen. Heute, mit dem neuen Scheidungsgesetz, wäre das natürlich ein
Kinderspiel.
Vielleicht hat er sie zu dem Zeitpunkt tatsächlich noch
geliebt. Zumindest sei er immer, wenn sie ihn traf, anhänglich, ja beinahe
zutraulich gewesen. Aber sie habe diesen Mann nicht mehr ausstehen können.
Warum sie nicht fremdgegangen sei? Sie wissen es nicht.
Vielleicht fehlten hätten ihr die Gelegenheiten gefehlt, vielleicht die Männer
angeekelt? Aber sei sie einfach nur zu feige gewesen.
Dann kam der Tag, an dem sie ihn von einer längeren
Tournee zurück erwartete. Sie fuhr bewusst nicht zum Flughafen, wollte ihm
zeigen, wie sehr sie ihn ablehnte, wie gleichgültig er ihr war. Sie hatte es
sich in der Villa bequem gemacht, alte Kleider angezogen, eine Rockplatte
aufgelegt und ein Buch zur Hand genommen. Er sollte den Eindruck bekommen, sie
habe seine Rückkehr vergessen.
Aber wie lange sie auch wartete, er kam nicht. Die Zeit
verging. Sie rief den Flughafen an und erfuhr, dass sein Flugzeug schon längst
gelandet war. Es wurde Abend, und noch immer ließ er sich nicht blicken.
„Sie können mir glauben, so gleichgültig mir dieser Mann
war, ich machte mir nun doch langsam Sorgen.“
Elise telefonierte, schrieb viele Briefe, befragte Flughafenpersonal
und Stewardessen und machte sich schließlich auf den Weg in die Staaten, zum
Ort seines letzten Auftritts. Alle konnten sich gut an ihn erinnern. Er hatte
gespielt wie ein junger Gott und war dann ganz normal und unauffällig
abgereist. Es war scheinbar alles in Ordnung.
Lediglich einen kleinen aber entscheidenden
Schönheitsfehler konnte Elise nicht übersehen, ihr Mann war in Deutschland
nicht angekommen. Und doch hatte es keinen Unfall gegeben, sein Flugzeug war
nicht abgestürzt, ein Überfall war nicht gemeldet worden, eine Leiche nicht
entdeckt.
Wie ein Detektiv verfolgte Elise seine Spur, wurde immer
nervöser und ängstlicher. Nicht, dass es ihr an Geld gemangelt hätte. Sie hatte
die Verfügung über seine Bankkonten, und die waren reichlich ausgestattet. Sie
wollte ihn auch nicht wieder neben sich im Bett liegen haben. Ihr einziger
Wunsch war lediglich, Kenntnis über sein Schicksal zu bekommen. Wenn er noch
lebte, so wollte sie ihn finden. So einfach sollte sich nicht aus ihrem Leben
stehlen können.
Sie engagierte Privatdetektive, die ihr viel Geld abnahmen
und keinerlei Ergebnisse brachten. Auch seine Agentur wusste nicht Bescheid,
hat keine Spur von ihm.
Mit der Zeit gewöhnte sich Elise an seine Abwesenheit,
obgleich sie sich nie gänzlich damit abfand. Nicht, dass er ihr gefehlt hätte,
aber er hatte ihren Stolz verletzt. Elise ist eine Frau, die man nicht
verlässt.
Sie hatte das Verschwinden ihres Mannes den Behörden
nicht gemeldet. Vielleicht war es Scham, vielleicht aber ging es auch nur um
die Konten, die für den Zeitraum der Untersuchung sicher gesperrt geworden
wären. Es könnte aber auch sein, dass sie in der Hektik einfach nicht an die
bürokratischen Formalitäten gedachte hatte und später Fragen hinsichtlich der
Verzögerung fürchtete. Wahrscheinlich aber waren ihr nur diese
kleinbürgerlichen Bestimmungen wie Meldegesetze, Sozialversicherung und Rentenbescheide
so gleichgültig gewesen, dass sie daran keinen Gedanken verschwendet hatte.
Dann, eines Tages, kam ihr eine Idee. Sie wusste plötzlich,
wie sie ihren Mann aus seinem Versteck herauslocken konnte. In ihr reifte der
Plan, ein Double einzusetzen. Sie studierte die Heiratsanzeigen, schaute sich
viele Männer an, und so trat Pleiter in die Geschichte. Seine Ähnlichkeit mit
dem Klaviervirtuosen war verblüffend. Elise wusste, ihr Mann würde es nicht
zulassen, dass ein absoluter Dilettant in seinem Namen auftrat und ihn
blamierte. Die Frau hatte ihren Gatten richtig eingeschätzt, und der Plan war
aufgegangen.
In der letzten halben Stunde war die Sonne unter
gegangen. Nun ist es so finster, dass man die Umrisse der Möbel nur noch
schemenhaft erkennen kann. Elise hatte wieder geschwiegen und wacht nun wie aus
einem Traum auf, fährt sich über die Augen und schaut mich verwundert an. Ich
komme mir plötzlich wie ein Eindringling vor, ja mehr noch, wie ein Spanner,
der durch das Schlüsselloch in das Schlafzimmer einer fremden Frau blickt und
dabei ertappt wird.
„Ich glaube, es ist Zeit, dass Sie gehen“, sagt sie und
macht eine kleine Pause. „Ihrem Pleiter kann ich nicht helfen. Aber ich wünsche
Ihnen dennoch bei ihren Bemühungen viel Erfolg. Auch ich bin gegen die
Todesstrafe und kann nur hoffen, dass die Menschlichkeit siegt. Wenn Geld
nützlich ist, bin ich gerne bereit, mich mit einer gewissen Summe zu
beteiligen. Aber, wie Sie vielleicht erkannt haben, habe auch ich so meine
Probleme, die mich beschäftigen und mir durchaus keine Zeit für karitative
Einsätze lassen.“
Sie steht abrupt auf und geht demonstrativ zur Tür. Mir
bleibt keine andere Wahl bleibt, als ihr zu folgen.
Sie gibt mir die Hand und sagte: „Es war nett, Sie kennen
gelernt zu haben!“
Dann stehe ich vor dem kupferbeschlagenen
Tor und denke mir: „Zumindest eine etwas originellere Floskel hätte sie zum
Abschied wählen können.“
Die Zahl der Protagonisten, über die ich noch verfügen kann, schmilzt und
damit für Pleiter die Chancen, gerettet zu werden.
Doch es gibt noch eine Trumpfkarte, auf die ich alle
meine Hoffnungen setze. Da ist noch eine Frau, die ich jetzt aufsuchen werde
und die mir ihre Hilfe nicht versagen kann, Pleiters Mutter.
