Hänsel und Gretel und die Hexe

 

„Meine Erinnerungen an meine frühe Kindheit sind nur bruchstückhaft und nicht zusammenhängend. Wenn ich mich anstrenge, sehe ich vor meinem geistigen Auge eine große Stadt. Sie ist auf fünf Hügeln gebaut. Ihre Mauern sind schneeweiß. Schneeweiß ist auch der Wald von Türmen, der sie überragt. Durch fünf Tore ziehen den ganzen Tag Wagen und Menschen ein und aus. Die Gesichter der Menschen sind ernst. Ein Schatten der Trauer liegt auf ihnen, Trauer und Furcht. Die Menschen in dieser schönen Stadt sind un­glücklich."

„Ich sehe einen Mann“, fährt das Mädchen fort, „er hat blondes Haar. Er streicht mir über mein Haar. Ich küsse ihn auf die Wange. Sein Bart kratzt. Seine Haut ist schweißnass. Er ist in Eile."

„Und ich erinnere mich an eine Frau. Sie weint“, ergreift nun der Junge wieder das Wort. „Immer wieder fragt sie, warum wir fort müssen. Vater antwortet, aber Mutter versteht ihn nicht. Vielleicht will sie ihn nicht verstehen. Sie packt Kleider zu Bündeln und verstaut Hausrat in Taschen. Wir haben nicht viel Zeit. Wir brechen auf. Vater läuft voran. Er führt einen Esel. Wir folgen mit unserer Mutter. Mutter hält uns an der Hand. Wir eilen durch das große Tor. Keiner beachtet uns."

 „Wir haben uns im Gebüsch verborgen. Reiter jagen vorüber. Ich habe Angst und weiß nicht warum. Ich spüre, Vater und Mutter haben auch Angst. Dann wandern wir weiter. Ich bin müde. Vater trägt mich. Irgendwann sitze ich auf dem Esel, hoch oben auf dem Gepäck. Ich versuche zu schla­fen."

„Ich erinnere mich an eine Hütte aus runden Stämmen mitten in einem großen Wald. Vater arbeitet als Holzfäller. Er ist sehr unglücklich. Abends badet Mutter seine Hände in warmem Wasser und massiert seine Muskeln. Ich vermute, dass die ungewohnte Arbeit für ihn zu schwer ist. Wir haben nur wenig Essen. Immer wieder sitzen die Eltern abends zusammen. Sie glauben, dass wir schlafen. Sie murmeln. Ich höre, dass sie nicht mehr wissen, wie es weitergehen soll. Das Essen reicht nicht für vier Leute. Wir gehen Eicheln sammeln im Wald. Mutter kocht die Eicheln stundenlang. Wir können sie dennoch nicht essen, sondern nur das Kochwasser trinken. Von morgens bis abends suchen wir Beeren und Pilze, aber wir finden nur wenige."

„Ich habe Hunger. Ich wache mit Hunger auf und gehe mit Hunger zu Bett. Der Hunger tut nicht mehr weh. Ich habe mich an ihn gewöhnt. Aber ich bin schwach. Ich bin immer müde. Mein Bruder und ich husten ständig. Auch Mutter hustet. Wir sind krank. Ich liege den ganzen Tag in der Hütte. Es ist dunkel dort und schmutzig. Die Luft ist schlecht. Der Rauch des Feuers zieht nicht richtig ab. Die Hütte ist voller Qualm. Der Rauch brennt in meinen Augen, er brennt in meiner Lunge. Ich glaube zu ersticken. Dann möchte ich nur noch schla­fen."

„Meine Schwester liegt reglos auf ihrem Lager. Noch habe ich Kräfte, kann mich bewegen. Mein Bauch ist aufgetrieben. Er schmerzt. Mir ist übel und schwindelig. Da höre ich eines nachts Vater und Mutter zusammen reden. Ihre Stimmen klingen verzweifelt.

Vater sagt: 'Ich weiß mir keinen Ausweg mehr. Wir müssen es tun. Ich kann nicht länger zusehen. Sie leiden. Ich bin schuld. Es muss etwas geschehen.'

Mutter weint.

‘Das dürfen wir nicht', sagt sie. 'Das ist eine Sünde. Sie sind unser Fleisch und Blut. Besser wäre es, wir wären tot.'

