Der Mann am Klavier

 

 

 

Stille hatte sich über den großen Saal gelegt. Nur noch verhaltenes Hüsteln perlte durch den Raum. Es quoll in der linken hinteren Ecke auf, steckte an, huschte schräg durch die Reihen und versiegte. Dann, gleich einem Echo, wiederholte sich es sich auf der rechten Seite des Raumes. Endlich verebbte auch das letzte Knistern von Bonbonpapieren. Nur der Mann im blauen Anzug schnäuzte sich noch einmal hingebungsvoll in sein Taschentuch und steckte es behäbig weg, nachdem er sein Werk begutachtet hatte. Die Menschen waren jetzt so still, wie eben tausend Menschen still sein können.

 

Der Dirigent stand mit hängenden Armen auf dem Podest. Er hatte geduldig auf diesen Moment gewartet. Seine Augen waren geschlossen. Er schien sich in einer anderen Welt zu befinden. Gleich würde sich seine rechte Hand mit dem dünnen Stäbchen heben. Die Musiker saßen gespannt und konzentriert auf ihren Plätzen. Der Erste Geiger hatte ein Tuch über seine linke Schulter gelegt und hielt das Instrument in Höhe seines Kinns. Die Männer an den Celli und an den Bässen, die Herren mit den Hörnern und Fagotten, sie alle umklammerten ihre Instrumente und waren auf den schlanken Stab fixiert, der das Orchester gleich zu tosendem Leben erwecken sollte. Zeigten sie eine Spur von Nervosität? Ahnten sie etwas?

 

Spannung hatte auch Pleiter erfasst. Das grelle Licht der Scheinwerfer stach ihm in die Augen, trieb ihm den Schweiß ins Gesicht. Der Frack kniff unter seinen Armen, und die spitzen Lackschuhe drückten. Unruhig rutschte er auf seinem Polsterschemel hin und her, fand aber keine bequeme Stellung.

 

»Ich bin herausgeputzt wie ein Pfingstochse«, dachte er und wollte sich an der Brust kratzen. Daran wurde er aber nicht nur von der steifen Frackbrust gehindert, die ihn wie in Panzer umgab, sondern auch von seinem Anstand ‑ diesem Anstand, der bald nichts mehr wert sein sollte.

 

Die Menge im Auditorium saß gespannt. Ihr Warten wurde drohend. Der Dirigent durfte nicht länger zögern. Sein rechter Arm hob sich. Die Geigen wurden fester unter das Kinn geklemmt, die Zuckerrohrstücke in den Mund gesteckt, die Lippen an die Mundstücke gepresst. Dann senkte sich der Stab ganz leicht, wie ein Windhauch, und entfaltete seine ungeheuere Macht. Er zwang sechzig Musiker in seinen Bann und tausend Men­schen zum Zuhören.

 

Nur Pleiter entzog sich diesem Einfluss. Seine Hände waren feucht. Beinahe hätte er sie an den Hosenbeinen abgewischt. Wie sollte er nur aus dieser vertrackten Situa­tion wieder herauskommen? Versuchsweise streckte er die Arme aus und berührte mit den Fingerspitzen die Tasten. Sie waren kühl und glatt. Er beobachtete seine Finger. Sie erinnerten ihn an die tastenden Fühler einer Schnecke. Er musste über den Vergleich lächeln. Dann suchte er mit dem rechten Fuß das Pedal und drückte es verstohlen nieder, ließ es aber sofort wieder los. Er hatte Angst, ein Geräusch könnte das Publikum auf ihn aufmerksam machen. Pleiter wollte niemanden stören, sondern unbemerkt bleiben. Und doch gebührte ihm alle Aufmerksamkeit.

 

Trotz seiner Furcht hatte er es genossen, durch die schmale Seitentür ins strahlende Scheinwerferlicht auf die große Bühne hinauszutreten. Im tosenden Beifall war ihm eine Gänsehaut gewachsen. Doch er war ruhig und be­scheiden nach vorn geschritten, hatte sich neben dem Dirigenten aufgestellt und tief verbeugt. Immer und immer wieder hatte er sich verneigt, als das Klatschen kein Ende nehmen wollte.

Aber er war abgelenkt gewesen, hatte die Begeisterung, die ihm galt, nicht in ihrer ganzen Fülle genießen können. Ein kleines Stück vom Fußboden vor ihm hatte ihn abgelenkt. Eine Münze war dort nämlich ganz tief in die Fugen des Parketts eingetreten gewesen, deren Rand von den Putzfrauen Tag für Tag blank und blanker gewienert worden war. Mit jeder Verbeugung hatte sich Pleiters Kopf der Münze genähert und sich wieder von ihr entfernt. Zu gern hätte er gewusst, welchen Wert sie hatte.

 

Inzwischen war das Hochgefühl seines Auftritts verflo­gen, der Stolz der Angst gewichen. Pleiters letzte Gnaden­frist hatte begonnen. Sie würde vier Minuten dauern. Was danach kommen würde, wusste er nicht. Über eins war sich Pleiter jedoch klar: Es würde fürchterlich werden.

Er konnte von seinem Platz am Klavier aus den Dirigenten gut sehen. Dieser hatte seine Augen geschlossen, und es schien, als summte er die Melodie mit. Karajan soll sogar ungeniert mitgesungen haben, wenn er in Stimmung kam, sagt man. Ein wenig widerte Pleiter dieser allmächtige, selbstherrliche Kapell­meister an. Er wusste nicht, vor wem er sich mehr fürchten sollte: vor dem Publikum oder diesem musikalischen Alleinherrscher?

 

Warum hatte er sich nur diesen Frack ausgeliehen? Was hatte er hier unter all diesen Menschen zu suchen? Er gehörte nicht zu ihnen, war nicht von ihrer Art. Es war eine brutale, gierige Meute, die ihre Sensationslust hinter Kunst­sinn verbarg. Diese feinsinnigen Leute wollten sich angeb­lich an Mozart ergötzen, in Wirklichkeit aber warteten sie auf seinen Untergang. Dieser Haufe da unten auf den Polstersitzen war typisch für all die Menschen, mit denen Pleiter sein Leben lang zu tun gehabt hatte. Sie waren sich alle gleich gewesen in ihrer Erbarmungslosigkeit.

Oh ja, Pleiter kannte seine Pappenheimer. Der Sklave kennt den Herrn am besten. Immer wieder hatte er ver­sucht, es allen recht zu machen. Was hatte es ihm einge­bracht? Da saß er nun vor einem riesigen schwarzen Flü­gel, und die Sekunden seiner Gnadenfrist liefen unbarm­herzig ab.

Pleiter schielte aus den Augenwinkeln hinunter ins Publikum. Er betrachtete die Raubtiergesichter und überlegte, wie es wohl sein werde, wenn sie über ihn herfallen, ihn zerfleischen, seine Leber aus dem Leib reißen würden?

 

Zögernd streckte er wieder die Hand aus und tastete nach dem fremden Instrument. Einige der Leute im Audi­torium, die dies sahen, mussten denken, der Künstler berei­te sich auf die ersten großen Läufe vor. Aber Pleiter war weit davon entfernt, an Akkorde oder Läufe zu denken. Durch seinen Kopf ging ununterbrochen eine Melodie: „Hänschen klein, ging allein, in die weite Welt hinein.“

 

Dieses Lied versuchte der Mann auf den elfenbeinernen Tasten zu finden.

 

Die Fingerchen waren klein. So sehr sich das Bübchen auch anstrengte und sie zu Hämmerchen formte, es wollte ihm nicht gelingen, das Lied flüssig zu spielen. Das schwarze Klavier erhob sich wie eine drohende Mauer vor dem Kind. Der Filz des Pianos war schon recht abgenutzt, und ein Klavierstimmer hätte genügend Arbeit gehabt, aber zum Üben reichte der alte Kasten allemal.

„Halt“, sagte in diesem Augenblick das Mädchen, „das wiederholen wir gleich noch einmal.“

Der Bub formte die Hände wiederum vorschriftsmäßig zu Hämmerchen und schlug zaghaft die Tasten an: „g,e,e,f,d,d,c,d,e,f,g,g,g“.

Das ältere Mädchen beugte sich vor und sang mit frischer Stimme: „Hänschen klein, ging allein, in die weite Welt hinein.“

 

Beinahe hätte Pleiter, während er versonnen die Tasten befühlte, auf dem großen Steinway‑Flügel ein paar Töne angeschlagen. Mein Gott, er würde noch früh genug die Zuhörer aufschrecken. Aber dann würden sie nicht wie bei seinem Auftritt begeistert klatschen.

Dabei hatte er dabei nicht einmal mit den Armen gewunken. Eine derart vulgäre Geste passt nun einmal nicht in einen Konzertsaal. So etwas überlässt man den Popstars, die ihre Fans aufheizen müssen. In den Tempeln der Musik herrscht dagegen eine feierliche Atmosphäre. Hier zählen nur die Musik und der Künstler, der ihr sein Leben geweiht hat und ihr Tag und Nacht dient.

Diese Unterwerfung unter ein hohes Ideal macht bescheiden. Pleiter war demütig durch die Reihen der Orchestermusiker nach vorn an die Rampe geschritten. Dort stand sein Instrument, und an ihm saß er nun, und das Orchester spielte unerbittlich auf den Takt zu, an dem sein Einsatz kam. Gleich würde es so weit sein. Die Musiker würden für die Länge eines Herzschlags innehalten, um sich dann von den furiosen Akkorden des Pianos mitreißen zu lassen. Ein grandioser Lauf sollte folgen, mit dem sich der einsame Mann am Flügel gegen sechzig Instrumente behaupten würde. Eine schwarze Horde von sechzig Musikern, die strichen und spielten wie sechshundert.

„Aber der Frack steht mir wenigstens gut“, dachte Pleiter.

 

In der Garderobe war er selbst erstaunt gewesen, welch' eine stattliche Erscheinung er in dem ungewohnten Kleidungsstück hermachte. Dabei war es gar nicht einfach gewesen, den Frack aufzutreiben. Schließlich hatte ihn Schnauzer keinen Augenblick aus den Augen gelassen.

 

„Es ist schon makaber, wie sehr ich mich bemüht habe, bei meinem Untergang ordentlich angezogen zu sein“, überlegte der Mann am Klavier.

 

Die Klavierlehrerin war zwar noch jung, aber streng gewe­sen. Sie benutzte keine Klavierschule und ging nicht systematisch vor, dennoch beherrschte der Junge schon bald „Alle meine Entchen“, und auch „Kuckuck, Kuckuck“ lief ihm flott aus den Fingern. „Hänschen klein“ konnten sie aber nicht mehr bis zum Ende einüben.

 

Es hieß, der Vater habe versucht, die Kleine beim Weggehen zu küssen. Diese habe sich tags darauf der Mutter anvertraut und durfte danach nicht wiederkommen. Pleiter hatte die Mutter sagen hören, sie traue ihrem Mann solche Sachen schon zu. Schließlich habe er bis heute nicht aufgehört, sie selbst mit solchem Schweinekram zu belästigen. So begann und so endete Pleiters musikalische Karriere, und er dachte noch lange darüber nach, was wohl mit „Schweinekram“ gemeint war.

 

Die Luft im großen Sendesaal war rein und klar. Mozarts Klavierkonzert passte gut in diese Atmosphäre. Nur Pleiter war wie so oft in seinem Leben fehl am Platz. Er spürte ein heftiges Stechen in der linken Seite direkt unter dem Herzen. Er war krank und sollte dennoch das schwierige Klavierkonzert spielen. Man musste nicht Pleiters schwache Nerven haben, um in Schweiß auszubrechen.

 

Schnauzer war kein Vorwurf zu machen. Er hatte nur seine Pflicht getan, unbarmherzig und rücksichtslos, aber immer korrekt. Bei aller Diskretion hatte er niemals ein Hehl daraus gemacht, dass er Pleiter beschattete. Mit Geduld war er ihm durch alle Kleidergeschäfte gefolgt und hatte sein Opfer immer unsicherer und nervöser gemacht.

 

„Hänschen klein, ging allein“ ‑ den ganzen Nachmittag über war Pleiter das Lied nicht aus dem Kopf gegangen. Wie ähnlich war er doch diesem Hänschen in der fremden, weiten Welt! So wie die Gestalt in dem Lied hatte auch er vieles in seinem Leben falsch gemacht. Doch da gab es keine Mutter, die geweint hatte und zu der man hätte zurückkehren können.

Er hatte früh geheiratet. Die Unterhaltszahlungen für die Frau und die beiden Kinder nach der Scheidung waren hoch gewesen. Von seinem Monatsverdienst war nicht mehr viel übrig geblieben. Und dies nach seinem hohen Einsatz und dem vielversprechenden Anfang: Realschule, Lehrstelle, Abendschule, Fachhochschule und endlich Beruf. Pleiter wollte ganz groß 'rauskommen, es allen zeigen, beweisen, was in ihm steckt. Seine Frau hatte sich während dieses langen Weges anders orientiert. Vor dem Ende hatte er sie eine Nacht lang vergeblich angefleht bei ihm zu bleiben.

Dann kamen die endlosen Besäufnisse, die einsamen Nächte, die Versuche wieder Freunde zu finden, Frauen aufzureißen, und wäre es auch nur für eine Nacht. Demütigung reihte sich an Demütigung. Schließlich wurde ihm der Job gekündigt, und die Anwälte seiner Frau stellten den Antrag, ihn in Erzwingungshaft zu nehmen. In den Schuldturm sollte er!

„Nun“, hatte Pleiter gedacht, „wenn ich schon ins Gefängnis muss, dann doch bitte für etwas Lohnenderes als für das angenehme Leben meiner Verflossenen und ihres Loddels."

Die Entscheidung, kriminell zu werden, war zwar einfach zu treffen, aber Pleiter hatte nichts Einschlägiges gelernt. Er taugte nicht zum Räuber, Einbrecher oder Geldfälscher. Es fehlte ihm an allem: an Talent, an Kenntnissen und an Mut.

So war er verzweifelt gewesen und trank in einer Nacht die letzten Reste seiner Hausbar aus. Als die Kopfschmerzen am nächsten Tag nachließen, wusste er die Lösung: Er würde die Profession des Heiratsschwindlers einschlagen. Noch am gleichen Tag gab er ein Inserat auf.

 

Die hintere Front des Zimmers war ganz aus Glas. Als Pleiter verlegen hinausblickte, sah er tief unten den Rhein und die Lastkähne, die gegen die Strömung kämpften. Die Frau war nicht schön, aber sie schien Pleiter ungeheuer begehrenswert. Allein ihre Art, die Beine übereinander zuschlagen und ohne Hast den zurückgerutschten Rock wieder bis zur Kniescheibe zu ziehen, ließ in ihm sexuelle Erregung aufsteigen.

 

Eine Weile sagten beide kein Wort. Sie sah ihn lange und ruhig an, und er erwiderte flüchtig ihren Blick. Dann musterte er erneut das große Zimmer und fühlte sich sehr unwohl in seiner Haut. Im Hintergrund plätscherte leise Klaviermusik in die immer drückender werdende Stille hinein. Irgendwann erlöste die Frau ihren Besucher. Sie zauberte die Andeutung eines Lächelns auf ihr Gesicht und fragte: „Wie fühlen sie sich?“

Pleiter folgte einer spontanen Eingebung und antwortete: »Wissen Sie, dass Sie sehr schön sind?«

Statt einer Entgegnung senkte sie nur leicht den Kopf. Es war eine kokette Geste, die sowohl Zustimmung als auch Dank für das Kompliment ausdrückte.

„Was will sie von mir?“ fuhr es Pleiter durch den Kopf. „Die hat es doch nicht nötig, über eine Zeitungsanzeige einen Mann zu suchen. Die braucht doch bloß auf die Straße zu gehen, dann folgen ihr die Männer wie Kinder dem Rattenfänger.“

„Auch Sie können sich sehen lassen“, antwortete die Frau.

Pleiter errötete und wusste plötzlich, dass er sich lächerlich machte. Ihn beherrschte jetzt nur noch der Gedanke, vor diesem lächelnden Gesicht durch einen anständigen Abgang zu bestehen.

 

„Was wollen Sie von mir?“ fragte er deshalb mit einer für ihn ungewohnten Offenheit.

 

„Na, Sie sind gut“, antwortete sie leise und griff zu einer Zeitung, die auf einem Beistelltisch aus Glas neben ihr lag. Sie entfaltete sie bedächtig und las daraus vor: „Herr in den besten Jahren . . .“

Sie unterbrach sich und stellte fest, so wie man eine Rechnung auf ihre Richtigkeit hin prüft: „Stimmt!“

Danach deutete sie wieder mit dem Finger auf das Blatt, um den verlorenen Faden wieder aufzunehmen: „Gut situiert . . .“ ‑ Ein zögerndes Stirnrunzeln: „Wird sich herausstellen . . .“

Nach kurzer Pause: „Mit zärtlichem Herzen . . .“

Ein leises, kaum hörbares Schnalzen mit der Zunge: „Na, na! Hoffentlich verspricht der Inserent nicht zu viel!“

Wie eine Katze unvermittelt nach ermüdendem Spiel die Maus frisst, so kam sie rasch zum Ende: „. . . sucht eine liebevolle Partnerin zwecks späterer Bindung.“

Sie schenkte Pleiter einen verwunderten Augenaufschlag und sagte: „Viola! Und sie fragen, was ich von Ihnen will?“

 

Dann, nach einer Pause von mehreren langen Atemzügen: „Es ist üblich, dass der Mann der Frau den Hof macht. Bitte beginnen Sie!“

„Warum lasse ich mich von ihr nur so demütigen?“ überlegte Pleiter. „Warum bin ich überhaupt in diese Falle getappt? Ich bin doch ein lausiger Heiratsschwindler und selbst in dieser Rolle ein Versager.“

Hilflos saß er da und schwieg.

 

„So trinken Sie wenigstens etwas“, hörte Pleiter die spöttische Stimme, „vielleicht entkrampft Sie das!“

Er riss sich zusammen: „Ich bin nicht verkrampft, gnädige Frau. Aber Sie spielen ein böses Spiel mit meinen Gefühlen. Diese Demütigungen habe ich nicht verdient.“

„Papperlapapp!“ Sie war aufgestanden und ging langsam im Zimmer umher.

„Gut, spielen wir mit offenen Karten. Sie gefallen mir. Aber ich will nicht mit Ihnen ins Bett gehen, keine Liebe mit Ihnen machen, ficken, bumsen oder wie immer Sie es nennen mögen.“

Es war heraus, und Pleiter hätte gehen können. Dann wären ihm auch Schnauzer und alles andere erspart geblieben.

Statt dessen sprang er auf, eilte zu der Frau, fasste ihre Hand und stammelte: „An so etwas habe ich bei Ihnen niemals gedacht!“

„Warum nicht? Sind Sie impotent?“

 

„Hänschen klein, ging allein, in die weite Welt hinein.“

Das Lied wollte Pleiter nicht aus dem Kopf gehen. Er musste an sich halten, um es nicht laut vor sich hinzusummen. Automatisch intonierten seine Finger die Melodie auf den weißen Tasten. Es waren schöne, lange Finger.

„Richtige Pianistenhände“, dachte Pleiter. „An den Händen kann es nicht liegen. Vielleicht wäre aus mir tatsächlich ein großer Virtuose geworden, wenn ich etwas mehr Glück gehabt hätte?“

 

Um seine Hände war er schon immer sehr besorgt gewesen. Eine gute Handcreme hatte er sich auch in der ärgsten Not gegönnt. Sie war ihm sogar wichtiger gewesen als der Alkohol. Der Mann betrachtete seine Hände liebevoll. Geschmeidig und weich ruhten sie auf den Tasten. Er bewegte die Finger, rieb sie aneinander und spürte ihre Kraft.

„Manch einer wäre stolz auf solche Hände, aber für mich sind sie nutzlos“, dachte er resigniert. „Welchen Zweck haben die schönsten Hände, wenn sie niemand bewundert?“

 

 

Auch die Klavierlehrerin hatte zarte Hände gehabt. Alt konnte sie nicht gewesen sein. Vielleicht sechs oder sieben Jahre älter als er. Deshalb war sie auch so billig gewesen. Viel Geld hätte der Vater niemals für das überflüssige Klavierspiel ausgegeben. Ganz sanft hatte sie ihren Arm um die schmalen Schultern ihres jungen Schülers gelegt und hatte mit diesen feinen Händen seine Fingerchen geführt.

Der Pleiterbub hatte unter diesen Händen, die ihn liebkosten, ganz still gehalten. Kaum zu atmen hatte er gewagt und sich nicht mehr bewegt. Nur gehofft hatte er, dass der schöne Augenblick möglichst lange andauern möge. Alle Haare an seinem Körper hatten sich aufgestellt. Tief versunken waren sie gewesen und hatten vielleicht deshalb den Vater nicht gehört. Wie lange er wohl zugesehen hatte?