Eine schwarz gekleidete Frau tritt mir im dunklen Flur
des alten, mit Efeu bewachsenen Hauses entgegen und reicht mir eine schlaffe,
kalte Hand. Das Wohnzimmer ist mit Stragula ausgelegt
und riecht nach Bohnerwachs. Zwischen uns steht ein schöner, alter Tisch. Die
Stühle haben hohe Lehnen und zwingen zum Geradesitzen. Wir trinken den Kaffee
aus Tassen mit Goldrand. Ich esse ein Stück von dem Sandkuchen. Er ist sehr
süß. Ich frage mich, ob sie ihn wohl selbst gebacken hat.
Sie entschuldigt sich. Ihr Mann sei im vergangenen Jahr
gestorben, und sie habe seit dieser Zeit keine Zugehfrau mehr. Mit der
Versorgung des Hauses sei sie allein aber völlig überfordert. Ihr Mann hätte
das wissen müssen. Wenn er etwas mehr auf seine Gesundheit geachtet hätte, so
könnte er heute noch leben. Doch er sei schon immer rücksichtslos und
eigensüchtig gewesen.
Wegen ihres Sohnes sei ich gekommen? Ich bringe doch
hoffentlich keine schlechten Nachrichten? Er sei schon immer ein schwieriges
Kind gewesen, das ihr viel Sorgen bereitet habe. Ja, das Leben sei für sie
nicht einfach gewesen. Aber sie habe es immer genommen, wie es kam. Wem der
Herr Prüfungen auferlegt, unterliege seinem unergründlichen Ratschluss. Ihr Mann
und der Sohn seien die großen Prüfungen ihres Lebens gewesen. Doch sie habe
geduldig ihr Päckchen getragen und werde es nach Gottes Willen tragen, bis sie
einst unter dem Rasenbett liege. Ich solle ihr deshalb ohne Scheu von ihrem
Sohn berichten.
Ich erzähle ihr vorsichtig, in welcher Gefahr er sich
befinde, und dass ich gekommen sei, sie um ihre Hilfe zu bitten. Sie geht nicht
weiter auf die schlimmen Nachrichten ein, sondern fragt mich, ob sie mir noch
eine Tasse Kaffee nachschenken solle.
Schließlich, nach einer längeren Schweigepause, erklärt
sie plötzlich mit einem Ton der Endgültigkeit: „Der Herr hat's gegeben, der
Herr hat's genommen. Gepriesen sei der Name des Herrn!“
Dann wechselt sie das Thema und erzählt von ihrem Mann.
Was er ihr im Lauf ihres Zusammenlebens alles angetan habe, wie sehr sie
gebetet habe, dass Gott ihn, diesen bitteren Kelch, von ihr nehme. Diesen
Wunsch habe ihr Gott zwar nicht erfüllt, aber ihr die Kraft gegeben, alles zu
ertragen.
Auch der Sohn sei so ganz von der Art des Mannes gewesen.
Beiden hätte Sitte, Moral und Zucht gefehlt. Alle Männer seien zwar der
Eitelkeit und ihren leiblichen Begierden ausgeliefert. Das Böse könne leider
nur allzu leicht von ihnen Besitz ergreifen. Aber bei dem Sohn sei dies mit den
Jahren so schlimm geworden, dass sie ihn habe weggeben müssen. Seine krankhafte
Phantasie habe ihm die schmutzigsten Dinge vorgegaukelt. Später habe er dann
eine gottlose Frau geheiratet.
Mit der Gottesfurcht ihres eigenen Mannes sei es auch
nicht gerade weit her gewesen. Das alles hätte sie nur mit ihrem Klavierspiel
ertragen können. Wem Gott Prüfungen schickt, dem schenkt er auch die Kraft, sie
zu ertragen. Immer, wenn sie nicht mehr ein noch aus gewusst habe, hätte sie
sich ans Klavier gesetzt und alle Mühsal vergessen. Oft habe sie viele, viele
Stunden gespielt. Auch ihrem Sohn habe sie diese Gnade zuteil werden lassen
wollen. Er sollte dieses Geschenk, das Gott den Menschen gemacht habe,
genießen. Aber er habe sich als Unwürdiger erwiesen.
Dabei läge die Musikalität in der Familie. Schon ihr
Vater hätte ganz exorbitante Fähigkeiten besessen und sie auch vererbt. Selbst
heute noch im hohen Alter spiele sie regelmäßig Piano. Dies sei die ganze
Freude ihrer alten Tage. Wie habe sie sich früher gewünscht mit ihrem Sohn
vierhändig spielen zu können! Doch das war eben, wie alles andere auch, nur
eitler Wahn.
Ich bemühe mich, diesen Redefluss zu bremsen. Ich möchte
noch einmal auf den Anlass meines Besuches kommen. Scheinbar hat sie die
Wahrheit nicht begriffen. Deshalb entschließe ich mich brutal vorzugehen. Ich
brauche die Hilfe dieser Frau, ihr Sohn braucht die Hilfe seiner Mutter!
„Ihr Sohn wird sterben“, sage ich.
„Das haben Sie mir schon einmal erklärt“, antwortet sie
ungehalten. „Aber wir alle müssen sterben, wenn die uns vorbestimmte Stunde
gekommen ist. Warum sollte es meinem Sohn anders gehen als allen anderen
Menschen? Wer weiß, was der Herr in seiner Barmherzigkeit jetzt damit
beabsichtigt?“
„Aber vielleicht können wir seinen Untergang verhindern.
Man soll nie verzweifeln, es gibt immer Hoffnung! Wenn Sie mir helfen, können
wir ihn retten!“
„Wenn Gott es ihm bestimmt hat, so wird er sterben. Wenn
Gott will, so wird er leben. Wie kann ich mich vermessen, in die ewigen
Ratschlüsse Gottes eingreifen zu wollen? Ihnen fehlt das Gottvertrauen! Machen
Sie es wie die Vöglein unter dem Himmel: Sie säen nicht, sie ernten nicht, und
der himmlische Vater ernährt sie doch.“
Wenig später gehe ich, nein, ich eile aus dem Haus! Ich
werfe keinen Blick zurück und höre auch nicht die schwere Tür hinter mir ins
Schloss fallen. Ständig geht mir Swinburns Gedicht im
Kopf herum: ‚ . . . ja wenn wir sängen wie die Engel ihr ins Ohr, sie hörte
nicht.’
Bei den wichtigsten Personen in Pleiters Leben habe ich
mich bis jetzt um Hilfe bemüht, leider mit wenig Erfolg. Bei der Durchsicht der
Besetzungsliste stoße ich auf eine weitere weibliche Person. Sie hat bisher
zwar nur eine Nebenrolle gespielt, aber mir bleibt in der Not keine Wahl. Ich
brauche jemanden, der für Pleiter gut spricht, der sich für ihn einsetzt.
Es dauert einige Zeit, bis ich die junge Klavierlehrerin
ausfindig mache, die dem Jungen damals das Lied ‚Hänschen klein’ beigebracht
hat, dieses Lied, das ihn durch die Jahre verfolgen sollte. Ich bin auf ein
junges Mädchen gefasst, treffe in der Altbauwohnung aber eine erwachsene Frau.
