Das Geheimnis der weißen Kugel

 

 

Es war ein sonniger Tag und Herr Milinski genoss seinen Urlaub. Zwar wäre er gern nach Italien gefahren, doch der neue Wagen, ein Ford Escort, hatte seine ganzen Reserven verschlungen. Herr Milinski war deshalb mit seiner Frau übereingekommen, diesmal die freien vierzehn Tage zu Hause zu verbringen. Heute am Donnerstag war Putztag, die Wohnung dröhnte vom Staubsauger, alles stank nach Meister Proper und anderen diversen  Scheuermitteln, so dass der Mann gleich nach dem Mittagessen die Flucht ergriffen hatte.

Eine kleine Wanderung wolle er machen, hatte er der Frau mitgeteilt und war mit der Straßenbahn an den Stadtrand gefahren. Dort war er erst einmal im Gasthaus „Zum Schwan“ eingekehrt und hatte zwei Pils getrunken. Er hatte schließlich Urlaub und durfte sich etwas gönnen.

 

Als er sich schließlich wieder auf den Weg machte, war er schon etwas schläfrig und schwitzte in der Sonne. Doch bald hatte er den Waldrand erreicht und schlug sich auf einem kaum sichtbaren Pfad in die Büsche. Hier zwischen den Bäumen herrschte angenehme Dämmerung, eine Wohltat nach dem grellen Sonnenlicht.

Herr Milinski bemühte sich von den Büschen, die seinen Pfad säumten, Abstand zu halten, schließlich hörte man überall von der Zeckengefahr. Damit war er so beschäftigt, dass er die Lichtung mit der Kugel gar nicht sofort sah. Umso größer war dann sein Erstaunen über diesen seltsamen Gegenstand mitten im Wald.

 

Es war eine weiße Kugel, die von innen heraus leuchtete, größer als er selbst, die da vor ihm auf der kleinen Waldlichtung lag. Wie in Trance schritt er auf sie zu und berührte sie vorsichtig mit den Fingerspitzen. Sie fühlte sich an wie Milchglas, hart und ein wenig rau. Doch es konnte kein Glas sein, denn die Kugel verschluckte das Sonnenlicht, das durch die Bäume schien, und spiegelte es nicht wieder.

Langsam ging Herr Milinski um das seltsame Ding herum. Es sah von allen Seiten gleich aus und, obwohl es doch ein beträchtliches Gewicht haben musste, schien es gleichsam zu schweben, denn der Waldboden wurde kaum eingedrückt.

Einer plötzlichen Eingebung folgend ergriff der Mann einen abgestorbenen Ast und schlug auf die Kugel ein. Doch zu seinem großen Erstaunen zerbrachen weder der Ast noch die Kugel, sondern der Prügel glitt durch das leuchtende Ding hindurch, so als sei es nicht vorhanden. Auch die Steine und dürren Tannenzapfen verschwanden lautlos in der Kugel.

Erschöpft von dem Werfen und Schlagen setzte sich der Mann auf den Boden und betrachtete seinen Fund. Dabei fiel ihm auf, wie schön doch diese Kugel war, wie vollkommen, ja beinahe überirdisch. Das war der Zeitpunkt als sich Herr Milinski in die Kugel verliebte.

 

Wieder zu Hause berichtete er sogleich seiner Frau, die in der strahlend sauberen Wohnung vor dem Fernsehapparat saß, von seinem Fund. Sie sah ihn von unten herauf seltsam an und runzelte die Stirn.

„Wie viele Biere hast du getrunken“, fragte sie geduldig. Sie kannte ihren Mann.

Der wurde wütend und schrie: „Wenn du mir nicht glaubst, dann komm’ mit, dann zeige ich es dir! Ich habe es satt, dass du mich nicht für voll nimmst! Deine Überheblichkeit geht mir auf die Nerven, du ahnst gar nicht wie sehr. Das muss ich mir nicht gefallen lassen!“

Nun gab ein Wort das andere, bis er schließlich voraus die Treppe hinunter stürmte und sie ihm zu dem neuen Escort folgte. Wild schimpfend und ungeduldig hupend jagte er durch sommerlich leeren Straßen und hielt mit quietschenden Reifen auf einem Wanderparkplatz am Waldrand. Seine Frau folgte ihm widerwillig und äußerte lautstark ihren Unmut. Nun scherte sich Herr Milinski weder um Zecken, noch um die Zweige, die ihm ins Gesicht peitschten. Er wollte Recht behalten und dies möglichst sofort.

