Die
Rapulios
Lang, lang ist es her, da
lebten ein junger Mann und eine junge Frau am westlichen Fuß
der großen Berge.
Die Frau hieß Illumina und war aus dem Hause Gontrages. Auch der Mann stammte
aus einem edlen Geschlecht. Sein Vater war ein Goch und regierte ein Reich
im hohen Norden. Allandoran, so sein Name, war in
den Süden gekommen, um die Welt und die Regierungskunst anderer Könige kennen
zu lernen. Er würde einmal auf dem Thron sitzen und wollte dann ein guter
Herrscher sein. Doch als er Illumina getroffen hatte, vergaß er seine Absichten
völlig. Er verbrachte seine Tage nur noch mit ihr. Sie schwammen in Gebirgs-Seen,
durchstreiften Wälder und kletterten in die lichten Höhen der Berge. Dabei
ernährten sie sich von dem, was die Natur ihnen bot. Sie brauchten kein Haus
mit festem Dach und Vorratskammern und Räucherkaminen. Sie fanden täglich das
Notwendige zum Leben in der Natur. Und sie hatten sich selbst, das genügte.
Doch wie es bei Liebesgeschichten
immer ist, ihr Glück währte nicht lange. Es ist nicht genau überliefert warum,
aber Allandoran musste in seine Heimat zurück. Wahrscheinlich war sein Vater
gestorben und er sollte den Thron übernehmen. Illumina war noch nicht
volljährig, und ihre Eltern verboten deshalb, dass sie mit ihm zog. Kinder aus
guten Familien waren damals noch so erzogen worden, dass sie sich dem erklärten
Willen ihrer Eltern nicht widersetzten. So schickte sich das Mädchen unter
Tränen in sein Schicksal. Die beiden vereinbarten aber, dass sie dem Geliebten,
so bald es ginge, nachfolgen werde. Es ist die alte Geschichte, und man weiß, dass
daraus in der Regel nichts wird. Man verliert sich aus den Augen, verschiebt
die weite Reise immer wieder, und schließlich taucht jemand anderes auf, und
man verliebt sich aufs neue. So sollte es bei diesen
beiden Liebenden nicht werden. Sie waren fest entschlossen, sich nicht zu
verlieren.
Doch wie konnten sie
sich finden in der weiten Welt? Illumina und Allandoran bauten vor. Bevor sie
sich nämlich unter Küssen und mit nicht enden wollenden Versprechungen
getrennt hatten, waren sie zum Schloss eines Zauberers gewandert. Dieser
Zauberer hieß Rapuliopus. Er war ein großer
Meister und lange Zeit sehr angesehen unter den Weisen und den Sterblichen.
Aber dann hatte er seine Kunst und die Gnade der Überirdischen für
selbstsüchtige Zwecke missbraucht. Der Rat der Weisen war deshalb über ihn zu
Gericht gesessen und hatte ihn, trotz seines Könnens und seiner Verdienste, ausgestoßen.
Obwohl er dies scheinbar
gleichmütig hingenommen hatte, musste die Vertreibung Rapuliopus aber zutiefst
gekränkt und verbittert haben. Er wurde mit den Jahren immer hemmungsloser und
zynischer. Zwar war er aus dem Rat verstoßen, aber sein Können, und das war
groß, hatte er behalten. Er nutzte es nun, um seinen Reichtum zu mehren und
alle, mit denen er zusammentraf, zu unterdrücken.
Rapuliopus baute sich
ein wunderschönes Schloss, in dem er residierte. Dorthin bestellte er sich nach
Belieben Leute aus fern und nah, und wehe ihnen, wenn sie nicht kamen. Klopften
sie aber zitternd an seine Tür, so wussten sie nicht, welches Schicksal sie
erwartete. Der Zauberer konnte ziemlich gemein und grausam sein, und stets war
sein oberstes Ziel, die Menschen zu demütigen und sich über sie lustig zu
machen. So beschenkte er manche aus purer Laune heraus, wenn sie devot vor ihm
auf dem Boden lagen, und andere schlug er mit Krankheit und Qualen. Man wusste
nie, woran man bei ihm war, und was er als nächstes mit einem anstellen würde.
Rapuliopus war hemmungslos in seiner Menschenverachtung. Alle Leute machten
deshalb, wenn es nur irgend ging, einen Bogen um den Zauberer.
Gerade zu Rapuliopus
liefen Illumina und Allandoran in ihrer Not, obgleich sie genau wussten, mit
wem sie es zu tun hatten. Sie traten vor seinen Thron und fielen auf die Knie.
Sie erzählten ihm ihr Leid und endeten mit einer Bitte.
„Gibt uns etwas“, so
flehten sie, „das uns zusammenführt, wenn wir uns verlieren. Etwas, womit wir
uns immer wieder finden.“
Der Zauberer hörte sie
ernst an. Er machte keine Witze, sprach keine bösen Worte und verwandelte sie
auch nicht in ein Tier, wie er es mit seinen Besuchern ab und an zu tun
pflegte. Statt dessen versprach er ihnen zu helfen und
schickte sie nach Hause. Auf den Tag nach vier Wochen sollten sie wieder bei
ihm vorsprechen. Hand in Hand machten sie sich auf den Heimweg, während der
Mächtige in seinen Zauberkeller stieg und dort vier Wochen blieb. Kein Diener
durfte ihn stören. Niemand weiß bis heute, was er dort tat und wovon er lebte.