Auch an ihr sind die Jahre nicht spurlos vorüber gegangen. Ihre Haut ist blass
und faltig, ihr Körperumfang beachtlich. Ein weites baumwollenes Kleid aus
Indien verbirgt die Fülle nur ungenügend. Die Wohnung ist klein. In der Ecke
des Zimmers liegt eine Matratze, die als Bett dient.
Am Telefon hatte sie zuerst gesagt, sie würde sie sich
nicht an einen Pleiter erinnern. Aber ich blieb hartnäckig. Etweas
genervt fragte sie dann, warum ich die alte Geschichte nicht ruhen lassen
könne. Endlich hatte sie mich recht widerwillig zu sich nach Hause eingeladen.
Nun sitze ich ihr gegenüber auf einem Rattan‑Sessel.
Zwischen uns steht auf einem Porzellanstövchen dampfender grüner Tee. Es riecht
nach Räucherstäbchen.
Ich weiß nicht, wie ich beginnen soll und erkundige ich
mich deshalb erst einmal nach ihrem Beruf. Sie ist Altenpflegerin. Erklärt aber
sofort, sie sei überhaupt sozial sehr engagiert und arbeite auch in
Umweltorganisationen und im Tierschutzverband mit. Ich atme auf. Endlich bin
ich an der richtigen Adresse. Hier muss ich nicht um Menschlichkeit betteln,
sie wird mir großzügig gewährt werden.
Deshalb mache ich kein weiteres Aufheben und trage mein
Anliegen vor. Ich erkläre Pleiters missliche Lage, sein unglückliches Leben und
sein drohendes Ende.
Wenn ich erwartet habe, dass die Frau sofort
enthusiastisch aufspringt und es kaum erwarten kann, ein Menschenleben zu
retten, so sehe ich mich getäuscht. Statt dessen holt sie eine Schachtel
Pralinen, die sie zwischen uns stellt. Sie geht auch nicht weiter auf Pleiter
ein, sondern berichtet von dem letzten Sitzstreik, an dem sie teilgenommen hat.
Ungeduldig unterbreche ich sie und lenke das Gespräch wieder auf meinen
Schützling.
Als sie wieder abschweift kommt mir ein Verdacht. Habe
ich habe zu Rücksichtsnahme keine Lust mehr. Deshalb frage ich ungeniert , was
denn damals im Klavierunterricht vorgefallen sei.
Sie habe lediglich einem kleinen Jungen Klavierspielen
beibringen sollen. Aber sie sei damals so jung gewesen, dass sie alles falsch
gemacht habe.
Ich lasse nicht locker: Was denn zwischen ihr und dem
Vater vorgefallen sei?
Nichts worüber sie heute noch einmal zu sprechen gedenke.
Für diese unschöne Geschichte habe sie lange genug gebüßt.
Gebüßt? Ich dachte, sie wäre das Opfer gewesen? Ob ihr
denn keine Gerechtigkeit widerfahren wäre? Wie hätten sich denn ihre Eltern
verhalten?
Die eignen Eltern? Von ihnen habe sie Prügel bekommen,
weil sie sie ins Gerede gebracht hätte.
Brutal hake ich nach: Ob der Vater des Jungen sie
tatsächlich vergewaltigt habe?
Sie nickt und greift nach einer neuen Praline.
Ob sie ihn angezeigt habe?
Kopfschütteln, dann leise die flehentliche Bitte, ich
möge sie doch mit diesem Thema lassen.
Auf Gefühle kann ich keine Rücksicht mehr nehmen. Ich
muss zur Wahrheit durchdringen und insistiere energisch.
Sie windet sich und schwitzt. Das ganze Zimmer riecht
nach Schweiß. Ein Geruch, der durchdringender ist als die Sandelholz‑Räucherstäbchen.
Ihr Gesicht ist rot angelaufen, sie atmet schwer.
Was zwischen ihr und dem Jungen gewesen sei, setze ich
das Verhör fort. Ob sie dem Vater Anlass für seine sexuelle Attacke gegeben
habe?
Jetzt habe ich ihren Widerstand geknackt. Sie springt auf
und stürzt zur Toilette. Ihr bleibt keine Zeit mehr, die Tür zu schließen, und
so höre ich, wie sie sich immer und immer wieder erbricht.
Als sie zurückkommt, ist sie bleich und erschöpft. Kalter
Schweiß steht ihr auf der Stirn. Aber sie ist gefasst und beginnt mit tonloser
Stimme zu berichten.
Zuerst breitet sie ihre Herkunft vor mir aus. Die Eltern
hatten ein kleines Geschäft geerbt, das mit den Jahren immer weniger abwarf und
längst hätte aufgegeben werden müssen. Für die Artikel, die der Vater vertrieb,
war die Zeit längst vorbei.
Der Vater hatte ein Leben lang darunter gelitten, dass es
ihm nicht gelungen war, seiner Familie ein eigenes Haus zu bieten. Statt dessen
wohnten sie in einer Dreizimmerwohnung in der Südstadt, dort wo die Häuser
verkamen, und die Leute mit einem ordentlichen Verdienst längst weggezogen
waren.
Der vierköpfigen Familie war es immer schlechter
gegangen. Doch die Mutter, die aus einem großbürgerlichen Haus stammte, hatte
der Tochter das Klavierspielen beigebracht. Als die Vierzehnjährige jedoch
später mit Unterrichtsstunden ihr Taschengeld aufbessern wollte, verbat dies
der Vater kategorisch. Seine Tochter habe es nicht nötig zu arbeiten, betonte
er immer wieder. Es bedurfte mehrerer Interventionen der Mutter, bis das
Mädchen den Auftrag der Pleiters annehmen konnte.
Mit großem Ehrgeiz sei sie an die erste große Aufgabe
ihres Lebens gegangen, erklärt mir die Frau. Schließlich habe sie das Gefühl
gehabt, die Ehre ihrer Familie zu vertreten.
Diese ganze Erzählung dauert mir zu lang. Ich will abkürzen,
zum Wesentlichen kommen. Deshalb mische ich mich ein: Was denn zwischen ihr und
dem Jungen gewesen wäre?
Nach einer langen Pause sagt sie leise: Sie habe ihn nett
gefunden.
Aber irgend etwas müsse doch vorgefallen sein, sonst
hätte sich der Vater doch nicht so aufgeführt.
Sie sei eben damals ein hübsches Mädchen gewesen, was man
heute nicht mehr behaupten könne.
Die Frau lacht bitter.
Ich frage noch einmal nach ihrem Verhältnis zu dem jungen
Schüler.
Er sei einsam gewesen und sie auch. Das habe sie einander
näher gebracht. Eines Tages, als sie so neben einander auf der Klavierbank
gesessen waren, habe sich der Junge an sie gekuschelt, und sie habe plötzlich
ein ungeheures Gefühl der Zärtlichkeit für ihn empfunden. Sie könne sich noch
erinnern, dass sie ihn umarmt und überall gestreichelt habe. Aber das sei alles
gewesen.
„Mein Gott“, ruft sie aus, „ich war doch noch so jung.
