Der Gott der Ameise

 

Es kommt natürlich darauf an, wie schnell Sie fahren. Etwa fünfzehn Minuten hinter Bitch liegt der Hanauer See. Die Abfahrt von der Hauptstraße war bisher schlecht beschildert, deshalb bedurfte es großer Aufmerksamkeit, damit man nicht an ihr vorbeifuhr. Es kann natürlich sein, dass sich dies inzwischen geändert hat. Außerdem kommt später noch ein zweiter Zufahrtsweg.

Zum See selbst, dem Étang de Hanau, wie ihn die Franzosen nennen, führt eine Straße mitten durch den Wald. Am besten ist es, Sie fahren nicht am Samstag oder Sonntag hierher, denn dann scheint hier die Bevölkerung der ganzen Gegend zusammenzuströmen. Kommen Sie aber wochentags, dann finden Sie hier einen einsamen, idyllischen Ort zum Baden und Wandern. Außerdem laden zwei gemütliche Lokale ein und bieten preiswerte Menüs. Am Wochenende können Sie außerdem auf der Sonnenterrasse der vorderen Gaststätte elsäßischen Flammenkuchen essen. Natürlich gibt es auch den unvermeidlichen Campingplatz, aber der liegt auf der anderen Seite des Wassers und stört kaum.

Wenn Sie den kleinen See umrunden, sehen Sie linker Hand oben auf dem Berg eine Burgruine. Klettern Sie zu ihr hinauf. Der Ausblick lohnt die paar Schweißtropfen. Nach diesem Ausflug sollten Sie aber zur Wegkreuzung zurückfahren und nach rechts abbiegen. So gelangen Sie zu weiteren Seen, die einsam und verlassen im Wald verborgen ruhen. Diesen Abstecher sollten Sie sich auf jeden Fall gönnen denn vielleicht erleben Sie dort noch ein Abenteuer.

Die schmale kurvenreiche Waldstraße, die Sie entlangfahren, ist zwar geteert, aber sie lässt nur einem Auto Platz, und bei Gegenverkehr müssen Sie auf den Grasstreifen ausweichen. Fahren Sie deshalb vorsichtig! Bei weiteren Kreuzungen halten Sie sich stets links, bis nach ein paar Minuten rechts ein schmaler Pfad zwischen den Bäumen auftaucht. Dort parken Sie Ihr Auto. Ein altes Schild weist Sie darauf hin, dass Sie auf diesem Weg nach wenigen Minuten eine Kapelle erreichen. Dies ist die richtige Stelle.
Sie folgen dem Hinweis und sehen bald die kleine Kirche auf der Waldlichtung. Sie ist unscheinbar, kein Kunstwerk, lohnt aber den Besuch. Vielleicht wollen Sie dort, wenn alles vorbei ist, sogar beten!

Auf dem Weg zur Kapelle sehen Sie im Wald nach ein paar Metern links die ruhige Fläche eines Sees. Kaum ein Laut ist zu hören. Rechts ist ein Abhang, und auf seiner halben Höhe beginnt eine Steintreppe, die zwischen Büschen endet. Wer mag sie wohl erbaut haben? Welchem Zweck haben die kunstvoll aus dem Stein geschlagenen Stufen einst gedient? Haben hier in früheren Zeiten Gebäude gestanden? Die Zeit hat sie spurlos getilgt und nur eine Treppe übrig gelassen. Wer mag hier einst gewohnt haben? Mönche? Ritter? Einsiedler? Ihrer Phantasie sind beim Anblick dieser Überreste keine Grenzen gesetzt. Auf jeden Fall übt diese Treppe eine eigenartige Anziehung aus.

Sonst haben Sie bisher noch nichts bemerkt. Sie sind scheinbar ganz allein mit dem Wald, dem See und einer sonnenüberfluteten, grasbewachsenen Lichtung. Der Fleck lädt zum Träumen ein. Sie wollen sich ins Gras setzen. Sie suchen einen bequemen Platz, schauen hinunter auf Ihre Füße und sehen überall Ameisen. Es wimmelt nur so von ihnen. Es sind rote Waldameisen, Formica rufa nennt sie der Biologe. Die Insekten sind beschäftigt. Eifrig schleppen sie Raupen, Maden, Würmer, Käfer oder einfach nur Tannennadeln in einer nicht erkennbaren Ordnung durch die Gegend.

Ein Angler hat am Seeufer eine Dose mit Mehlwürmern stehen gelassen. Die Ameisen haben inzwischen den Deckel abgehoben und zerren mit ihren scharfen Zangen die sich ängstlich ringelnden, weißen Maden über die Kante der runden Blechschachtel und verschwinden mit ihnen im Gras.

Die rotschwarzen Tiere bedecken den ganzen Boden. Wo Sie auch hinsehen, überall sind Ameisen. Sie scheinen keinen Regeln und keinem Plan zu unterliegen. Alles, was sie tun, wirkt willkürlich. Doch wenn Sie sich die Zeit nehmen und ruhig beobachten, dann entdecken Sie das System im Chaos. Alle Tiere kommen aus einer Richtung oder kriechen wieder dorthin zurück. Aus einer weiten Peripherie eilen die Insekten geschäftig zum Mittelpunkt eines imaginären Kreises, zur Nabe des von ihnen beherrschten Gebietes.

Auch Sie erfasst der Sog. Sie folgen dem Ameisenstrom. Er führt Sie zu der beschriebenen Böschung und dann zur Treppe. Sie stehen vor den geheimnisvollen Steinstufen, schreiten langsam empor. Der Aufgang endet zwischen Büschen. Sie teilen die Zweige, machen noch ein paar Schritte, und dann liegt er vor Ihnen: der Ameisenhaufen.

Er erhebt sich etwa einen und einen halben Meter über den Erdboden, und seine Oberfläche ist ständig in Bewegung. Es kribbelt und krabbelt auf ihr. Das Auge findet kaum einen Haft. Ihr Blick fällt auf das geschäftige Treiben auf dem Waldboden. Je näher die Ameisen ihrer Behausung kommen, desto schneller scheinen sie zu laufen, gleichsam als ob die Nähe ihres Stockes ihnen neue Kräfte verleiht.

Die Beutetiere, die sich bisher erschöpft in ihr Schicksal ergeben haben, bäumen sich nun erneut auf, versuchen sich dem scharfen Biss der Arbeiterinnen zu entwinden. Aber auch dieses letzte Aufbegehren von Lebenswillen vor dem Untergang ist vergeblich. Unerbittlich graben sich die Zangen der Formica rufa durch Fleisch und Chitinpanzer und brechen den Widerstand.

Staunend beobachten Sie dieses schreckliche Schauspiel und starren dann wieder fasziniert auf den mächtigen Hügel, der einige Meter vor Ihnen liegt. Sie wollen näher herangehen. Da fühlen Sie ein Kribbeln an den Beinen. Erschreckt stellen Sie fest, dass ganze Horden dieser roten Waldameisen auf Ihnen herumlaufen. Voller Abscheu stampfen Sie mit den Füßen, klopfen gegen Ihre Beine. Aber je mehr Ameisen Sie abklopfen, desto mehr kriechen an Ihnen hoch. Ihre Schuhe sind von der Formica rufa schon ganz bedeckt. Sie haben natürlich vor den kleinen Bestien keine Angst. Es ist mehr der Ekel, ein Unbehagen, das sie erfasst und zu immer wütenderen Abwehrmaßnahmen veranlasst. Da, plötzlich ein scharfer Stich und ein brennender Schmerz: Formica rufa hat Sie gebissen.