 

Plötzlich wurde der Junge an den Haaren vom Klavierschemel gezerrt und bekam eine mächtige Maulschelle, die ihn quer durchs Zimmer schleuderte. Als er endlich wieder aufzublicken wagte, sah er, wie das Mädchen mit dem Vater rang.

Der schrie: „Ich weiß, was du willst, du kleine Hure. Du sollst es bekommen, und zwar richtig und von einem wirklichen Mann!“

Dabei versuchte er, sie zu küssen. Seine großen, groben Hände hatten ihren Rock nach oben geschoben und machten sich an dem weißen Schlüpfer zu schaffen. Das Mädchen wehrte sich verzweifelt und schrie, aber es hatte gegen den Mann keine Chance. Der drückte sie auf die Couch und zerrte weiter an ihrer Unterwäsche. Blondes Haar quoll unter dem weißen Stoff hervor.

Nun hielt es den Jungen nicht länger. Trotz seiner Angst stürzte er sich auf den mächtigen Mann und zog an dessen riesigem Arm. Mit einem Ruck wurde er weggeschleudert, erhob sich mühsam und griff wieder an. Der nächste Schlag traf ihn in die Magengrube, und er blieb stöhnend liegen.

Das Mädchen hatte aufgegeben. Es lag matt und willenlos da, und war für den Mann ein leichtes Spiel.

 

Sie hatten zusammen zu Abend gegessen. Pleiter war immer aufgekratzter geworden, und gegen Mitternacht hatte er die Diamantenbrosche auf ihrer Brust entdeckt. Er lobte das Schmuckstück, und sie forderte ihn auf, die Brosche näher zu betrachten. Seine Finger fuhren sanft über das Geschmeide. Die Steine waren kühl und scharf. Plötzlich glitten seine Hände zur Seite und umspannten ihre Brust. Sie ließ es geschehen. Vorsichtig nahm sie sein Gesicht in beide Hände und küsste ihn zart.

„Ich mag dich“, flüsterte sie und fügte wie in Gedanken hinzu, „trotz allem.“

Auf dem Heimweg summte Pleiter ihren Namen vor sich hin: „Elise, ach Elise.“

 

Am nächsten Tag kam Pleiter wieder und auch am Tag darauf. Irgendwann fragte sie ihn: „Spielst du Klavier?“

Pleiter verneinte.

„Na, macht nichts. Willst du dennoch mein Mann werden?“

 

Dann folgten Wochen des Glücks. Sie gingen zusammen aus, und der späte Abschied an der Haustür wurde ihnen bald lästig. Deshalb zog Pleiter in das Gästezimmer der Villa. Elise, die seine finanziellen Verhältnisse rasch durchschaut hatte, griff mit ihrem Scheckheft ordnend ein und billigte ihm auch noch ein ordentliches Taschengeld zu.

So weit war Pleiters Leben geregelt, und er wäre glücklich gewesen, wenn sich seine Nächte nicht ausschließlich auf das Gästezimmer beschränkt hätten. Zarte Küsse auf die Wange waren eben kein Ersatz für eine Nähe, von der er nur träumen durfte.

„Ich bin mir schon ein schöner Heiratsschwindler“, dachte er bei sich.

 

Störend empfand Pleiter mit der Zeit die Klaviermusik, die Tag und Nacht durch die Räume hallte. Ständig hörte er Mozart und immer wieder Mozart. Mit der Zeit wuchs sein Widerwille gegen das Piano und ganz speziell gegen diesen Komponisten.

Elise war oft außer Haus, und die Aufwartefrau kam nur am Vormittag. Pleiter konnte sich zwar selbst nicht verstehen, aber wenn er allein war, stahl er sich trotz seiner Abneigung zu dem großen Konzertflügel im Musikzimmer und besann sich auf seine frühen kindlichen Übungen. Mit einem Finger suchte er die alten Lieder zusammen und brachte es dabei zu beachtlichen Fertigkeiten.

 

Hände! Immer wieder kamen dem Mann am Klavier Hände in den Sinn. Hände, die durch Haare streifen. Hände, die sich auf sein Geschlecht legen. Hände, die unter Röcken wühlen. Hände, die in Schlüpfer greifen. Hände, die sich um Hälse legen, derbe Hände, brutale Hände. Hände, die in Brustwarzen kneifen, auf Hintern schlagen. Hände, die rücksichtslos an Haaren zerren, um den Mund für einen gierigen Kuss in die rich­tige Lage zu bringen. Hände, die zuschlagen, deren Knöchel vom Schlagen bluten; der Kno­chen dringt durch die aufgeschlagene Haut, blutrote Hände.

 

Der Abend war fortgeschritten. Pleiter hatte wie immer das Essen gekocht und inzwischen den Tisch abgeräumt. Sie saßen noch eine Weile an der leeren Tafel bei Kerzenschein. Nebenher, nur einfach um etwas zu sagen, fragte Pleiter: „Wer ist eigentlich der Pianist all dieser Klavierstücke, die du ständig abspielst?“

Ruhig, wie es ihre Art war, antwortete Elise: „Mein Mann.“

Pleiter fühlte Panik in sich aufsteigen: „Dein Mann? Und wo ist dein Mann jetzt?“

„Er ist tot.“

„Wann ist er gestorben?“

„Vor kurzem.“

„Woran ist er gestorben?“

„Du hast ihn umgebracht.“

 

Pleiter lachte verlegen. „Du willst damit sagen, dass du dich nicht mehr an ihn erinnern kannst, und dass er des­halb für dich so gut wie tot ist. Es macht mich stolz, dass durch das Leben mit mir die Vergangenheit für dich aus­gelöscht worden ist. Ja, Vergessenwerden ist eine Art Sterben, sagen die Dichter.“

„Nein, du irrst! Auch wenn du gerne deinen sentimen­talen Schwachsinn glauben möchtest, er stimmt nicht. Mein Mann ist wirklich tot, und er ist durch deine Hände gestorben.“

„Bitte, sage so etwas nicht. Damit macht man keine Scherze.“

„Ich scherze nicht. Du hast meinen Mann, den bekann­ten Pianisten, vor einigen Wochen in einem Hotel in Bo­ston aus Eifersucht ermordet. Nun lebst du mit seiner Frau zusammen, die natürlich von deiner Tat nichts weiß.“

Pleiter fehlten wieder einmal die Worte. Er stand auf und ging ins Gästezimmer, um nachzudenken.

Aber über die seltsamen Äußerungen der Frau verloren die beiden in den nächsten Tagen kein Wort.

„Hänschen klein ging allein . . .“

 

„Vor dem Klo und nach dem Essen Händewaschen nicht vergessen . . .“

War dies das Tischgebet der Mutter gewesen? Die Mut­ter, die stets auf Reinlichkeit geachtet hatte und nicht einmal einen schmutzigen Gedanken in ihrem Haus zuließ ‑ Pleiter hatte sie gefürchtet und verehrt. Aber Liebe, so glaubte er heute zu wissen, Liebe war nicht zwischen ihnen gewesen.

Bei der Sache damals zwischen seinem Vater und dem Mäd­chen hatte sich Mutter recht seltsam verhalten. Sie hatte keine Szene gemacht, und der Junge hatte keine Vorwürfe oder gar Geschrei von den Eltern gehört. Aber immer wenn die Frau ihren Sohn sah, waren ihr Tränen in die Augen getreten.

Eines Tages hatte der junge Pleiter die Mutter zur Nachbarin sagen gehört, diese jungen Mädchen wären alle unmoralisch und schlecht. Das einzige Interesse dieser jungen Dinger wäre, eine intakte Familie auseinander zubringen. So hätte zum Beispiel die Klavierlehrerin versucht, ihrem eigenen Mann eine Vergewaltigung anzuhängen. Aber damit hätte sie natürlich bei Pleiters kein Glück gehabt. Sie, Frau Pleiter, könnte sich nämlich auf ihren Mann verlassen. Der würde so etwas niemals tun. Und nun müsse endlich Gras über die böse Geschichte wachsen. Selbst dem eigenen Sohn habe das junge Ding diesen gemeinen Unsinn solange eingeredet, bis er es glaubte. Deshalb bliebe der Familie nun nichts anderes übrig, als den Jungen zu Verwandten in die Stadt zu schicken. Immer wenn er sie anschaue, müsse sie nämlich an die Schweinereien denken, die er sich zusammen mit dem frühreifen und vorlauten Mädchen ausgedacht habe. Das halte sie nicht mehr aus. Sie lasse es nicht länger zu, dass ihre glückliche Ehe durch die schmutzigen Gedanken des Sohnes vergiftet werde.

 

Es war ein Freitagmorgen, da klingelte es an der mit Kupfer beschlagenen Haustür der Villa. Nach einer Weile drang vom Flur erregtes Gemurmel in den großen Salon. Schließlich hörte Pleiter Elise sagen: „Wenn Sie meinen Mann unbedingt sprechen wollen, so kommen Sie herein.“

Die Frau hatte den Satz betont laut gesprochen, und Pleiter erkannte, dass sie ihm einen Hinweis geben wollte. Verwirrt sprang er auf und zog seine neue, seidene Hausjacke an. Durch die Tür trat ein kleiner, breitschultriger Mann.

„Dies ist Herr Schnauzer von der Kriminalpolizei“, sagte Elise. Dann wandte sie sich herablassend an den Besucher: „Oder sind Sie nur ein Privatdetektiv?“

„Ich bin mit den Ermittlungen betraut“, war die ausweichende Antwort.

Pleiter fiel dabei die ungewöhnlich hohe Stimme auf, die so gar nicht zu dem massigen Körper passen wollte.

„Er möchte dich sprechen, mein Lieber. Ich weiß zwar nicht, um was es geht, aber er wird sich sicher noch erklären.“

 

Elise war wie immer die Ruhe selbst. Pleiter hingegen war bleich geworden. Er hatte Herzstiche; die Schmerzen waren noch in den Fingern der linken Hand zu spüren.

„Was wollen Sie von mir?“ presste er nach einer langen Pause hervor.

„Ich möchte Sie nur sehen.“

Wieder wunderte sich Pleiter über die Stimme.

„Natürlich hoffe ich auch, Sie bald am Piano zu erleben. Sie müssen nämlich wissen, dass ich Sie sehr verehre.“

Pleiter gab sich einen Ruck. Ohne nachzudenken, schlüpfte er in die angebotene Rolle und sagte schroff: „Wir geben heute keine Autogramme. Besuchen Sie mich nach meinem nächsten Konzert in der Garderobe. Dann werden Sie bekommen, was Sie wünschen.“

„Das will ich gerne tun, wenn Sie mir sagen, wo Sie spielen werden.“

„Mein Gott, so fragen Sie doch meine Agentur!“

„Gerade die hat mich zu Ihnen geschickt. Man hat da so einen Verdacht . . .“

An dieser Stelle mischte sich die Frau des Hauses kühl ein: „Jetzt beginnt wohl die Märchenstunde? Es ist an der Zeit, dass Sie verschwinden.“

 

Der Gast war über die Reaktion nicht verwundert und schickte sich ohne Widerstreben zum Gehen an. Pleiter und Elise folgten ihm. Es schien, als wollten sie ihn mit vereinten Kräften aus dem Haus drängen.

Plötzlich drehte sich Schnauzer noch einmal um, fasste Pleiter an der Schulter und hielt ihm eine Fotografie unter die Nase: „Kennen Sie diesen Mann?“

Pleiter warf einen Blick auf das Bild und prallte zurück. Es war eine Polaridfarbaufnahme und zeigte einen Mann im dunklen Anzug mit weißer Fliege. Das Gesicht war von Schlägen entstellt. Am schlimmsten aber sahen die Hände aus. Jemand musste immer wieder mit einem schweren Gegenstand auf sie eingeschlagen haben, solange bis nur noch blutiger Brei übriggeblieben war.

„Was soll das?“ fragte die Frau, die über die Schultern der Männer geblickt hatte. „Warum wollen Sie uns schockieren?“

„Dieser Mann wurde etwa vor einiger Zeit in einem Hotelzimmer in Boston gefunden. Erkennen Sie ihn?“

„Sie müssen verrückt sein! Was haben wir mit einem Mord in Amerika zu tun? Im übrigen kann man außer Blut auf diesem Bild nichts erkennen. Machen Sie endlich, dass Sie hinauskommen!“

Der Detektiv blieb ruhig stehen und zog ein zweites Bild aus der Tasche. Es war eine gedruckte Portraitaufnahme, wie sie Stars an ihre Fans verschenken.

Er starrte lang auf das Bild und sagte dann mit Bewunderung in der Stimme: „Die Ähnlichkeit ist verblüffend. Mein Kompliment!“

 

Als er gegangen war, blieb Pleiter wie betäubt stehen und starrte auf seine Hände. Der Händedruck des seltsamen Besuchers erinnerte ihn an seinen Vater.

Der Kopf des Mannes schmerzte. Sein Leben lang hatte er Kopfschmerzen gehabt.

 

„Hänschen klein Hände waschen nicht vergessen . . .“

 

Ja, es war Zeit, die Hände zu waschen. Er würde jetzt aufstehen und hinausgehen und seine Hände waschen. Jeder musste dafür Verständnis haben. Er war schließlich ein sauberer Junge und wollte nicht mit schmutzigen Händen am Klavier sitzen. Er wollte auch keine schmutzigen Gedanken haben. Niemals hätte er der Mutter absichtlich die Unwahrheit gesagt.

 

Wenn er doch endlich allen Schmutz und alle Lüge abstreifen könnte! Aber noch war es nicht so weit. Die große Reinigung würde später kommen.

 

Sie saßen auf der Ledercouch, und er fragte: „Wie lange warst du mit deinem Mann verheiratet?“

„Sehr lange!“

„Und dennoch hast du ihn so zugerichtet?“

„Mein Lieber, das warst doch du. Du warst wie rasend und wolltest mit dem Schlagen nicht aufhören. Aber was du auch getan hast, ich halte zu dir. Du hast es schließlich für mich getan. Wir sitzen beide im gleichen Boot, nur deine Seite liegt tiefer im Wasser.“

„Bitte hör auf!“ rief Pleiter verzweifelt. „Hör auf mit dem Theaterspiel! Am Ende glaube ich dir noch. Du machst mich verrückt. Ich bin schon halb wahnsinnig vor Kopfschmerzen, denn ständig muss ich darüber nachgrübeln, was du wohl beabsichtigst. Du hast ihn umgebracht und willst mich nun zu deinem Komplizen machen. Ich weiß, dass ich bis über beide Ohren in deinen Angelegenheiten stecke. Du hast es deshalb nicht mehr nötig, mir etwas vorzumachen.“

„Mein armer Liebling, ich mache dir nichts vor. Du solltest aufhören, diese schreckliche Nacht aus deinem Bewusstsein zu verdrängen und statt dessen deiner Tat ins Auge sehen.“

„Ich kannte deinen Mann doch gar nicht. Ich bin noch nie in Amerika gewesen. Überhaupt, ich kann niemanden umbringen, dazu bin ich nicht fähig.“

„Wozu man fähig ist, weiß man erst, wenn es ernst wird. Ich kann dir sogar die Flugkarte zeigen, mit der du von New York nach Boston geflogen bist. Bitte erinnere dich und höre endlich auf, vor dir selbst Versteck zu spielen. Du musst jetzt alle deine Sinne beisammen haben.“

Diese Frau machte ihn wahnsinnig. Pleiter hätte sich auf sie stürzen und würgen mögen. Aber noch lieber wäre es ihm gewesen, wenn sie ihn in den Arm genommen hätte. Doch das tat sie leider nicht.

 

 

Das Crescendo klang von fern an sein Ohr. Es schien ihm, als kämpften die Hörner mit den Geigen. Während Pleiter auf seine Hände starrte, kam ihm plötzlich ein böser Ver­dacht, und er schloss entsetzt die Augen.

 

Wer oder was gab ihm die Gewissheit, dass er tatsächlich in einem Konzertsaal saß? Vielleicht war dies alles nur ein Trugbild, die Wahnvorstellung seines kranken Geistes? Viel­leicht überstiegen die Schrecken der Wirklichkeit seine Ängste vor der Blamage um ein Vielfaches? Vielleicht war er an einen elektrischen Stuhl gefesselt und wartete auf den tödlichen Stromstoß? Vielleicht war der Dirigent der Direktor der Haftanstalt, der das Urteil verlas?

Gleich würde seine allerletzte Frist abgelaufen sein! Wo blieb der Einspruch des Gouverneurs, wo die Bewilligung seines Gnadengesuches? Sollte es für ihn etwa keine Gna­de geben? Woher nahmen die Menschen das Recht, Barmherzigkeit allein Gott zu überlassen?

Da hatte er nun die ganze Zeit gesessen und in den letzten, den kostbarsten Augenblicken seines Lebens von der Vergangenheit geträumt, und gleich würde das Ende kommen. Zu welchem Trugbild hatte sein armer, verzwei­felter Geist gegriffen, um ihn zu täuschen und zu trösten!

Sicher, seine Hände waren tatsächlich weit ausgestreckt, aber nicht, um die Tasten eines Klaviers zu erreichen, sondern weil sie in stählernen Fesseln steckten. Auch die Füße standen starr, denn sie wurden von Eisenklammern gehalten. Nun spürte er auch die harte Elektrode auf seinem rasierten Kopf. Ein Schauder überzog ihn.

Die Henkersmahlzeit vom vergangenen Abend lag ihm noch im Magen. Er spürte den dumpfen Schmerz und die Übelkeit, die langsam in ihm aufstieg. Wahrscheinlich würde er sich gleich übergeben müssen. Lange konnte er den Brechreiz nicht mehr zurückhalten. Er würde sich beschmut­zen. Alle würden sich vor ihm ekeln. Er musste sofort losgemacht werden, damit er aufstehen und zur Toilette gehen konnte. Danach konnten sie mit ihm machen, was sie wollten.

Aber Pleiter durfte sich nicht erheben. Er war auf seinen Stuhl gebannt. Die Hauptperson der Veranstaltung ließ man nicht so einfach aufstehen und gehen. Sie musste bis zuletzt ausharren und eine gute Figur machen.

 

Hinter der Scheibe saßen die Zuschauer und verfolgten jede seiner Bewegungen, interessierten sich für das Spiel seiner Miene. Pleiter nahm sich vor, das Ende mit Anstand und Haltung über sich ergehen zu lassen. Man sollte ihm nichts nachsagen können. Von diesem Solisten würde man noch lange mit Respekt erzählen!

Aber für wen sollte er denn Haltung bewahren? Wem sollte er Anstand zeigen? Doch nicht etwa dem Pack da draußen, das vorhatte, ihn sinnlos zu morden?

Wie war er nur auf dieses absurde Szenario eines Kon­zertsaales verfallen? Oder war es vielleicht doch real? Was war nun tatsächlich die Halluzination? Saß er vor einem Klavier und träumte von der Hinrichtung? Oder befand er sich auf dem elektrischen Stuhl und bildete sich ein, ein Konzert geben zu müssen?

Pleiters Kopfschmerzen nahmen zu, und die Schmerzen in seinem linken Arm wurden unerträglich.

 

 

Diesmal hatte Elise selbst den Tisch gedeckt, und das Essen war üppig gewesen. Weißer Satin lag auf der großen Tafel. Ein fünfarmiger, silberner Kerzenleuchter warf sein war­mes Licht auf köstliche Speisen. Satt lehnte sich Pleiter zurück. Elise, die neben ihm saß, sah ihn lange an.

„Du tust es für uns beide“, sagte sie. „Es wird nicht schlimm werden, wenn du mir vertraust. Lange bevor das Konzert beginnt, werden wir die ganze Komödie abblasen können. Wir müssen nur Zeit gewinnen, damit ich alles ordnen kann. Denke immer daran, es geht lediglich um ein paar Stunden. Es ist unser gemeinsames Geld, das ich retten muss. Wir wollen doch glückliche Jahre zusammen verbrin­gen! Wenn du dich ganz fest auf mich verlässt und dir dies immer vor Augen hältst, so wirst du es durchstehen kön­nen.“

Der Mann atmete schwer, als sie fortfuhr: „Stell dir stets den Moment vor, wenn alles überstanden ist und du zu mir zurückkommst! Wir werden eine gemeinsame Zukunft haben, die das kleine Opfer wert sein sollte.“

 

Bei diesen Worten fiel ihm das alte Lied der Südstaaten ein, mit dem sie die Kavaliere in den fürchterlichen Bürgerkrieg geschickt hatten: „When Jonny comes marching home again, hurray, hurray. We'll give him a hardly welcome then, hurray, hurray.“

Elise würde ihn herzlich empfangen, und endlich würde er ihr Mann sein.