Ich war ganz einfach eine Göre, die mit ihren Hormonen nicht zurecht gekommen ist.“
Sie habe den Vater nicht kommen hören. Er sei plötzlich
über ihr gewesen, habe sie an den Haaren gezerrt und auf das Sofa geworfen. Sie
habe die Augen zugemacht und geschrieen. Ganz laut habe sie geschrieen. Diesen
ihren Schrei habe sie noch heute im Ohr.
Aber den müsse man doch gehört haben, werfe ich erstaunt
ein.
Sicher, aber es habe ihr niemand geholfen.
Ob sie bemerkt hätte, was der junge Pleiter unternommen
habe?
Nein! Um auf den Buben zu achten, dazu hätte sie wahrlich
keine Zeit gehabt. Der Mann wäre recht stark gewesen. Er habe sie schon
ausgezogen und war gerade dabei in sie einzudringen, als die Mutter hereinkam.
„Die Mutter?“ rufe ich entgeistert und springe auf.
„Ja, Frau Pleiter war ins Zimmer gekommen. Ich konnte dem
Mann über die Schulter sehen. Da stand sie mit wächsernem, unbeweglichem
Gesicht und starrte auf uns herab.“
„Hat sie Ihnen denn nicht geholfen?“
„Nein, was hätte sie denn auch tun sollen? Sie nahm den
Jungen an der Hand und ging wieder hinaus. In diesem Moment hatte es das Schwein
geschafft und mich auseinander gerissen. Ich habe vor Schmerz aufgeschrieen,
danach weiß ich nichts mehr.
Später, als ich mit zerrissenen Kleidern da lag, das Sofa
war voller Blut, tauchte die Frau wieder auf. Sie nannte mich eine Schlampe und
sagte, ich solle verschwinden. Und ich solle mich hüten, etwas von dem, was
geschehen war, irgend jemandem etwas zu sagen.“
„Aber Sie haben es dann doch ihren Eltern gesagt?“
„Ja, und das war ein Fehler gewesen. Denn nun bekam ich
noch einmal Prügel, weil ich die Familie ins Gerede gebracht und das Geschäft
geschädigt hatte.“
„Haben Sie den jungen Pleiter noch einmal getroffen?“
„Ich sah ihn, als er mit seiner Mutter auf dem Weg zum
Bahnhof war. Sie hatte ihn herausgeputzt wie einen Pfingstochsen. So lange ich
den Kleinen gekannt hatte, war er in schäbigen Kleidern herumgelaufen, und nun
sah er aus wie ein kleiner Beau. Über diese Wandlung habe ich mich sehr
gewundert.“
„Was wissen Sie über die Pleiters?“
„Sie waren nicht besonders wohlhabend, aber gut situiert.
Der Mann galt als sehr durchsetzungsfähig oder, um es weniger schmeichelhaft
auszudrücken, als cholerisch. Man ging ihm aus dem Weg, hatte aber Respekt vor
ihm. Seine Frau hingegen war ein zurückhaltendes graues Mäuschen. Stets
schickte sie ihn vor. Wenn man ihr eine Frage stellte, so antwortete er. Gab es
irgendwo ein Problem, sei es beim Kaufmann oder auf dem Markt, so sagte sie, da
müsse sie erst ihren Mann fragen. Sie waren das Bilderbuchehepaar aus Macho und
Küche‑Kinder‑Kirche‑Frau. Sie waren eigentlich ganz normal.
Stinknormal würde ich sagen. So normal wie meine Eltern und unsere Nachbarn
auch. So normal wie man nur normal sein kann. Mit einer Ausnahme: Die Frau
hielt sich und ihre Kinder für besonders musikalisch. Der Sohn sollte es einmal
zum Solopianisten bringen. Und um ihn in die Anfangsgründe des Klavierspielens
einzuführen, hatte sie, welch' ein Treppenwitz, ausgerechnet mich engagiert.
Aber er hatte keinerlei Talent und auch kein Interesse an dem Instrument. Außer
hübschen, schlanken Klavierspielerhänden hatte er überhaupt wenig zu bieten. Er
machte sich nichts aus Musik und wollte später etwas Technisches oder
Handwerkliches machen, wie er mir gestand. Aber seine Mama kann trotzdem zufrieden
sein. Am Ende hatte er ja doch noch etwas mit einem Klavier zu tun.“
Sie macht eine Pause, und dann schreit sie mich plötzlich
an: „Was wollen Sie eigentlich von mir? Warum kann mich diese Scheißfamilie
nicht in Frieden lassen? Ich will nichts mehr von diesen Idioten hören. Ich
habe genug unter diesen Schweinen gelitten. Ihr Pleiter scheißt mich an!
Verschwinden Sie endlich, gehen Sie mir mit diesem Pleiter aus den Augen! Wie
der Vater, so der Sohn. Wo diese Pleiters auftauchen, da fließt am Ende Blut!
Hauen Sie endlich ab. Ich habe die Schnauze voll von Euch Männern. Ich kann
Euch nicht mehr sehen! Ihr seid alle Schweine, einer wie der andere.“
Ich frage sie, ob sie mit mir komme, um für Pleiter gut
zu sagen? Erschöpft von ihrem Wutausbruch schüttelt sie nur den Kopf.
Ich erinnere sie an ihr soziales Engagement und setze ihr
auseinander, wie sehr sie nun gebraucht werde.
Sie sieht mich entgeistert an und fragt, ob ich es noch
immer nicht begriffen hätte.
Ich wiederhole, was sie mir über die Rettung der Umwelt
und der Tiere zu Beginn unserer Unterhaltung gesagt hatte.
Sie antwortet völlig fassungslos, was ein Eintreten für
Pleiter mit Umwelt‑ oder Tierschutz zu tun habe? Pleiter sei doch kein
gesellschaftliches Opfer.
Was er denn dann sei?
Ein Täter, wenn auch einer von der traurigen Gestalt.
Aber könne man für jeden, der sich mit diesem Leben schwer tue, eintreten? Da
würde man zu nichts anderem mehr kommen.
„Wer tritt für mich ein?“ fragt sie provozierend.
Sie will mich beruhigen. Wahrscheinlich um mich endlich
los zu werden. Sie wolle in ihrer Organisation den Fall erörtern. Vielleicht
könne man dort etwas für Pleiter tun.
Ich erhebe mich von dem knarrenden Stuhl. Die
Räucherstäbchen sind niedergebrannt, und der Tee in meiner Tasse ist kalt
geworden. Ich habe an dem bitteren Getränk nur kurz genippt und den Rest stehen
lassen. Mir ist kalt. Bitter frage ich mich, wer wohl mehr Lebenschancen habe,
Pleiter oder diese Frau.
Ich habe Mitleid mit ihr und überlege, wie es wäre, wenn
ich sie in den Arm nehmen würde. Dieser Gedanke verursacht mir Widerwillen.
Schuldbewusst wende ich mich ab.