Schon spüren Sie den nächsten Biss und noch einen, und das Brennen und Jucken nehmen kein Ende. Nun haben Sie jeden Spaß an dieser biologischen Exkursion verloren. Sie drehen sich auf dem Absatz um und wollen in großen Sprüngen zurückeilen. Aber Sie stolpern, straucheln über eine Wurzel. Sie halten sich an einem Baumstamm fest und müssen feststellen, dass auch er mit Ameisen übersät ist. Die Tiere laufen nun schon über Ihre nackten Hände und Arme, einige krabbeln über Ihren Kragen und den Hals entlang. Abscheu und Angst überfallen Sie. Voller Panik schlagen Sie auf sich selbst ein, versuchen die Plagegeister loszuwerden oder irgendwie zu töten. Hände und Arme schmerzen. Dieser Ausflug an dem schönen Sommertag zum Étang de Hanau wird zum Alptraum.

Bilden Sie es sich nur ein, oder hören Sie wirklich ein wütendes Knurren? Die Luft summt und surrt auf einmal seltsam und durchdringend. Es ist natürlich nur das Geräusch von Millionen kleiner Füße, die eilig über den Waldboden huschen, dass es nur so knistert und knackt. Aber Sie haben den Eindruck, als ob der Ameisenhaufen selbst Drohlaute ausstößt. Sie wollen weg, nur weg, weit fort von dieser verwunschenen Gegend, der Heimat dieser wilden Formica rufa.

Da ist die Treppe. Sie eilen hinunter, springen über die Böschung und verstauchen sich dabei beinahe den Fuß. Das hätte Ihnen zu allem Ärger noch gefehlt! Nun haben Sie keine Augen mehr für den stillen See, den Wald und die Sonne. Sie laufen zu Ihrem Auto, wollen sich von den Tieren säubern. Aber wo sind die Ameisen? Die Plagegeister sind spurlos verschwunden. Nur noch ein paar Nachzügler schnipsen Sie mit Daumen und Zeigefingern von Ihren Kleidern. Dann lassen Sie sich hinter das Steuer fallen und atmen auf.

 

Damit kann ihr Abenteuer im Wald von Philippsbourg beendet sein. Die Ameisenbisse brennen noch ein wenig, aber das ist gut gegen Ihr Rheuma. Eines aber ist Ihnen klar: So rasch werden Sie hier keinen Spaziergang mehr machen!

Oder fahren Sie vielleicht doch nicht sofort los? Denken Sie über das Erlebnis nach? Gehören Sie etwa zu den Menschen, die nun erst richtig neugierig geworden sind? Kehren Sie tatsächlich nach einer kurzen Verschnaufpause in den Wald zurück, so wie ich damals? Ich hatte mich über meine eigene Panik geärgert.

Was hätte mir schließlich die winzige Formica rufa anhaben können? Denken Sie doch nur an den Größenunterschied! War es verletzte menschliche Eitelkeit oder Forscherinteresse? Ich machte mich wieder auf den Weg. Langsam und nachdenklich ging ich durch die Bäume zum See.

Die Sonne stand schon tief, und ein kühler Lufthauch zog durch die Zweige des einsamen Waldes. Es war später Nachmittag. Sie fragen sich, was ich noch suchte? Nicht weit von hier wartete schließlich eine Gaststätte mit einer schönen Terrasse auf mich. Dort waren Menschen, gab es kühlen, herben Rotwein. Doch was tat ich? Ich besuchte Ameisen.

Das Gewimmel am Boden hatte inzwischen nicht abgenommen. Das Tagewerk der Insekten war noch lange nicht getan. Eine ruhende Ameise ist ein Anachronismus. Ein großer Käfer wurde zu meinen Füßen vorbeitransportiert. Mehrere Arbeiterinnen trugen ihn. Seine Füße strampelten hilflos in der Luft. Ich hatte Mitleid mit der Kreatur, bückte mich und hob den Käfer hoch. Dann stellte ich ihn etwas entfernt wieder auf den Boden. Er hatte nun seine Chance. Wie ein »Deus ex machina« hatte ich eingegriffen und sein Leben gerettet. Ich war stolz auf die gute Tat. Doch dieser Stolz war Eitelkeit, verfrüht und töricht. Kaum hatte der Käfer nämlich wieder Boden unter den Füßen und verharrte einen Moment, um sich zu orientieren, da stürzten sich aus allen Richtungen erneut Ameisen auf ihn und bissen sich an ihm fest. Die Formica rufa hat viele Glieder, vor allen kann man die Beute nicht schützen. Bald befand sich mein Schützling wieder auf dem Weg zum Ameisenbau.

Obwohl es überall von Ameisen nur so wimmelte, krochen sie nicht mehr an mir hoch. So weit entfernt vom Nest stellte ich keine Gefahr dar und wurde ignoriert. Die Attacke oben am Ende der steinernen Treppe erschien mir nun seltsam unwirklich. Vielleicht hatte ich mir die Aggression dieser Geschöpfe nur eingebildet? Vielleicht war alles nur Zufall gewesen?

Ich setzte mich auf einen Stein und beobachtete das Gewimmel auf dem Waldboden. Mir fielen die Ameisen ein, die letztes Jahr unter den Waschbetonplatten meiner Terrasse ein Nest gebaut hatten. Eines Tages waren sie in der Küche aufgetaucht. Eine lange Ameisenstraße führte von den Platten durch einen Ritz im Mauerwerk des Hauses unter den Dielen von Speise- und Wohnzimmer bis in die Küche. Dort war ein offenes Gefäß mit Zucker stehen geblieben, aus dem die Insekten unermüdlich Körnchen um Körnchen abschleppten. Wie hatten sie diese Zuckerdose gefunden? Wer hatte ihnen den Weg gewiesen? Ich hatte bis zu diesem Zeitpunkt in der Wohnung niemals eine Ameise gesehen. Es können deshalb auch keine Kundschafter gewesen sein, die die Futterquelle zufällig entdeckten. Mit menschlichen Begriffen war dieses Phänomen nicht zu erklären. Nicht einmal die ausgeklügelste, von Menschenhand gefertigte Maschine hätte auf diese Entfernung etwas orten können. Die Ameisen mussten einen Führer gehabt haben, wie hätten sie sonst den Zucker gefunden?

Ich dachte an meinen Apfelbaum, auf dem eine andere Ameisenkolonie Jahr für Jahr eine Blattlauskultur anlegte. Was hatte ich nicht alles versucht, um des Übels Herr zu werden. Schließlich hatte ich einen Leimring um den Stamm gestrichen, damit den Insekten der Aufstieg versperrt werde. Eine Zeitlang half dies auch. Aber ein paar Tage später krochen die Tiere wieder munter die Zweige entlang. Ich forschte nach und entdeckte, dass sich die Insekten einen neuen Weg gesucht hatten. Dieser führte über den Nachbarbaum, der ein paar Meter entfernt stand. Dort krochen sie den Stamm empor, benutzten einen Ast, der mit seiner Spitze gerade noch einen Zweig des Apfelbaums berührte, und eilten wieder zu ihrer Blattlauszucht. Die Reise des Menschen zum Mond war gegenüber dieser Navigationsleistung ein Kinderspiel.

Bei dieser Erinnerung sah ich das Gewimmel am Boden mit ganz anderen Augen. Eine Frage interessierte mich nun brennend: Wo war in diesem Durcheinander die Intelligenz zu suchen?