Auch seine Mutter hatte damals am Bahnhof tröstende Worte gefunden. Sie sprach vom Wiederkommen, von seiner großen Chance in der Stadt, und wie sehr sie sich auf seine Rückkehr freute. Und dann hatte es keine Rückkehr gegeben.

“And the men will cheer and the boys will shout and the ladys will all come out.”

Ein kalter Wind hatte auf dem Bahnsteig geblasen, und kühl hatte die Mutter ihren Sohn verabschiedet. Der saß im Zugabteil und presste die Nase an die Fensterscheibe. Tränen rannen ihm übers Gesicht.

Sie aber stand auf dem Bahnsteig, winkte noch leicht mit der Hand und wandte sich dann ab, lange bevor noch der Zug fuhr. Langsam schritt sie zum Ausgang. Zurück blieb ein kleiner Junge, der sich die Nase an der Scheibe plattdrückte, dessen Hände zitterten, und der schließlich die Tränen nicht mehr zurückhalten konnte.

„Alle Frauen sind Dirnen“, dachte Pleiter, „nur meine Mutter war eine Heilige.“

 

Das Vorspiel näherte sich dem Ende. Mit Kinderliedern war Pleiter in dieser Situation nicht zu helfen. Doch seine Angst hatte den Höhepunkt überschritten. Kein Lebewesen kann ständig in Spannung leben, und auch der Mensch gewöhnt sich an die Todesdrohung. Dies bestätigen Soldaten, die tagelang im feindlichen Feuer gelegen hatten und Kandidaten, die aus der Todeszelle entkommen waren. Warum sollte dann Pleiter nicht auch endlich Ruhe finden? Ruhe zumindest für die paar Takte, die noch bis zu seinem Einsatz blieben.

 

Nun, da die Not am größten, war seine Mutter sicher nicht weit. Jetzt musste sie endlich einmal zu ihm stehen und konnte ihn nicht mehr verlassen. Vielleicht saß sie in diesem Augenblick hinter der Glasscheibe und beobachtete ihn voller Mitleid? Sicher war sie zufrieden, dass er so viel Selbstbeherrschung zeigte! Sie würde sich nun nie mehr von ihm abwenden.

Aber wahrscheinlich hatte sie gar keine Zeit, um ihn zu beobachten. Hektisch würde sie von einer Instanz zur anderen laufen, um in letzter Minute einen Aufschub des Todesurteils zu erreichen. Vor dem Gouverneur würde die alte Frau auf den Knien liegen und um das Leben ihres einzigen Sohnes flehen. Das steinerne Gesicht des mächtigen Mannes demütigte sie, und doch ließ sie sich nicht entmutigen.

Sie konnte natürlich auch im Konzertsaal sitzen. Schließlich wollte sie den Triumph ihres Sohnes erleben ‑ und würde doch so bitter enttäuscht werden. Er hatte sie immer enttäuscht, so lange er zurückdenken konnte. Die größte Schande hatte er damals in der Klavierstunde über sie gebracht.

 

Doch die Mutter hatte die Situation in den Griff bekommen. Sie hatte gewusst, was es zu tun galt. Unauffällig aus dem Hintergrund hatte sie alles bereinigt.

Sie saß immer im Hintergrund. Auch diesmal würde sie in einer der hinteren Reihen sitzen, so wie es ihre Art war. Erwartungsvoll würde sie auf die Bühne schauen. Ob sie diese Situation wohl auch in den Griff bekommt?

Konzertsaal oder Todeszelle, die Hauptsache für sie würde sein, dass ihr Sohn eine gute Figur macht. Und die wollte er machen. Die Mutter sollte stolz auf ihn sein. Alle ihre Hoffnungen wollte er erfüllen. Dann würde sie ihn in den Arm nehmen und nie wieder wegschicken.

 

Zorn überfiel Pleiter, als er daran dachte, dass ein Mann mit seinen groben Händen jemals diese Frau angerührt hatte. Hände, die im Schoß der Klavierlehrerin gewühlt hatten. Auf diesen Koloss von Mann hatte er eingeschlagen und war doch nur wie eine lästige Fliege hinweggewischt worden.

Seine Mutter, die Klavierlehrerin, Elise: Wer stellt sich vor die schwachen, hilflosen Frauen? Wer rettet sie vor den Männern mit den groben, kurzfingerigen Händen? Wie können solche Männer Pianisten werden?

 

Da steht dieser Mann in seinem Frack, arrogant und mächtig. Seine Manschetten sind gestärkt, und auf den goldenen Manschettenknöpfen glitzern Diamanten. Aus den Ärmeln ragen Hände, und diese Hände machen die geliebte Frau wehrlos. Sie betasten ungeniert ihren Körper, kneifen hemmungslos in die kleine Brust. Diese Hände finden keine Ruhe und kein Genügen. Sie wandern tiefer, zerren den Rock hoch, greifen gierig in den weißen Schlüpfer.

Pleiter kann nicht länger an sich halten. Er muss auf diesen bestialischen Mann zugehen, muss in dieses Gesicht schlagen und immer wieder schlagen.

 

Nach dem ersten Besuch von Schnauzer war Elise viel unterwegs gewesen. Als Erklärung gab sie lediglich „dringende Geschäfte“ an.

Schnauzer hatte immer häufiger vor ihrem Haus gestanden, und bald gab es keinen Zweifel mehr: Er verfolgte Pleiter, sowie dieser auf die Straße ging.

Dann kam das Telegramm, das Elise erblassen ließ. Die Agentur hatte ohne Rücksprache ein Konzert im großen Sendesaal des Rundfunks vereinbart. Sie vermutete hinter dieser Heimtücke Schnauzers Werk, obgleich derartige Vertragsabschlüsse nicht unüblich waren.

Die Falle war perfekt. Das Paar musste nun Farbe bekennen. Elises Vorbereitungen waren noch nicht abgeschlossen, und ihre Aktivitäten wurden immer hektischer. Pleiter bekam sie kaum noch zu Gesicht. Der Konzertabend rückte näher und näher. Mozart, wie auf dem Programm.

 

Am vierten Abend vor dem gefürchteten Tag rief sie ihn zu sich. Sie saß auf der weißen Ledercouch, trug ein weißes Kleid und blickte versunken über den Rhein. Wie immer setzte sich Pleiter ihr gegenüber. Aber diesmal klopfte sie auf den Platz neben sich. Dann nahm sie seinen Kopf in ihre Arme und küsste ihn innig und tief. Er hielt ganz still.

Nach einer Weile machte sie sich an seiner Hose zu schaffen. Später, sie hatte sich die Hände gewaschen, sagte sie: „Am Konzerttag entscheidet sich alles. Wir müssen Zeit gewinnen. Es kann um Minuten gehen. Du kannst dich darauf verlassen, dass ich dich nicht im Stich lasse, aber du wirst dir nun tatsächlich einen Frack besorgen müssen.“

 

 

Pleiter wusste, dass seine Hinrichtung unmittelbar bevorstand. Jeder Muskel seines Körpers war gespannt. Er war ganz Bereitschaft, den tödlichen Stromstoß zu erdulden. Sein Leib würde sich aufbäumen, die Augen aus ihren Höhlen quellen. Der Mensch Pleiter würde dann nur noch ein Bündel Schmerz, Qual und Todesangst sein. Diesem grausamen Schicksal war er ausgeliefert. Dagegen wäre die Blamage auf dem Konzertpodium nur ein dürftiger Karnevalsscherz. Wenn er tatsächlich vor dem großen Flügel säße, würde er lachend in die Tasten greifen, sein Unvermögen kundtun und dazu stehen. Ja, er würde endlich einmal in seinem Leben zu seinen Schwächen stehen. Dies wäre ein neuer Anfang.

 

Die Fahrt im Taxi von der Villa zum Konzertsaal war schlimm gewesen. Es hatte in Strömen geregnet. Pleiter hatten die Hände gezittert, als er vor sich hinsummte: „Hänschen klein, ging allein, in die weite Welt hinein.“

Aber er konnte sich nicht konzentrieren. Abschnitte seines Lebens rasten durch seine Erinnerung. Irgend etwas wurde mit dieser Fahrt unwiederbringlich beendet.

Mechanisch klopfte er den Rhythmus des Kinderliedes, der irgendwann beinahe unmerklich überging in ein anderes Lied: „When Jonny comes marching home again, hurray!“

Der Zynismus dieses Liedes wurde ihm von Sekunde zu Sekunde bewusster. Sie alle, die zu Hause bleiben und feiern können, freuen sich großmütig, wenn der arme Soldat aus der Schlacht zurückkehrt. Oh, zu welchem Edelmut ist dieses Pack fähig! Die Frauen sind sogar bereit, ihren dummen Tratsch für kurze Zeit zu unterbrechen und vor das Haus zu treten. Jonny, sie sind es nicht wert, dass du zu ihnen zurückkehrst, und sie sind es noch weniger wert, dass du für sie stirbst.

 

Schnauzer, der sich ohne viel zu fragen gleich bei der Abfahrt zu ihm ins Taxi gesetzt hatte, war schweigsam gewesen und hatte sein Opfer ruhig aber interessiert betrachtet.

Unvermittelt hatte sich Pleiter an ihn gewandt und gesagt: „Eines Tages werden die Soldaten auf das 'Hurray’ der Frauen pfeifen. Die Ehre und all' die Pflichten, die sie im Leben erfüllen sollen, werden sie nicht mehr interessieren. Die Hänschen werden die weinenden Mütter vergessen. Sie werden durch die Weit ziehen, und sie werden sich Häuser bauen, da, wo es ihnen gefällt. Verdammt noch mal, das werden schöne Zeiten sein!“

 

Die Zeit vor dem Konzert war im Nu verronnen. Elise hatte es so arrangiert, dass eine Probe nicht abgehalten werden konnte. Man musste dem weltberühmten, versierten Pianisten auf Gedeih' und Verderben vertrauen. Pleiter war auf und ab gelaufen und hatte auf den rettenden Telefonanruf gewartet. Dann war Pleiters großer Auftritt gekommen.

Willenlos und ohne nachzudenken hatte er die Bühne betreten: „Hänschen klein comes marching home again!“

 

Pleiter schüttelte energisch den Kopf und streifte seine Angst ab. Er öffnete die Augen, setzte sich zurecht und war bereit für seinen Einsatz. Ein neuer Triumph wartete auf ihn. Alle sollten sie „Hurray“ rufen und das mit vollem Recht. Er war nicht mehr der kleine Hans, sondern hatte sich zum siegreichen Jonny gemausert.

Der Dirigent hob den Taktstock, der Pianist spannte die Muskeln, und sein ganzes Sein war nur noch Aufmerksamkeit. Seine Gedanken hatte er zurückgedrängt, er hatte sich innerlich selbst aufgegeben und völlig der Musik übereignet.

Plötzlich ging ein Raunen durch den Saal. Der Kapellmeister hielt verwirrt inne, die Musik brach ab. Nur ein einsamer Cellist spielte noch ein paar Takte weiter, bis der Dirigent unwillig abklopfte. Der Delinquent wandte sich auf seinem Schemel um und sah einen Konzertdiener mit rudernden Armen vom Bühneneingang her durch die Musiker eilen. In Sekundenschnelle wurde er am Arm gefasst und hinausgezogen. Draußen stand er vor seinem Ebenbild. Der Mann musterte ihn kurz und hastete dann hinaus ins Rampenlicht. Pleiter hörte durch die Kulisse ein paar gedämpfte Worte, dann setzte die Musik wieder ein. Das Orchestervorspiel begann von vorn und bald darauf wurde der Steinwayflügel von routinierter Hand gespielt. Pleiter hatte ausgespielt. Seine Rolle war beendet. Gleichgültig, ob sein Gnadengesuch in letzter Sekunde bewilligt worden war oder ob Elise zuletzt doch noch Erfolg gehabt hatte, ihm blieb nur noch die Erinnerung an das Scheinwerferlicht. Er hatte seinen Auftritt gehabt, war einmal im Leben Solist gewesen. Leider aber nur für ein kurzes Vorspiel.

 

 

***

 

Soweit wäre die Geschichte zu einem glücklichen Ende gebracht, obgleich, das muss zugegeben werden, noch viele Fragen offen geblieben sind. Aber sind diese Fragen denn wichtig? Es ist doch müßig, darüber zu spekulieren, welche Entschuldigung man zum Beispiel dem Publikum vortrug, um die Unterbrechung des Konzertes zu erklären.

 

Natürlich wäre es angenehm, nähere Einzelheiten zu erfahren. Wer ist schon frei von Neugierde! Doch lassen wir uns den Blick nicht verstellen von Details. Das Leben verlangt die Konzentration auf das Wesentliche. Somit soll dahingestellt bleiben, weshalb Elise Zeit gewinnen und Pleiter in die nervenaufreibende Komödie treiben musste. Vielleicht ging es um viel Geld, möglicherweise sogar um ein Kapitalverbrechen. Die Wege des Schicksals sind verschlungen, und die Aufdeckung dieses Kriminalfalls ist eine eigene Geschichte.

 

Wenn die reitenden Boten des Königs kommen, wendet alles sich am End' zum Glück. In Pleiters Leben war es zwar nur ein Orchesterdiener. Ob sich aber für den Mann tatsächlich alles zum Glück gewandt hat, muss noch dahingestellt bleiben. Zumindest war er aus seiner misslichen Lage auf dem Podium befreit worden.

 

Wie auch immer, man hatte Pleiter nach seinem überstürzten Abtritt vergessen. Schließlich sieht man die im Dunkeln nicht, und das Licht schien nun wieder auf jene, die daran gewöhnt waren, sich in ihm zu bewegen. Er blieb eben der ewige Verlierer. Vielleicht sollte er damit zufrieden sein? Den Scheinwerfer wieder auf diesen traurigen Helden zu richten, hieße in der Tat, das schöne Happy End in Frage zu stellen. Ob Pleiter auch fürderhin seinen Zwangslagen entkommen kann, ist fraglich. Happy Ends sind selten befriedigend und nie originell. Aber sie vermitteln Wohlbehagen und verbreiten gute Laune. Die weitere Beschäftigung mit Pleiter bedeutet auch, sich der Tragik des Lebens zu stellen.

 

Der verhinderte Pianist war, noch während das Konzert nach Hause zu Elise gefahren. Aber wenn er geglaubt hatte, sie würde ihn mit offenen Armen empfangen, so sah er sich getäuscht. Zwar ließ sie ihm Zeit, seine Sachen zu packen, doch dann wies sie ihn höflich und bestimmt aus dem Haus. Die Kleider, die sie für ihn gekauft hatte, durfte er behalten. Auch erhielt er ein paar hundert Mark Honorar. Damit aber war die Sache für Elise erledigt.

Sie hatte Pleiter eingekauft und bezahlt, und zum Abschied vermied sie das vertraute „du". Pleiter war wieder ein Fremder, der schließlich mit seinem Koffer auf der Straße stand, und die kupferbeschlagene Tür hatte sich hinter ihm geschlossen.

 

In diesem Augenblick tauchte Schnauzer auf und lud Pleiter zu einem Bier ein. Sie hatten beide ihr Spiel verloren. Während sie so saßen und tranken und rauchten, wurde der gefürchtete Schnauzer seinem ehemaligen Opfer sympathisch. Pleiter hatte den ersten Freund seines Lebens gefunden.

 

Die beiden Helden leckten sich die Wunden, und das Pianistenehepaar reiste nach Amerika zurück. Trotz der Abfuhr, die Pleiter erhalten hatte, konnte er in der folgenden Zeit nur noch an Elise denken. Ihr Bild begleitete ihn in seine Alkoholträume und verließ ihn auch nicht in den seltenen nüchternen Stunden. Am Tag hasste er sie, und nachts liebte er sie doch. Er zeichnete mit ungeschickten Strichen ihr Bild und schrieb ihr Briefe, die er nicht abschickte. Jede Minute der gemeinsam verbrachten Zeit rief er sich in die Erinnerung zurück. Verzweifelt versuchte er zu ergründen, was er wann falsch gemacht hatte.

Pleiter war sicher, dass ihn Elise irgendwann geliebt haben musste. Diese Liebe würde wieder erwachen. Die Rückkehr von Elise war nur eine Frage der Zeit. Er wagte kaum noch, seine Wohnung zu verlassen, wollte um jeden Preis zu Hause sein, wenn sie kommen würde. Selbst auf der Toilette fürchtete er, das Telefon zu überhören.

 

Endlich rang sich Pleiter zu einer großen Tat durch. Bereit, einmal im Leben aus eigenem Antrieb zu handeln, besorgte er sich Geld. Vielleicht pumpte er es, vielleicht stahl er es auch. Jedenfalls reichte der Betrag für einen Flug nach Amerika. In einem Hotelzimmer in Boston überraschte er die geliebte Frau. Sie war gerade dabei, Briefe zu schreiben. Auf dem Bett lag ein geöffneter Koffer, aus dem zarte Spitzenunterwäsche quoll.

Als sich ihr der Mann zu Füßen warf, war Elise nicht erschrocken, sondern nur ein wenig verwirrt und dann recht unwirsch. Sie schnitt Pleiters Redeschwall mit einem „papperlapapp“ ab und wies ihm die Tür. Dies war zu viel für den liebenden Pleiter.

Er wusste, er musst sie nun verführen oder alles wäre verloren. Deshalb stürzte er sich auf sie, zerrte an ihren Kleidern und fuhr mit seinen Händen über ihre zarte Haut und über das weiche, krause Haar. Sein Kuss erstickte ihren Schrei und seine Arme hielten sie mit eisernem Griff fest.

Elise wehrte sich verbissen, aber sie hatte keine Chance gegen den Mann, der ständig stammelte: „Ich will dich doch nur glücklich machen.“

Endlich gab sie auf und lag matt und willenlos da. Pleiter wertete dies als die ersehnte Zustimmung. Schon sollte beider Glück vollkommen sein, da öffnete sich die Tür, und der Doppelgänger übersah mit einem Blick die Situation. Er eilte der Frau zur Hilfe.

Pleiter, so nahe an seinem Ziel, kapitulierte zum ersten Mal in seinem Leben nicht. Er stieß den anderen so heftig zurück, dass dieser durchs Zimmer taumelte. Beim weiteren Kampf unterlag der fremde Mann und wurde von Pleiter erbarmungslos zusammengeschlagen. Zunächst mit Hieben in den Magen und dann ins Gesicht. Schließlich, als seine Hände zu sehr schmerzten, nahm Pleiter den schweren Steinaschenbecher vom Tisch und prügelte weiter auf den Nebenbuhler ein. Der lag inzwischen auf dem Boden und rührte sich nicht mehr. Er trug einen schwarzen Frack mit weißer Fliege, und als ihm Pleiter die Hände zermalmte, war er längst tot.

 

Damit hat die Geschichte noch ein vorläufiges Ende erreicht. Der Held, den wir in der absurden Situation auf dem Konzertpodium kennen gelernt haben, hat ein weiteres Mal wie ein Idiot agiert. Sein Untergang ist unabwendbar. Dabei ist er nicht einmal eine tragische Figur. Dummheit hat recht wenig Tragik an sich. Das Mitleid mit dem „tumben Toren“ hält sich in Grenzen.

 

***

 

Als ich die Vorfälle aufzuzeichnen begann, hatte ich noch die Hoffnung, alles könnte gut ausgehen. Ich war sogar neugierig, was sich wohl aus dem seltsamen Plot entwickeln würde. Nun sitze ich betroffen vor den Scherben meiner Geschichte.

Ich will resümieren: Bei aller Verachtung, die wir Pleiter entgegenbringen, er ist unglücklich. Daran ist nicht zu deuteln. Das eigene Unglück ist immer das Schlimmste, auch dies ist eine Wahrheit; und der verschmähte Liebende ist sicher so unglücklich wie der unheilbar Kranke oder der zahlungsunfähige Schuldner. Ein Unterschied liegt wahrscheinlich nur darin, dass Leid und Schmerz jeweils verschieden rasch vergehen. Diese Gewissheit, dass alles in diesem Leben einmal endet, ist sicher tröstlich, aber durch sie verliert auch wirkliche Tragik ihre letzte Basis.

Die Kunst des Dichters besteht darin, Momente zu schildern, in denen große Gefühle im Menschen wirken. Allerdings muss er, wenn Alltag und Gewöhnung beginnen, rasch ein Ende finden. Nur so kann er sein Publikum mitreißen, auf Zustimmung bauen und Wahrhaftigkeit attestiert bekommen.

 

Es hat mir Spaß gemacht, Menschen zu erfinden und sie allgewaltig zu beherrschen. Aber nun weiß ich nicht mehr, wo beginnt und wo endet meine Freiheit als Schöpfer?