Nun fällt mir keine Frau mehr ein, die ich für Pleiter
gewinnen könnte. Nur ein Mann bleibt mir noch, von dem ich mir allerdings nicht
viel verspreche. Es ist Schnauzer, der sich mit mir in einer Gaststätte trifft.
Wir stehen am Tresen und trinken ein Pils. Schnauzer leert das Glas in einem
Zug.
„Das zischt“, sagt er, nachdem er sich den Schaum vom
Mund gewischt hat.
Er bestellt ein weiteres Bier und fragt uninteressiert:
„Was wollen Sie?“
Wieder einmal beginne ich Pleiters Geschichte zu
erzählen. Aber diesmal komme ich nicht weit.
Er winkt ab: „Das kenne ich alles!“
„Dann kann ich mir ja jede weitere Einleitung sparen.
Also, wie war das mit Pleiter?“
Er antwortet trocken und ein wenig spöttisch: „In Amerika
war eine Leiche gefunden worden. Ein bekannter Pianist war zuvor abhanden
gekommen und seine Frau mit unbekanntem Ziel abgereist. Eine mysteriöse Affäre
also, mit deren Ermittlungen ich betraut worden war.
Meine Spur führte nach Deutschland, wo sich der Pianist
überraschend in trautem Zweisamkeit mit seiner Frau niedergelassen hatte,
gerade so als wäre nichts geschehen. Ich versuchte, hinter sein Geheimnis zu
kommen, was mir lange Zeit nicht gelingen wollte, bis der Mann endlich ein
öffentliches Konzert gab und damit seine Identität bewies. Dieser Pianist wurde
ein paar Monate später in Amerika ermordet. Seine Leiche sah genauso aus wie
der Tote, der mich Monaten zuvor in Aktion versetzt hatte.
Es war wie ein Zeitsprung, so als ob das spätere Ereignis
im früheren vorweggenommen worden wäre. Dieser Tatbestand faszinierte mich als
Kriminalisten, und über die Identität zweier gänzlich verschiedener Männer
denke ich heute noch nach.“
Diese Rekapitulation langweilt mich. So werde ich nicht
weiter kommen. Ich muss es anders versuchen und wechsle deshalb das Thema: „Wie
beurteilen Sie Pleiter?“
„Ein trauriger Tropf, nicht besonders lebenstüchtig, auf
seinen Vorteil bedacht, aber nicht in der Lage, diesen Vorteil auch
wahrzunehmen. Stets von Frauen umgeben. Frauen bestimmen sein Leben. Aber die
Frauen mögen ihn nicht. Was er auch anfängt, es nimmt kein gutes Ende. Also
alle Voraussetzungen für einen Psychopathen und Kriminellen.“
„Finden Sie dieses Urteil nicht ein wenig zu hart? So wie
er sind doch viele.“
„Ja, und auf sie alle trifft meine Beschreibung zu. Alle,
die glauben, im Leben zu kurz gekommen zu sein, sind mit Vorsicht zu genießen.
Sie gestehen sich nämlich das Recht zu, sich selbst zu bedienen. Das halten sie
für ausgleichende Gerechtigkeit, und das macht sie gefährlich.“
„Eine wirklich unbarmherzige Verurteilung, die Sie da von
sich geben, unbarmherzig, gemein und zynisch.“
„So sehen Sie Ihrem Pleiter doch endlich nüchtern ins
Gesicht. Ich will nicht mit Ihnen darüber streiten, ob er typisch für andere
Menschen ist; dafür ist er wahrscheinlich zu dämlich. Aber ungefährlich für
seine Mitmenschen ist er gewiss nicht.“
„Pleiter hat sich doch sein Leben lang, bis zu diesem
Mord aus Affekt, nichts zu schulden kommen lassen!“
„Sein Leben lang ist er schuldig geworden. Das wollen Sie
als Erzähler nur nicht wahrhaben.“
„Schuldig an wem und in welchem Sinn? An den Frauen
vielleicht? Aber die beteiligten Frauen haben in dieser Geschichte doch kräftig
mitgemischt. Manchmal habe ich den Eindruck, Pleiter war nur ein Spielball in
ihren Händen. Die Liebe hat ihn doch so weit gebracht.“
„Rosen, Tulpen und Narzissen. Auf die Liebe sollst du . .
.“ Der Mann schmunzelt.
Ich achte nicht auf diesen gemeinen Einwurf und fahre
eifrig fort: „Das Furchtbare ist, dass Pleiter nie geliebt wurde, obgleich er
sich doch so danach sehnte.“
Schnauzer ist nun wieder ernst: „Hat er denn je geliebt?“
Diese kurze Bemerkung bremst meine enthusiastische Rede,
und ich antworte kleinlaut: „Ich weiß es nicht. Aber er hat doch für seine Frau
gesorgt, wegen der Mutter am Bahnhof geweint und um Elise geworben. Was hat er
alles für diese Frauen auf sich genommen!“
„Und das bezeichnen Sie also mit dem Wort ‚Liebe’?“
„Meinetwegen, nennen Sie es anders. Vielleicht stimmt die
Bezeichnung Liebe dafür nicht“, antworte ich verlegen. „Aber wie sollte er auch
lieben können, da er es doch nie gelernt hat.“
„Wenn sich jeder auf Unwissenheit, fehlende
Lernmöglichkeiten oder gar schlechte Lehrer beruft, dann ist niemand schuldig,
und jeder hat das Recht des anderen Wolf zu sein.“
So komme ich bei Schnauzer nicht weiter. Bei diesem
gnadenlose Law‑ and Ordertyp führen derartige
Diskussionen zu nichts. Wir drehen uns nur im Kreis. Deshalb wechsle ich das Thema.
„Wie steht es eigentlich um Pleiters Fähigkeit, Klavier
zu spielen? Auf dem Konzertpodium beginnt schließlich die Erzählung. Kann er
nun, oder kann er nicht?“
„Eine interessante Frage, die Pleiter wahrscheinlich
nicht einmal selbst beantworten könnte. Aber die Schlüsselfrage, da haben Sie
recht, ist ganz offensichtlich: Wer hat das Konzert gespielt?“
„Welche bewiesenen Fakten liegen vor, auf die wir uns bei
ihrer Beantwortung stützen können?“
„Elise hat einen Mann auf das Podium geschickt. Das hat
sie zugegeben, und das können wir glauben. Nicht eindeutig bewiesen ist
allerdings die Identität des Mannes. Tatsache ist auch, dass beide
Klavierspieler von einem jungen Mädchen in die Anfangsgründe der Kunst
eingeführt worden war.“
„Ist die Lehrerin des Pianisten etwa auch vom Vater
vergewaltigt worden?“ rufe ich aus.
»Genaues weiß ich nicht. Aber man munkelt so allerhand.“
„Was also ist die Wahrheit?“
„Die kenne ich nicht. Ich muss auch gestehen, dass es
Zeiten gibt, wo ich beim Nachdenken die beiden Männer nicht mehr auseinander
halten kann. Dann verschmelzen sie zu einer Person.“
„Sie haben es doch noch leicht“, werfe ich bitter ein.