Ich hatte im Biologieunterricht aufgepasst und wusste, wie ein Ameisenhaufen aufgebaut ist. Da läßt sich kein Supergehirn entdecken. Auch die Königin ist nur eine Eierlegemaschine. Ich dachte an den vererbten Instinkt, den Begriff, den die Biologen immer gebrauchen, wenn sie etwas nicht erklären können. Aber nur mit Instinkt findet man keinen Weg durch das All zu den Planeten!


Die Sonne färbte sich langsam rot, und ich saß immer noch auf dem Stein. Mein Blick glitt von den Insekten auf das Wasser des Sees. Die Wellen kräuselten sich sanft. Eine große Ruhe breitete sich aus und erfasste auch mich. Meine Gedanken glitten fort, fort von diesem stillen Ort, fort von den Ameisen. Ich schlief ein, und als ich erwachte, war es bereits recht dunkel. Die kühle Abendluft machte mich frösteln, der Wald wirkte nun unheimlich und fremd. Ich hatte auch das Gefühl, nicht mehr allein zu sein. Es wurde Zeit zum Aufbruch. Ich hätte nicht einschlafen sollen. Besser wäre ich schon am späten Nachmittag, solange noch die Sonne schien, zu meinem Auto zurückgegangen. Es war mir unbehaglich zumute hier allein im düsteren Wald.

Ich erhob mich, streckte die kalten, steifen Glieder und klopfte, einer alten Gewohnheit folgend, den Staub und die trockenen Tannennadeln von meinen Kleidern. Vom See her zogen Nebelschwaden durch das Gebüsch. Ich pfiff ein wenig und hielt Ausschau nach dem schmalen Waldweg, der mich zurückführen sollte. In diesem Augenblick geschah etwas Seltsames.

Wie aus dem Nichts tauchte eine junge Frau vor mir auf. Sie musste sich unbemerkt hinter den Büschen, die links von mir standen, genähert haben. Ich war erschrocken und schaute die Fremde sprachlos an. Im Dunkeln waren das lange, braune Kleid und das schwarze Haar kaum zu erkennen. Die Frau durfte nicht viel älter als zwanzig Jahre gewesen sein. Was machte ein Mädchen in der Dunkelheit im Wald von Philippsbourgh.

Sie kam unbefangen auf mich zu, sprach aber kein Wort. Ohne Umstände streckte sie mir die Hand entgegen, und ich spürte einen festen, beinahe männlichen Händedruck. Seltsamerweise ließ sie meine Hand nicht mehr los, sondern hielt sie mit sanftem, aber unnachgiebigem Griff. Dann gab sie mir zu verstehen, ich solle ihr folgen und zog mich in Richtung Ameisenhaufen. Aber wir stiegen nicht die alte Steintreppe empor, sondern hielten uns links. Dort war, wie ich nun zu meiner Überraschung bemerkte, ein alter Keller in die Böschung gegraben. Ein brüchiges Brettertor verschloss den Eingang. Dieses zog das Mädchen auf und führte mich hinein in die Dunkelheit. Ich sträubte mich. Angst überflutete mich. Ich wollte weglaufen. Aber die fremde Hand ließ mir keine Wahl, und mit klopfendem Herzen stolperte ich tiefer in die Dunkelheit. An der Rückseite des Kellers war wiederum eine Tür, die von der Frau aufgestoßen wurde. Dann folgten wir einem langen, schmalen Gang tiefer ins Innere des Hügels.

 

Obgleich kein Licht mehr von außen hereindrang und es stockfinster sein musste, konnte ich meine Umgebung schemenhaft erkennen. Mein Wahrnehmungsvermögen wurde sogar von Schritt zu Schritt besser. Ich wunderte mich, hatte aber keine Zeit, länger darüber nachzudenken, denn nun passierten wir einen Seitengang, aus dem ein Zug Frauen herauskam. Die meisten waren gekleidet wie das Mädchen, das vor mir ging, und beachteten uns nicht. Einige von ihnen trugen Schalen auf dem Kopf, andere hatten Körbe in der Hand. Die Trägerinnen hatten kürzere Röcke. Wir gingen in dem schmalen Gang an den Frauen vorbei, und meine Führerin berührte jede kurz und flüchtig mit der Hand. Wir begegneten noch häufig Frauenkolonnen, die mit Körben und Krügen beladen waren. Doch niemals fiel ein Wort, das Mädchen strich lediglich mit der Hand über die Gewänder einer jeden. Auch zu mir hatte es bisher keine Silbe gesprochen. Inzwischen konnte ich hier unter der Erde genauso gut sehen wie draußen. Es schien mir sogar, als wären die Gänge hell erleuchtet.

Endlich erreichten wir eine große, runde Halle mit einer hohen Decke. In ihr liefen eine Unzahl brauner Gestalten durcheinander. Es waren Menschenschlangen, die sich miteinander und gegeneinander und ineinander nach einem nicht erkennbaren Plan bewegten. Als wir näher traten, erkannte ich, dass auch dies alles Frauen waren. Meine Führerin musste erkannt haben, dass ich Durst hatte und hungrig war von dem langen Marsch, denn sie hielt einfach eine der vorbeiziehenden Trägerinnen an. Diese blieb stehen, nahm ihren Krug von der Schulter und reichte ihn mir. Ohne lange zu überlegen, setzte ich ihn an die Lippen und trank. Der Geschmack ist schwer zu beschreiben, aber er war wunderbar, und das seltsame Getränk stillte gleichzeitig meinen Hunger.

Ich gab das irdene Gefäß zurück, und wir gingen weiter, verließen die Halle und betraten einen der sternförmig abzweigenden Gänge. Hier war viel Verkehr, und wir mussten ständig entgegenkommenden Kolonnen ausweichen. Endlich erreichten wir eine kleine Tür, die das Mädchen öffnete. Dahinter erstreckte sich ein großer Schlafsaal. Er war so niedrig, dass man ihn nur gebückt betreten konnte. Bett stand an Bett, und manche der Betten waren mit Schläfern belegt. Ich wurde zur zweiten Pritsche in der dritten Reihe geführt. Dort bedeutete man mir, ich möge mich niederlegen. Dieser Aufforderung kam ich gerne nach, denn ich war rechtschaffen müde und hatte schon lange aufgegeben, mich zu wundern. Kaum hatte ich mich auf dem harten Lager ausgestreckt, fielen mir auch schon die Augen zu, und ein traumloser Schlaf nahm mich auf.

 

Ich weiß nicht, wie viel Zeit vergangen war, als ich durch die zarte Berührung einer Hand wieder geweckt wurde. Abgeschnitten vom Sonnenlicht hatte ich jede Zeitorientierung verloren. Zudem musste mir irgendwie meine Uhr abhanden gekommen sein. Das Mädchen, das mich in diese Unterwelt gebracht hatte, stand wieder vor mir. Sie gab mir Zeichen aufzustehen. Hinter ihr standen zwei Frauen in kurzen Kleidern, deren Stoff rötlich zu schimmern schien, und auch ihre Haare hatten einen roten Ton. Sie trugen Schüssel und Kanne und begannen mich ohne Umstände zu waschen. Ich wehrte mich, wollte die Körperpflege selbst übernehmen, aber ein sanfter Druck auf meinem Arm überzeugte mich, und ich ließ mir die Dienste gefallen.