Haben meine Figuren nicht längst ein Eigenleben gewonnen, sich von mir befreit? Hat nicht längst ein Teil Pleiters von mir Besitz ergriffen? Bin ich inzwischen vielleicht sogar so tief in den Strudel der Ereignisse hineingezogen worden, dass ich die Selbstbestimmung über mich selbst verloren habe? Werde ich nun von meiner eigenen Geschichte beherrscht oder gar zu Grunde gerichtet?

 

Ich sitze in meinem Zimmer. Eine Wolke hat sich vor die Sonne geschoben, die bisher meinen Tisch beschien. Es ist so dunkel geworden, dass ich Schwierigkeiten habe, meine Schrift auf dem weißen Papier zu lesen. Die Bezeichnung „Zimmer“ ist für die kleine, graue Kammer wahrscheinlich zu viel der Ehre. Lediglich ein Tisch, Stuhl und Bett stehen zu meiner Verfügung. Hier sitze ich und erschaffe menschliche Wesen und walte mit ihnen. Und was bin ich selbst? Der Gefangene eines Dreckloches! Macht ist, so scheint mir, immer unvollkommen. Ob Gott dies wohl auch so empfindet?

 

Was würde wohl mit Pleiter geschehen, wenn ich diese Papiere zerrisse? Würde er aufhören zu existieren? Wäre es Mord? Habe ich überhaupt noch ein Recht an diesen Personen, die von mir erfunden worden sind? Vielleicht sind sie inzwischen von mir unabhängig, und ich kann ihnen nichts mehr anhaben? Meine Geschöpfe würden dann ohne mein Zutun weiterleben, ohne dass ich fürderhin Kenntnis von ihrem Schicksal hätte. Hat sich meine Schöpfung nicht längst verselbständigt, ist meinem Einfluss entglitten? Am Ende bin ich gar nicht der Schöpfer, sondern das Geschöpf? Bin ich meine eigene Erfindung?

 

Diese Fragen treiben mich in den Wahnsinn. Ich kann die Kopfschmerzen nicht mehr länger aushalten und muss eine Pause einlegen. Ich werde mich für eine kurze Zeit aufs Bett legen. Noch habe ich viele Stunden Zeit und kann mich ausruhen. Nur die Uhr läuft unerbittlich weiter.

 

Ich habe mir die abendlichen Gespräche von Pleiter und Elise noch einmal laut vorgelesen und war entsetzt. Alles kommt mir nun so abgeschmackt vor. Ist meine Geschichte einmal mehr ein Beweis dafür, dass auch das Ungewöhnlichste immer im Banalen endet? Haftet nicht sogar jeder „unerhörten Begebenheit“ ein Hauch von Trivialität an? Aber spielt dies andererseits eine Rolle? Warum sollte ich Trivialität vermeiden? Was soll dieses Streben nach Originalität? Darf ich überhaupt originell sein und darüber die Wahrheit vernachlässigen? Ich will mich an die Wahrheit halten, an nichts als die Wahrheit, und wenn ich auch noch so viele Allgemeinplätze aneinanderreihen müsste! Das war zum Beispiel auch die Arbeitsweise von Ernest Hemingway und macht ihn noch immer faszinierend.

 

Dennoch muss ich mich disziplinieren! Der Text soll auch vor unabhängigen Augen bestehen können. Ich bin es Pleiter und mir schuldig, mein Bestes zu geben. Noch habe ich alle Zeit der Welt. Niemand drängt mich. Alles ist so weit entfernt. Ich bin allein mit mir und mit Pleiter. Ich bin geborgen in meinem Zimmer. Es ist wie eine warme Hülle, die mich schützend umgibt. Das Zimmer beengt mich nicht. Es lässt mir die Freiheit, die ich brauche. Wenn ich mich auf das Bett lege und die Augen schließe, dann gibt es keine Mauern, dann kann ich die Sonne sehen, und sie blendet mich. Ich spüre den frischen Wind auf meiner Haut.

Diese Welt ist nicht wirklich, denn sie ist nur in meiner Vorstellung. Aber meine Vorstellung ist die Welt. Ich sehne mich nach mehr Wirklichkeit. Meine Geschichte ist wirklicher als diese triste Zelle. Pleiter ist meine Wirklichkeit. Wie ein Hund bin ich ihm gefolgt. Ich konnte nicht von ihm lassen und war gleichzeitig sein schärfster Kritiker. Unbestechlich und ohne Teilnahme habe ich gesehen, wie der Mann gegen sein Leben anrannte. Ich habe ihn erlebt in seiner Atemlosigkeit und seinen Schmerzen. Obwohl ich kein Mitleid mit ihm verspüre, so weiß ich doch, dass er jetzt eine Pause benötigt. Er muss Luft holen können.

 

Auch ich bin müde, und die Kopfschmerzen nehmen immer noch zu. Ich glaube, ich sollte mich von Pleiter abwenden. Er beginnt mir leid zu tun. Ich kann seinem Schicksal nicht länger objektiv zusehen. Ich möchte ihm helfen, ihm den bitteren Kelch ersparen, den er nun wohl trinken muss. Aber die Grenzen meiner Allmacht sind erreicht. Ohnmacht ist die Tragik des Schöpfers. Pleiter ist zum Täter geworden und muss deshalb zwangsläufig auch zum Opfer werden. Die Rolle des Täters war für ihn neu, die des Opfers sollte er kennen.

 

Wir sind alle Schöpfer und Geschöpfe, und deshalb befürchte ich, dass mir die Initiative aus der Hand genommen wird. Ich werde dieses schützende Gefängnis verlassen müssen und vor mein Publikum treten. Es wird über meine Geschichte urteilen, und ich muss mit Ablehnung oder sogar Pfiffen rechnen. Doch will ich alles mit Haltung ertragen. Man wird mir nichts nachsagen können. Wer sich der Meute stellt, muss auf alles gefasst sein. Wer den Beifall sucht, muss auch Buhrufe in Kauf nehmen.

 

Wie kann ich mit Pleiter Ehre einlegen? Darf man bei soviel Elend, Selbstmitleid, Ungeschick und zerstobenen Träumen mit Gnade rechnen? Pleiter ist nicht tragisch, sondern ein Ärgernis, und Ärgernisse müssen beseitigt werden. Sie stören! Durch ihre Vernichtung wird die Ordnung der Welt wieder hergestellt.

Jeder recht denkende Mensch hat das Recht zu erwarten, dass Pleiter nun zum elektrischen Stuhl geführt wird. Er ist schließlich ein Mörder und im übrigen auch ein geborener Verlierer. Außerdem, was kann ihm das Ende schon ausmachen? Besser ein Ende mit Schrecken als ein Schrecken ohne Ende. Es kann und wird für ihn niemals besser werden, und deshalb kommt diese letzte Konsequenz einer Erlösung gleich.

Pleiter kann bei diesem letzten Gang endlich einmal ein Maß an Selbstbeherrschung zeigen, das auch seinen Kritikern Respekt abnötigt. Zumindest im Augenblick des Todes sollte Pleiter zu einer achtenswerten Persönlichkeit werden.

Der Mann wird den schweren Weg durch die nackten, kalten Gänge antreten. Er wird den Stuhl in seiner unanständigen Zweckmäßigkeit sehen. Er wird sich ruhig auf seinem letzten Ruheplatz niederlassen, sich nicht zur Wehr setzen, sich nicht sträuben und die Henker zur Gewalt zwingen. Aufrechten Hauptes wird er Platz nehmen. Er wird seine Hände ansehen, diese schlanken, langen Pianistenfinger. Das Herz wird ihm bis zum Halse schlagen, und er wird nicht atmen, sondern keuchen. Dann wird der Schmerz durch all seine Glieder fahren, und die Finger werden sich zusammenkrümmen. Der Mund wird sich zu einem Schrei öffnen, doch nur Blut wird auch ihm herausbrechen. Blut wird auch aus den Ohren und aus der Nase schießen. Alle Glieder werden sich verkrümmen. Der Leib wird sich gegen seine Fesseln aufbäumen und endlich in sich zusammensinken. Dann wird sich der Tod gnädig über ihn legen, eine Gnade,  die Pleiter das Leben verweigert hat.

 

Wenn ich eine Ahnung davon gehabt hätte, dass diese Geschichte so endet, so hätte ich sie nicht geschrieben. Diesen Tod habe ich nicht beabsichtigt. Ich bin nicht gefühllos. Allein die Vorstellung dieses Leidens raubt mir den Schlaf. Die Handlung ist inzwischen viel zu weit gediehen, als dass ich sie noch ändern könnte. Pleiter ist nun einmal in der Welt. Dennoch will ich das mir Mögliche unternehmen, um Pleiter sein Schicksal zu ersparen. Gleichgültig, ob er es verdient hat oder nicht. Dieses Geschöpf klagt Barmherzigkeit bei seinem Schöpfer ein. Doch ich bin schwach, und meine Allmacht ist begrenzt. Allein kann ich das Geschick nicht wenden. Ich brauche Hilfe, wenn ich der Unausweichlichkeit entgegentreten will. Wer kann mir helfen? Eine große Auswahl an Personen steht nicht zur Verfügung. Die Besetzung des Stückes war nämlich im Hinblick auf das schmale Budget des Theaters sparsam gewesen.

 

 

***

 

Wenn ich die Liste des Inspizienten durchgehe, so stoße ich zuerst auf Pleiters Frau. Sie war mit ihm verheiratet gewesen und musste ihn doch zumindest ein klein wenig geliebt haben. Außerdem hat er lange genug für sie gezahlt. Dennoch bin ich mir beinahe sicher, dass ich bei ihr erfolglos sein werde. Nach meiner Einschätzung ist der Mann inzwischen für sie nur noch eine Figur, die ihre Erwartungen nicht erfüllen konnte. Er hatte sie versorgen sollen, war aber seinen Aufgaben nicht ordentlich nachgekommen. Sie hatte noch versucht, ihm gewissermaßen zu helfen, ihn mit Druck zu seinen Pflichten zu nötigen. Sie hatte ihr Nörgeln sicher selbst als lästig empfunden, aber das Leben erfordert eben manchmal eine gewisse Härte. Doch Pleiter hatte sich ihren Anstrengungen immer wieder entzogen und sich auf der ganzen Linie als Versager erwiesen. Da war ihr nichts anderes übrig geblieben, als den Loser abzuschreiben. Zum Glück hatte sie für Pleiter einen Nachfolger gefunden, den sie sich statt als Liebhaber nun als Versorger küren konnte.

 

Doch ich bin nicht ohne Hoffnung. Vielleicht hat sie Pleiter noch nicht ganz vergessen? Vielleicht kann man ihr klarmachen, dass ein lebender Pleiter als Unterhaltszahler immer noch nützlicher ist, als ein hingerichteter Verflossener. Man müsste bei der Ehefrau ein Interesse an Pleiters Weiterleben wecken können. Ich will sie aufsuchen und mit ihr reden.

 

Der Besuch ist mir unangenehm, und ich würde ihn gerne aufschieben. Ich verabscheue die Art, wie die Frau mit Pleiter umgesprungen ist. Doch bleibt mir eine Wahl? So mache ich mich auf den Weg in die Vorstadt. Vorsichtshalber habe ich mich nicht telefonisch angemeldet. Sie wohnt in einem Hochhaus. Auf dem Rasen neben dem Eingang spielen Kinder. Sind es die ihren? Ist Pleiter ihr Vater? Ich fahre mit dem Fahrstuhl in den vierten Stock. Alles ist geputzt und gepflegt. Neben der Tür des Fahrstuhls hängt ordentlich gerahmt die Hausordnung. Nach kurzem Zögern klingle ich. Vor mir steht eine Frau Anfang Dreißig. Ich erkläre ihr, dass es um ihren geschiedenen Mann geht. Sie zeigt keine Spur von Ablehnung oder Misstrauen, sondern fragt, ob ich sein Anwalt sei. Etwas verlegen verneine ich und bitte eintreten zu dürfen.

Das Wohnzimmer ist geräumig und mit altdeutschen Möbeln ausgestattet. Die Frau ist schlank und gepflegt und von der Attraktivität der unzähligen Models, die auf den Werbebeilagen der Tageszeitung allmorgendlich Röcke und Unterwäsche vorführen. Als ich berichte, dass sich Pleiter in großen Schwierigkeiten befindet und dringend Hilfe braucht, nickt sie verständnisvoll. Und dann, nachdem sie in der Küche Kaffee aufgesetzt hat, beginnt sie ihre Sicht der Dinge zu erzählen.

 

Ich erfahre, dass die Wohnung, in der wir sitzen, damals von Pleiter erworben und anbezahlt worden war. Das Gericht hatte sie der Frau nach der Scheidung wegen des Kindes zugesprochen. Aber nachdem Pleiter seinen Zahlungsverpflichtungen nicht nachgekommen war, sei sie mit den Hypotheken in arge Bedrängnis geraten. Sie habe die vierteljährlichen Zinsen nicht mehr zahlen können, und wenn ihr damaliger Freund ihr nicht unter die Arme gegriffen hätte, wäre sie auf die Straße gesetzt worden. Noch heute könne sie nur den Kopf schütteln über die Herzlosigkeit, die Pleiter damals an den Tag gelegt habe. Es wäre ihm gleichgültig gewesen, wenn seine Familie das Dach über dem Kopf verloren hätte.

„Es ging ja damals nicht nur um mich, sondern auch um Tanja, an der er doch immer so hing. Wenn er mir hätte schaden wollen, so hätte ich wahrscheinlich sogar Verständnis dafür aufgebracht. Aber an das Kind hätte er doch denken müssen. Die Kleine konnte doch schließlich nichts dafür.“

Nun, es wäre doch noch einmal alles gut gegangen. Ihr damaliger Freund hätte uneigennützig geholfen und ihr Geld geliehen. Das Sozialamt hätte die Alimentenzahlungen vorgestreckt, und so wäre es ihr möglich gewesen,  die Wohnung zu halten. Besonders die Uneigennützigkeit des Freundes, ihres jetzigen Mannes, betont die Frau immer wieder. Er hätte geholfen, obwohl er dazu gesetzlich überhaupt nicht verpflichtet gewesen wäre. Er war damals weder mit ihr verheiratet noch der Vater des Kindes. Pleiter hingegen, sei rechtskräftig zu Zahlungen verurteilt gewesen, und gerade er habe sie hängen lassen.

 

Ich höre ihr zu, nippe an dem heißen Kaffee, und nun steigt auch in mir Empörung über Pleiters Verhalten auf.

 

So sei er im Grunde schon immer gewesen, fährt sie fort, ein ichbezogener, gefühlloser Einzelgänger, der stets allein seine Interessen verfolgt habe. Sicher, sie beide hätten sich zu früh kennen gelernt. Er und sie waren sie noch in der Lehre gewesen, die sie dann leider habe abbrechen müssen, als das Kind gekommen sei. Sie waren halt noch dumm und unerfahren, und der Mann habe wahrscheinlich vor ihr mit keiner Frau etwas gehabt.

Pleiter hingegen habe die Lehre abgeschlossen und danach als Werkzeugmacher gearbeitet, um die Familie zu ernähren. Aber abends habe er noch ein Gymnasium besucht. Es sei eine harte Zeit gewesen damals, sagt sie. Sie habe ganz allein mit ihrem Kind in einer kleinen Altbauwohnung gesessen. Das Geld reichte hinten und vorne nicht, und von ihrem Mann habe sie nichts gehabt. Bis spät in die Nacht sei er unterwegs gewesen und selbst an den Wo­chenenden habe er über seinen Büchern gesessen. Für Gemeinsamkeiten sei da nicht viel Zeit geblieben.

„Wenn er dann spät am Abend nach Hause gekommen war und nachdem er sich seine Spiegeleier in die Pfanne gehauen hatte, kam er zu mir ins Bett gekrochen, und dann wollte er doch tatsächlich noch mit mir schlafen. Können Sie sich das vorstellen?“

Überhaupt wäre Pleiter jedes Feingefühl abgegangen. Er habe sich niemals in die Lage seiner Frau versetzen können. Sie habe sich von ihm stets vernachlässigt und ausgenutzt gefühlt. Wegen seines Kindes habe sie ihre Ausbildung abgebrochen und sich quasi in eine triste Woh­nung einsperren lassen. Und zu allem Überfluss sei er auch noch eifersüchtig gewesen und habe Theater gemacht, wenn sie alte Freunde getroffen hätte. Am liebsten wäre es ihm gewesen, wenn sie einsam zu Hause gesessen und auf seine Rückkehr gewartet hätte, gleichsam ein Heim­chen am Herd mit gekochtem Essen und beischlafwilligem Unterleib. Aber für ein derartiges Leben sei sie nicht ge­macht. Zwar wäre sie damals ein dummes, junges Ding gewesen, aber dem Mann untertan, wie ihre Mutter, habe sie nicht sein wollen.

Das Kind habe er sehr geliebt. Sie dagegen sei immer zu kurz gekommen. Natürlich sei auch sie nicht aus Stein. Ganz im Gegenteil, sie möchte sich als eine Frau be­zeichnen, die Spaß am Sex hat. Doch auf den lieblosen Akt zwischen Tür und Angel oder besser zwischen Ausziehen und Ins-Bett-gehen könne sie getrost verzichten.

 

„Es kam die Zeit, da fiel mir die Decke auf den Kopf, und ich wachte schon morgens mit Migräne auf. Pleiter regi­strierte zwar, dass es mir schlecht ging, aber er konnte mir nicht helfen. Er war auf eine Art hilflos, die mich rasend und aggressiv machte. Ich erklärte ihm auf seine Fragen, ich sei einsam. Das Einzige, was ihm als Antwort einfiel, war, er habe es bald geschafft, und wir kämen dann aus den ärmlichen Verhältnissen heraus.

Vielleicht wollte er mir tatsächlich helfen, denn er brachte einige Tage später einen Kollegen mit nach Hause. Wir aßen gemeinsam zu Abend, und es hat zwischen ihm und mir schon nach kurzer Zeit gefunkt. Der Mann war nicht besonders schön, und er war auch nicht besonders klug, aber er war ein Mann, der sich für mich interessierte.

Am nächsten Tag klingelte er um die Mittagszeit und fragte, ob er eine Tasse Kaffee haben könne. Ich bat ihn herein. Dann redeten wir nicht mehr viel, sondern gingen direkt ins Bett. Es war, als würde ich neu geboren. Ich war mit meinen 23 Jahren bereits eine alte Frau gewesen, hatte mit allem abgeschlossen gehabt. Nun entdeckte ich meine Jugend und meine Sinnlichkeit wieder.

Pleiter freute sich über meine Veränderung. Er brachte mir sogar hin und wieder Blumen mit. Wir planten eine Urlaubsreise, unsere erste übrigens und fuhren auch tatsächlich los. Es ging in den Bayerischen Wald. Tanja kam zu meinen Eltern, und wir verstanden uns prächtig. Da hatte ich mit einem Mal das Gefühl, ich müsste ehrlich zu ihm sein und ihm alles sagen.

Seine Reaktion war anders, als ich gedacht hatte. Er sah mich groß an, ging zum Schrank und begann wortlos unsere Koffer zu packen.

Wieder zu Hause entschloss ich mich dann, einen neuen Anfang in unserer Ehe zu machen. Ich machte Schluss mit meinem Liebhaber. Es wurde übrigens auch Zeit. Nachdem die erste Leidenschaft verflogen war, entpuppte er sich als Chauvi, der lediglich zu mir kam, um sich seinen regelmäßigen Sex abzuholen.

Pleiter machte sein Abitur, und ich schöpfte Hoffnung. Ich törichtes Huhn meinte, nun werde alles anders. Aber da hatte ich mich wieder einmal getäuscht. Pleiter begann nämlich zu studieren und war nun noch weniger an­sprechbar, als zu Zeiten des Abendgymnasiums.

Halt, es gab doch einen Unterschied zu früher: Wir hatten nun noch weniger Geld. Pleiter konnte nicht mehr regelmäßig arbei­ten, und wir mussten von dem leben, was der Staat uns gnädig zukommen ließ. Sicher, er arbeitete in den Ferien, aber was da hereinkam, reichte gerade, um die not­wendigsten Kleider für mich und Tanja zu kaufen. Ich kann ihnen sagen, es ging uns beschissen.

Und noch immer hatte ich keinen Mann und das Kind keinen Vater. Pleiter arbeitete und arbeitete, und wir zahl­ten auf ein Konto ein, genannt 'Zukunft'. Es ging uns immer schlechter. Schließlich kam die Zeit, da konnte ich ihn nicht mehr sehen. Ich hätte ihn umbringen können, diesen Wahnsinnigen, der ständig von der Zukunft sprach und unsere Gegenwart ruinierte. Natürlich lief im Bett schon lange nichts mehr; ich wäre sicher wieder fremdge­gangen, wenn jemand da gewesen wäre.