„Sie müssen sich nur mit zwei Männern auseinandersetzen. Ich hingegen soll auch
noch den Erzähler unterbringen. Letztlich ist er doch für alles, was
vorgekommen ist, verantwortlich, also auch für die Morde.“
Mein Einwurf ärgert ihn.
„Verdammt noch 'mal“, knurrt er, „was gehen mich Ihre
Skrupel an?“
Ich merke, dass ich einen Fehler gemacht habe, und
versuche abzulenken: „Lassen wir die Vergangenheit der Männer. Kommen wir zum
eigentlichen Verbrechen, das Pleiter den Hals zu kosten droht. Wir sollten es
näher unter die Lupe nehmen. Für einen Kriminalisten wie Sie ist doch wohl am
interessantesten: Was war das Motiv für die Tat?“
„Sie reden
immer, als stünden Sie mit uns Kriminalisten auf vertrautem Fuß. Woher wollen
Sie wissen, was einen Detektiv interessiert? Das Motiv ist sicherlich
interessant, aber doch nicht von großer Bedeutung. Beinahe hinter jeder Tat
steckt schließlich ein ähnliches Motiv. In neunzig von hundert Fällen ist es eine Form von Eifersucht ‑
oder besser gesagt, gekränktes Selbstwertgefühl.“
Er betrachtet aufmerksam mein ratloses Gesicht und fährt
erklärend fort: „Eifersucht natürlich in einem weiten Sinn verstanden.
Eifersucht auf den Besitz des anderen, auf sein Auto, sein Geld, seinen Erfolg,
sein Aussehen und manchmal auch seine Frau.“
„Sie meinen also Verstöße gegen die biblischen Gebote neune und zehn?“
„Diese Gebote kenne ich nicht und sie sind mir auch scheißegal.“ Seine
Stimme ist sehr unwillig.
Ich will von meiner Wichtigtuerei ablenken und sage eifrig: „Uns Menschen
gehört trotz aller Eifersucht nichts. Uns gehören nicht einmal unsere
Erlebnisse. Sie sind im gleichen Moment, in dem wir sie erleben, vergangen.
Selbst die Binsenweisheit von den Erinnerungen, die als einziges bleiben
sollen, ist falsch. Auch sie verändern sich und vergehen mit der Zeit. Immer
wenn wir glauben, dass etwas ist, so ist es schon am Vergehen. Immer wenn wir
glauben, dass wir etwas erreicht haben, geht das Perfekt bereits in das
Plusquamperfekt über.“
„Sie sind ein Klugscheißer“, antwortet der Detektiv
verächtlich. „Aber wenn Sie mit diesem philosophischen Ausbruch andeuten
wollen, dass sich Verbrechen nicht lohnt, so seien Sie versichert, ich bin
nicht Ihrer Meinung. Aber das will ich jetzt nicht erklären. Dafür ist mir die
Sache nicht wichtig genug.
In einem Punkt aber sind wir uns einig: Pleiter sitzt im
Gefängnis und auch ich weiß nicht so recht, wofür. Ganz gleich, was er nämlich
in seinem Leben getan hat, er hatte nichts davon. Auch der Mord, sollte er ihn
begangen haben, hat ihm nichts gebracht. Pleiter hat Elise nicht einmal
gevögelt.“
„Gerade weil er der ewige Verlierer ist, müssen wir ihm helfen und seine
Geschichte aufklären!“
„Also gut, gehen wir systematisch vor. In Amerika wurde
ein Mann ermordet. Das ist dort etwas Alltägliches. Als Täter kommt ein Mann
namens Pleiter in Frage. Das Opfer, so die Überzeugung der
Untersuchungsbehörde, ist ein bekannter Pianist. Soweit glaube ich, habe ich
die Aktenlage richtig rekapituliert. Doch was gibt uns die Gewissheit, dass der
Erschlagene tatsächlich der Pianist war? Vielleicht war die Leiche nur ein Mann
mit langen, schmalen Klavierspielerhänden? Oder war der Tote am Ende Pleiter
selbst, und der Pianist hat ihn erschlagen? Das Allround‑Motiv, das wir
eben besprochen haben, trifft sicher auch auf ihn zu.“
Nun endlich dämmert es mir: „Wir wissen gar nichts! Wir
wissen nicht einmal, wer das Opfer war und wer der Täter. Die beiden glichen
sich doch wie ein Ei dem anderen. Wer sitzt nun in der Todeszelle, und wer
liegt im Grab?“
Diesen Einsicht erfüllt mich mit Wut.
„Die Ermittlungen sind aber verdammt schlecht geführt
worden. Von Kriminalisten sollte man sorgfältigere Arbeit erwarten.“
„Das lasse ich nicht auf mir sitzen! Hier geht es um
meine Berufsehre. Sie beleidigen mich doch nur, weil Sie einsehen, dass Ihnen
als Erzähler die Geschichte total entglitten ist.“
Ich ignoriere den Einwand und folge der geistigen Fährte,
auf die er mich gesetzt hat. „Ich habe noch mehr Fragen. Was spricht gegen die
These, dass Elise mit irgend einem Gigolo durchgebrannt ist, der früher einmal
Ingenieur war? Schließlich hatte sie schon lange ihr Leben als grüne Witwe
satt. Der Pianist taucht wieder auf, reist den beiden hinterher und bringt
schließlich den Nebenbuhler um. Der Tote ist dann Pleiter als Gigolo. Wäre dies
nicht eine recht plausible Erklärung?“
„Nun haben wir uns schon eine ganze Reihe von Versionen
ausgedacht.“ Schnauzers Stimme ist ruhig und überlegt. „Aber es gibt noch viel
mehr Möglichkeiten. Vielleicht hat ein ganz anderer den oder die Morde
begangen. Vielleicht hat der erste Tote mit dem zweiten nichts zu tun.
Vielleicht ist ein dritter Mann im Spiel, ein Liebhaber Elises, der ihren Mann,
den Pianisten, tötete? Vielleicht hat sie Pleiter den Mord danach eingeredet?
Wir wissen doch, welchen Einfluss sie auf den charakterschwachen Mann hatte.
Reicht Ihnen dies, oder soll ich noch eine Version bieten?“
„Danke! Vorläufig habe ich genug von 'Vielleichts'.