Dann erhielt ich wiederum einen Schluck aus einem irdenen Gefäß. Hunger und Durst waren danach wie verflogen. Neugierde und Tatendurst erwachten in mir, und ich folgte den Frauen ohne Zögern. Wir traten in das Netz der Gänge und liefen eine Weile. Es schienen nun noch mehr Leute unterwegs zu sein als bei meiner Ankunft. Alle waren Frauen - ich konnte keine Männer entdecken.

Schließlich kamen wir in einen Gang, der sich von den anderen unterschied. Er war prächtiger geschmückt, die Wände geglättet und mit einer Art Glasur überzogen. Am Ende befand sich eine Tür mit silbernen Beschlägen. Wir traten ein. Die Dienerinnen warteten am Eingang, dann blieb auch meine Führerin zurück, während ich nach vorne schritt. Auf samtenen Polstern in goldener Farbe saßen neun Frauen und sahen mich erwartungsvoll an. Ich konnte ihr Alter schlecht einschätzen, war aber beeindruckt von den prachtvollen Kleidern. Die Frauen strahlten so viel Würde aus, waren so Ehrfurcht gebietend, dass ich ohne lange zu überlegen auf die Knie sank. Man gab mir Zeichen aufzustehen und winkte mich näher. Ich tat mit klopfendem Herzen ein paar Schritte vorwärts. Da stand eine der Frauen auf, trat auf mich zu und legte ihre Hand auf meinen Kopf.

»Hab keine Angst«, sagte sie zu mir. »Du bist deinem Ziel recht nahe, denn du bist nun bei uns - und bist damit bei dir!«
Ich verstand kein Wort und fragte mit heiserer Stimme: »Wer seid ihr? Wo bin ich? Bitte, klärt mich auf, sagt mir, was ich tun soll.«
Die Antwort war ein seltsames Lächeln. Das Gesicht der Frau blieb dennoch undurchdringlich. Keine Gefühlsregung war auf ihm zu lesen. Schließlich sagte eine andere der Neun: »Du bist hier, um zu dienen. Aber dein Dienen wird ein ganz anderes sein. Sträube dich nicht. Es wird sich alles fügen. Merke dir: Du bist nur durch Unsl«
Die Dritte mischte sich ein: »Bedenke stets, wir brauchen dich nicht, aber du brauchst uns.«

Dies waren keine ermunternden Worte. Sie klangen mehr wie eine Drohung. Ich verstand sie nicht, ich begriff überhaupt nichts. Ich ärgerte mich über meinen Kniefall und nahm mir vor, mich nicht unterkriegen zu lassen. Einfach würde ich es diesen Frauen nicht machen. Was wollten sie überhaupt von mir, wo war ich, und warum war ich hier?

Man sprach nicht weiter mit mir, sondern alle wandten sich ab, und meine Führerin zog mich fort. Die Audienz war beendet!

 

Wer sind diese Frauen?« fragte ich draußen vor der Tür. Und bekam zur Antwort: »Das sind die Neunl«
»Sind sie die Führerinnen dieses Volkes?«
»Sicher führen sie. Aber sie werden wiederum von anderen geleitet und diese wiederum von anderen. Denn auch die, welche führen, werden geführt.«

Mit diesen seltsamen und unverständlichen Worten wollte ich mich nicht zufrieden geben. Die Fragen sprudelten mir nur so über die Lippen: »Wer ist das Oberhaupt? Gibt es eine Königin oder einen König? Wer sind die Mächtigen? Kann ich mit ihnen sprechen?«
»Wir alle sind mächtig. Du hast bereits mit Mächtigen gesprochen«

 

Die Gänge nahmen an Zahl nun zu, und der Menschenstrom, dem wir begegneten, wuchs noch weiter an. Das Fortkommen wurde immer schwieriger, und wir blieben oft im Gedränge stecken. Niemand schien zu ruhen und zu rasten, alle waren in Eile. Doch langsam gewöhnte ich mich ein. Ich konnte nun sogar schon die Dienerinnen von den Herrinnen unterscheiden. In der Regel trugen nur die Dienerinnen Lasten, während die Herrinnen die Begleitung stellten.

Irgendwann öffnete sich vor uns eine weite Halle. Sie glich der, die ich in der Nähe des Eingangs gesehen hatte. Doch während dort Erwachsene durcheinander liefen, sah ich hier viele Kinder; sie spielten, schrieen und tobten. Ein Höllenlärm drang aus dem Gewölbe. Frauen eilten geschäftig zwischen den Kindern umher. Die Säuglinge wurden gewickelt, die Größeren saßen auf ihren Töpfchen. Überall standen Tonkrüge, aus denen bereitwillig die Kleinen getränkt wurden.

Wir betraten diese Kinderstube nicht, sondern zogen durch einen der angrenzenden Gänge weiter. Zu diesem Zeitpunkt fiel mir auf, dass wir bisher keine Männer getroffen hatten. Stets waren uns nur Frauen begegnet oder zumindest Gestalten, die ich für Frauen hielt. Wo waren in dieser seltsamen Kolonie die Männer? War ich etwa in einen geheimen Amazonenstaat geraten? Der Gedanke faszinierte mich.

Der Gang, dem wir gefolgt waren, endete plötzlich und mündete in ein großes Tor. Zwei Frauen in langen Kleidern saßen links und rechts davon auf Stühlen. Ohne sie zu beachten, öffnete meine Führerin einen der beiden Torflügel und bat mich einzutreten. Wieder lag vor mir eine große Halle. Sie war rechteckig mit einer hohen Decke, und entlang der Wände standen Betten. Der Saal war voller Menschen, und endlich traf ich die, die ich vermisst hatte: die Männer.

Sie saßen, standen, liefen in Gruppen im Kreis. Sie lachten und schwatzten, einige hatten Spielbretter zwischen sich aufgebaut und gaben sich Gesellschaftsspielen hin. Wieder andere aßen und tranken. Es war ein reges Leben in dieser Gesellschaft.

Ich wurde zu einem der Betten geführt. Man bedeutete mir, dass dies nun mein Lager sei, und dann verließ mich die hübsche Frau ohne ein weiteres Wort. Da saß ich nun auf einem schmalen, harten Bett und fragte mich, was ich hier sollte.

 

Ich weiß nicht, wie viele Tage und Nächte ich im Männersaal verbracht habe. Die Zeit schlich eintönig an mir vorüber. Ich versuchte, mich mit den Männern meiner näheren Umgebung anzufreunden. Sie waren nett, aber richtig warm wurden wir nicht miteinander. Sie hatten keine Namen. Zwar erfuhr ich von ihnen das eine und andere von den Gebräuchen und Lebensabläufen im Staat. Sie wussten jedoch nicht viel oder wollten mir nicht mehr erzählen. Keiner fragte, wer ich sei und woher ich käme. Sie wunderten sich wahrscheinlich nicht einmal über mein Erscheinen. Ich war einfach da, und das war für sie genug. Langsam gewöhnte ich mich an das harte Bett und daran, dass man kein Fenster aufmachen konnte. Aber die Luft dort unter der Erde war nicht schlecht, es musste ein ausgeklügeltes Belüftungssystem geben. Dennoch vermisste ich die Sonne und die Pflanzen. Mein Sehnen galt der Oberwelt. Doch wie sollte ich dahin kommen - wusste ich doch nicht einmal, ob ich ein Gefangener war oder nicht. Vor dem Tor standen Wachen, und ich überlegte viele Tage, ob sie mich wohl aufhalten würden, wenn ich die Halle verlassen wollte. Ich hatte Angst davor, es auszuprobieren. Den Gedanken, tatsächlich unter der Erde gefangen zu sein, hätte ich nicht ertragen.