Wissen Sie, untreu zu sein ist gar nicht so einfach. Man muss dazu erst jemanden haben. Frauen, die untreu sind, suchen nicht jemanden aus, der besser ist als der eigene Mann, sondern sie nehmen den, den sie bekommen kön­nen. Aber das werden die Männer wohl nie begreifen und weiter so blöde Fragen stellen wie: 'Warum hast du das getan? Ist er denn besser im Bett als ich? Sieht er besser aus, ist er charmanter? Was ist denn an ihm dran?'

Natür­lich ist nichts an den Liebhabern dran, und sie sind, wenn der Reiz der Neuheit verflogen ist, genauso öde im Bett wie der eigene Mann. Aber sie sind nun einmal da, sie sind anders, sie bemühen sich, sie führen nur ihr Sonntagsge­sicht vor. Das ist es, was den Reiz des Fremdgehens aus­macht. Ein Verhältnis wäre damals Labsal für meine ver­wundete Seele gewesen und hätte mein Selbstbewusstsein wieder aufpoliert. Pech, dass sich niemand gefunden hat.

Die Zeit des Studiums ging auch vorüber, und eines Tages lud mich ein frisch gebackener Diplomingenieur zum Abendessen ein. Ich dachte, jetzt kann es nur noch aufwärts gehen. Aber Pustekuchen! Von nun an stürzte sich der Herr ganz in seinen neuen Job. Er wollte es zu etwas bringen ‑ für uns, wie er sagte. Pleiter arbeitete Tag und Nacht. Wenn er nicht auf Dienstreisen oder Montage war, dann saß er zu Hause über seinen Zeichnungen und Plänen. Finanziell ging es uns in dieser Zeit natürlich traumhaft. Er überschüttete mich mit Geschenken. Er kauf­te diese Eigentumswohnung und begann sie in seiner spärlichen Freizeit auszubauen, damit sie noch perfekter wurde. Wir sollten es einmal ganz schön haben, wie er immer wieder betonte. Glücklich wollte er mich und Tanja sehen. Ich sollte die Durststrecke, die wir drei durchgemacht hatten, nicht bereuen.

Wenn ich so zurückdenke, dann glaube ich, dass ausge­rechnet er der beste Ehemann der Welt sein wollte. Pleiter verstand nicht, weshalb ich so enttäuscht war und immer unzufriedener wurde. Gar zu gerne hätte er noch ein zweites Kind gehabt, doch ich ließ ihn nicht mehr an mich heran. Ich hatte die Nase endgültig voll. Die Rolle der grünen Witwe liegt mir ganz und gar nicht. Ich nahm mein Leben in meine eigenen Hände, begann Tennis zu spielen, besuchte Volkshochschulkurse, baute mir einen Freundes­kreis auf.

Ich lernte jetzt auch andere Männer kennen, und eines Tages war es so weit. Es gab keinen besonderen Anlass. Er war wie immer spät nach Hause gekommen, hatte sich eine Fertigsuppe eingerührt und beim Essen die Tages­zeitung gelesen. Ich hatte mich in der Küche zu ihm gesetzt, und als er mit dem Essen fertig war, habe ich ihm erklärt, dass ich mich von ihm trennen möchte und ihn gebeten, sich eine Wohnung oder ein Zimmer zu suchen. Ich habe ganz ruhig mit ihm gesprochen, an seine Ver­nunft appelliert, ihm erklärt, wir könnten Freunde bleiben, und er dürfe die Kleine so oft besuchen, wie er wolle.

Was dann kam, damit konnte ich nicht rechnen. Ich hatte noch in Erinnerung, wie ruhig er damals im Bayeri­schen Wald reagiert hatte, und dachte, er würde sich diesmal wieder so verhalten. Weit gefehlt! Er zog die große dramatische Show ab. Tränen wechselten mit Vorwürfen. Was er denn falsch gemacht hätte, ob ich mehr Geld brauche, wenn ich wollte, würde er noch mehr arbeiten. Auf Händen wolle er mich tragen und ähnlichen Schmäh. Er hatte nie etwas verstanden und verstand auch diesmal nichts.

Nun gut, diese Nacht ging auch vorbei! Ich brachte ihn so weit, dass er sich ein Zimmer suchte, überstand all die Anrufe von ihm bei Tag und bei Nacht, ignorierte seine Selbstmorddrohungen, wies ihn mit viel Geduld immer wieder aus der Wohnung, in die er anfangs noch täglich kam, und tröstete das Kind. Hätte ich damals nicht meinen Freund gehabt, der mich unterstützte und mir Halt gab, ich hätte das nicht durchgestanden.

Dann kam endlich die Scheidung. Das Kind wurde natürlich mir zugesprochen und wegen des Kindes auch die Wohnung. Pleiter war unterhaltspflichtig, und es hätte alles gut werden können. Aber nun kommt das dicke Ende. Er weigerte sich zu zahlen. Er ließ mich einfach hängen. Zum Glück hielt mein Freund zu mir. Er war inzwischen zu mir gezogen. Ich weiß nicht, was ohne ihn geworden wäre. Ganz ehrlich, soviel Rücksichtslosigkeit hätte ich dem Plei­ter nicht zugetraut. Hatte er all die gemeinsamen Jahre vergessen? Die schweren Zeiten, in denen ich zu ihm gehalten hatte? Glatt verhungern hätte er uns lassen. Gleichgültig wäre es ihm gewesen, wenn man die Woh­nung zwangsversteigert hätte. Damals habe ich begriffen: Erst in der Krise lernt man einen Menschen richtig kennen.

Wir sind dann gerichtlich gegen ihn vorgegangen, aber ohne Erfolg. Es kam noch einmal ein größerer Scheck, ich weiß gar nicht, wer ihn ausgestellt hatte, und danach habe ich nichts mehr von ihm gehört. Was mich wundert, ist, dass er sich nie mehr nach seiner Tochter erkundigt hat. Aber wahrscheinlich habe ich mich auch in diesem Punkt, so wie in all den anderen, in ihm getäuscht!“

 

Während dieser langen Erzählung ist es im Zimmer düster geworden. Nur ein schaler, kalter Rest Kaffee ist in meiner Tasse zurückgeblieben. Ich bin dieser Frau, die so offen über ihre schlimme Vergangenheit gesprochen hat, in diesen Stunden näher gekommen. Meine Abneigung ge­gen Pleiter hat sich weiter vertieft. Und doch fühle ich mich verpflichtet, ihm zu helfen. Dazu aber brauche ich die Unterstützung dieser Frau. Ganz gleich, was sie mit Pleiter erlebt hat, sie muss zu seinen Gunsten aussagen. Ihr Zeugnis könnte Wunder wirken. Ich beschreibe die auswegslose Situation des Mannes und beschwöre sie, Pleiter habe doch auch seine guten Seiten gehabt.

Doch sie schüttelt nur den Kopf. Zwar habe sie den alten Groll längst vergessen und wünsche ihrem Ex-Mann, trotz allem, was er ihr angetan habe, heute nichts Böses mehr. Aber sie müsse an das Kind denken. Im übrigen wäre es ihrem Lebensgefährten, sie sagt tatsächlich ‚Lebensgefährten’, nicht recht, wenn sie sich jetzt mit seinem Vorgänger beschäftige. Es müsse endlich Schluss sein mit der Vergangenheit.

Ich appelliere an ihre Menschlichkeit, an ihre Feinfüh­ligkeit, und mache sie ein wenig unsicher. Schließlich erklärt sie mir verlegen, ich könne zu ihr zurückkommen, wenn ich keinen anderen Menschen gewänne, der für Pleiter gut spreche. Sie wolle sich in der Zwischenzeit alles noch einmal überlegen.

Auf meinen Hinweis, die Zeit drän­ge, meint sie nur, dann müsse ich mich eben beeilen.

 

Schließlich werde ich rasch und energisch aus der Wohnung hinauskomplimentiert. Die Tochter käme nun gleich von der Klavierstunde. Auch werde in Kürze der Lebensgefährte erwartet. In der Tür beim letzten Hände­druck frage ich sie noch, ob ihr derzeitiger Lebensgefährte identisch sei mit dem Freund, der ihr damals nach der Scheidung beigestanden habe. Sie lächelt und schüttelt verneinend den Kopf.

 

 

Obwohl ich nur wenig erreicht habe, bin ich von diesem Besuch angenehm überrascht. Ich hatte mir den Bittgang schwieriger vorgestellt, hatte mit Vorwürfen und Zor­nesausbrüchen gerechnet. Statt dessen traf ich eine nette, junge Frau, die ohne Groll ihre einsamen Jahre mit Pleiter beschrieb. Sie war sogar in einem gewissen Umfang kooperativ gewesen. Ihre Weigerung, mit mir zu kommen, war nicht ihr letztes Wort gewesen. Soviel ist mir klar. Ich habe nun Mut, mich weiter für den Delinquenten einzusetzen. Auch wenn er es nicht verdienen haben sollte.

 

 

Die nächste Person, an die ich mich wenden muss, ist wiederum eine Frau. Sie heißt Elise. Pleiter hat ihren Mann umgebracht. Sie dürfte deshalb wenig Grund haben, den Mörder ihres Gatten zu retten. Elise ist zwar, nach allem, was ich weiß, eine berechnende Frau, aber muss sie deshalb auch kaltherzig sein? Sie zeigte schließlich sogar ein wenig Mitleid, als sie Pleiter auf seinen schweren Weg schickte.

Ging es ihr mit Pleiter nicht wie einem Boxer, der auf seinen schon halb ohnmächtigen Gegner einschlagen muss, bis der Ringrichter den Kampf unterbricht, und der vor jedem Schlag ein klein wenig zögert? Diese kleine Geste des Mitleidens gibt dem Sieger Größe. Die Meute auf den Bänken um den Ring sieht natürlich nur das, wofür sie gekommen ist: das Blut und die Tränen und einen glorreichen Champion. Die beiden da oben in dem Ring aber, die durch die Spielregeln gezwungen sind, aufeinander einzuprügeln, obgleich sie nichts gegeneinander haben, verbindet dieses kleine Zögern vor dem nächsten Schlag. Sie werden zu einer Schicksalsgemeinschaft besonderer Art. Leider ist dieses kurze Innehalten nur selten zu sehen und wird deshalb vom Publikum in der Regel auch nicht beachtet.

 

Elise kann ich nicht so überfallen wie die Ehefrau. Ich muss mich bei ihr anmelden. Dabei nenne ich den Namen Pleiter nicht, sondern schütze einen anderen Anlass vor. Dennoch erfordert es viel Mühe und Überredungskunst, bis ich endlich auf der weißen Ledercouch sitze. Im Haus ist es ganz ruhig. Die eine Wand des Wohnzimmers ist völlig verglast, man kann die Schiffe auf dem Rhein vorüberziehen sehen.

Es geht mir nun wie Pleiter, ich muss Elise ständig ansehen. Sie ist eine faszinierende Frau. Allerdings passt ihre Stimme nicht zu ihrem Aussehen. Man hätte einen warmen Alt erwartet, aber sie spricht in einer hohen, beinahe kreischenden Stimmlage.

Ich kann mich an Pleiters unseligen Auftritt erinnern und nehme mir vor, auf der Hut zu sein. Elise ist eine kluge, scharfzüngige Frau und wird auch bei mir keine Ausnahme machen. Ich habe Angst vor ihr. Man weiß nicht, was man von ihr halten soll.

Wie bei ihrer ersten Begegnung mit Pleiter, so schweigt Elise auch jetzt. Es scheint ihre Taktik gegenüber Fremden zu sein. Will sie mich damit verunsichern? Elise kennt die kleinen Finessen genau, die bei Machtkämpfen auf dem gesellschaftlichen Parkett den Vorteil bringen. Sie hat sicher schon so manchen Fight gewonnen. Ihre Routine ist offensichtlich. So jemandem geht man am besten aus dem Weg. Aber ich bin nicht um meinetwillen hier, sondern Pleiters wegen, und das sage ich ihr.

 

„Wegen Pleiter?“ fragt sie erstaunt und erkundigt sich interessiert, was denn in der Zwischenzeit aus ihm geworden sei. Man könnte den Eindruck bekommen, als kenne sie den Mann nur flüchtig und wisse nichts von seinem Schicksal.

Meinem Bericht hört sie höflich zu und sagt dann: „Ein armer Tropf! Aber er ist vulgär. Wie überhaupt die ganze Geschichte gewöhnlich ist.“ Mit maliziösem Lächeln fährt sie fort: „In amerikanischen Gefängnissen sitzen haufenweise Todeskandidaten. Männer, die durch Ehescheidungen aus der Bahn geworfen wurden, gibt es wie Sand am Meer, und ein Mord aus Eifersucht ist auch nicht gerade eine originelle Idee.“

 

Die Distanz dieser Frau bewundere ich. Der Mord aus Eifersucht betraf schließlich ihren eigenen Mann. Ist Elise so beherrscht, oder macht sie sich nicht klar, worum es geht, und weshalb ich gekommen bin? Wenn sie mir jetzt noch die Frage stellt, was das Ganze mit ihr zu tun hat, werde ich sprachlos aufstehen und gehen. Dann hat sie mich kalt erwischt und kann wieder einen Sieg auf ihr Konto buchen.

Doch noch punktet sie mich nicht aus, sondern sagt nur leicht hin: „Aber machen Sie sich nichts daraus, auch triviale Geschichten haben ihren Reiz. Es umgibt uns zuviel Außergewöhnliches, deshalb habe ich manchmal direkt Sehnsucht nach dem Gewöhnlichen. Ihr Pleiter hat zwar etwas Schmutziges an sich, aber schließlich gibt es Wasser zum Waschen. Sie müssen um meine geheime Vorliebe für menschlichen Schmutz wissen, sonst wären Sie wohl nicht zu mir gekommen.“

 

Diese Frau empört mich von Minute zu Minute mehr. Nein, ich habe von ihr kein Mitleid mit Pleiter erwartet. Auch ihren Zorn, und wäre er noch so übersteigert, hätte ich verstanden. Aber diese kalte Arroganz versetzt mich in Wut. Schließlich ist sie an Pleiters Untat nicht unbeteiligt. Sie hat mit ihm ein grausames und unmenschliches Spiel gespielt. Sie hat ihn benutzt und dann weggeworfen. Ich weiß, dies rechtfertigt nicht den Mord an ihrem Mann. Doch sie sollte sich mehr Zurückhaltung auferlegen. Glaubt diese Frau denn, dass Menschen Dinge sind, mit denen man nach Belieben verfahren kann? Ich beschließe, nun voll auf Konfrontation zu gehen.

„Sie sollten Pleiter helfen. Ich glaube, dazu haben Sie allen Grund!“ sage ich barsch.

Nun ist sie tatsächlich erstaunt: „Ich soll diesem Mann helfen? Was habe ich denn mit ihm zu schaffen? Bin ich die Johanna der Schlachthöfe oder Florence Nightingale? Ich kann verstehen, dass Sie sich für Ihre Geschichte engagieren und für Ihren Helden eingenommen sind. Aber müssen Sie sich deshalb auch gleich in Egozentrismus versteigen? Glauben Sie, ich hätte nichts Besseres zu tun, als Häftlinge aus Todeszellen zu retten? Wer bin ich denn, dass ich gegen das Leid der Welt antreten soll? Ein jeder ist seines Glückes Schmied. Aber bitte schmieden Sie selbst! Ich will weder Hammer noch Amboss sein. Jeder sieht immer nur sein eigenes Elend, will, dass man ihm hilft. Was wissen Sie denn von meinen Nöten. Glauben Sie etwa, ich bin glücklich, nur weil ich mit meinem Leid nicht ständig hausieren gehe?«

 

Elise ist erregt aufgesprungen. Hastig öffnet sie die Schublade einer weißen Schleiflackkommode und kramt eine Packung Zigaretten hervor. Sie raucht hastig und inhaliert den Rauch tief ein, dann bläst sie ihn mit Kraft gegen die Decke. Dabei geht sie unruhig im Raum auf und ab. Ich werde durch diesen Gefühlsausbruch verlegen und sitze ganz still und starre auf den leeren, niederen Tisch aus schwarzem Marmor. Sie hat mir bisher nichts zum Trinken angeboten. So kann ich mich nicht einmal an einem Glas oder einer Tasse festhalten.

 

Endlich beginnt sie zu erzählen: „Was interessiert mich Ihr Pleiter? Ich hatte einmal einen Mann. Dieser Mann war ganz anders als Ihr Pleiter. Für den habe ich mich interessiert.“

Sie macht eine lange Pause während sie raucht. Endlich drückt sie die Zigarette im Aschenbecher aus und läuft im Zimmer auf und ab. Ich weiß nicht was ich sagen soll, während sie vor dem großen Fenster steht auf den Rhein hinunter sieht. Sie ist so geistesabwesend. Irgendwann beschließe ich aufzustehen und ganz einfach zu gehen, da beginnt sie wieder zu sprechen.

„Ja, ich hatte einen Mann, und doch hatte ich bei Licht besehen keinen Mann. Und ich weiß nicht einmal, ob ich ihn vermisst habe.

Unsere Geschichte ist rasch erzählt. Er stammte aus einer Pfarrfamilie. Man war dort sehr musikalisch, zumindest hielt man sich dafür. Mein Mann musste deshalb, wie alle anderen Familienmitglieder auch, schon sehr früh ein Instrument lernen. Für ihn hatte man das Klavier ausgesucht.

Seine Lust sich der Familientradition zu unterwerfen und zu üben, war scheinbar nicht besonders groß gewesen. Dennoch wurden regelmäßig irgendwelche jungen Klavierlehrerinnen engagiert, die sich um ihn bemühen sollten. Ein ausgeprägtes Talent war damals nicht zu erkennen, deshalb verzichtete man wohl auf vernünftigen Unterricht.

Nein, mein Mann war kein Wunderkind, sondern ein Spätzünder. Damals war überhaupt nicht absehbar, dass er einmal ein bekannter Klaviervirtuose werden sollte.“

 

Die Frau macht eine Pause und zündet sich eine neue Zigarette an. Gleichmütig und ein wenig ironisch erzählt sie weiter. In seinem elften Lebensjahr sei ihr Mann dann zu Verwandten in die Großstadt geschickt worden und habe dort auf Wunsch dieser Leute von einem arrivierten Pianisten Klavierunterricht erhalten. Dieser Mann habe das Talent erkannt. Ihm sei es gelungen, in dem jungen Burschen Ehrgeiz zu wecken.

Von nun an beginnt der Junge Tag und Nacht zu üben, zu üben und noch einmal zu üben. Er habe mit einer derartigen Verbissenheit Klavier gespielt, dass es die Verwandten, die ihn anfangs doch so gefördert hatten, bald nicht mehr aushielten. Aber dieser Eifer sei nötig gewesen. Um die Karriere eines Klaviervirtuosen einzuschlagen, hätte der Junge eigentlich zu spät angefangen mit dem ernsthaften Studium angefangen.

„Nur sein Fanatismus machte das Handicap seines Alters wieder wett. Die Familie, bei der er lebte, wollte ihn aber bald loswerden, doch nach Hause durfte er nicht. Deshalb blieb als Lösung nur ein spezielles Internat, das seiner Leidenschaft Rechnung trug. Dort erhielt er dann den letzten Schliff und trat im Alter von achtzehn Jahren zum ersten Mal öffentlich mit dem b‑moll Klavierkonzert von Tschaikowski auf.“

 

Elise hält inne, steht abrupt auf und geht in die Küche, um Tee zu kochen. Sie erkundigt sich nicht nach meinen Wünschen. Sie geht einfach wortlos hinaus, bleibt in der Küche, bis der Tee fertig ist, und kehrt mit den Tassen zurück. Das Geschirr hat rotes englisches Dekor. Sie stellt das Tablett vor mich hin und weist mich mit einer Handbewegung an, mich selbst zu bedienen. So als habe sie sich mit dem Kochen des Tee schon zu viel vergeben und müsse nun ihr Gesicht wahren.

 

„Kennen gelernt habe ich ihn, als er siebenundzwanzig Jahre alt war. Ich hatte gerade eine unglückliche Liaison hinter mir und genug von Affären, und er, sie werden es nicht glauben, war damals noch unschuldig.

Unsere Bekanntschaft begann im Schwimmbad. So ganz ohne Kleidung sah er sehr jung aus. Natürlich wusste ich nicht, wer er war, und vielleicht dachte ich auch, dass mir ein so junger Bursche nicht gefährlich werden könnte. Das machte mich offen und unvorsichtig. Er tollte unbekümmert durchs Wasser, spritzte mich nass und machte mich auf eine so unbefangene Art an, dass ich mir selbst wieder jung vorkam. Und dies, obgleich ich mich schon als alte Frau eingestuft hatte. Ich war zwar kaum älter als er, aber mein Gott, in den Zwanzigern fühlt man sich rasch alt. Erst wenn man dann tatsächlich in die Jahre kommt, will man die Zeit nicht mehr wahrhaben.