Endlich hatten sie die Kugel erreicht, und er wies stolz auf dieses Wunder im Wald. Doch seine Frau sah ihn nur mit zusammen gekniffenen Augen an und fragte: „Wo ist denn nun deine Wunderkugel?“

„Sie liegt doch direkt vor deiner Nase. Du musst nur deine dämlichen Augen ein wenig aufmachen.“

„Ich sehe eine kleine Waldlichtung, etwas dürres Holz und ein paar Sträucher und sonst nichts.“

„Bist du blöd? Brauchst du eine Brille? Dieses Riesending ist doch nicht zu übersehen!“

Mit diesen Worten lief er zur Kugel und schlug mit der rechten Hand dagegen.

Nun verlor seine Frau ihre letzte Geduld und Beherrschung: „Höre endlich auf mit diesem blöden Theater. Ich weiß nicht, was das alles soll. Ich habe heute einen schweren Tag hinter mir, die ganze Wohnung geputzt und auch noch die Wäsche gemacht, während du schon am Mittag gesoffen hast. Kannst du mich dann nicht wenigstens in Ruhe lassen? Nein, du musst mich in diesen dämlichen Wald schleppen und mir eine nicht vorhandene Kugel zeigen. Jetzt reicht es mir wirklich. Fahre mich endlich wieder nach Hause!“

Da begriff Herr Milinski, dass seine Frau die Kugel wirklich nicht sah.

 

Die restlichen Tage seines Urlaubs verbrachte Herr Milinski im Wald bei seiner Kugel. Ab und zu trank er ein Pils im Gasthaus Zum Schwan. Er spendierte dort dem einen oder anderen Gast ein Bier, um ins Gespräch zu kommen und nach weiteren Freibieren gelang es ihm hin und wieder einen der Zechkumpanen unter irrwitzigen Vorwänden in den Wald zur Kugel zu locken. Dann freute sich Herr Milinski diebisch, dass der Andere seine Kugel nicht sehen konnte.

 

Diese wunderbare Kugel war sein Eigentum. Er war der einzige Mensch auf der ganzen Welt, der sie bewundern konnte, dem sie zur Verfügung stand. Sie war sein Schatz, sie hob ihn über alle Menschen hinaus. Mochten sie mehr Geld verdienen und bessere Jobs haben als er, mochten sie studiert haben und Weltreisen machen können. Was war das alles gegen seine Kugel!

 

Dann war der Urlaub vorbei und er musste wieder zur täglichen Maloche. Doch nun ging er noch widerwilliger in die Firma als früher, raubte ihm doch der Job wertvolle Zeit, die er mit der Kugel hätte verbringen können. Immer häufiger täuschte er Schmerzen vor und ließ sich krank schreiben.

Eines Tages, sie saßen gerade beim Abendessen, erklärte er seiner Frau, es wäre besser, die Wohnung aufzugeben und in die Nähe des Waldes zu ziehen. Frau Milinski, die schon seit längerem die Verwandlung ihres Mannes mit großem Misstrauen beobachtet hatte, bekam einen Wutanfall und schrie so laut, dass die Nachbarn jedes Wort verstehen konnten. Sie erklärte ihren Mann für verrückt, verlangte, er solle sich in der Psychiatrie untersuchen lassen, vermutete gar, dass er dieses Theater nur wegen einer anderen Frau abzöge und wollte endlich die Wahrheit erfahren. Ein Wort gab das andere und vier Wochen später zog Herr Milinski in ein möbliertes Zimmer neben der Gaststätte „Zum Schwan“.

Und als ihm dann noch in der Firma gekündigt wurde, konnte er endlich jede freie Minute bei seiner Kugel verbringen.

 

Der Winter kam und im Schnee leuchtete die Kugel noch wunderbarer. Wen wundert es, dass Herr Milinski den Weihnachtsabend bei seiner Kugel verbrachte? Von seinem Arbeitslosengeld hatte er sich eine Flasche „Henkel trocken“ gekauft, zwei Kerzen im Schnee angezündet und feierte nun mit der Kugel das Christfest. Trotz der Kälte fror er nicht, denn seine leuchtende Gefährtin wärmte ihn.

 

So führte Herr Milinski ein zufriedenes Leben bis in den Februar. Der Schnee war bereits geschmolzen und man konnte den kommenden Frühling schon riechen. Es war gegen Mittag, Herr Milinski war natürlich bei seiner Kugel, da hörte er Tritte auf dem dürren Holz. Jemand kam geradewegs durch die Büsche zu seiner Lichtung. Herr Milinski lächelte in sich hinein. Gleich würde wieder so ein Tölpel vor der Kugel stehen und sie nicht sehen können, ein weiterer Beweis für seine eigene Auserwähltheit. Er versteckte sich hinter den Bäumen, um das Schauspiel besser genießen zu können.