Irgendwann, es mussten Wochen vergangen sein, kam plötzlich Unruhe auf. Die Männer rannten durcheinander. Die Spielbretter wurden weggeschafft und statt dessen die Kleider gepflegt und ausgebessert. Immer häufiger kamen Frauen in unsere Halle, sahen sich um, lächelten und gingen wieder. Bald wurden die Tore nicht mehr geschlossen, sondern blieben halb offen, und ich glaube nicht, dass zu diesem Zeitpunkt noch Wachen davor standen. Eine seltsame Heiterkeit breitete sich aus. Bottiche mit Wasser wurden von den Dienerinnen hereingebracht, und wir badeten alle der Reihe nach.

Ich versuchte durch Fragen herauszubekommen, was geschehen war oder was uns bevorstand. Aber Männer wie Frauen waren über meine Fragen so erstaunt, dass sie mich behandelten, als ob ich nicht zurechnungsfähig wäre. Ich musste etwas so Selbstverständliches gefragt haben, dass ich allen recht töricht erschien - so behandelt man vorlaute Kinder, die ihren Eltern mit dummen Fragen auf die Nerven gehen.

Ich war verletzt und in meiner Eitelkeit gekränkt. Deshalb warf ich alle Furcht über Bord und machte mich auf, den Saal zu verlassen. Ohne weiter nachzudenken ging ich auf die Tür zu, durchschritt die Flügel, beachtete die Wachen nicht und folgte dem Gang in das große Labyrinth.

In den Gängen herrschte reges Treiben. Alle schienen sich noch mehr zu beeilen. Niemand beachtete mich in dem Durcheinander. Ich versuchte mir den Weg, den wir bei meiner Ankunft genommen hatten, in Erinnerung zu rufen. Die Sehnsucht nach Sonne, Pflanzen und Tiere überwältigte mich plötzlich. Ich begann zu laufen, stieß die mir entgegenkommenden Frauen beiseite, überholte Kolonnen von Trägerinnen. Ich war schon ganz außer Atem, als ich endlich keuchend stehen blieb und mir eingestehen musste, dass ich mich verirrt hatte.

Da legte sich eine Hand zart auf meine Schulter, und eine weiche Stimme rief mich bei meinem Namen. Ich wandte mich um. Vor mir stand eine schwarzhaarige Frau. Ich meinte sie zu kennen und fragte sie, ob sie meine Führerin gewesen wäre. Sie nickte, und ich freute mich über das Wiedersehen. Doch dann wurde ich wie so oft hier im Schoß der Erde verwirrt, als sie sagte, alle wären meine Führer.

Ich wollte wissen, was in diesem Staat vor sich gehe, weshalb die Aufregung herrsche. Sie antwortete, es sei die Zeit der Unruhe. Etwas Wunderschönes stehe bevor, das Wunder des Lebens.

Dann nahm sie mich an der Hand, so wie ich es schon gewohnt war, und ging mit mir durch eine niedrige Öffnung in der Wand Dahinter lag kein Raum, sondern eine Höhle. Die Wände leuchteten grün, Felszacken standen in den Raum und ragten von der Decke. Die Einrichtung bestand aus grob gehauenen Felsbrocken. Sieben Liegestätten waren in Stein geschlagen und mit Wolldecken bedeckt.

In der Mitte der Höhle stand ein steinerner Tisch. Auf seiner polierten Fläche waren seltsame Linien eingezeichnet. Das Muster stellte ein Spiel dar. Als Spielsteine wurden Diamanten, Saphire und Rubine verwendet.

Als wir eintraten, saßen sieben Frauen um den Tisch und schoben mit großer Konzentration die Steine hin und her. Sie ließen sich von uns nicht stören. Da stand ich nun, unschlüssig, wie ich mich verhalten sollte, unsicher und verlegen. Ich sah den Frauen zu, die sich so intensiv um ein nutzloses Spiel kümmerten, und langweilte mich. Sie waren von unterschiedlichem Alter und trugen schwarze lange Kleider. Ich versuchte zu erkennen, ob sie attraktiv waren, ob sie mich als Frauen wohl reizen würden. Doch ihre langen Kleider verbargen ihre Gestalten, auch war eine Stimmung in diesem Raum, die solche Gedanken verbot. Es lag Feierlichkeit in der Luft, und ich wurde von ihr ergriffen.

Irgendwann blickte mich die Jüngste am Tisch an, stand auf, trat auf mich zu und legte mir die Hand auf die Schulter. Ich sah ihr Gesicht und die großen braunen Augen. Diese Frau war wunderschön.
»Wie geht es dir, mein Sohn?« hörte ich sie fragen. Ich sah sie an, und die Güte ihrer Augen und die Wärme ihrer Stimme rührten mich. Sie war so jung und liebreizend, und doch schien sie mir gleichzeitig alt. Mir fiel als Antwort deshalb nur eine Frage ein: »Wer bist du?«
»Ich bin deine Mutter.«
»Aber wo bin ich?«
»Bei den Menschen.«
»Und ich bin dein Sohn?« fragte ich ungläubig.
»Du bist der Sohn der Menschen.«
»Was weißt du von mir?«
»Wir wissen alles!«

Nun winkte mir eine Frau, die hinter dem steinernen Tisch saß. Ich ging zu ihr und beugte das Knie. Sie streichelte meinen Kopf und sagte leise: »Mein Sohn, auf dich wartet eine große Freude. Du wirst unser aller Zukunft mitgestalten.
«Nun war ich noch verwirrter und flüsterte: »Wer bist du?«
Und ich erhielt die Antwort: »ich bin deine Mutter.
«Ich wollte noch mehr wissen, wollte fragen, aber ich wurde an den Schultern hochgezogen. Meine Führerin sagte: »Komm!«

Auf dem Gang erkundigte ich mich, wer die Alten seien, und hörte: »Die sieben mächtigen Frauen.«
»Wird das Volk von ihnen regiert?«
»Nein!«
»Wem gehorcht ihr dann? Wer ist euer Führer?«

»Wir unterstehen etwas Mächtigem, das viel größer ist als diese Frauen. Aber sie sind ein Teil der Macht, und wir ehren sie.«

Ich hing meinen Gedanken nach, bis wir in einer neuen, sehr lichten und bunten Halle anlangten, in deren Mitte in einem großen Becken ein Springbrunnen plätscherte. Alles war farbig. Dies war ein Platz, an dem man froh wurde. Dort traf ich die Prinzessinnen.

Es war eine muntere Schar junger Mädchen. Keine war älter als fünfundzwanzig Jahre. Sie waren in bunte Kleider gehüllt, waren fröhlich und aufgeregt. Ich hörte sie singen und plaudern; andere tanzten, wieder andere schmückten sich gegenseitig. Es waren ein Wirbeln und Treiben in diesem Raum, ein Zwitschern und Trillern, ein Flattern und Hüpfen. Dies alles faszinierte mich so sehr, dass ich gar nicht bemerkte, wie meine Führerin verschwand. Als ich mich umsah, war ich allein.

Dann gingen auf einmal viele Türen an den Seiten des Raumes auf, und herein strömten die Männer. Viele von ihnen kannte ich aus unserem gemeinsamen Aufenthaltsraum, aber es waren auch fremde Gesichter darunter. Ich schloss daraus, dass es noch mehr Räume für Männer hier unter der Erde geben musste.