'Nein, wir müssen überleben, um der Sache willen’, entgegnet er. 'Es geht um die Befreiung von Mahahala. Wir dürfen unser Leben nicht wegwerfen. Wir müssen die Schuld auf uns nehmen, die Kinder opfern. Weiterleben, wenn sie tot sind, wird schwerer sein, als unser eigener Tod. Doch, wir dürfen nicht an uns denken. Mahahala braucht uns, ihm sind wir verpflichtet.'

Mutter sagt bitter und gequält: 'Warum bringst du sie nicht selbst um?'

'Das kann ich nicht!' Vater schreit diesen Satz heraus, und Mutter muss ihn mit einem Hinweis auf uns beruhigen. 'Das kann und das darf ich nicht. Ich darf meine Hände nicht be­sudeln. Sie müssen für die gute Sache rein bleiben. Wie könnte ich unschuldiges Blut vergie­ßen? Es sind unsere Kinder! Wir können nur hoffen, dass die wilden Tiere ihrem Leiden bald ein Ende machen.'"

„Die Eltern sind weggegangen. Mein Bruder rüttelt mich so lange, bis ich zu mir komme. Er erzählt mir, was er in der Nacht gehört hat. Ich kann es nicht glau­ben. Mutter kann dies nicht zulassen! Wir machen uns Gedanken, wie wir uns ret­ten können. Ich bin so unendlich müde. Ich dämmere wieder ein."

„Ich raffe meine letzten Kräfte zusammen und sammle Kieselsteine. Sie sollen mir den Weg zurück zeigen. Wenn wir von uns aus zurückfinden, werden uns die Eltern nie wieder wegschicken. Ich kann nicht mehr klar denken. Ich habe kaum noch Kraft für die Angst. Wir brechen auf. Vater trägt Marga. Ich sehe immer wieder Mutter an und frage mich, was denkt sie jetzt? Ich kann nicht begreifen, dass sie nichts zu mir sagt. Sollte ich mich getäuscht haben in der Nacht? Vielleicht wollen sie uns gar nicht loswerden? Warum sollten sie uns verlassen? Wir sind doch ihre Kinder! 

Ich sage: 'Mutter, ich will dich immer lieb haben.'

Mutter bricht wieder in Tränen aus.

Vater sagt barsch: 'So nimm' dich doch zusammen. Denke an Mahahala.'

Dann ist es so weit. Sie legen meine Schwester ins Gras. Ich rufe: 'Mutter, Vater, verlasst mich nicht. Bitte geht nicht weg. Lasst mich hier nicht allein.'

Sie wenden sich wortlos ab, laufen ganz schnell fort. Wir sind allein. Ich höre die Zweige unter ihren Füßen brechen. Der Tritt ihrer Füße entfernt sich. Sie haben uns verlassen."

„Du bist bewusstlos. Ich versuche dich zum Schutz vor den Tieren auf einen Baum zu zerren, aber es gelingt mir nicht." Der Junge nimmt den Faden wieder auf. „So bleiben wir beide auf dem Moos liegen. Es wird dunkel und ich sehe überall Schatten auf mich zu­kommen. Ich zittere am ganzen Körper. Ich mache mir vor Angst in die Hose. Dann ist wieder Tag."

„Er rüttelt mich. Wir stützen uns gegenseitig. Wir schleppen uns durch den Wald."

„Was ist mit deinen Kieselsteinen?" werden beide gefragt.

„Die habe ich noch immer in der Tasche. Ich habe sie in der Aufregung und Verzweiflung vergessen. Nun werde ich auf sie aufmerksam und werfe sie weg."

„Habt ihr keinen Versucht gemacht zurückzufinden?"

„Natürlich. Aber ich kenne die Richtung nicht. Wir taumeln im Kreis herum."

„Dann geschieht das Wunder." Das Mädchen ist ganz atemlos. „Wir sind noch nicht weit gegangen. Da ist eine Lichtung. Wir treten hinaus. Auf der Lichtung steht ein Haus. Es ist nicht groß. An dem Haus sind Klettergerüste für Pflanzen. Dort wachsen Beeren und Blumen. Ein Garten ist an­gelegt mit Früchten verschiedenster Art. Ich sehe rote Himbeeren und schwarze Brombeeren. Der Anblick gibt mir Kraft. Wir eilen zu dem Haus. Kein Zaun versperrt uns den Zutritt. Wir stürzen uns auf die Beeren und stopfen uns die Münder voll. Während wir auf beiden Backen kauen, hören wir das Krächzen einer alten Frauenstimme: 'So viele Beeren sind ungesund für kleine Kinder. Kommt herein, dann bekommt ihr etwas Ordentliches zu essen.'