Es dauerte nicht lange, dann wurden Äste und Blätter beiseite geschoben. Ein wahrer Hüne mit dicken Muskelpaketen trat auf die Lichtung, blieb wie angewurzelt stehen und starrte auf die leuchtende, weiße Kugel. Dann umrundete er sie vorsichtig und berührte sie mit den Fingerspitzen. Kein Zweifel, dieser dämliche Kraftmeier konnte Herrn Milinskis Kugel auch sehen. Sie waren nun in ihrer Einzigartigkeit zu Zweit.

Doch dieser Zustand währte nicht lange, denn als sich der Neuling über die Kugel beugte und den seltsamen Gegenstand mit beiden Händen umarmte, traf ihn von hinten ein mächtiger Schlag auf den Kopf. Herr Milinski hatte den größten Prügel gepackt, den er finden konnte, und war von hinten an den frechen Ursupator herangeschlichen. Dann hatte er ausgeholt und mit aller Kraft zugeschlagen.

Der Fremde war sofort tot. In dem Moment aber, in dem er sein Leben aushauchte, wurde die Kugel durchlässig. Es war wie mit den Stöcken und Steinen, denen dieses seltsame Material auch keinen Widerstand geleistet hatte. Der Leichnam stürzte in die Kugel und war verschwunden.

 

An den Toten dachte Herr Milinski in den nächsten Tagen weniger, ihn beschäftigte vielmehr diese neue Eigenschaft seiner Kugel, die er durch Zufall entdeckt hatte. Er hatte in der Zwischenzeit auf dem Markt ein totes Kaninchen gekauft und in die Kugel geworfen. Das Tier war ebenso wie der Leichnam spurlos verschwunden. Nun drängte es ihn zu einem Experiment mit dem er sich Gewissheit verschaffen konnte. Obgleich er sich redlich gegen den Gedanken sträubte, musste er Tag und Nacht darüber nachdenken. Endlich hielt er es nicht mehr aus. Er brauchte Gewissheit, sonst würde er nie mehr zur Ruhe kommen.

Nachdem er sich zur Tat durchgerungen hatte, war die Ausführung nicht mehr schwierig. Es war eine Joggerin, die für seine Zweck besonders geeignet erschien. Herr Milinski trat ihr in den Weg und stieß mit einem Brotmesser mehrfach zu.

Der Mord war erheblich leichter, als er es sich vorgestellt hatte. Viel schwieriger war es, den Leichnam quer durch den Wald zur Kugel zu schleifen. Herr Milinski kam rasch ins Schwitzen und fragte sich immer wieder, weshalb eine so zierliche Person im Tod so schwer sein konnte. Doch endlich war es geschafft und mit letzter Kraft ließ er die Joggerin in seine Kugel kippen. Dort verschwand sie lautlos und spurlos.

 

Natürlich wurde die Frau vermisst und bald durchsuchten zwei Hundertschaften der Polizei systematisch den ganzen Wald. Obgleich auch Hunde eingesetzt wurden, blieb die Frau verschwunden. Die Zeitungen berichteten ausführlich von dem seltsamen Vorfall. Ihr Ehemann wurde vorübergehend unter Tatverdacht festgenommen, doch man konnte ihm nichts nachweisen, er hatte ein hieb- und stichfestes Alibi. Auch hatte man keine Leiche und ohne Leiche keine Verbrechen.

Herr Milinski, der alles genau verfolgt hatte, wusste nun, dass er mit seiner Kugel nicht nur auserwählt, sondern auch Herr über Leben und Tod war.

 

 Von nun an verschwanden immer wieder Personen, und der Wald geriet mehr und mehr in Verruf. Natürlich lief die Polizei vermehrt Streife und überwachte die Zufahrtsstraßen. Doch weil keine Leichen gefunden wurden, stand man vor einem Rätsel. Auch Herr Milinski wurde vernommen. Es war kein Geheimnis geblieben, dass er sich ständig in diesem Wald aufhielt. Was bisher als die Spinnerei eines eigentümlichen Kauzes galt, wurde plötzlich zum Verdachtsmoment. Doch der Mann berichtete von den ausgedehnten Spaziergängen, die er in der guten Waldluft wegen seiner kaputten Lunge  unternahm und wurde deshalb mit dem Hinweis, er möge bitte Vorsicht walten lassen, bald wieder entlassen. Mit welcher Begründung hätte man ihn auch anklagen können. Es gab schließlich keine Leichen und auch keinerlei andere Hinweise auf ein Verbrechen.

Herr Milinski fühlte sich immer sicherer und genoss seine Allmacht. Er trieb es immer toller. Bald brachte er die Frauen nicht mehr nur um, sondern vergewaltigte sie zuvor. Er überfiel Förster, die den Wald betreuten, und einmal sogar einen Polizisten auf Streife. Alle Leichen verschwanden auf Nimmerwiedersehen in seiner wunderbaren Kugel, die ein scheinbar unendliches Fassungsvermögen hatte.