Das ist ja wie in einem Musikstück. Ein Thema wird vorgegeben und erlaubt viele
Variationen. Ich bin als Erzähler mitten in einer Fuge und finde nicht mehr
heraus.“
„Es gibt zu viele Fragen und zu wenig Antworten. Das ist
es, was uns Kriminalisten das Leben so schwer macht und uns täglich an unserem
Beruf verzweifeln lässt.“
Inzwischen habe ich schon so viel
Selbstmitleid bei meinen Gesprächspartner ertragen müssen, dass mich diese Lamento
anwidert. Deshalb frage ich wütend: „Warum wollen Sie immer Antworten. Warum
wissen Sie Fragen nicht zu würdigen?“
„Sollte der Weg etwa wichtiger sein als das Ziel, die
Ermittlung von größerer Bedeutung als die Ergreifung des Täters? Das wäre eine
Einstellung, die ich mit meinem Beruf als Kriminalist nicht vereinbaren kann.“
„Nur Fragen haben eine Berechtigung. Es gibt niemals
einen schlüssigen Beweis für die Richtigkeit einer Antwort. Deshalb ist jede
Antwort, so wie jede Aussage über Realität überhaupt, eine Art Selbstbetrug. Es
gibt für uns Menschen keine Wahrheit und deshalb auch keine Antworten. Alles,
was wir erkennen können, ist vorläufig und in der nächsten Sekunde vielleicht
schon nicht mehr wahr. Warum genießen Sie also nicht den Reiz der Fragen und
verzichten auf die Antworten? Fragen sind schließlich das einzig reale.“
„Mit Fragen kann ich aber niemand hinter Gitter oder auf
den elektrischen Stuhl bringen. Das aber ist meine Aufgabe.“
„Sie haben doch bisher Ihre Arbeit auch nicht auf der Basis
von Tatsachen verrichtet. Tatsachen gibt es nämlich nicht. Sowohl die
Naturwissenschaften als auch die Philosophie haben uns gelehrt, dass wir nichts
wissen können. Die endgültige Wahrheit wird uns Menschen immer verborgen
bleiben, ohne dass es uns das Herz verbrennt. Also gehen Sie ihrem Beruf nach
wie bisher, und seien Sie froh, der Aufgabe enthoben zu sein, nach Antworten
und Beweisen suchen zu müssen.“
„Was Sie hier propagieren, ist ein Freibrief für geistige
Unmündigkeit und damit für jegliche Willkür.“
„Sind denn Urteile und Entscheidungen nicht immer
willkürlich? Die Menschen wollen diese Tatsache nur nicht anerkennen. Und dabei
spiele ich noch nicht einmal darauf an, dass zwei Richter den gleichen Fall in
der Regel völlig anders sehen und zu unterschiedlichen Urteilen kommen.“
„Jetzt haben Sie sich aber in der Logik verheddert. Hören
Sie auf! Wenn Sie recht hätten, dann könnte man die Schuld eines Delinquenten
niemals endgültig beweisen. Dann müsste ich meinen Beruf an den Nagel hängen.
Wovon sollte ich dann leben? Für Fragen bezahlt mir niemand etwas!“
„Das mag schon so sein. Leute mit Fragen sind und waren
immer und überall unbeliebt. Deshalb sind Volkstribune und andere Verführer
auch Leute, die auf alle Fragen eine Antwort haben. Außer Antworten haben sie
letztlich nichts zu bieten. Sie erklären den Menschen, dass Fragen unanständig
seien und nur von der Unfähigkeit des Fragestellers zeugen. Sie versprechen die
Welt zu retten und schaffen lediglich Fragen mit Brachialantworten aus der
Welt. Dies genügt aber, damit ihnen die Menschen scharenweise hinterher laufen
und in Kriegen ihr Leben für fragwürdige Antworten opfern. Sie haben recht, von
Fragen kann man nicht leben. Fragen sind lebensgefährlich. Selbst die Männer
mit den schwarzen Talaren und weißen Stehkrägen in den Kirchen sind gegen
Fragen und für Antworten angetreten.“
Ich bin so in meine Argumentation verstrickt, habe mich
so in rage gesprochen, dass ich Pleiter ganz vergessen habe.
Schnauzers nüchterner Ton reißt mich aber in meine
Wirklichkeit zurück: „Selbst wenn Sie recht hätten, ich kann Pleiter nicht
helfen, so lange ich nicht weiß, ob er das Opfer oder der Täter ist.“
In einer mich selbst überraschenden Hellsicht antworte
ich ihm: „Er ist natürlich beides. Aber das ist doch ohne jegliche Relevanz.
Die Verurteilung hatte nämlich schon stattgefunden, bevor der Prozess und sogar
schon bevor die Beweisaufnahme abgeschlossen war. Die Verurteilung war schon
ausgesprochen, lange bevor Täter und Opfer geboren waren.“
Kaum habe ich diese Worte gesagt, da sehe ich ein fieses
Grinsen auf Schnauzers Gesicht und erkenne, dass ich ihm in die Falle gegangen
bin.
„Damit ist der Fall Pleiter für den Kriminalisten
abgeschlossen, und der Erzähler rückt in den Mittelpunkt des Verfahrens“,
erklärt er wie beiläufig und bestellt sein siebtes Pils.
Jetzt ist der Zeitpunkt gekommen, an dem ich mein schal
gewordenes Bier hinunterkippe, das Glas vorsichtig auf den Tisch stelle und
mich hastig verabschiede.
Die Kopfschmerzen haben sich wieder eingestellt und sind
so stark, dass ich kaum die Liste der handelnden Personen durchgehen kann. Wenn
mir niemand mehr einfällt, den ich um Hilfe bitten kann, so ist Pleiter
verloren. Schließlich nicke ich ein und schlafe lange und traumlos. Als ich
erwache, ist ein wunderschöner Tag angebrochen. Die Sonne scheint hell durch
das kleine Fenster. Ich öffne die Scheiben und höre sogar Vögel singen. Mir ist
fröhlich ums Herz. Ich möchte singen, grundlos lachen. Wo sind Menschen, denen
ich etwas erzählen kann? Ich habe rasenden Hunger. Ich könnte Berge von Kuchen
verschlingen, mich durch drei Ochsen hindurchessen und ganze Weinschläuche leer
trinken.
Doch bei den Gedanken an all diese Genüsse reduziert sich
der Sommertag wieder auf ein kleines helles Viereck, das als Abbild der Sonne
auf den Boden meiner Zelle geworfen wird. Alles waren nur Träume.
Gedankenkontrolle, so wird mir klar, ist das Gebot der
Stunde. Ich weiß um die Macht der Gedanken, weiß dass die schlimmsten
Verbrechen in Gedanken begangen werden. Die Gedanken sind das eigentlich Böse
und nicht die Taten. Diese sind nur die Folgen der Gedanken. Man muss die
Menschen wegen ihrer Gedanken verurteilen und nicht wegen ihrer Taten. Wir
brauchen eine Gedankenpolizei, und wir brauchen Gedankenstrafen. Würde niemand
ungestraft einen bösen Gedanken denken, so gäbe es auch keine bösen Taten.
Schnauzer wird heute mehr denn je gebraucht!
Eines aber wird mir immer klarer: Ich kann Pleiter nicht
mehr helfen. Zwar war er mir während der ganzen Geschichte völlig ausgeliefert,
und ich konnte nach Belieben mit ihm und den anderen Figuren schalten und
walten. Aber dennoch kann ich ihn jetzt nicht retten. Schmerzlich wird mir
klar, dass die Möglichkeit der Allmacht noch keinen Gott ausmacht.