Die Ankömmlinge liefen ohne Zögern zu den Mädchen und wurden mit Lachen und Kichern empfangen. Man nahm sich an der Hand und tanzte im Kreis. Die überschäumende Freude riss uns alle mit. Plötzlich balancierte einer der Männer auf dem Rand des Wasserbeckens. Er war übermütig und unvorsichtig und, bevor ich mich versah, lag er im Wasser. Er schien nicht schwimmen zu können, denn er strampelte und tauchte sofort unter. Dann und wann kam er wieder an die Oberfläche und platschte mit seinen Händen auf das Wasser. Dies war sicher kein Spaß, doch niemand kam ihm zu Hilfe. Zwar hatten alle ihr Spiel unterbrochen, standen stumm um das Becken und sahen ihm zu. Aber keine Hand rührte sich, und keine Stimme rief um Hilfe.

Ich sah die Not des Verunglückten. Ohne weiter zu überlegen, rannte ich zum Wasser, streifte meine schwarze Kutte ab und sprang hinein. Kurz darauf war ich bei dem Mann, der heftig um sich schlug, ergriff ihn am Oberarm und zog ihn zum steinernen Rand. Erschöpft und heftig atmend lagen wir auf dem Trockenen. Ich sah mich stolz um, denn ich dachte, man würde mich als Lebensretter feiern. Aber niemand beachtete mich. Alle hatten sich wieder ihrem früheren Treiben zugewandt. Sie schmückten sich weiter, tanzten wieder und scherzten.

Der Mann, den ich gerettet hatte, sah mich seltsam an. Er schien unschlüssig, wie er reagieren sollte. Schließlich wandte auch er sich wortlos ab und ging zu einer der fröhlichen Gruppen. Dort reihte er sich ein, als wäre nichts geschehen.

Ich war ratlos, fragte mich, ob ich etwas Unrechtes begangen hätte. All mein Stolz über meine mutige Tat war verschwunden. Gekränkt zog ich mich in eine Ecke zurück und setzte mich unter eine Statue auf den Boden. Von dort sah ich den anderen zu, fühlte mich einsam und überflüssig. Wie lange ich so gesessen hatte, weiß ich nicht mehr. Plötzlich jedoch stand sie vor mir. Sie war jung und hübsch und trug ein helles, blaues Kleid. Es war aus so feinem Gewebe, dass man ihre ganze Gestalt hindurch sehen konnte, so als trüge sie nichts als einen dünnen, durchsichtigen Schleier. Sie sagte kein Wort, sondern stand nur da und sah mich an.

Erregung überflutete mich bei diesem Anblick. Ich wollte sie in den Arm nehmen, aber ich brachte kein Wort über meine Lippen. Ich brauchte auch nichts zu sagen, denn sie kam auf mich zu und streckte mir ihre Hand entgegen. Ich fasste sie und zog mich an ihr empor. Dann hakten wir wie selbstverständlich unsere Arme unter und wanderten langsam durch den großen Raum. Ich spürte den zarten Körper neben mir, und als ich mich ihm näherte, mich fest an ihn drängte, wich er nicht zurück. Alles um mich herum vergaß ich, nur noch sie war für mich Realität, nur noch an sie dachte ich, nur noch für sie lebte ich. Ich war so versunken, dass ich nicht einmal den großen Aufbruch bemerkte.

Auf einmal wurden wir von einem Menschenstrom mitgerissen. Riesige Tore hatten sich geöffnet, und wir verließen alle in breiten Reihen die Halle, eilten traumwandlerisch durch hohe Gänge, die ohne Abzweigungen und ohne Krümmungen nach draußen führten. Ein ungeheurer Menschenknäuel wälzte sich voran und hatte nur ein einziges Ziel. Doch obwohl in diesem Strom die einzelnen Tropfen nicht zu unterscheiden waren, verlor ich meine neue Freundin nicht. Sie blieb ganz nah bei mir, ich spürte sie bei jedem Schritt. Am liebsten wäre ich stehen geblieben, hätte sie in meine Arme genommen und geküsst. Aber dies war nicht möglich. Wir waren keine Felsen, die sich dem Strom hätten entgegenstellen können. Der Strom aber kannte kein Pardon, hatte kein Verständnis für die Wünsche zweier Wesen.

Dann schloss ich, von einem jähen Schmerz durchzuckt, die Augen. Wie spitze Nadeln fuhr es mir ins Gehirn: das Licht. Es war plötzlich so hell, dass ich nichts mehr um mich herum erkennen konnte. Und doch eilten wir ohne Halt weiter. In meiner Verzweiflung drückte ich meine rechte Hand auf die Augen. Mein Kopf drohte zu bersten. Irgendwann ließ der Schmerz nach, und ich wagte, zwischen den Fingern hindurch zu blinzeln. Ich sah eine große Wiese, die von riesigen Bäumen gesäumt war, Bäumen, wie ich sie noch nie gesehen hatte. Überall blühten fremdartige Blumen, und über die Blumen tanzten und hüpften Mädchen und Frauen, Männer und Knaben. Ihre bunten Kleider leuchteten in der Sonne, und die Strahlen des Lichtes durchdrangen das dünne Gewebe, das sie verhüllte und offenbarten ihre schönen Körper. Vogelstimmen waren in der Luft, die Sonnenwärme ließ die Glieder weich und geschmeidig werden.

Dann war unter all diesen Wesen nur noch ein Gedanke, ein Wollen und ein Tun. Alle streiften ihre Kleider ab, Paare sanken ins Gras. Dort bemühten sich mehrere Männer um eine Frau und dort mehrere Frauen um einen Mann. Die Lust war auf dieser Wiese nicht nur zu sehen, sondern auch zu spüren. Alles ging stumm vor sich, und doch war die Ekstase greifbar.

Neidvoll sah ich dem Treiben zu und fühlte mich sehr einsam. Ich wollte auch teilhaben, in diesem Rausch auf gehen. Tränen standen mir in den Augen. Dann plötzlich umschlang mich ein Körper, verschmolz mit mir. Sie war da, und sie wollte das Gleiche wie ich. Ihre Sehnsucht verband sich mit der meinen. Ich schlang meine Arme um sie, unsere Gewänder fielen von uns ab, und wir sanken ins Gras. Wir waren zwei unter vielen, und wir waren eins mit uns und eins mit ihnen, und wir fühlten wie alle, und wir handelten wie alle. Es gab kein Trennendes mehr, wir waren ein einziger Körper. Das, was alle ihr Leben lang suchen, das hatten wir gefunden. Es war der höchste Augenblick. Nichts Erstrebenswertes konnte es danach mehr geben. Ich war am Ziel meiner Wünsche - oder war es sogar das Ziel meines Lebens? - angelangt. Sie war die
wundervollste Geliebte, und in ihr liebte ich alle.

Dann lagen wir auf dem Rücken und sahen gemeinsam in den hohen Himmel, und das Licht schmerzte nicht mehr. War es Erschöpfung, war es Glück, war es Zufriedenheit? Auch das Denken hatte ich aufgegeben.