Ich ging auf seine Anmache ein, sprang einfach ins Wasser und tauchte ihn. Wir balgten in dem Becken wie zwei dumme Gören herum, und plötzlich spürte ich zu meinem Erschrecken, dass er in seiner Badehose eine Erektion hatte. Ich ließ mir nichts anmerken, ging aber auf Abstand, und als wir das Wasser verließen, war nichts mehr zu sehen. Später aßen wir zusammen Pizza und verabredeten uns für den nächsten Tag. Schließlich trafen wir uns regelmäßig.

Erst als er mir eine Konzertkarte schenkte, erfuhr ich den Beruf meines neuen Bekannten. Bald darauf gestand er mir seine Liebe. Es war ein wahnsinnig kitschiger Moment, doch hat er mich damals sehr beeindruckt. Sie wissen, so wie man seinem Mitmenschen entgegentritt, so tritt er zurück. Er brachte mir Liebe entgegen, war sehr ehrlich und liebevoll und ein wenig naiv. Ich bin also weiter mit ihm Essen gegangen, habe seine Konzerte besucht und bin ihm schließlich durch ganz Europa nachgereist.

Das Leben hatte mir schon einige Lektionen verabreicht. Ich war nicht mehr taufrisch. Dennoch verhielt ich mich wie eine dumme Jungfrau, der in der Gosse ein Märchenprinz über den Weg gelaufen ist. Dabei war ich kein Ladenmädchen und auch keine Friseuse, die glücklich über einen Mann sein muss, der sie an seinen heimischen Herd holen will. Ich konnte schon damals mein Geld selbst verdienen.

Mein Gott, warum versklaven wir Frauen uns ständig selbst? Warum können wir unsere Gefühle nicht besser unter Kontrolle halten? Euch Männern gelingt dies doch auch und dadurch erhaltet Ihr Macht über uns.“

 

Sie unterbricht das lange Selbstgespräch, fixiert mich scharf und sagt dann abrupt: „Glauben Sie, dass es gut für den Marmortisch ist, wenn Sie ihn mit Teeflecken zieren?“

 

Ich zucke zusammen. Sie ist wirklich wie eine Klapperschlange, die aus der Deckung heraus unvermittelt und ohne Vorwarnung auf ihr Opfer zuschnellt und mit ihren Giftzähnen beißt. Andererseits ist Elise auch eine Frau, von der man träumt, zwar stark und emanzipiert, aber auch mitfühlend und verständnisvoll. Was hat diese Frau so hart gemacht?

Vorsichtig höre ich mich fragen: „Sind sie durch Ihren Mann so bitter geworden?“

 

Sie antwortet nicht, hat meine Frage wahrscheinlich gar nicht gehört, sondern fährt fort: „Irgendwann haben wir geheiratet. Es geschah ohne großen Aufwand. Wir gingen mit ein paar Freunden zum Standesamt, dann gab es ein gutes Essen, und am Abend bumsten wir das erste Mal. Ja, sie haben richtig gehört, an diesem Abend gingen wir zum ersten Mal zusammen ins Bett. Die ganze Zeit zuvor war nichts zwischen uns gewesen. So altmodisch waren wir! Viel­leicht hat es sich auch einfach nicht ergeben.

Auf jeden Fall wollten wir anders sein als all die ande­ren, und wir waren anders. Mein Mann hatte einen Beruf, wie ihn nur ganz wenige Auserwählte haben. Alle unsere Freunde hielten mich für eine Frau, die das große Los gezogen hat, den Haupttreffer. Ein Los war es sicherlich, aber ganz bestimmt nicht der große Preis. Ich war von nun an nämlich eine verheiratete Frau ohne Mann. Wie, das verstehen Sie nicht? Dann will ich es Ihnen erklären.“

 

Das Konservatorium hat ihr Mann damals bereits abge­schlossen. Aber obgleich er schon eigene Konzerte gibt, ist er noch immer in der Ausbildung. Das heißt, er ist Meister­schüler bei einem bekannten Professor. Sein Tag ist ausge­füllt mit Üben und nochmals Üben. An den Abenden werden Mucken gespielt, um Geld zu verdienen. Privat­stunden kosten viel Geld. Das Leben der beiden ist aufwen­dig. Er nimmt einen zusätzlichen Job an, arbeitet Tag und Nacht. Elise ist unzufrieden. Sie hasst Hausarbeit, aber noch mehr hasst sie das Herumsitzen zu Hause. Sie langweilt sich, möchte ausgehen. Aber dazu ist er, wenn er endlich den Flügel verlässt, zu müde. Er vertröstet sie, sie streiten sich.

Irgendwann gelingt der große, internationale Durch­bruch. Die Honorare sind fulminant. Eine Hausangestellte wird engagiert. Von nun an frühstücken sie gemeinsam. Dabei durchforstet er die Tageszeitungen nach Kritiken über seine Konzerte, und natürlich interessiert er sich auch dafür, was über seine Kollegen geschrieben wird. Im Anschluss daran folgt das Klavierüben, dann Mit­tagessen und wieder Klavierüben. Dazwischen Besuche von Journalisten und so genannten guten Freunden. Er ist dabei Karriere zu machen, tröstet sich die Frau. Dies gelingt nur, wenn man den vollen Einsatz bringt. Ist erst einmal den Durchbruch völlig geschafft, dann wird es besser werden.

Sie nimmt deshalb auch die langen Tourneen quer durch Europa in Kauf und die einsamen Nächte in der Altstadtwohnung, die endlosen Reisen mit der Bahn, die Mittelklassehotels und die Honneurs bei den Kapellmeistern und den Professoren der Musikhochschulen.

Er wird berühmter und berühmter, fliegt schon mal in die Staaten und nach Japan. Dann kommen die Plattenauf­nahmen, die langen Wochen in den Studios, das Fernse­hen. Er ist nun noch weniger zu Hause. Elise verzichtet mit der Zeit darauf, ihn durch die Welt zu begleiten. Die Geschenke, die er ihr von seinen Reisen mitbringt, werden immer teurer.

 

Musikalisch, da ist sich die Fachwelt einig, gehört er zu den ganz Großen. Er analysiert bei seinem Spiel die Archi­tektur des Stückes so präzise, dass die Klassiker bei ihm eine neue Klarheit erhalten. Ton für Ton arbeitet er den histori­schen Hintergrund heraus, befreit die Meister von den existentialistischen Interpretationen, macht ihr Schaffen durchsichtig. Er wird der Intellektuelle unter den Pianisten. Bei ihm nimmt selbst Beethoven manchmal Züge von Bach an. Unübertroffen aber ist er bei Mozart.

Elise beklagt sich oft und heftig bei ihm. Sie fühle sich vernachlässigt, wirft ihm an den Kopf, sie komme sich wie sein Appendix vor. Er tröstet sie und erklärt, alles werde bald besser. Es gehe nur noch um dieses Schall­plattenalbum oder jene Tournee. Danach wolle er kürzer treten. Aber er wendet auch ein, dass sie von seiner Arbeit profitiere. Es müsse für sie doch eine große Befriedigung bedeuten, dass ihr Mann zur ersten Garde zähle.

Nein, in diesem Punkt täuscht er sich gründlich. Es macht ihr keinen Spaß und irgendwann wird ihr seine Prominenz gleichgültig, beinahe lästig. Er wird für sie zu einem Fremden, der durch die Welt jettet und große Steinway‑Flügel traktiert. Ihr gefällt zwar die Musik, die er macht, aber zu ihm selbst hat sie irgendwann keine Be­ziehung mehr. Deshalb wird er auch in den seltenen Nächten, in denen er neben ihr im Bett liegt und sich ihr zu nähern versucht, von ihr abgewiesen.

 

Wie sich der Mann in all der Zeit gefühlt habe, das wisse sie nicht. Das habe sie weder damals interessiert, noch interessiere es sie heute. Er sei ein Egozentriker gewesen, der sie auf gemeine Weise vernachlässigt habe. Nein, sie glaube nicht, dass er auf den Reisen untreu gewesen sei, wenngleich sie auf seine Treue gar keinen Wert gelegt habe.

 

Mit den Jahren will sie von diesem Mann nur noch loskommen, und ihn für all das, was er ihr angetan habe, zur Kasse zu bitten. Bluten soll er, das hat sie sich als Rache ausge­dacht.

Leider ist damals eine elegante Scheidung noch nicht möglich gewesen. Heute, mit dem neuen Scheidungs­gesetz, wäre das natürlich ein Kinderspiel.

Vielleicht hat er sie zu dem Zeitpunkt tatsächlich noch geliebt. Zumindest sei er immer, wenn sie ihn traf, anhänglich, ja beinahe zutraulich gewesen. Aber sie habe diesen Mann nicht mehr ausstehen können.

Warum sie nicht fremdgegangen sei? Sie wissen es nicht. Vielleicht fehlten hätten ihr die Ge­legenheiten gefehlt, vielleicht die Männer angeekelt? Aber sei sie einfach nur zu feige gewesen.

 

 

Dann kam der Tag, an dem sie ihn von einer längeren Tournee zurück erwartete. Sie fuhr bewusst nicht zum Flug­hafen, wollte ihm zeigen, wie sehr sie ihn ablehnte, wie gleichgültig er ihr war. Sie hatte es sich in der Villa bequem gemacht, alte Kleider angezogen, eine Rockplatte aufgelegt und ein Buch zur Hand ge­nommen. Er sollte den Eindruck bekommen, sie habe seine Rückkehr vergessen.

Aber wie lange sie auch wartete, er kam nicht. Die Zeit verging. Sie rief den Flughafen an und erfuhr, dass sein Flugzeug schon längst gelandet war. Es wurde Abend, und noch immer ließ er sich nicht blicken.

 

„Sie können mir glauben, so gleichgültig mir dieser Mann war, ich machte mir nun doch langsam Sorgen.“

 

Elise telefonierte, schrieb viele Briefe, befragte Flugha­fenpersonal und Stewardessen und machte sich schließlich auf den Weg in die Staaten, zum Ort seines letzten Auftritts. Alle konnten sich gut an ihn erinnern. Er hatte gespielt wie ein junger Gott und war dann ganz normal und unauffällig abgereist. Es war scheinbar alles in Ordnung.

Lediglich einen kleinen aber entscheidenden Schönheitsfehler konnte Elise nicht übersehen, ihr Mann war in Deutschland nicht angekommen. Und doch hatte es keinen Unfall gegeben, sein Flugzeug war nicht abgestürzt, ein Überfall war nicht gemeldet worden, eine Leiche nicht entdeckt.

Wie ein Detektiv verfolgte Elise seine Spur, wurde immer nervöser und ängstlicher. Nicht, dass es ihr an Geld gemangelt hätte. Sie hatte die Verfügung über seine Bankkonten, und die waren reichlich ausgestattet. Sie wollte ihn auch nicht wieder neben sich im Bett liegen haben. Ihr einziger Wunsch war lediglich, Kenntnis über sein Schicksal zu bekommen. Wenn er noch lebte, so wollte sie ihn finden. So einfach sollte sich nicht aus ihrem Leben stehlen können.

Sie engagierte Privatdetektive, die ihr viel Geld abnah­men und keinerlei Ergebnisse brachten. Auch seine Agentur wusste nicht Bescheid, hat keine Spur von ihm.

Mit der Zeit gewöhnte sich Elise an seine Abwesenheit, obgleich sie sich nie gänzlich damit abfand. Nicht, dass er ihr gefehlt hätte, aber er hatte ihren Stolz verletzt. Elise ist eine Frau, die man nicht verlässt.

 

Sie hatte das Verschwinden ihres Mannes den Behörden nicht ge­meldet. Vielleicht war es Scham, vielleicht aber ging es auch nur um die Konten, die für den Zeitraum der Unter­suchung sicher gesperrt geworden wären. Es könnte aber auch sein, dass sie in der Hektik einfach nicht an die bürokratischen Formalitäten gedachte hatte und später Fragen hinsichtlich der Verzögerung fürchtete. Wahrschein­lich aber waren ihr nur diese kleinbürgerlichen Bestim­mungen wie Meldegesetze, Sozialversicherung und Renten­bescheide so gleichgültig gewesen, dass sie daran keinen Gedanken verschwendet hatte.

Dann, eines Tages, kam ihr eine Idee. Sie wusste plötz­lich, wie sie ihren Mann aus seinem Versteck herauslocken konnte. In ihr reifte der Plan, ein Double einzusetzen. Sie studierte die Heiratsanzeigen, schaute sich viele Männer an, und so trat Pleiter in die Geschichte. Seine Ähnlichkeit mit dem Klaviervirtuosen war verblüffend. Elise wusste, ihr Mann würde es nicht zulassen, dass ein absoluter Dilettant in seinem Namen auftrat und ihn blamierte. Die Frau hatte ihren Gatten richtig eingeschätzt, und der Plan war aufgegangen.

 

In der letzten halben Stunde war die Sonne unter gegangen. Nun ist es so finster, dass man die Umrisse der Möbel nur noch schemenhaft erkennen kann. Elise hatte wieder geschwiegen und wacht nun wie aus einem Traum auf, fährt sich über die Augen und schaut mich verwundert an. Ich komme mir plötzlich wie ein Eindringling vor, ja mehr noch, wie ein Spanner, der durch das Schlüsselloch in das Schlafzimmer einer fremden Frau blickt und dabei ertappt wird.

 

„Ich glaube, es ist Zeit, dass Sie gehen“, sagt sie und macht eine kleine Pause. „Ihrem Pleiter kann ich nicht helfen. Aber ich wünsche Ihnen dennoch bei ihren Bemühungen viel Erfolg. Auch ich bin gegen die Todesstrafe und kann nur hoffen, dass die Menschlichkeit siegt. Wenn Geld nützlich ist, bin ich gerne bereit, mich mit einer gewissen Summe zu beteiligen. Aber, wie Sie vielleicht erkannt haben, habe auch ich so meine Probleme, die mich beschäftigen und mir durchaus keine Zeit für karitative Einsätze lassen.“

 

Sie steht abrupt auf und geht demonstrativ zur Tür. Mir bleibt keine andere Wahl bleibt, als ihr zu folgen.

Sie gibt mir die Hand und sagte: „Es war nett, Sie kennen gelernt zu haben!“

 

Dann stehe ich vor dem kupferbeschlagenen Tor und denke mir: „Zumindest eine etwas originellere Floskel hätte sie zum Abschied wählen können.“

 

 

 

Die Zahl der Protagonisten, über die ich noch verfügen kann, schmilzt und damit für Pleiter die Chancen, gerettet zu werden.

Doch es gibt noch eine Trumpfkarte, auf die ich alle meine Hoffnungen setze. Da ist noch eine Frau, die ich jetzt aufsuchen werde und die mir ihre Hilfe nicht versagen kann, Pleiters Mutter.

 

Eine schwarz gekleidete Frau tritt mir im dunklen Flur des alten, mit Efeu bewachsenen Hauses entgegen und reicht mir eine schlaffe, kalte Hand. Das Wohnzimmer ist mit Stragula ausgelegt und riecht nach Bohnerwachs. Zwischen uns steht ein schöner, alter Tisch. Die Stühle haben hohe Lehnen und zwingen zum Geradesitzen. Wir trinken den Kaffee aus Tassen mit Goldrand. Ich esse ein Stück von dem Sandkuchen. Er ist sehr süß. Ich frage mich, ob sie ihn wohl selbst gebacken hat.

Sie entschuldigt sich. Ihr Mann sei im vergangenen Jahr gestorben, und sie habe seit dieser Zeit keine Zugehfrau mehr. Mit der Versorgung des Hauses sei sie allein aber völlig überfordert. Ihr Mann hätte das wissen müssen. Wenn er etwas mehr auf seine Gesundheit geachtet hätte, so könnte er heute noch leben. Doch er sei schon immer rücksichtslos und eigensüchtig gewesen.

Wegen ihres Sohnes sei ich gekommen? Ich bringe doch hoffentlich keine schlechten Nachrichten? Er sei schon immer ein schwieriges Kind gewesen, das ihr viel Sorgen bereitet habe. Ja, das Leben sei für sie nicht einfach gewesen. Aber sie habe es immer genommen, wie es kam. Wem der Herr Prüfungen auferlegt, unterliege seinem unergründlichen Ratschluss. Ihr Mann und der Sohn seien die großen Prüfungen ihres Lebens gewesen. Doch sie habe geduldig ihr Päckchen getragen und werde es nach Gottes Willen tragen, bis sie einst unter dem Rasenbett liege. Ich solle ihr deshalb ohne Scheu von ihrem Sohn berichten.

 

Ich erzähle ihr vorsichtig, in welcher Gefahr er sich befinde, und dass ich gekommen sei, sie um ihre Hilfe zu bitten. Sie geht nicht weiter auf die schlimmen Nachrichten ein, sondern fragt mich, ob sie mir noch eine Tasse Kaffee nachschenken solle.

Schließlich, nach einer längeren Schweigepause, erklärt sie plötzlich mit einem Ton der Endgültigkeit: „Der Herr hat's gegeben, der Herr hat's genommen. Gepriesen sei der Name des Herrn!“

 

Dann wechselt sie das Thema und erzählt von ihrem Mann. Was er ihr im Lauf ihres Zusammenlebens alles angetan habe, wie sehr sie gebetet habe, dass Gott ihn, diesen bitteren Kelch, von ihr nehme. Diesen Wunsch habe ihr Gott zwar nicht erfüllt, aber ihr die Kraft gegeben, alles zu ertragen.

Auch der Sohn sei so ganz von der Art des Mannes gewesen. Beiden hätte Sitte, Moral und Zucht gefehlt. Alle Männer seien zwar der Eitelkeit und ihren leiblichen Begierden ausgeliefert. Das Böse könne leider nur allzu leicht von ihnen Besitz ergreifen. Aber bei dem Sohn sei dies mit den Jahren so schlimm geworden, dass sie ihn habe weggeben müssen. Seine krankhafte Phantasie habe ihm die schmutzigsten Dinge vorgegaukelt. Später habe er dann eine gottlose Frau geheiratet.

Mit der Gottesfurcht ihres eigenen Mannes sei es auch nicht gerade weit her gewesen. Das alles hätte sie nur mit ihrem Klavierspiel ertragen können. Wem Gott Prüfungen schickt, dem schenkt er auch die Kraft, sie zu ertragen. Immer, wenn sie nicht mehr ein noch aus gewusst habe, hätte sie sich ans Klavier gesetzt und alle Mühsal vergessen. Oft habe sie viele, viele Stunden gespielt. Auch ihrem Sohn habe sie diese Gnade zuteil werden lassen wollen. Er sollte dieses Geschenk, das Gott den Menschen gemacht habe, genießen. Aber er habe sich als Unwürdiger erwiesen.

Dabei läge die Musikalität in der Familie. Schon ihr Vater hätte ganz exorbitante Fähigkeiten besessen und sie auch vererbt. Selbst heute noch im hohen Alter spiele sie regelmäßig Piano. Dies sei die ganze Freude ihrer alten Tage. Wie habe sie sich früher gewünscht mit ihrem Sohn vierhändig spielen zu können! Doch das war eben, wie alles andere auch, nur eitler Wahn.

 

Ich bemühe mich, diesen Redefluss zu bremsen. Ich möchte noch einmal auf den Anlass meines Besuches kommen. Scheinbar hat sie die Wahrheit nicht begriffen. Deshalb entschließe ich mich brutal vorzugehen. Ich brauche die Hilfe dieser Frau, ihr Sohn braucht die Hilfe seiner Mutter!

„Ihr Sohn wird sterben“, sage ich.

„Das haben Sie mir schon einmal erklärt“, antwortet sie ungehalten. „Aber wir alle müssen sterben, wenn die uns vorbestimmte Stunde gekommen ist. Warum sollte es meinem Sohn anders gehen als allen anderen Menschen? Wer weiß, was der Herr in seiner Barmherzigkeit jetzt damit beabsichtigt?“

„Aber vielleicht können wir seinen Untergang verhindern. Man soll nie verzweifeln, es gibt immer Hoffnung! Wenn Sie mir helfen, können wir ihn retten!“

„Wenn Gott es ihm bestimmt hat, so wird er sterben. Wenn Gott will, so wird er leben. Wie kann ich mich vermessen, in die ewigen Ratschlüsse Gottes eingreifen zu wollen? Ihnen fehlt das Gottvertrauen! Machen Sie es wie die Vöglein unter dem Himmel: Sie säen nicht, sie ernten nicht, und der himmlische Vater ernährt sie doch.“

 

Wenig später gehe ich, nein, ich eile aus dem Haus! Ich werfe keinen Blick zurück und höre auch nicht die schwere Tür hinter mir ins Schloss fallen. Ständig geht mir Swinburns Gedicht im Kopf herum: ‚ . . . ja wenn wir sängen wie die Engel ihr ins Ohr, sie hörte nicht.’