 

Aber nichts ist auf dieser Welt ewig, auch keine weiße, von innen leuchtende Kugel. Das Weihnachtsfest rückte wieder näher, die Städte waren festlich geschmückt, die Menschen hasteten von Geschäft zu Geschäft, um Geschenke zu kaufen, die ersten Schneeflocken fielen und Herr Milinski freute sich auf den Heiligen Abend mit seiner Kugel. Der hatte sich diesmal sogar eine Flasche Champagner gegönnt. Doch als er mit seiner Plastiktüte voller Kerzen, einem Glas und der Flasche auf die Lichtung trat, war diese leer. Nur der Mond schimmerte trüb durch die entlaubten Zweige. Die Kugel war verschwunden.

Zuerst wollte es Herr Milinski einfach nicht glauben. Verwirrt lief er im Dunkeln kreuz und quer über die Lichtung. Sein Herz schlug schneller und schneller, und er hatte das Gefühl, als würde ihm die Luft abgeschnürt. Panik breitete sich in ihm aus. Der Verlust der Kugel war so etwas wie ein Todesurteil für ihn. Er war wieder wie alle anderen Menschen, zurückgeworfen in die Unbedeutendheit der gewöhnlichen Leute.

 

Natürlich suchte er tagelang nach seiner Kugel, aber irgendwann stand er dann vor der Wohnungstür seiner Frau mit einem Blumenstrauß in der Hand. Sie war zwar misstrauisch, aber auch erleichtert. Zwar hatte sich das Paar häufig gestritten, aber Streit war immer noch besser, als allein in einer leeren Wohnung zu hocken und auf einen vernünftigen Film im Fernsehen zu hoffen.

Sie ließ ihn nach einiger Überlegung eintreten und auf der Couch Platz nehmen. Bald tranken sie zusammen den Champagner, den Herr Milinski eigentlich für seinen Weihnachtsabend mit der Kugel vorgesehen hatte. Er war zwar etwas zu warm, aber die Eheleute stießen dennoch innig zusammen an und in dieser Nacht hatten sie sogar so etwas wie Sex.

Bald darauf zog Herr Milinski wieder in seine alte Wohnung ein und begann Bewerbungen für einen neuen Job zu schreiben. Er wurde zu zwei Vorstellungsgesprächen eingeladen und langsam normalisierte sich sein Leben wieder. Nach und nach vergaß er die weiße, leuchtende Kugel.

 

Nachdem sie sich wieder gefunden hatten, beschlossen die Eheleute einen gemeinsamen Urlaub. Sie wollten nach Berchtesgaden, weil Herr Milinski dort als Zehnjähriger wunderbare Ferien mit seinen Eltern verbracht hatte. Sie fanden eine preiswerte Pension, über das Wetter ließ sich nicht meckern und auch das Essen war in Ordnung.

Es war der dritte Tag, als Herr Milinski morgens allein zu einer Bergwanderung aufbrach. Frau Milinski wollte lieber im Ort bleiben und vielleicht ein wenig Shoppen gehen. Sie hatte in den vergangenen Jahren stark zugenommen und war dadurch recht kurzatmig geworden. Allein der Gedanke, irgendwelche Hänge erklimmen zu sollen, verursachte ihr Herzbeschwerden. Also zog ihr Mann allein los. Er hatte sich bereits am ersten Tag einen grünen Lodenhut mit einer Feder gekauft, den er nun keck zusammen mit einem kleinen Rucksack trug.

 

Der Tag wurde warm und Herr Milinski schwitzte. Deshalb suchte er bald einen schattigen Waldweg, dem er gedankenverloren folgte. Irgendwann verlor er aber die Orientierung und schlug sich quer durch die Büsche. Auf einmal tat sich vor ihm eine kleine Lichtung auf und auf dieser Lichtung lag eine große, weiße Kugel, die von innen her leuchtete.

War es eine fremde Kugel, war es die seine, er wusste es nicht. Wie im Traum eilte er zu diesem wunderbaren Ding und wollte es umarmen, wollte seine Oberfläche spüren, die Kraft in sich aufnehmen.

 

Wie er so da stand, beide Handflächen an die Kugel gepresst, hörte er auf einmal eine raue Stimme: „Du Batzi, du unverschämter. Was suchst du bei meiner Kugel. Da hast du gar nix verlor’n. Die gehört mir und du solltest sie überhaupt nicht seh’n.“

Als dann der schwere Prügel auf seinen Kopf niedersauste und den Schädel unter dem grünen Lodenhut zerschmetterte und Milinski in die Unendlichkeit der Kugel fiel, da schoss ihm als letzter Gedanke durch den Kopf, dass er nun mit der Kugel für immer verbunden war.

 

Horst Neißer

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