Ich weiß nicht, ob es der Hunger, die Erschöpfung oder die Angst war. Mir wird schlecht. Ich breche alles, was ich in mich hineingestopft habe, wieder heraus und verliere das Bewusstsein. Als ich erwache, liege ich im Haus auf einem Lager aus Heu ganz nahe bei der Feuerstelle. Ich bin mit Decken zugedeckt und habe Schüttelfrost. Neben mir liegt mein Bruder. Die Alte kniet neben ihm und flößt ihm aus einem Holzbecher etwas ein."

„Es ist ein Tee, der bitter schmeckt. Später gibt es eine dünne Hühnersuppe und immer wieder diesen Tee. Wir sollen viel trinken, sagt die Alte. Nach ein paar Tagen geht es uns besser. Sie macht Brennnessel-Salat, kocht uns Hagebuttengemüse und immer wieder Hühnersuppe. Bald können wir aufstehen und umher gehen. Da ist das mit Stroh gedeckte Haus, der gemauerte Backofen an der Seite des Hofes, der große Gemüsegarten, die Wiese mit den Obstbäumen. Dort hüte ich die Ziege und die vier Schafe, und im Herbst pflücken wir süße Kirschen, Äpfel und Birnen."

„Und ich gehe mit der Alten in den Wald. Wir sammeln Salbei, Kamillen und Rosmarin. Auch von den Königskerzen nimmt sie etwas mit, bewahrt es aber streng getrennt von den anderen Kräutern auf. Ich muss auf Bäume klettern und Misteln schneiden. Alles wird zu Hause getrocknet und in kleinen Säckchen an die Decke gehängt.

Einmal frage ich unsere Retterin, wer sie sei. Sie antwortet leise: 'Eine alte Frau'."

„An den Winterabenden sitzen wir um die Feuerstelle. Das Feuer rußt nicht. Die alte Frau strickt oder spinnt die Wolle der Schafe. Dabei erzählt sie. Sie erzählt von den Zeiten, bevor es Menschen gab. Sie lässt mächtige Königreiche in unserem Kopf entstehen und zerfallen."

„Die Alte war weise. Ich habe mir vieles von dem ge­merkt, was sie uns sagte. So zum Beispiel: Wichtig ist nicht, was jemand sagt, sondern was jemand tut. Gesagt wird viel in der Welt und getan wenig. Wenn du jemanden erkennen willst, achte auf seine Taten und nicht auf seine Reden."

„Und ich habe mir gemerkt: Die Weisheit steckt im Herzen und nicht im Gehirn."

„Ich erinnere mich an eine andere Szene. Es ist Sommer. Wir sitzen auf der Bank vor dem Haus. Die Alte hat ein Huhn gefangen und ihm den Kopf abgehackt. Während sie es rupft er­klärt sie mir: 'Das Tier ist dein Bruder und deine Schwester. In dieser Welt kannst du nur leben, wenn sich jemand für dich opfert. Deshalb müssen wir den Tieren für ihr Opfer dankbar sein.'

'Aber’, entgegne ich, 'die Tiere wollen doch nicht getötet werden. Wie kannst du von Opfer sprechen, wenn du sie zwingst?'

'Oh’, meint sie, 'Opfer werden in der Regel nicht gefragt. Wenn alle Opfer freiwillig wären, gäbe es wahrscheinlich keine Opfer. Aber es geht auch nicht um das Tier, sondern um uns. Es geht darum, dass wir schuldig werden müssen, wenn wir leben wollen. Und es geht darum, wie wir mit dieser Schuld umgehen. Nehmen wir den Tod von Hase und Ziege, von Huhn und Fisch als selbstverständlich hin, oder begreifen wir, dass hier ein Lebewesen für uns sein Leben gelassen hat. Wo bliebe sonst unsere Dankbarkeit dafür, dass wir leben dürfen, während die­ses Huhn sterben musste?'