 

 

 

Bei den wichtigsten Personen in Pleiters Leben habe ich mich bis jetzt um Hilfe bemüht, leider mit wenig Erfolg. Bei der Durchsicht der Besetzungsliste stoße ich auf eine weitere weibliche Person. Sie hat bisher zwar nur eine Nebenrolle gespielt, aber mir bleibt in der Not keine Wahl. Ich brauche jemanden, der für Pleiter gut spricht, der sich für ihn einsetzt.

 

Es dauert einige Zeit, bis ich die junge Klavierlehrerin ausfindig mache, die dem Jungen damals das Lied ‚Hänschen klein’ beigebracht hat, dieses Lied, das ihn durch die Jahre verfolgen sollte. Ich bin auf ein junges Mädchen gefasst, treffe in der Altbauwohnung aber eine erwachsene Frau. Auch an ihr sind die Jahre nicht spurlos vorüber gegangen. Ihre Haut ist blass und faltig, ihr Körperumfang beachtlich. Ein weites baumwollenes Kleid aus Indien verbirgt die Fülle nur ungenügend. Die Wohnung ist klein. In der Ecke des Zimmers liegt eine Matratze, die als Bett dient.

 

Am Telefon hatte sie zuerst gesagt, sie würde sie sich nicht an einen Pleiter erinnern. Aber ich blieb hartnäckig. Etweas genervt fragte sie dann, warum ich die alte Geschichte nicht ruhen lassen könne. Endlich hatte sie mich recht widerwillig zu sich nach Hause eingeladen.

Nun sitze ich ihr gegenüber auf einem Rattan‑Sessel. Zwischen uns steht auf einem Porzellanstövchen dampfender grüner Tee. Es riecht nach Räucherstäbchen.

 

Ich weiß nicht, wie ich beginnen soll und erkundige ich mich deshalb erst einmal nach ihrem Beruf. Sie ist Altenpflegerin. Erklärt aber sofort, sie sei überhaupt sozial sehr engagiert und arbeite auch in Umweltorganisationen und im Tierschutzverband mit. Ich atme auf. Endlich bin ich an der richtigen Adresse. Hier muss ich nicht um Menschlichkeit betteln, sie wird mir großzügig gewährt werden.

Deshalb mache ich kein weiteres Aufheben und trage mein Anliegen vor. Ich erkläre Pleiters missliche Lage, sein unglückliches Leben und sein drohendes Ende.

Wenn ich erwartet habe, dass die Frau sofort enthusiastisch aufspringt und es kaum erwarten kann, ein Menschenleben zu retten, so sehe ich mich getäuscht. Statt dessen holt sie eine Schachtel Pralinen, die sie zwischen uns stellt. Sie geht auch nicht weiter auf Pleiter ein, sondern berichtet von dem letzten Sitzstreik, an dem sie teilgenommen hat. Ungeduldig unterbreche ich sie und lenke das Gespräch wieder auf meinen Schützling.

 

 

Als sie wieder abschweift kommt mir ein Verdacht. Habe ich habe zu Rücksichtsnahme keine Lust mehr. Deshalb frage ich ungeniert , was denn damals im Klavierunterricht vorgefallen sei.

Sie habe lediglich einem kleinen Jungen Klavierspielen beibringen sollen. Aber sie sei damals so jung gewesen, dass sie alles falsch gemacht habe.

Ich lasse nicht locker: Was denn zwischen ihr und dem Vater vorgefallen sei?

Nichts worüber sie heute noch einmal zu sprechen gedenke. Für diese unschöne Geschichte habe sie lange genug gebüßt.

Gebüßt? Ich dachte, sie wäre das Opfer gewesen? Ob ihr denn keine Gerechtigkeit widerfahren wäre? Wie hätten sich denn ihre Eltern verhalten?

Die eignen Eltern? Von ihnen habe sie Prügel bekommen, weil sie sie ins Gerede gebracht hätte.

Brutal hake ich nach: Ob der Vater des Jungen sie tatsächlich vergewaltigt habe?

Sie nickt und greift nach einer neuen Praline.

Ob sie ihn angezeigt habe?

Kopfschütteln, dann leise die flehentliche Bitte, ich möge sie doch mit diesem Thema lassen.

Auf Gefühle kann ich keine Rücksicht mehr nehmen. Ich muss zur Wahrheit durchdringen und insistiere energisch.

 

Sie windet sich und schwitzt. Das ganze Zimmer riecht nach Schweiß. Ein Geruch, der durchdringender ist als die Sandelholz‑Räucherstäbchen. Ihr Gesicht ist rot angelaufen, sie atmet schwer.

Was zwischen ihr und dem Jungen gewesen sei, setze ich das Verhör fort. Ob sie dem Vater Anlass für seine sexuelle Attacke gegeben habe?

Jetzt habe ich ihren Widerstand geknackt. Sie springt auf und stürzt zur Toilette. Ihr bleibt keine Zeit mehr, die Tür zu schließen, und so höre ich, wie sie sich immer und immer wieder erbricht.

Als sie zurückkommt, ist sie bleich und erschöpft. Kalter Schweiß steht ihr auf der Stirn. Aber sie ist gefasst und beginnt mit tonloser Stimme zu berichten.

 

Zuerst breitet sie ihre Herkunft vor mir aus. Die Eltern hatten ein kleines Geschäft geerbt, das mit den Jahren immer weniger abwarf und längst hätte aufgegeben werden müssen. Für die Artikel, die der Vater vertrieb, war die Zeit längst vorbei.

Der Vater hatte ein Leben lang darunter gelitten, dass es ihm nicht gelungen war, seiner Familie ein eigenes Haus zu bieten. Statt dessen wohnten sie in einer Dreizimmerwohnung in der Südstadt, dort wo die Häuser verkamen, und die Leute mit einem ordentlichen Verdienst längst weggezogen waren.

 

Der vierköpfigen Familie war es immer schlechter gegangen. Doch die Mutter, die aus einem großbürgerlichen Haus stammte, hatte der Tochter das Klavierspielen beigebracht. Als die Vierzehnjährige jedoch später mit Unterrichtsstunden ihr Taschengeld aufbessern wollte, verbat dies der Vater kategorisch. Seine Tochter habe es nicht nötig zu arbeiten, betonte er immer wieder. Es bedurfte mehrerer Interventionen der Mutter, bis das Mädchen den Auftrag der Pleiters annehmen konnte.

Mit großem Ehrgeiz sei sie an die erste große Aufgabe ihres Lebens gegangen, erklärt mir die Frau. Schließlich habe sie das Gefühl gehabt, die Ehre ihrer Familie zu vertreten.

Diese ganze Erzählung dauert mir zu lang. Ich will abkürzen, zum Wesentlichen kommen. Deshalb mische ich mich ein: Was denn zwischen ihr und dem Jungen gewesen wäre?

Nach einer langen Pause sagt sie leise: Sie habe ihn nett gefunden.

Aber irgend etwas müsse doch vorgefallen sein, sonst hätte sich der Vater doch nicht so aufgeführt.

Sie sei eben damals ein hübsches Mädchen gewesen, was man heute nicht mehr behaupten könne.

Die Frau lacht bitter.

Ich frage noch einmal nach ihrem Verhältnis zu dem jungen Schüler.

Er sei einsam gewesen und sie auch. Das habe sie einander näher gebracht. Eines Tages, als sie so neben einander auf der Klavierbank gesessen waren, habe sich der Junge an sie gekuschelt, und sie habe plötzlich ein ungeheures Gefühl der Zärtlichkeit für ihn empfunden. Sie könne sich noch erinnern, dass sie ihn umarmt und überall gestreichelt habe. Aber das sei alles gewesen.

„Mein Gott“, ruft sie aus, „ich war doch noch so jung. Ich war ganz einfach eine Göre, die mit ihren Hormonen nicht zurecht gekommen ist.“

Sie habe den Vater nicht kommen hören. Er sei plötzlich über ihr gewesen, habe sie an den Haaren gezerrt und auf das Sofa geworfen. Sie habe die Augen zugemacht und geschrieen. Ganz laut habe sie geschrieen. Diesen ihren Schrei habe sie noch heute im Ohr.

Aber den müsse man doch gehört haben, werfe ich erstaunt ein.

Sicher, aber es habe ihr niemand geholfen.

Ob sie bemerkt hätte, was der junge Pleiter unternommen habe?

Nein! Um auf den Buben zu achten, dazu hätte sie wahrlich keine Zeit gehabt. Der Mann wäre recht stark gewesen. Er habe sie schon ausgezogen und war gerade dabei in sie einzudringen, als die Mutter hereinkam.

„Die Mutter?“ rufe ich entgeistert und springe auf.

„Ja, Frau Pleiter war ins Zimmer gekommen. Ich konnte dem Mann über die Schulter sehen. Da stand sie mit wächsernem, unbeweglichem Gesicht und starrte auf uns herab.“

„Hat sie Ihnen denn nicht geholfen?“

„Nein, was hätte sie denn auch tun sollen? Sie nahm den Jungen an der Hand und ging wieder hinaus. In diesem Moment hatte es das Schwein geschafft und mich auseinander gerissen. Ich habe vor Schmerz aufgeschrieen, danach weiß ich nichts mehr.

Später, als ich mit zerrissenen Kleidern da lag, das Sofa war voller Blut, tauchte die Frau wieder auf. Sie nannte mich eine Schlampe und sagte, ich solle verschwinden. Und ich solle mich hüten, etwas von dem, was geschehen war, irgend jemandem etwas zu sagen.“

„Aber Sie haben es dann doch ihren Eltern gesagt?“

„Ja, und das war ein Fehler gewesen. Denn nun bekam ich noch einmal Prügel, weil ich die Familie ins Gerede gebracht und das Geschäft geschädigt hatte.“

„Haben Sie den jungen Pleiter noch einmal getroffen?“

„Ich sah ihn, als er mit seiner Mutter auf dem Weg zum Bahnhof war. Sie hatte ihn herausgeputzt wie einen Pfingstochsen. So lange ich den Kleinen gekannt hatte, war er in schäbigen Kleidern herumgelaufen, und nun sah er aus wie ein kleiner Beau. Über diese Wandlung habe ich mich sehr gewundert.“

 

„Was wissen Sie über die Pleiters?“

„Sie waren nicht besonders wohlhabend, aber gut situiert. Der Mann galt als sehr durchsetzungsfähig oder, um es weniger schmeichelhaft auszudrücken, als cholerisch. Man ging ihm aus dem Weg, hatte aber Respekt vor ihm. Seine Frau hingegen war ein zurückhaltendes graues Mäuschen. Stets schickte sie ihn vor. Wenn man ihr eine Frage stellte, so antwortete er. Gab es irgendwo ein Problem, sei es beim Kaufmann oder auf dem Markt, so sagte sie, da müsse sie erst ihren Mann fragen. Sie waren das Bilderbuchehepaar aus Macho und Küche‑Kinder‑Kirche‑Frau. Sie waren eigentlich ganz normal. Stinknormal würde ich sagen. So normal wie meine Eltern und unsere Nachbarn auch. So normal wie man nur normal sein kann. Mit einer Ausnahme: Die Frau hielt sich und ihre Kinder für besonders musikalisch. Der Sohn sollte es einmal zum Solopianisten bringen. Und um ihn in die Anfangsgründe des Klavierspielens einzuführen, hatte sie, welch' ein Treppenwitz, ausgerechnet mich engagiert. Aber er hatte keinerlei Talent und auch kein Interesse an dem Instrument. Außer hübschen, schlanken Klavierspielerhänden hatte er überhaupt wenig zu bieten. Er machte sich nichts aus Musik und wollte später etwas Technisches oder Handwerkliches machen, wie er mir gestand. Aber seine Mama kann trotzdem zufrieden sein. Am Ende hatte er ja doch noch etwas mit einem Klavier zu tun.“

 

Sie macht eine Pause, und dann schreit sie mich plötzlich an: „Was wollen Sie eigentlich von mir? Warum kann mich diese Scheißfamilie nicht in Frieden lassen? Ich will nichts mehr von diesen Idioten hören. Ich habe genug unter diesen Schweinen gelitten. Ihr Pleiter scheißt mich an! Verschwinden Sie endlich, gehen Sie mir mit diesem Pleiter aus den Augen! Wie der Vater, so der Sohn. Wo diese Pleiters auftauchen, da fließt am Ende Blut! Hauen Sie endlich ab. Ich habe die Schnauze voll von Euch Männern. Ich kann Euch nicht mehr sehen! Ihr seid alle Schweine, einer wie der andere.“

 

Ich frage sie, ob sie mit mir komme, um für Pleiter gut zu sagen? Erschöpft von ihrem Wutausbruch schüttelt sie nur den Kopf.

Ich erinnere sie an ihr soziales Engagement und setze ihr auseinander, wie sehr sie nun gebraucht werde.

Sie sieht mich entgeistert an und fragt, ob ich es noch immer nicht begriffen hätte.

Ich wiederhole, was sie mir über die Rettung der Umwelt und der Tiere zu Beginn unserer Unterhaltung gesagt hatte.

Sie antwortet völlig fassungslos, was ein Eintreten für Pleiter mit Umwelt‑ oder Tierschutz zu tun habe? Pleiter sei doch kein gesellschaftliches Opfer.

Was er denn dann sei?

Ein Täter, wenn auch einer von der traurigen Gestalt. Aber könne man für jeden, der sich mit diesem Leben schwer tue, eintreten? Da würde man zu nichts anderem mehr kommen.

„Wer tritt für mich ein?“ fragt sie provozierend.

 

Sie will mich beruhigen. Wahrscheinlich um mich endlich los zu werden. Sie wolle in ihrer Organisation den Fall erörtern. Vielleicht könne man dort etwas für Pleiter tun.

Ich erhebe mich von dem knarrenden Stuhl. Die Räucherstäbchen sind niedergebrannt, und der Tee in meiner Tasse ist kalt geworden. Ich habe an dem bitteren Getränk nur kurz genippt und den Rest stehen lassen. Mir ist kalt. Bitter frage ich mich, wer wohl mehr Lebenschancen habe, Pleiter oder diese Frau.

Ich habe Mitleid mit ihr und überlege, wie es wäre, wenn ich sie in den Arm nehmen würde. Dieser Gedanke verursacht mir Widerwillen. Schuldbewusst wende ich mich ab.

 

 

 

 

Nun fällt mir keine Frau mehr ein, die ich für Pleiter gewinnen könnte. Nur ein Mann bleibt mir noch, von dem ich mir allerdings nicht viel verspreche. Es ist Schnauzer, der sich mit mir in einer Gaststätte trifft. Wir stehen am Tresen und trinken ein Pils. Schnauzer leert das Glas in einem Zug.

„Das zischt“, sagt er, nachdem er sich den Schaum vom Mund gewischt hat.

Er bestellt ein weiteres Bier und fragt uninteressiert: „Was wollen Sie?“

Wieder einmal beginne ich Pleiters Geschichte zu erzählen. Aber diesmal komme ich nicht weit.

Er winkt ab: „Das kenne ich alles!“

„Dann kann ich mir ja jede weitere Einleitung sparen. Also, wie war das mit Pleiter?“

Er antwortet trocken und ein wenig spöttisch: „In Amerika war eine Leiche gefunden worden. Ein bekannter Pianist war zuvor abhanden gekommen und seine Frau mit unbekanntem Ziel abgereist. Eine mysteriöse Affäre also, mit deren Ermittlungen ich betraut worden war.

Meine Spur führte nach Deutschland, wo sich der Pianist überraschend in trautem Zweisamkeit mit seiner Frau niedergelassen hatte, gerade so als wäre nichts geschehen. Ich versuchte, hinter sein Geheimnis zu kommen, was mir lange Zeit nicht gelingen wollte, bis der Mann endlich ein öffentliches Konzert gab und damit seine Identität bewies. Dieser Pianist wurde ein paar Monate später in Amerika ermordet. Seine Leiche sah genauso aus wie der Tote, der mich Monaten zuvor in Aktion versetzt hatte.

Es war wie ein Zeitsprung, so als ob das spätere Ereignis im früheren vorweggenommen worden wäre. Dieser Tatbestand faszinierte mich als Kriminalisten, und über die Identität zweier gänzlich verschiedener Männer denke ich heute noch nach.“

Diese Rekapitulation langweilt mich. So werde ich nicht weiter kommen. Ich muss es anders versuchen und wechsle deshalb das Thema: „Wie beurteilen Sie Pleiter?“

„Ein trauriger Tropf, nicht besonders lebenstüchtig, auf seinen Vorteil bedacht, aber nicht in der Lage, diesen Vorteil auch wahrzunehmen. Stets von Frauen umgeben. Frauen bestimmen sein Leben. Aber die Frauen mögen ihn nicht. Was er auch anfängt, es nimmt kein gutes Ende. Also alle Voraussetzungen für einen Psychopathen und Kriminellen.“

„Finden Sie dieses Urteil nicht ein wenig zu hart? So wie er sind doch viele.“

„Ja, und auf sie alle trifft meine Beschreibung zu. Alle, die glauben, im Leben zu kurz gekommen zu sein, sind mit Vorsicht zu genießen. Sie gestehen sich nämlich das Recht zu, sich selbst zu bedienen. Das halten sie für ausgleichende Gerechtigkeit, und das macht sie gefährlich.“

„Eine wirklich unbarmherzige Verurteilung, die Sie da von sich geben, unbarmherzig, gemein und zynisch.“

„So sehen Sie Ihrem Pleiter doch endlich nüchtern ins Gesicht. Ich will nicht mit Ihnen darüber streiten, ob er typisch für andere Menschen ist; dafür ist er wahrscheinlich zu dämlich. Aber ungefährlich für seine Mitmenschen ist er gewiss nicht.“

„Pleiter hat sich doch sein Leben lang, bis zu diesem Mord aus Affekt, nichts zu schulden kommen lassen!“

„Sein Leben lang ist er schuldig geworden. Das wollen Sie als Erzähler nur nicht wahrhaben.“

„Schuldig an wem und in welchem Sinn? An den Frauen vielleicht? Aber die beteiligten Frauen haben in dieser Geschichte doch kräftig mitgemischt. Manchmal habe ich den Eindruck, Pleiter war nur ein Spielball in ihren Händen. Die Liebe hat ihn doch so weit gebracht.“

„Rosen, Tulpen und Narzissen. Auf die Liebe sollst du . . .“ Der Mann schmunzelt.

 

Ich achte nicht auf diesen gemeinen Einwurf und fahre eifrig fort: „Das Furchtbare ist, dass Pleiter nie geliebt wurde, obgleich er sich doch so danach sehnte.“

Schnauzer ist nun wieder ernst: „Hat er denn je geliebt?“

Diese kurze Bemerkung bremst meine enthusiastische Rede, und ich antworte kleinlaut: „Ich weiß es nicht. Aber er hat doch für seine Frau gesorgt, wegen der Mutter am Bahnhof geweint und um Elise geworben. Was hat er alles für diese Frauen auf sich genommen!“

„Und das bezeichnen Sie also mit dem Wort ‚Liebe’?“

„Meinetwegen, nennen Sie es anders. Vielleicht stimmt die Bezeichnung Liebe dafür nicht“, antworte ich verlegen. „Aber wie sollte er auch lieben können, da er es doch nie gelernt hat.“

„Wenn sich jeder auf Unwissenheit, fehlende Lernmöglichkeiten oder gar schlechte Lehrer beruft, dann ist niemand schuldig, und jeder hat das Recht des anderen Wolf zu sein.“

 

So komme ich bei Schnauzer nicht weiter. Bei diesem gnadenlose Law‑ and Ordertyp führen derartige Diskussionen zu nichts. Wir drehen uns nur im Kreis. Deshalb wechsle ich das Thema.

„Wie steht es eigentlich um Pleiters Fähigkeit, Klavier zu spielen? Auf dem Konzertpodium beginnt schließlich die Erzählung. Kann er nun, oder kann er nicht?“

„Eine interessante Frage, die Pleiter wahrscheinlich nicht einmal selbst beantworten könnte. Aber die Schlüsselfrage, da haben Sie recht, ist ganz offensichtlich: Wer hat das Konzert gespielt?