Rettung für Pleiter wird es deshalb nur dann geben, wenn
ich meine Unfähigkeit eingestehe, wenn ich nicht mehr an seinem Schicksal
herumpfusche. Ich muss einen anderen einschalten, jemanden, der es gewohnt ist
zu dirigieren, der durch die Bewegung seiner Hände ein Kunstwerk entstehen
lassen kann, nach dessen kleinster Handbewegung sich Hunderte von
selbstbewussten und eigenwilligen Leuten richten. Ich werde den Dirigenten
aufsuchen und ihn um Rat fragen.
Ich treffe den Meister in seiner Garderobe. Es war
schwierig gewesen, einen Termin bei ihm zu erhalten. Schließlich ist er ein
beschäftigter Mann. Alle wollen sie mit ihm sprechen, ihre Anliegen vortragen.
Ich will die Zeit, die er mir gewährt, nutzen und erzähle rasch die Geschichte.
Er hört mir ruhig zu. Ab und zu nickt er, so als wisse er schon alles oder
könne es sich zumindest denken.
Als ich dann bei der Szene auf dem Konzertpodium
angelange, wo der unglückliche und verängstigte Mann vor dem riesigen Flügel
sitzt, ist er sehr aufmerksam. Ich spüre beinahe so etwas wie Spannung an ihm.
Dann habe ich geendet, und er sagt ruhig: „Zuerst einmal
möchte ich einem Missverständnis vorbeugen, das von allzu vielen Leuten in
Ihrer Erzählung vertreten wird. Ständig ist bei Ihnen die Rede von musikalisch
und unmusikalisch. Alle Menschen sind musikalisch, vielleicht die einen etwas
mehr und die anderen etwas weniger. Aber es gibt keinen Menschen und schon gar
keine Familie, die die Musikalität gepachtet hätten. Traurig macht mich, dass
so wenige Menschen ihr Verhältnis zur Musik pflegen. Musik hat übrigens etwas
mit Liebe zu tun. Ohne Liebe gibt es keine Musik. Das Stück eines Komponisten
spielen, ist wie ein Liebesakt. Es bedeutet sich hingeben, mit dem Schöpfer verschmelzen
und dennoch das eigene Selbst bewahren. Der Interpret gestaltet mit der eigenen
Vorstellung das, was ihm in dem fremden Werk entgegengebracht wird. Aus dieser
Vereinigung entsteht ein neues Wesen, das musikalische Kunstwerk. Wirkliche
Künstlerschaft beginnt mit dem Lieben lernen, dem Relativieren des Selbst, dem
Abstreifen von Eitelkeit und Selbstsucht. Man kann übrigens bei jedem Konzert
sofort hören, ob sich jemand selbst darstellt oder eine Liebesbeziehung, eine
zeitweilige Symbiose mit dem Komponisten eingeht.
Aber das wollen Sie sicher gar nicht von mir hören. Sie
machen sich Sorgen um die Auflösung Ihrer Geschichte? Da kann ich Ihnen auf der
Basis der Harmonielehre helfen. Wenn man erst einmal die Gesetzmäßigkeiten
erkannt hat, ergibt sich die Auflösung von selbst.
Pleiter wurde in den Ehezwist des Musikerehepaars
hineingezogen und ziemlich übel missbraucht. Elises Plan ist völlig
aufgegangen. Sie kennt die Männer und konnte deshalb ihren Mann und Pleiter
nach Belieben manipulieren. Pleiter hat später tatsächlich den Pianisten
umgebracht. Das Opfer tötet, wie es guter Brauch ist, das Opfer und büßt
doppelt.
Bringt Ihnen aber diese Aufklärung, die Sie doch im
Grunde schon längst gewusst haben, irgend eine Befriedigung? Sicher nicht! An
Ihrem Kopfschütteln sehe ich, dass ich recht habe.
Deshalb lassen Sie mich noch ein paar Worte zu Ihrem
Pleiter sagen. Wenn man wie er im Rampenlicht steht und feststellt, dass man
nicht spielen kann, dann bleibt nichts anderes übrig, als aufzustehen und die
Bühne zu verlassen. Das hat Pleiter rechtzeitig versäumt. Das Abtreten ist zwar
schwierig und in der Regel auch schmerzhaft, aber es ist die einzige Lösung,
die einen Hauch von freier Entscheidung, ja Freiheit beinhaltet. Pleiter hatte
im Leben keine Chance, weil er bis zuletzt nicht bereit war, mit Anstand
aufzugeben, Konsequenzen zu ziehen. Bis er schließlich eine tödliche
Entscheidung traf. Und auch sie entsprang keiner Überlegung, sondern dem
Affekt.“
Bedrückt stehe ich auf, bedanke mich und schicke mich an
zu gehen. Ich will gerade die Türe öffnen, da spricht er mich noch einmal an.
Ich wende meinen Kopf und sehe, wie er lächelnd sagt: „Ob
man aber spielen kann, weiß man erst, wenn man es ausprobiert hat. Ihr Pleiter
hatte so große Angst vor der Blamage, dass er die größte Blamage auf sich nahm.
Vielleicht hätte er Mozart vorzüglich interpretiert und mit seinem Spiel die
Zuhörer zu Beifallsstürmen hingerissen? Wer weiß?“
Der Beifall war verrauscht, und erwartungsvolles
Schweigen erfüllte den Saal. Hundert Musiker, die bereit waren wie tausend zu
spielen, lauerten auf ihren Einsatz. Der Dirigent durfte die Spannung nicht
überdehnen und hob die rechte Hand mit dem kleinen, schmalen Stäbchen. Gleich
würde die schwarze Horde entfesselt werden, mit Klangkaskaden den Raum füllen
und die Zuhörer in höhere Welten entführen. In diesem Augenblick stand zu aller
Erstaunen der Mann hinter dem großen Konzertflügel auf, verbeugte sich und
schritt langsam zum Bühnenausgang.
Natürlich gab es Unruhe und Verwirrung. Doch der Dirigent
hatte den Vorfall rasch im Griff. Er verständigte sich mit dem ersten Geiger.
Dann begann man mit der Sinfonie, die auf das Klavierkonzert hätte folgen
sollen. Als die Klänge von Beethovens Musik den Raum füllten, war der Vorfall
beinahe vergessen. Man trauerte Mozart zwar etwas nach, aber es würde noch so
viele Gelegenheiten geben, ein Klavierkonzert von ihm zu hören. In der Pause
wurde auf den Gängen gerätselt und getuschelt, die Zeitungen brachten eine
kurze Notiz, und Pleiters Abtritt war Geschichte.
Jonny kehrt danach nicht nach Hause zurück. Er verzichtet
auf den Jubel der Männer und die Anerkennung der Frauen. Hänschen lässt sich
von den Tränen der Mama nicht mehr rühren. Beide verlassen sie ihre Zellen und
nehmen das kleine, helle Viereck auf dem Boden nicht mehr als Ersatz für einen
Sonnentag. Und irgendwann lernen sie sogar noch das Musizieren.
Horst Neisser
http://www.centratur.de