'Was habe ich mit dem Huhn zu tun?' frage ich erstaunt.

'Das Huhn ist deine Schwester und das Schaf dein Bruder. Wenn du sie tötest, stirbt stets auch ein Teil von dir. Habe die gleiche Ehrfurcht vor deiner Nahrung, die du vor dir selbst hast! Leute, die töten um des Tötens willen, haben nie gelernt, sich selbst zu achten.' "

„Einmal, wir sind vielleicht schon drei Jahre dort, werden wir beide krank. Wir haben Masern oder Keuchhusten oder eine an­dere Krankheit, die Kinder bekommen. Wir liegen auf unseren Heulagern und die Alte gibt uns Tee. Dabei erklärte sie: 'Jede Krankheit will uns etwas sagen. Jede Krankheit bringt den Menschen einen Schritt weiter. Wenn die Krankheit heraus will, sollst du sie nicht unterdrüc­ken, sonst bleibt dir ihre Botschaft verborgen. Ihr müsst die Botschaft der Krankheit ent­schlüsseln. Ihr müsst lernen, was euch die Krankheit lehren will."

„Na, und was hat sie euch gelehrt“, fragt der Zuhörer spöttisch.

„Sie lehrt einen jeden etwas anderes. Im übrigen, wenn sich das so leicht mitteilen ließe, bräuchten die Menschen nicht mehr krank zu werden. Nein, die Lehren deiner Krankheit musst du schon selbst ziehen."

Der Junge hatte ernst geantwortet und war nicht auf den Scherz eingegan­gen.

Das Mädchen überspielt die Verlegenheit und fährt fort: „Die alte Frau wird von den Tieren geliebt. Stets fliegen Schwärme von Vögeln um ihr Haus. Katzen liegen überall. Hühner picken auf dem Hof. Hasen hoppeln herum und sind nicht in Ställe gesperrt. Nur Schweine gibt es nicht. Die alte Frau sagt, als wir sie nach Schweinen fra­gen: 'Wer Schwein ißt, wird selbst zum Schwein.'

Wir lernen Heilkräuter erkennen, Ziegen melken, Hühner schlachten, Körbe flechten, Obst einmachen."

„Und ich lernte Gedanken zu lesen“, sagt der Junge. „Das ist mein Geburtstagsgeschenk. Die Alte konnte eine Menge Dinge, die andere Menschen nicht können."

„Aber warum hat dann dem Mädchen das Gedankenlesen nicht gelehrt?"

„Die Alte meinte, wenn ich die Gedanken der Männer erkennen könnte, würde ich nur in Verlegenheit kommen. Es wäre besser, wenn ich nicht wüsste, was in den Köpfen der Männer vorgeht."

 „Zum Ausgleich dafür, dass ich Gedankenlesen durfte, brachte die Alte meiner Schwester das Sprechen mit den Vögeln bei. Ich weiß nicht, welches von beiden die größere Gabe ist."

 

„Warum habt ihr die alte Frau verlassen?" fragt der Zuhörer

Die beiden tun, als hätten sie seine Frage nicht gehört. Deshalb hakt er nach: „Jetzt möchte ich auch wissen, wie euere Geschichte endet."

„Ich will es kurz machen“, sagt der Junge. „Es waren etwa fünf Jahre vergangen. Es war eine glückliche Zeit gewesen, wahrscheinlich die schönste Zeit in unserem Leben. An einem Tag im Spätherbst, draußen pfiffen schon die kalten Stürme durchs Land, saßen wir im Haus beim Mittagessen. Die Frau hatte Grütze gekocht und sie mit Kräutern und Gewürzen abgeschmeckt. Sie mundete köstlich. Plötzlich ging die Tür auf, ein eiskalter Windstoß fuhr herein, und in der Tür stand ein Mann. Wir waren völlig überrascht, denn in all den Jahren hatten wir niemals einen anderen Menschen zu Gesicht bekommen als die Alte.  Der Mann trat herein und hinter ihm drängten andere nach.

Einer sagte: 'Na sieh mal an, wir kommen gerade recht zum Essen. Sind wir eingeladen?'

Die alte Frau antwortete: 'Setzt euch! Es wird auch für euch noch reichen.'