In einem langen, müden Zug waren wir in das Dunkel und die Tiefe der Erde zurückgekehrt. Männer und Frauen trennten sich und lebten wieder in ihren Räumen. ich war bei den Männern und hatte meine Geliebte verloren. Doch um mich herum waren nicht mehr die gleichen kräftigen Gestalten wie früher. Die Männer schienen mir plötzlich gealtert und waren krank. Sie siechten dahin. Schließlich starb einer nach dem anderen und wurden des nachts von den Dienerinnen still abtransportiert. Alle Freude war erstorben, es gab kein Lachen und nicht einmal mehr Unterhaltung. Kein Mann spielte mit einem anderen, jeder lebte nur noch für sich. Alle warteten auf den Tod, und dieses Warten warf sie auf sich selbst zurück. Sie waren im Leiden gleich, und diese Gleichheit trennte sie. Es gab für sie keine Hilfe, weder von den anderen Leidenden noch von den Frauen. Zwar wurden wir noch mit Nahrung versorgt, aber keine helfende Hand rührte sich, und kein mitleidendes Wort wurde gesprochen. Es war trostlos in der Männerhalle.

Ich hatte Angst. Zwar fühlte ich mich jung und gesund, aber dennoch fürchtete ich, das gleiche Schicksal zu erleiden wie meine Geschlechtsgenossen. Dieser Wohnraum war bereits ein Leichensaal. Ich wusste, ich musste hier heraus, sonst würde ich sterben. Auch hatte ich Sehnsucht nach meiner schönen Geliebten. Deshalb schlich ich um die große Eingangspforte herum und kundschaftete Fluchtmöglichkeiten aus.

Die Wache war verstärkt worden. Vier Frauen hielten sich nun ununterbrochen am Tor auf und machten nicht den Eindruck, als ob man mit ihnen hätte verhandeln können. Tagelang schmiedete ich Ausbruchspläne, überlegte, wie ich sie überrumpeln könnte. Ich als Mann würde doch mit Frauen fertig werden! Aber mein Mut verließ mich rasch, wenn ich diese kräftigen Frauen dann wieder aus der Nähe sah.

Vielleicht hätte ich doch noch eine Aktion gewagt, vielleicht auch nicht. Zum Glück musste ich keine Entscheidung treffen. Als nämlich meine Verzweiflung auf dem Höhepunkt angelangt war, wurde ich abgeholt.

Diesmal war es keine einzelne Führerin, die mich durch die Gänge geleitete, sondern fünf Frauen, die mich sogleich in ihre Mitte nahmen. Gesprochen wurde kein Wort in all den Stunden, die wir im Untergrund wanderten. Hier unten ging in der Regel alles schweigend vor sich. Wir liefen durch breite und schmale, hohe und niedere Gänge. Manchmal war der Weg gemauert, manchmal wateten wir durch Wasserpfützen. Wir kamen an gekachelten Wänden vorüber, stiegen über bemooste Steine und sahen Grotten, in denen Edelsteine in der Decke glänzten.

Ich fragte die Begleiterinnen, wohin sie mich brächten, und erhielt die Antwort: »Zu den großen Frauen.«
Damit musste ich mich zufrieden geben. Meine Füße taten inzwischen weh, und ich war todmüde. Ich hatte die Nase gründlich voll von diesem verdammten Fuchsbau, hatte eine beinahe unbezähmbare Sehnsucht nach der Sonne, und im übrigen wollte ich meine bezaubernde Geliebte wieder sehen. Allein der Gedanke an sie machte mich schwindeln.

Irgendwann konnte ich nicht mehr, und ich wollte auch nicht mehr. Ich setzte mich auf den staubigen Boden, verschränkte die Arme und weigerte mich aufzustehen. Die fünf Frauen fassten mich nicht an und machten auch keine Anstalten, mich zum Weitergehen zu bewegen. Sie blieben einfach vor mir stehen und sahen mich an. Keine Miene bewegte sich in ihren Gesichtern.

Ich hatte sicher nicht lange gesessen, als eine der Frauen an die Wand neben mich trat und dort eine Tür öffnete, die ich bisher nicht bemerkt hatte. Sie wies mir mit einer Handbewegung den Weg. Die anderen Begleiterinnen wichen zurück und machten mir Platz. Ächzend erhob ich mich, versuchte mich lässig, ja gelangweilt zu geben und trat ein.

Es war ein kleiner Raum, dessen Wände mit einer geblümten Tapete beklebt waren. Ein hölzerner Tisch mit einer Wachstuchdecke stand in der Mitte, um ihn herum Stühle. An der einen Wand sah ich ein altes Küchenbüffee und gegenüber einen verrosteten Herd. Über einer schäbigen Couch hing als Wandbehang ein gewebtes Bild mit röhrenden Hirschen. Auf dem Sofa saßen drei uralte Frauen und sahen mich erwartungsvoll an.

Eigentlich wollte ich mich bei den Verantwortlichen dieses Volkes beschweren, wollte auf alle Ungerechtigkeiten hinweisen, die mir hier unter der Erde widerfahren waren. Doch nun hatte man mich zu irgendwelchen Großmüttern gebracht. Was sollte ich hier, und was wollten diese Alten von mir? Dies sollten die großen Frauen sein, wie man mir gesagt hatte? Man wollte sich über mich lustig machen Hatte man dieses Panoptikum vielleicht extra aufgebaut, um sich an mir zu ergötzen? Ich traute diesen Leuten hier inzwischen alles zu.

Warum sagten die Weiber nichts? Sie sahen mich nur an, und da war kein freundliches Lächeln, das mir Mut gemacht hätte. Meine Begleiterinnen waren ehrfurchtsvoll vor der Tür stehen geblieben und schlossen sie nun leise hinter mir. Da stand ich nun, wie ein dummer Junge, der nicht bis drei zählen kann. Vielleicht wartete ich fünf oder zehn Minuten, vielleicht waren es aber auch Stunden oder sogar Tage - mir erschien es wie eine Ewigkeit. Es war die längste Zeit meines Lebens.

Endlich sprach eine der grauhaarigen Frauen. Das Alter hatte ihre große Gestalt gebeugt, aber ihre Würde nicht angetastet. »Du hast Fragen? So sprich!«
Ich versuchte, meiner Stimme einen festen Klang zu geben: »Man sagte mir, ihr seid die Mächtigsten.«
»Dies ist ein Irrtum! Es gibt noch viel, viel Mächtigere, wir sind nur Dienerinnen. Du bist übrigens auch mächtig.«
Ohne Umschweife kam ich dann zum Wesentlichsten, was mich bewegte: »Wo ist meine Geliebte? Ich möchte sie wieder sehen. Ich möchte mit ihr zusammen sein.«
Die Frauen sahen sich verwundert an.
»Deine Geliebte? Aber du hast sie doch ständig wieder getroffen. Sie ist überall.«

Ich war verwirrt und konnte nicht weiter sprechen und hörte: »Du bist keiner von uns, obgleich du von uns bist. Aber du hast uns geholfen, du hast dein Opfer gebracht. In uns wirst du weiterleben, und wir werden von dir sein. Doch wir mussten bemerken, dass dir das Glück des Vergehens noch nicht beschieden ist. Deshalb sollst du uns verlassen. Zum Abschied wollen wir dir deinen größten Wunsch erfüllen.«

Heute hätte ich mir sicher Gesundheit oder Reichtum oder etwas ähnlich Nützliches gewünscht. Damals aber, in dieser seltsamen Situation, überlegte ich nicht lange, sondern sagte ganz spontan: »Offenbart mir euer Geheimnis!«
»Wir haben kein Geheimnis. Aber wenn du mehr von uns kennen lernen willst, nachdem du dich mit uns verbunden hast, so komme mit!«

Die drei Frauen standen auf und nahmen mich in ihre Mitte. Nun nachdem sie standen, wurden ihr Alter und ihre Gebrechlichkeit noch deutlicher. Sie konnten nur noch mühsam und mit Hilfe eines Stocks humpeln. Unsere seltsame Prozession zog langsam durch das Zimmer zur Rückseite des Raumes. Dort erschien auf wunderbare Weise eine Tapetentür, die eine der Alten öffnete. Wir schritten hindurch und gelangten in einen großen, runden Schacht, der aus roten Backsteinen gemauert war. Eine Wendeltreppe füllte ihn völlig aus. Ihre Stufen waren staubig und ausgetreten.