Dann kehrte er zurück mit zwei goldenen Kugeln.
„Ich habe für euch einen
großen Zauber vollbracht, und ich bin stolz auf mein Werk“, sagte er den beiden
Liebenden. „Jeder von euch bekommt von mir eine Kugel. Ich habe sie nach mir
selbst benannt. Die Kugeln lassen den mit Sicherheit finden, den man sucht.
Wenn ihr euch nach einer Person sehnt, so wird euch der Rapulio
helfen, sie auch zu finden. Aber bedenkt, der Rapulio
hilft euch nicht nur, euch gegenseitig zu finden, sondern jedes Geschöpf, das
ihr in euerem Geist begehrt. Und nun geht und wendet mein Geschenk zu euerem
Nutzen an.“
Der Mann und die Frau
bedeckten seine Hände und Füße mit Dankesküssen und zogen von dannen. Wohin sie
kamen, priesen sie den Zauberer und verkündeten, wie gut er doch sei. Dies
veränderte die Meinung der Leute, und nur einige Alte wiegten skeptisch die
Köpfe.
Schließlich reiste
Allandoran in seine Heimat. Der Abschied fiel ihm schwer, dennoch war ihm
leicht ums Herz. Er wusste, dass er mit Hilfe des Rapulios
seine Geliebte immer wieder finden würde.
Dann kam die Zeit und
Illumina wurde volljährig. Mit dem Segen der Eltern machte sie sich auf den Weg
in das Reich Allandorans. Dieser war inzwischen ein
großer und angesehener Herrscher geworden. Viele Könige in der Nachbarschaft
hatten versucht, ihn mit ihren Töchtern zu vermählen, aber er hatte stets abgelehnt.
Er konnte das Bild von Illumina nicht
aus seinem Herzen verdrängen. Und als die Zeit gekommen war, machte er
sich auf ihr entgegen zu gehen. Beinahe zur gleichen Zeit nahmen sie ihre
goldene Kugel in die Hand, ganz so, wie der Zauberer sie es gelehrt hatte. Dann
stellte sich Allandoran Illumina vor und Illumina Allandoran. Aber das Bild,
nach dem sie sich jeweils sehnten und wonach zu suchen sie die Rapulios beauftragten, war das, wie sie beim Abschied
ausgesehen hatten. Inzwischen waren sie älter geworden, hatten sich verändert.
Sie entsprachen in Wirklichkeit gegenseitig nicht mehr dem Bild, das sie von
einander im Herzen trugen. Die Rapulios aber
erfüllten getreu ihre Wünsche. Sie suchten nach den Personen der Vorstellung.
Da sie die aber nicht finden konnten, suchten sie nach Menschen, die dem
gewünschten Bild nahe kamen.
Man kann sich denken,
was geschehen ist. Voller Liebe ersehnten beide Liebenden den Partner, den sie
vor Jahren verlassen hatten, und sie fanden einen Mann und eine Frau, die der
Jugendliebe zwar ähnlich sahen, aber es nicht waren. Allandoran reichte seine
Hand nicht Illumina und Illumina umarmte
nicht Allandoran.
Natürlich bemerkten
beide rasch, dass sie sich getäuscht hatten. Enttäuscht stieß Illumina den Mann
zurück, den ihr der Rapulio zu getrieben hatte. Sie
wollte den verlassenen Geliebten umarmen, aber nicht irgend
einen Mann. Doch um den zu finden, hätte sie wissen müssen, wie der
geliebte Partner jetzt aussah. Nur dann wäre die goldene Kugel erfolgreich
gewesen. Ebenso erging es Allandoran.
Als die Liebenden erkannten,
dass die Rapulios für sie nutzlos waren, verzichteten
sie auf die Werkzeuge des Zauberers und machten sich in der ganzen Welt auf
die Suche. Doch als der Mann in der Heimat des Mädchens ankam, war sie auf dem
Weg in sein Land, und als er dorthin zurückkehrte, durchstreifte sie längst
andere Gebiete. Sie trafen sich nie wieder.
Manchmal, wenn sie ganz
verzweifelt waren, begnügten sie sich mit einem Liebhaber oder einer Geliebten,
die ihnen die Rapulios zuführten. Doch sie schämten
sich nach kurzer Zeit ihres Verrates und trennten sich wieder. Als Illumina
älter wurde, ärgerte sie sich über die Versuchung durch ihren Rapulio und warf ihn weg. Allandoran allerdings benutzte
die goldene Kugel immer wieder, um bis an sein Lebensende nach einem Ebenbild
seiner Jugendliebe zu rufen.
Horst Neißer
aus Centratur Band I
www.centratur.de