'Das glaube ich nicht’, sagte einer der Männer. 'Wir lassen uns nämlich nicht abspeisen. Das was wir wollen ist kein Brei, sondern etwas viel Besseres, wir wollen dein Geld.'

'Ich habe kein Geld’, antwortete die Alte.

'Erspare dir Ärger und uns Mühe’, grölte nun einer der Burschen. Sie waren alle noch recht jung. 'Rück’ es freiwillig heraus.'

'Ich kann euch nicht geben, was ich nicht habe.'

Da packten die Schweine die Frau und schlugen sie. Wir standen hilflos und ängstlich in der Ecke und wussten nicht, ob wir schreien sollten. Der Alten lief das Blut aus Mund und Nase.

'Willst du nun endlich reden!' schrie einer der Schweine zornig und schlug wieder zu. Da sackte die Frau zusammen. Die Männer traten sie mit Füßen, aber sie blieb leblos liegen.

'Schafft die Hexe 'raus’, brüllte ein anderer.

Die alte Frau wurde auf den Hof gezerrt und in den Dreck geschmissen. Da entdeckten sie den Backofen.

'Es ist kalt hier’, schrie einer dieser Schweine übermütig. 'Alte Leute brauchen Wärme. Kommt her.'

Dabei zeigte er auf uns.

'Heizt den Backofen an.'

Wir ahnten, um was es ging und weigerten uns. Aber sie hatten Gefallen an der Idee gefunden und prügelten uns so lange, bis wir schließlich Reisig holten und Feuer machten.

'Na also’, sagte der erste Mann. 'Ihr könnt euere Großmutter doch nicht frieren lassen.'

Dann riefen sie: 'Und nun wird die Hexe geröstet!'

Die Frau war inzwischen zu sich gekommen und versuchte wegzulaufen. Aber sie war zu schwach und wurde sofort eingeholt. Sie strampelte mit Händen und Füßen als die vier Schweine sie in den Ofen steckten. Aber sie hatte keine Chance."

Die Stimme des Jungen Stimme erstickt. Er kann nicht weitererzählen. Seine Schwester schluchzt: „Sie sperrten die arme, alte, wehrlose Frau, die niemandem etwas zu Leide getan hatte, in den heißen Backofen.

'Hier, damit du nicht so allein bist’, grölte einer der Schweine, ergriff eine der herumlaufende Katzen und stopfte sie zu der Frau in den Ofen. Dann verrammelten sie die Backofentür. Die Frau schrie. Es war ein Schrei, der nicht aufhören wollte, der durch Mark und Bein ging, den ich mein Lebtag nicht vergessen werde. Sie schrie so fürchterlich, und ich dachte, wenn sie doch endlich aufhören würde zu schreien! Und dann schämte ich mich für diese Gedanken. Und sie schrie weiter. Die brutalen Schweine scherten sich nicht um ihr Schreien, sondern durchwühlten das Haus und zerstörten alles. Irgendwann erstarb das Schreien. Es blieb nur der Geruch von verbranntem Fleisch. Die Männer hatten alles angezündet. Ich weiß nicht, warum wir in dem Durcheinander nicht weggelaufen sind. Wir standen beide wie versteinert und sahen der Verwüstung zu. Als alles brannte, wurden sie wieder auf uns aufmerksam.

'Ihr kommt mit uns,' sagte einer. 'Ihr müsst doch froh sein, dass wir euch aus der Gewalt dieser Hexe befreit haben. Wer weiß, was die mit euch noch alles angestellt hätte. Ich bin sicher, die hat euch nur gemästet, um euch später aufzufressen. Hexen lieben Menschenfleisch, besonders schätzen sie das Fleisch von Kindern. Aber keine Angst, wir sind ja noch rechtzeitig gekommen. Und jetzt seid ihr frei und geht mit uns.'

'Ja’, sagte ein anderer. 'Und zum Dank dafür, dass wir euch mit so viel Mühe befreit haben, kannst du jetzt meinen Rucksack tragen.'

Ich nahm den Rucksack auf meine Schultern, und meine Schwester trug das Schwert eines dieser Schweine. Wir marschierten in den Wald, und hinter uns blökte die Ziege, die gemolken werden wollte."

 

Horst Neißer

aus Centratur Band 1

www.centratur.de