Ohne zu zögern und ohne zu fragen, betrat ich die Treppe und stieg nach unten. Die Frauen folgten mir langsam. Während wir hinunter stiegen, hörte ich sie ächzen und stöhnen. Endlich wurde die Treppe durch einen kleinen Vorsprung unterbrochen. Wir blieben stehen, und während meine Begleiterinnen noch nach Atem rangen, sah ich in der grauen Wand eine Tür. Ich fragte neugierig: »Was ist hinter dieser Tür?«
»Eine Weit, wie du sie schon kennst: Gänge, Hallen und Zimmer. Willst du sie sehen?«

Ich schüttelte stumm den Kopf, und wir stiegen weiter. Bald kamen der nächste Vorsprung und die nächste Tür. Ich stellte wieder die gleiche Frage und erhielt die gleiche Antwort. So drangen wir Etage um Etage tiefer in die Erde ein und ließen Welt um Weit über uns zurück. Die drei Frauen wurden immer schwächer, und das Steigen fiel ihnen immer schwerer, aber sie ließen keine laute Klage hören. Nach vielen Stufen und vielen Etagen endete endlich die Treppe. Wir standen auf einem Boden aus gestampftem Lehm. Auch die Wände waren aus nackter Erde, und die Alten lehnten sich dagegen. Selbst meine Knie zitterten nun von der Anstrengung des Hinuntersteigens. Wie mussten sie sich erst fühlen!

»Ist hier das Ende?« fragte ich, nachdem wir uns alle wieder etwas erholt hatten. Sie schüttelten den Kopf und zeigten nach rechts in den dunklen Gang.
»Dort ist die nächste Treppe, und darunter ist wieder eine und noch eine. Wir kennen keine, die auf dem letzten Grund gewesen wäre. Vielleicht gibt es überhaupt niemanden, der jemals das Ende aller Treppen gesehen hat.«
»Und was ist mit mir? Soll ich ganz nach unten steigen?«
»Dazu bist du, zumindest jetzt, nicht reif genug. Du bist an deinem Ziel angelangt und sollst hier unten die Befreiung finden, die dir die Natur oben verwehrt hat.«

Sie leiteten mich nach links. Wir drangen tiefer und tiefer in den Gang ein, und es wurde dunkler und dunkler. Schließlich mussten wir uns an den Wänden entlang tasten. Zuletzt machte der Gang eine Biegung. Dahinter weitete er sich zu einer Höhle, in deren Mitte ein riesiges Feuer brannte.

Dorthin führten mich die drei Frauen. Als wir stehen blieben, umarmte mich eine jede und küßte mich auf den Mund. Ich spürte ihre rauen Zungen und ihre runzlige Haut. Ich schmeckte und roch die alten Frauen, und während sie sich an mich drängten und mit ihren knochigen Händen jeden Teil meines Körpers liebkosten, hatte ich Sehnsucht nach meiner jungen Geliebten.

Ich konnte nicht anderes, ich musste noch einmal nach ihr fragen, und erhielt als Antwort: »Wir sind deine Geliebte! Wir haben uns mit dir verbunden, wir haben dich geliebt, und wir nehmen jetzt Abschied.«

Dann wiesen sie auf das Feuer und forderten mich auf, mich den Flammen zu übergeben. Angst überflutete mich. Ich wusste, sie meinten es ernst. Ich fiel auf die Knie.

»Das könnt ihr nicht verlangen«, rief ich. »Ich will nicht sterben! Ich bin noch so jung, ich habe noch so viele Pläne. Was habe ich euch getan, warum wollt ihr mein Verderben? Lasst mich hinaus! Ich will ans Tageslicht. Ich habe genug von den dunklen Welten!«
»Weil wir dich lieben, wollen wir dir helfen«, sagten sie und streichelten und trösteten mich.
»Hab keine Angst! Deine Wünsche sollen sich erfüllen, es wird nicht schmerzen.«

Dann hoben sie mich auf. Ich schlug und trat um mich, ich biss und schrie. Aber die drei alten, gebrechlichen Frauen waren so stark, dass mein Wehren sinnlos war. Sie trugen mich zum Feuer, streichelten mich noch einmal und warfen mich sanft in die Flammen. Plötzlich war ich von Wärme und Licht umgeben, mein Bewusstsein weitete sich, ich erinnerte mich an mein ganzes Leben und sah meine Irrtümer und mein nutzloses Streben. Endlich, bevor ich das Bewusstsein verlor, hatte ich begriffen.


Als ich erwachte, waren meine Glieder taub und kalt, die Kleider klamm vom Nebel. Die ersten Strahlen der Sonne kämpften sich durch Blätter und Dunst. Ich hörte Vögel singen. Es war früher Morgen. Alles war unwirklich. Was tat ich hier? Wie war ich hierher gekommen? Warum war ich nicht unter der Erde oder zu Hause in meinem Bett? Hatte ich etwa hier im Wald geschlafen?

Ich stand auf und streckte meine schmerzenden Glieder. Dann schlug ich mir die Arme um die Schultern, um etwas warm zu werden. Aber mein Geist war noch tief im Boden. Stolpernd erreichte ich den schmalen Waldweg, gelangte zur kleinen Kapelle, betrat den kalten Raum mit dem Steinfußboden und fiel dort auf die Knie. Ich betete nicht. Auch meine Gedanken ordnete ich nicht. Ich dachte auch nicht nach. Ich lag einfach so da und versuchte, zu mir zu kommen.

Schließlich erhob ich mich und ging nach draußen. Die Sonne hatte an Kraft gewonnen. Es würde ein schöner Tag werden! Auf meinem Weg zum Auto musste ich an der Formica rufa vorbei. Die kleinen Tiere waren schon eifrig an der Arbeit. Ob sie überhaupt geschlafen hatten? Ängstlich achtete ich darauf, auf keine einzige Ameise zu treten. Aber meine Vorsicht war unnötig, denn als ich kam, schienen alle Tiere in ihrem Tagewerk innezuhalten. Sie blieben stehen, und die Ameisen, die auf meinem Weg waren, wichen vor mir zur Seite. Ja, wirklich, sie machten mir Platz!


Oft bin ich an den Hanauer See zurückgekehrt und habe meinen Ameisenhaufen aufgesucht. Wie oft dachte ich, wenn ich mich ans Ufer des Sees setze, im Gebüsch das Rascheln von leichten Mädchenfüßen zu hören. Doch jedes Mal, wenn mein Herz vor Freude schlug, war es ein Tier oder eine Sinnestäuschung gewesen. Ich wusste, sie waren da, sie waren um mich, aber ich konnte nicht zu ihnen. Dabei habe ich so unbändige Sehnsucht nach den Frauen ...

 

Horst Neisser

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