„Welche bewiesenen Fakten liegen vor, auf die wir uns bei ihrer Beantwortung stützen können?“

„Elise hat einen Mann auf das Podium geschickt. Das hat sie zugegeben, und das können wir glauben. Nicht eindeutig bewiesen ist allerdings die Identität des Mannes. Tatsache ist auch, dass beide Klavierspieler von einem jungen Mädchen in die Anfangsgründe der Kunst eingeführt worden war.“

„Ist die Lehrerin des Pianisten etwa auch vom Vater vergewaltigt worden?“ rufe ich aus.

»Genaues weiß ich nicht. Aber man munkelt so allerhand.“

„Was also ist die Wahrheit?“

„Die kenne ich nicht. Ich muss auch gestehen, dass es Zeiten gibt, wo ich beim Nachdenken die beiden Männer nicht mehr auseinander halten kann. Dann verschmelzen sie zu einer Person.“

„Sie haben es doch noch leicht“, werfe ich bitter ein. „Sie müssen sich nur mit zwei Männern auseinandersetzen. Ich hingegen soll auch noch den Erzähler unterbringen. Letztlich ist er doch für alles, was vorgekommen ist, verantwortlich, also auch für die Morde.“

Mein Einwurf ärgert ihn.

„Verdammt noch 'mal“, knurrt er, „was gehen mich Ihre Skrupel an?“

 

Ich merke, dass ich einen Fehler gemacht habe, und versuche abzulenken: „Lassen wir die Vergangenheit der Männer. Kommen wir zum eigentlichen Verbrechen, das Pleiter den Hals zu kosten droht. Wir sollten es näher unter die Lupe nehmen. Für einen Kriminalisten wie Sie ist doch wohl am interessantesten: Was war das Motiv für die Tat?“

„Sie reden immer, als stünden Sie mit uns Kriminalisten auf vertrautem Fuß. Woher wollen Sie wissen, was einen Detektiv interessiert? Das Motiv ist sicherlich interessant, aber doch nicht von großer Bedeutung. Beinahe hinter jeder Tat steckt schließlich ein ähnliches Motiv. In neunzig von hundert Fällen ist es eine Form von Eifersucht ‑ oder besser gesagt, gekränktes Selbstwertgefühl.“

Er betrachtet aufmerksam mein ratloses Gesicht und fährt erklärend fort: „Eifersucht natürlich in einem weiten Sinn verstanden. Eifersucht auf den Besitz des anderen, auf sein Auto, sein Geld, seinen Erfolg, sein Aussehen und manchmal auch seine Frau.“

„Sie meinen also Verstöße gegen die biblischen Gebote neune und zehn?“

„Diese Gebote kenne ich nicht und sie sind mir auch scheißegal.“ Seine Stimme ist sehr unwillig.

Ich will von meiner Wichtigtuerei ablenken und sage eifrig: „Uns Menschen gehört trotz aller Eifersucht nichts. Uns gehören nicht einmal unsere Erlebnisse. Sie sind im gleichen Moment, in dem wir sie erleben, vergangen. Selbst die Binsenweisheit von den Erinnerungen, die als einziges bleiben sollen, ist falsch. Auch sie verändern sich und vergehen mit der Zeit. Immer wenn wir glauben, dass etwas ist, so ist es schon am Vergehen. Immer wenn wir glauben, dass wir etwas erreicht haben, geht das Perfekt bereits in das Plusquamperfekt über.“

„Sie sind ein Klugscheißer“, antwortet der Detektiv verächtlich. „Aber wenn Sie mit diesem philosophischen Ausbruch andeuten wollen, dass sich Verbrechen nicht lohnt, so seien Sie versichert, ich bin nicht Ihrer Meinung. Aber das will ich jetzt nicht erklären. Dafür ist mir die Sache nicht wichtig genug.

In einem Punkt aber sind wir uns einig: Pleiter sitzt im Gefängnis und auch ich weiß nicht so recht, wofür. Ganz gleich, was er nämlich in seinem Leben getan hat, er hatte nichts davon. Auch der Mord, sollte er ihn begangen haben, hat ihm nichts gebracht. Pleiter hat Elise nicht einmal gevögelt.“

 

„Gerade weil er der ewige Verlierer ist, müssen wir ihm helfen und seine Geschichte aufklären!“

„Also gut, gehen wir systematisch vor. In Amerika wurde ein Mann ermordet. Das ist dort etwas Alltägliches. Als Täter kommt ein Mann namens Pleiter in Frage. Das Opfer, so die Überzeugung der Untersuchungsbehörde, ist ein bekannter Pianist. Soweit glaube ich, habe ich die Aktenlage richtig rekapituliert. Doch was gibt uns die Gewissheit, dass der Erschlagene tatsächlich der Pianist war? Vielleicht war die Leiche nur ein Mann mit langen, schmalen Klavierspielerhänden? Oder war der Tote am Ende Pleiter selbst, und der Pianist hat ihn erschlagen? Das Allround‑Motiv, das wir eben besprochen haben, trifft sicher auch auf ihn zu.“

Nun endlich dämmert es mir: „Wir wissen gar nichts! Wir wissen nicht einmal, wer das Opfer war und wer der Täter. Die beiden glichen sich doch wie ein Ei dem anderen. Wer sitzt nun in der Todeszelle, und wer liegt im Grab?“

 

Diesen Einsicht erfüllt mich mit Wut.

„Die Ermittlungen sind aber verdammt schlecht geführt worden. Von Kriminalisten sollte man sorgfältigere Arbeit erwarten.“

„Das lasse ich nicht auf mir sitzen! Hier geht es um meine Berufsehre. Sie beleidigen mich doch nur, weil Sie einsehen, dass Ihnen als Erzähler die Geschichte total entglitten ist.“

Ich ignoriere den Einwand und folge der geistigen Fährte, auf die er mich gesetzt hat. „Ich habe noch mehr Fragen. Was spricht gegen die These, dass Elise mit irgend einem Gigolo durchgebrannt ist, der früher einmal Ingenieur war? Schließlich hatte sie schon lange ihr Leben als grüne Witwe satt. Der Pianist taucht wieder auf, reist den beiden hinterher und bringt schließlich den Nebenbuhler um. Der Tote ist dann Pleiter als Gigolo. Wäre dies nicht eine recht plausible Erklärung?“

„Nun haben wir uns schon eine ganze Reihe von Versionen ausgedacht.“ Schnauzers Stimme ist ruhig und überlegt. „Aber es gibt noch viel mehr Möglichkeiten. Vielleicht hat ein ganz anderer den oder die Morde begangen. Vielleicht hat der erste Tote mit dem zweiten nichts zu tun. Vielleicht ist ein dritter Mann im Spiel, ein Liebhaber Elises, der ihren Mann, den Pianisten, tötete? Vielleicht hat sie Pleiter den Mord danach eingeredet? Wir wissen doch, welchen Einfluss sie auf den charakterschwachen Mann hatte. Reicht Ihnen dies, oder soll ich noch eine Version bieten?“

„Danke! Vorläufig habe ich genug von 'Vielleichts'. Das ist ja wie in einem Musikstück. Ein Thema wird vorgegeben und erlaubt viele Variationen. Ich bin als Erzähler mitten in einer Fuge und finde nicht mehr heraus.“

„Es gibt zu viele Fragen und zu wenig Antworten. Das ist es, was uns Kriminalisten das Leben so schwer macht und uns täglich an unserem Beruf verzweifeln lässt.“

 

Inzwischen habe ich schon so viel Selbstmitleid bei meinen Gesprächspartner ertragen müssen, dass mich diese Lamento anwidert. Deshalb frage ich wütend: „Warum wollen Sie immer Antworten. Warum wissen Sie Fragen nicht zu würdigen?“

„Sollte der Weg etwa wichtiger sein als das Ziel, die Ermittlung von größerer Bedeutung als die Ergreifung des Täters? Das wäre eine Einstellung, die ich mit meinem Beruf als Kriminalist nicht vereinbaren kann.“

„Nur Fragen haben eine Berechtigung. Es gibt niemals einen schlüssigen Beweis für die Richtigkeit einer Antwort. Deshalb ist jede Antwort, so wie jede Aussage über Realität überhaupt, eine Art Selbstbetrug. Es gibt für uns Menschen keine Wahrheit und deshalb auch keine Antworten. Alles, was wir erkennen können, ist vorläufig und in der nächsten Sekunde vielleicht schon nicht mehr wahr. Warum genießen Sie also nicht den Reiz der Fragen und verzichten auf die Antworten? Fragen sind schließlich das einzig reale.“

„Mit Fragen kann ich aber niemand hinter Gitter oder auf den elektrischen Stuhl bringen. Das aber ist meine Aufgabe.“

„Sie haben doch bisher Ihre Arbeit auch nicht auf der Basis von Tatsachen verrichtet. Tatsachen gibt es nämlich nicht. Sowohl die Naturwissenschaften als auch die Philosophie haben uns gelehrt, dass wir nichts wissen können. Die endgültige Wahrheit wird uns Menschen immer verborgen bleiben, ohne dass es uns das Herz verbrennt. Also gehen Sie ihrem Beruf nach wie bisher, und seien Sie froh, der Aufgabe enthoben zu sein, nach Antworten und Beweisen suchen zu müssen.“

„Was Sie hier propagieren, ist ein Freibrief für geistige Unmündigkeit und damit für jegliche Willkür.“

„Sind denn Urteile und Entscheidungen nicht immer willkürlich? Die Menschen wollen diese Tatsache nur nicht anerkennen. Und dabei spiele ich noch nicht einmal darauf an, dass zwei Richter den gleichen Fall in der Regel völlig anders sehen und zu unterschiedlichen Urteilen kommen.“

„Jetzt haben Sie sich aber in der Logik verheddert. Hören Sie auf! Wenn Sie recht hätten, dann könnte man die Schuld eines Delinquenten niemals endgültig beweisen. Dann müsste ich meinen Beruf an den Nagel hängen. Wovon sollte ich dann leben? Für Fragen bezahlt mir niemand etwas!“

„Das mag schon so sein. Leute mit Fragen sind und waren immer und überall unbeliebt. Deshalb sind Volkstribune und andere Verführer auch Leute, die auf alle Fragen eine Antwort haben. Außer Antworten haben sie letztlich nichts zu bieten. Sie erklären den Menschen, dass Fragen unanständig seien und nur von der Unfähigkeit des Fragestellers zeugen. Sie versprechen die Welt zu retten und schaffen lediglich Fragen mit Brachialantworten aus der Welt. Dies genügt aber, damit ihnen die Menschen scharenweise hinterher laufen und in Kriegen ihr Leben für fragwürdige Antworten opfern. Sie haben recht, von Fragen kann man nicht leben. Fragen sind lebensgefährlich. Selbst die Männer mit den schwarzen Talaren und weißen Stehkrägen in den Kirchen sind gegen Fragen und für Antworten angetreten.“

 

Ich bin so in meine Argumentation verstrickt, habe mich so in rage gesprochen, dass ich Pleiter ganz vergessen habe.

Schnauzers nüchterner Ton reißt mich aber in meine Wirklichkeit zurück: „Selbst wenn Sie recht hätten, ich kann Pleiter nicht helfen, so lange ich nicht weiß, ob er das Opfer oder der Täter ist.“

In einer mich selbst überraschenden Hellsicht antworte ich ihm: „Er ist natürlich beides. Aber das ist doch ohne jegliche Relevanz. Die Verurteilung hatte nämlich schon stattgefunden, bevor der Prozess und sogar schon bevor die Beweisaufnahme abgeschlossen war. Die Verurteilung war schon ausgesprochen, lange bevor Täter und Opfer geboren waren.“

Kaum habe ich diese Worte gesagt, da sehe ich ein fieses Grinsen auf Schnauzers Gesicht und erkenne, dass ich ihm in die Falle gegangen bin.

„Damit ist der Fall Pleiter für den Kriminalisten abgeschlossen, und der Erzähler rückt in den Mittelpunkt des Verfahrens“, erklärt er wie beiläufig und bestellt sein siebtes Pils.

 

Jetzt ist der Zeitpunkt gekommen, an dem ich mein schal gewordenes Bier hinunterkippe, das Glas vorsichtig auf den Tisch stelle und mich hastig verabschiede.

 

 

 

Die Kopfschmerzen haben sich wieder eingestellt und sind so stark, dass ich kaum die Liste der handelnden Personen durchgehen kann. Wenn mir niemand mehr einfällt, den ich um Hilfe bitten kann, so ist Pleiter verloren. Schließlich nicke ich ein und schlafe lange und traumlos. Als ich erwache, ist ein wunderschöner Tag angebrochen. Die Sonne scheint hell durch das kleine Fenster. Ich öffne die Scheiben und höre sogar Vögel singen. Mir ist fröhlich ums Herz. Ich möchte singen, grundlos lachen. Wo sind Menschen, denen ich etwas erzählen kann? Ich habe rasenden Hunger. Ich könnte Berge von Kuchen verschlingen, mich durch drei Ochsen hindurchessen und ganze Weinschläuche leer trinken.

Doch bei den Gedanken an all diese Genüsse reduziert sich der Sommertag wieder auf ein kleines helles Viereck, das als Abbild der Sonne auf den Boden meiner Zelle geworfen wird. Alles waren nur Träume.

Gedankenkontrolle, so wird mir klar, ist das Gebot der Stunde. Ich weiß um die Macht der Gedanken, weiß dass die schlimmsten Verbrechen in Gedanken begangen werden. Die Gedanken sind das eigentlich Böse und nicht die Taten. Diese sind nur die Folgen der Gedanken. Man muss die Menschen wegen ihrer Gedanken verurteilen und nicht wegen ihrer Taten. Wir brauchen eine Gedankenpolizei, und wir brauchen Gedankenstrafen. Würde niemand ungestraft einen bösen Gedanken denken, so gäbe es auch keine bösen Taten. Schnauzer wird heute mehr denn je gebraucht!

Eines aber wird mir immer klarer: Ich kann Pleiter nicht mehr helfen. Zwar war er mir während der ganzen Geschichte völlig ausgeliefert, und ich konnte nach Belieben mit ihm und den anderen Figuren schalten und walten. Aber dennoch kann ich ihn jetzt nicht retten. Schmerzlich wird mir klar, dass die Möglichkeit der Allmacht noch keinen Gott ausmacht.

 

Rettung für Pleiter wird es deshalb nur dann geben, wenn ich meine Unfähigkeit eingestehe, wenn ich nicht mehr an seinem Schicksal herumpfusche. Ich muss einen anderen einschalten, jemanden, der es gewohnt ist zu dirigieren, der durch die Bewegung seiner Hände ein Kunstwerk entstehen lassen kann, nach dessen kleinster Handbewegung sich Hunderte von selbstbewussten und eigenwilligen Leuten richten. Ich werde den Dirigenten aufsuchen und ihn um Rat fragen.

 

Ich treffe den Meister in seiner Garderobe. Es war schwierig gewesen, einen Termin bei ihm zu erhalten. Schließlich ist er ein beschäftigter Mann. Alle wollen sie mit ihm sprechen, ihre Anliegen vortragen. Ich will die Zeit, die er mir gewährt, nutzen und erzähle rasch die Geschichte. Er hört mir ruhig zu. Ab und zu nickt er, so als wisse er schon alles oder könne es sich zumindest denken.

Als ich dann bei der Szene auf dem Konzertpodium angelange, wo der unglückliche und verängstigte Mann vor dem riesigen Flügel sitzt, ist er sehr aufmerksam. Ich spüre beinahe so etwas wie Spannung an ihm.

Dann habe ich geendet, und er sagt ruhig: „Zuerst einmal möchte ich einem Missverständnis vorbeugen, das von allzu vielen Leuten in Ihrer Erzählung vertreten wird. Ständig ist bei Ihnen die Rede von musikalisch und unmusikalisch. Alle Menschen sind musikalisch, vielleicht die einen etwas mehr und die anderen etwas weniger. Aber es gibt keinen Menschen und schon gar keine Familie, die die Musikalität gepachtet hätten. Traurig macht mich, dass so wenige Menschen ihr Verhältnis zur Musik pflegen. Musik hat übrigens etwas mit Liebe zu tun. Ohne Liebe gibt es keine Musik. Das Stück eines Komponisten spielen, ist wie ein Liebesakt. Es bedeutet sich hingeben, mit dem Schöpfer verschmelzen und dennoch das eigene Selbst bewahren. Der Interpret gestaltet mit der eigenen Vorstellung das, was ihm in dem fremden Werk entgegengebracht wird. Aus dieser Vereinigung entsteht ein neues Wesen, das musikalische Kunstwerk. Wirkliche Künstlerschaft beginnt mit dem Lieben lernen, dem Relativieren des Selbst, dem Abstreifen von Eitelkeit und Selbstsucht. Man kann übrigens bei jedem Konzert sofort hören, ob sich jemand selbst darstellt oder eine Liebesbeziehung, eine zeitweilige Symbiose mit dem Komponisten eingeht.

Aber das wollen Sie sicher gar nicht von mir hören. Sie machen sich Sorgen um die Auflösung Ihrer Geschichte? Da kann ich Ihnen auf der Basis der Harmonielehre helfen. Wenn man erst einmal die Gesetzmäßigkeiten erkannt hat, ergibt sich die Auflösung von selbst.

Pleiter wurde in den Ehezwist des Musikerehepaars hineingezogen und ziemlich übel missbraucht. Elises Plan ist völlig aufgegangen. Sie kennt die Männer und konnte deshalb ihren Mann und Pleiter nach Belieben manipulieren. Pleiter hat später tatsächlich den Pianisten umgebracht. Das Opfer tötet, wie es guter Brauch ist, das Opfer und büßt doppelt.

Bringt Ihnen aber diese Aufklärung, die Sie doch im Grunde schon längst gewusst haben, irgend eine Befriedigung? Sicher nicht! An Ihrem Kopfschütteln sehe ich, dass ich recht habe.

Deshalb lassen Sie mich noch ein paar Worte zu Ihrem Pleiter sagen. Wenn man wie er im Rampenlicht steht und feststellt, dass man nicht spielen kann, dann bleibt nichts anderes übrig, als aufzustehen und die Bühne zu verlassen. Das hat Pleiter rechtzeitig versäumt. Das Abtreten ist zwar schwierig und in der Regel auch schmerzhaft, aber es ist die einzige Lösung, die einen Hauch von freier Entscheidung, ja Freiheit beinhaltet. Pleiter hatte im Leben keine Chance, weil er bis zuletzt nicht bereit war, mit Anstand aufzugeben, Konsequenzen zu ziehen. Bis er schließlich eine tödliche Entscheidung traf. Und auch sie entsprang keiner Überlegung, sondern dem Affekt.“

 

Bedrückt stehe ich auf, bedanke mich und schicke mich an zu gehen. Ich will gerade die Türe öffnen, da spricht er mich noch einmal an.

Ich wende meinen Kopf und sehe, wie er lächelnd sagt: „Ob man aber spielen kann, weiß man erst, wenn man es ausprobiert hat. Ihr Pleiter hatte so große Angst vor der Blamage, dass er die größte Blamage auf sich nahm. Vielleicht hätte er Mozart vorzüglich interpretiert und mit seinem Spiel die Zuhörer zu Beifallsstürmen hingerissen? Wer weiß?“

 

Der Beifall war verrauscht, und erwartungsvolles Schweigen erfüllte den Saal. Hundert Musiker, die bereit waren wie tausend zu spielen, lauerten auf ihren Einsatz. Der Dirigent durfte die Spannung nicht überdehnen und hob die rechte Hand mit dem kleinen, schmalen Stäbchen. Gleich würde die schwarze Horde entfesselt werden, mit Klangkaskaden den Raum füllen und die Zuhörer in höhere Welten entführen. In diesem Augenblick stand zu aller Erstaunen der Mann hinter dem großen Konzertflügel auf, verbeugte sich und schritt langsam zum Bühnenausgang.

 

Natürlich gab es Unruhe und Verwirrung. Doch der Dirigent hatte den Vorfall rasch im Griff. Er verständigte sich mit dem ersten Geiger. Dann begann man mit der Sinfonie, die auf das Klavierkonzert hätte folgen sollen. Als die Klänge von Beethovens Musik den Raum füllten, war der Vorfall beinahe vergessen. Man trauerte Mozart zwar etwas nach, aber es würde noch so viele Gelegenheiten geben, ein Klavierkonzert von ihm zu hören. In der Pause wurde auf den Gängen gerätselt und getuschelt, die Zeitungen brachten eine kurze Notiz, und Pleiters Abtritt war Geschichte.

 

Jonny kehrt danach nicht nach Hause zurück. Er verzichtet auf den Jubel der Männer und die Anerkennung der Frau­en. Hänschen lässt sich von den Tränen der Mama nicht mehr rühren. Beide verlassen sie ihre Zellen und nehmen das kleine, helle Viereck auf dem Boden nicht mehr als Ersatz für einen Sonnentag. Und irgendwann lernen sie sogar noch das Musizieren.

 

 

Horst Neisser

 

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